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| Jubiläum

"Der Zukunft wegen draußen vor der Tür"

Am 27. Mai 1968 nahm die Kreissparkasse Tübingen den ersten deutschen Geldautomaten in Betrieb. Es vergingen noch mehr als zehn Jahre, bis das Gerät massentauglich wurde. Der Siegeszug der Technik erscheint in der Rückschau unaufhaltsam, aber ambivalent.

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Solch ein Gerät hatten selbst die automatenbegeisterten Schwaben noch nicht gesehen: Techniker des Herstellers Ostertag-AEG-Telefunken montierten Ende Mai 1968 bei der Hauptstelle der Kreissparkasse Tübingen am Lustnauer Tor 3 ein 1000 Kilogramm schweres Ungetüm. Der Panzerschrank wurde in die Außenwand des Gebäudes eingebaut, die Frontseite bestand aus matt gebürstetem Nirosta-Remanit. Dahinter verbargen sich viel Mechanik, Elektronik – und ein Bargeldbestand von maximal 100 000 D-Mark.

Erfinder der Automated Teller Machine war der Schotte John Shepherd-Barron gewesen, der das Prinzip den Selbstbedienungsautomaten für Schokolade abgeschaut hatte. Seit Juni 1967 war sein Gerät bei der Barclays Bank im Norden Londons im Einsatz. Ein knappes Jahr später ging in Tübingen der erste deutsche Geldautomat in Betrieb.

 
Bild aus einer Produktbroschüre der Hersteller AEG-Telefunken-Ostertag, die im Mai 1968 bei der Hauptstelle der Kreissparkasse Tübingen den ersten westdeutschen Geldautomaten in Betrieb nahmen. © KSK Tübingen
Mitarbeiter Elmar Jauch war damals bei dem Geldins­titut für Technik zuständig und hatte sich für die Anschaffung eingesetzt. Doch wieso die Welt so etwas brauchte, war noch nicht recht erkennbar. Die Presse berichtete zwar wohlwollend, aber kaum einer nahm die Sache besonders ernst, auch nicht Hartmut Krumm, ehemaliger Mitarbeiter der Kreissparkasse. Er erklärte 2004 in einem Interview mit der SparkassenZeitung: "Man hat schon darüber gesprochen, aber niemand konnte ahnen, was später mal daraus wurde."

Tatsächlich gaben die meisten Betriebe damals am Zahltag noch Lohntüten an Arbeiter und Angestellte aus. Wer darüber hinaus Bargeld brauchte, ging mit seinem Sparbuch zum Schalter und ließ sich die Scheine von einem geschickt-vertrauenswürdigen Sparkassenmitarbeiter hinblättern. Und das sollte jetzt eine Maschine besser können?

Doch die Politik hatte damals schon neue Ziele. Die Betriebe sollten Löhne und Gehälter nicht mehr auszahlen, sondern überweisen; die Sparkassen sollten nicht nur Girokonten für jedermann anbieten, sondern auch den absehbar zunehmenden Bargeldbedarf decken.

Störungsfreie Technik – verhaltene Nachfrage

Die Hersteller Ostertag-AEG-Telefunken erkannten zu Recht, dass das ohne Rationalisierung nicht gehen würde. In der mitgelieferten Werbebroschüre mit dem Titel "Der Zukunft wegen" hieß es damals, dass "Routinearbeit, die einen Kassierer nahezu voll beschäftigt" nun "draußen vor der Tür" erledigt werden könne. Die Wartung nehme nur wenige Minuten in Anspruch, und in schönstem Taylorismus zählen die Autoren der Broschüre die Arbeitszeiten pro Handgriff auf: "Bis 100 000 DM einlegen – eine Minute. Schecks entnehmen – eine Minute. Auszahlung freigeben – eine Minute…". Es liege auf der Hand, dass sich die Anschaffung "durch diese wertvolle personelle Entlastung und die anspruchslose Wartung sehr bald amortisiert", versprachen die Werbeleute von Ostertag.

