Anzeige
| Gleichstellung

"Mögen Sie keine Männer?"

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. So steht es im Grundgesetz. Wirklich? Noch haben auch in Sparkassen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte – so es denn welche gibt – alle Hände voll zu tun, sich diesem Ziel zumindest anzunähern. Manch einer hält diesen Job für überflüssig, andere verdrehen die Augen oder machen Witze. Wir haben Stimmen gesammelt.

Anzeige

Sabine Haberland-Hoffmann, 61, ist seit 2000 Gleichstellungsbeauftragte der Sparkasse Krefeld. Sie sagt:

„Seit 1999 gibt es in NRW das Landesgleichstellungsgesetz. Kurz darauf kam unser Vorstandvorsitzender und meinte, der Job als Gleichstellungsbeauftragte würde zu mir passen. Er war sehr aufgeschlossen für das Thema. In den ersten Jahren hatte ich kaum etwas zu tun, denn anfangs galt das Gesetz für Sparkassen nur eingeschränkt. Inzwischen haben Sparkassen auf eine Qualifikation von Frauen für Leitungsfunktionen einschließlich der Geschäftsleitungseignung hinzuwirken und darüber auch an die Landesregierung zu berichten. Unsere neue Vorstandsvorsitzende, Birgit Roos, motivierte mich, nach Jahren des Stillstands einen neuen Frauenförderplan zu erstellen und besonders auch diesem Thema Rechnung zu tragen. Damit betraten wir Neuland.

Ich glaube, alle Gleichstellungsbeauftragten sind Überzeugungstäter! Natürlich muss ich mir manchmal Witze über meine Funktion anhören. Aber die Wahrnehmung der Themen hat sich verändert. Ich bin stolz, den Vorstand beraten zu dürfen und auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Ratgeberin zur Seite zu stehen. Was wir brauchen, sind mehr junge Frauen mit Karrierewillen und -planung. 62 Prozent unserer Belegschaft sind Frauen, aber nur 27 Prozent haben die notwendigen Eingangsqualifikationen, um sich für eine Karriereposition zu bewerben. Viele Frauen zögern, weil sie auch Familie wollen. Ich argumentiere dann immer, dass eine Partnerschaft auf Augenhöhe einer Familie Stabilität gibt.

Gleichstellungsarbeit kann nur erfolgreich sein, wenn man auch an die Männer denkt. Vor Kurzem hatten wir erstmals einen Workshop für Männer und Väter mit den Themen ortsunabhängiges Arbeiten, Freistellung für Männer, wenn das Kind krank ist, Ergebnis- versus Präsenzkultur. Dass wir schnell eine Parität bei den Top-Positionen erreichen, glaube ich nicht. Aber ein Frauenanteil von 35 Prozent sollte erreichbar sein und würde mich freuen. Ziele dürfen nicht verbissen verfolgt werden. Wenn ein Mann in einem Auswahlverfahren der Bessere ist, freue ich mich mit ihm und akzeptiere das. Die nächste Chance für eine gute Frau kommt bestimmt!“

Petra Keck, 45, ist seit 2003 Gleich­stellungsbeauftragte der Sparkasse Hannover und Sprecherin des G-10-Arbeitskreises für Chancengerechtigkeit. Sie sagt:

„Wir haben bei uns zwei Frauen und zwei Männer im Vorstand – bundesweit liegt der Frauenanteil im Vorstand bei 4,7 Prozent. Daran lässt sich die Selbstverständlichkeit für das Thema bei uns erkennen! Die Gestaltungsbereitschaft ist groß. Dafür braucht es auch viele aufgeschlossene Männer und davon haben wir glücklicherweise einige. Insgesamt sind unter unseren Führungskräften Frauen mit 24 Prozent unterrepräsentiert. Dies gilt mit 30 Prozent auch für Finanzexpert*innen.

Themen, mit denen die Kolleg*innen im Alltag zu uns kommen, sind die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, individuelle Entwicklungswünsche oder auch Ängste bei Veränderungssituationen. Für uns bedeutet Gleichstellung, dass Männer und Frauen gleich gut, aber verschieden sind. Dies akzeptieren wir und schaffen für Karrieren – aktuell noch vermehrt für die von Frauen – familienfreundliche Rahmenbedingungen. Marina Barth, unsere erste Frau und Mutter im Vorstand, hat bis zum Eintritt in den Vorstand in Teilzeit gearbeitet. Unser Fokus liegt darauf, den oder die Beste für den jeweiligen Job zu bekommen. Auch wenn man hierfür die Rahmenbedingungen für die Stelle anpassen muss.

Für einige hat es, wenn Frauen befördert werden, immer noch ein Geschmäckle. Daher ist wichtig, auch die Bedenken der Männer ernst zu nehmen und nicht doktrinär zu sein. Meinen Job finde ich immer noch hochattraktiv. Aber man muss unangenehme Dinge aussprechen können und braucht viel Hartnäckigkeit. Ich denke, dass ich mir einen guten Ruf erarbeitet habe, aber viele finden das Thema doof und manche mich dann gleich mit. Damit muss ich als Gleichstellungsbeauftragte leben können.“

Elke Alfen-Baum, 61, ist seit 1999 Gleichstellungsbeauftragte in der Sparkasse KölnBonn. Sie sagt:

„Schon Ende der 1980er-Jahre beschäftigte ich mich mit der beruflichen Situation der Frauen in unserem Betrieb. Eine Erkenntnis war: Frauen starten nach der Ausbildung durch – aber nur bis zur Familienphase, danach verliert die Sparkasse sie. Zu wenige investieren in Weiterbildung oder tappen in eine Teilzeitfalle. Es wurde zu meinem Herzensthema, das zu verändern. Ich habe selbst zwei Töchter, für die ich mir wünsche, dass ihnen und ihren Partnern egalitär Familie und Karriere möglich sind.

Die Sparkasse KölnBonn will, dass mehr Frauen in Führung und in höheren Entgeltgruppen repräsentiert sind und dass dies auch in neuen Teilzeitmodellen möglich ist. Unser aktuelles Leuchtturmprojekt: neue Modelle für Führen in Teilzeit, für Frauen und Männer. Außerdem arbeiten wir an Rollenbildern. In unseren internen Medien präsentieren wir verstärkt Frauen als Vorbilder, die berichten, wie sie ihren Weg gemacht haben und was dafür nötig war. Zugleich setzen wir uns für eine väterorientierte Personalarbeit ein. Alle Strukturen waren ja auf den in Vollzeit tätigen Mann ausgerichtet – in Zukunft wird es viele unterschiedliche Modelle geben. Aktiv sind wir auch beim Thema Sprache, denn die formt das Bewusstsein. Gerade entwickeln wir einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Kommunikation.

Unsere Erfahrungen mit unterschiedlichen Gleichstellungskonzepten teilen wir mit 14 Unternehmen im regionalen Bündnis ‚Mit Frauen in Führung‘. Dafür haben wir gerade den renommierten Chefsache-Award gewonnen.“

Annett Lucht, 51, ist Betriebsrätin und seit neun Monaten Frauen­beauftragte der Berliner Sparkasse, zuvor arbeitete sie 20 Jahre lang für die ausscheidende Frauenbeauftragte. Sie sagt:

„In der Berliner Sparkasse gibt es aufgrund einer Betriebsvereinbarung eine Frauenbeauftragte. Deren Aufgabe ist die Gleichstellung von Frauen und Männern – mit Männern müsste es eigentlich heißen, denn die strukturelle Benachteiligung von Frauen ist immer noch da. Die Sparkassen sind in den Führungsebenen sehr männerlastig. Oftmals wird das Thema Gleichstellung als überflüssig erachtet und nur am Rand behandelt. Mein Job ist es, das Thema ins Bewusstsein zu bringen, gleiche Chancen zu schaffen, unter anderem Führung in Teilzeit möglich zu machen und für Familienfreundlichkeit zu sorgen.

In den Führungsebenen haben wir im Durchschnitt 44 Prozent Frauen, was im Vergleich zu anderen Sparkassen schon ein sehr guter Wert ist. Trotzdem sind Frauen hier unterrepräsentiert, insbesondere in den höheren Führungsebenen. Bis zur Gleichstellung ist also noch Luft nach oben. Bei Unterrepräsentanzen wirke ich daraufhin, dass Frauen bei gleicher Eignung bevorzugt werden.

Vieles muss man immer wieder ansprechen. So zum Beispiel eine geschlechtergerechte Sprache, denn bei uns sollen Frauen und Männer erkennbar angesprochen werden. Ein Frauenförderplan sollte nicht nur Maßnahmen zur Frauenförderung, sondern auch Ziele für die verschiedenen Bereiche enthalten. Frauenförderung muss sich in der Personalplanung wiederfinden und auch bei Führungskräften nachgehalten werden.

Wenn ich mich als Frauenbeauftragte vorstelle, ernte ich schon manchmal skeptische Blicke. Sowohl privat wie beruflich baut sich eine gewisse Distanz auf. Das Amt ist scheinbar voller Klischees, viele vermuten eine Super-Emanze dahinter. Im Urlaub fragte mich mal jemand, ob ich keine Männer mag. Das ist natürlich völliger Quatsch. Ich versuche meinen Auftrag immer sachorientiert auszuüben und begegne sowohl Frauen als auch Männern sehr zugewandt. Das bringt Akzeptanz, und da relativieren sich auch die Vorurteile.

Insgesamt finde ich, dass wir auf einem guten Weg sind! Viele junge Frauen sind top ausgebildet und selbstbewusst, viele junge Väter wollen sich auch um ihre Kinder kümmern. Und doch ist Gleichstellung kein Selbstläufer, da gibt es noch viel zu tun.“

Für Petra von Crailsheim, Stellvertretendes Vorstandsmitglied bei der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, ist Gleichstellung Chefsache. Sie sagt:

„Vor etwa fünf Jahren haben wir gemerkt, dass der Anteil von Frauen im Management bei uns sogar sinkt. Beruf und Familie lassen sich in Sparkassen bereits gut vereinbaren, aber bei Karriere und Familie sieht es anders aus. Als der erste Mann in einer hohen Führungsposition fünf Monate Elternzeit nahm, sorgte das für Aufregung. Ich sehe es als Verpflichtung des Vorstands an, ein entsprechendes Klima zu schaffen. Schlüssel zu Veränderungen sind Kommunikation und Transparenz.

Noch immer erlebe ich, dass kluge, gut ausgebildete Frauen in Diskussionen den Männern den Vortritt lassen. Ich versuche, sie zu ermutigen. Frauen wollen definitiv Karriere machen, aber hemmen sich oft selbst, weil sie gemocht werden wollen. Ich selbst musste mir das immer wieder verinnerlichen. Für eine Frauenquote bin ich aber nicht, denn sie produziert ‚Quotenfrauen‘. Dennoch war die Diskussion darum sehr wichtig. Nicht jeder ist von dem Thema Gleichstellung angetan, aber der Vorstand steht klar dahinter. Unser Haus hat zum Thema Vielfalt in Führung ein‚Selbstverständnis‘ als Teil des Unternehmensleitbildes.