Doch mit dem Nutzen war es erst einmal nicht weit her. Der Kassierer hatte jetzt vielleicht mehr Zeit – wofür auch immer –, dafür mussten die handverlesenen Kunden umso mehr Geduld, einen Doppelbartschlüssel, einen gelochten Plastikausweis und eine weitere Lochkarte als Auszahlungsbeleg mitbringen, wenn sie außerhalb der Öffnungszeiten Bargeld wollten. Das Auszahlen war störungsfrei möglich, doch war der Service auch nur für wenige gedacht und die Nachfrage gering. Die Sparkasse schrieb damals 1500 Kunden an, vor allem Ärzte, Architekten, Professoren und Lehrer. Zehn Monate später gab es in Tübingen lediglich 125 Automatennutzer, wie es in einem Bericht der Kreissparkasse an den Deutschen Sparkassen- und Giroverband heißt.
Diese Pionierkunden konnten täglich maximal 400 D-Mark abheben. Ein paar Technikbegeisterte kamen regelmäßig, die meisten nutzten den Automaten am Wochenende und nur selten. An Wochenenden wurden während der ersten zehn Betriebsmonate 25 bis 30 Geldscheine abgehoben, an Wochentagen vier Scheine, der Tagesdurchschnitt lag bei 2000 D-Mark. Auf diesem Niveau ging es lange weiter. Noch zehn Jahre später gab es in der ganzen Bundesrepublik lediglich 100 Geräte. Bis in die 1980er-Jahre blieb der Geldautomat ein für die Sparkassen teures und für die Kunden umständliches Vergnügen. Die Sache kam erst in Gang, als die mit Magnetstreifen und PIN-Code ausgestattete EC-Karte auch zum Geldabheben tauglich wurde. In Tübingen war es Ende September 1982 so weit. Damals stellte die Kreissparkasse in der Filiale am Markt den ersten Automaten der neuen Generation auf.

Stiehlt die Technik der Sparkasse die Show?

Heute erscheint Bargeldversorgung ohne Automaten undenkbar, wenn man davon absieht, dass mittlerweile auch das Kassenpersonal einiger Supermarktfilialisten auf Wunsch Bargeld auszahlt. Doch in der Rückschau war der Geldautomat alles andere als ein Selbstläufer. Der Hersteller NCR hatte erst im Jahr 2000, also 33 Jahre nach der Markteinführung, weltweit eine Million Geldautomaten im Einsatz. Auch aus der Perspektive der Geldinstitute stellte sich schon bald die Frage, ob es sich beim vielbeschworenen Siegeszug der Technik um einen Pyrrhussieg handeln könnte. Je mehr Automaten in den sogenannten SB-Zonen standen, desto weniger Kunden fanden den Weg in die Filiale dahinter. Die Sparkassen hatten mit der Kasse auch ihre Kunden buchstäblich vor die Tür gesetzt.

Heute gilt die Bankenbranche mit ihrer Automatenhistorie zwar als Innovationsförderer. Die Gefahr ist aber nicht gebannt, dass die Institution verschwindet hinter einem technischen Bollwerk, das weitergehendes Kundeninteresse an Finanzdienstleistungen und menschlicher Beratung wirkungsvoll verhindert. Neue Vertriebskonzepte wie die sogenannte Nachbarschaftsfiliale versuchen, die Geschäftsstelle wieder interessanter zu machen als die Automaten im Vorraum.

Die Hersteller reagieren auf die Skepsis ihrer Bankkunden mit neuen Versprechungen nach dem Axiom, dass negative Technikfolgen sich nur mit noch mehr Technikeinsatz therapieren lassen, was selbstredend seinen Preis hat. Laut Bill Nuti, ehemaliger Vorstandschef und CEO des Herstellers NCR, werden die Automaten künftig "digitale und analoge Kanäle der Kundenansprache verbinden und Banken dabei helfen, ihren Kunden personalisierten, vernetzten Service aus einem Guss zu bieten".

Automat verbindet sich mit Kundensmartphone

Tamara Stepczynski, Expertin für SB-Technik beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, sieht im Geldautomaten der Zukunft ebenfalls analog-digitale Multifunktionsgeräte. Künftig soll ein Kunde etwa am Automaten ein Girokonto eröffnen können. Denkbar sei auch, dass Kunden per Smartphone Beträge zur Abholung am Automaten reservieren könnten. Geräte mit Sensortechnik könnten einen Kunden eines Tages schon beim Betreten des SB-Bereichs erkennen – dank Near Field Communication, erklärt Stepczynski. Verknüpft mit den Nutzungsgewohnheiten des Kunden, würde der Automat bei der persönlichen Begrüßung fragen: "Wollen Sie 200 Euro abheben – wie immer?"

Wie der Kunde das finden würde, sei dahingestellt. Der Nutzen der Automaten steht und fällt jedenfalls mit dem Interesse am Bargeld überhaupt. Immerhin wollen 88 Prozent von rund 2000 befragten Bundesbürgern auch künftig die Möglichkeit haben, bar zu bezahlen. Über Nutzerquantitäten in 20 Jahren sagt das nichts aus.

Laut Zahlen der Deutschen Kreditwirtschaft war bei den Geldautomaten vor etwa zwei Jahren der Höhepunkt erreicht. 2015 gab es bundesweit 61 100 Geräte, Ende 2017 waren es noch 58 400, davon betreibt die Sparkassen-Finanzgruppe etwa 24 000. Wie wäre es, wenn die Maschine außer Geld auch Schokolade ausspucken würde?