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| Finanzbranche

Frauen beim Vorstand außen vor

Der Frauenanteil in Vorständen deutscher Kreditinstitute wächst so schleichend, dass eine Parität der Geschlechter in Führungspositionen wohl erst zur Jahrhundertwende erreicht wird.

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„Wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Finanzsektor Frauen sind, die meisten davon gut ausgebildet, ist die Entwicklung der Frauenanteile in Vorständen und Aufsichtsräten von Banken und Versicherungen besonders frappierend“, sagt Elke Holst, die seit Jahren das Managerinnen Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlicht. Selbst bei einer optimistischen, linearen Fortschreibung der Entwicklung der vergangenen Jahre würde es fast bis zum Jahr 2098 dauern, bis Frauen und Männer gleichermaßen in Vorständen von Banken und Sparkassen vertreten wären, mahnt Holst.

Die seit 2016 in Deutschland geltende Geschlechterquote für Aufsichtsräte zeigt bei den Unternehmen insgesamt weiter ihre Wirkung, heißt es in dem Bericht. In den 200 umsatzstärksten Unternehmen (branchenübergreifend) ist der Frauenanteil in den Kontrollgremien im vergangenen Jahr um mehr als zwei Prozentpunkte auf knapp 27 Prozent gestiegen. In den 100 größten Unternehmen ging es sogar um über drei Prozentpunkte auf gut 28 Prozent nach oben.

Allerdings gebe es erste Hinweise, dass die Unternehmen mit Quotenbindung ihre Anstrengungen deutlich zurückfahren, sobald sie die 30-Prozent-Marke erreicht haben, warnt Holst. So stagnierte der Frauenanteil in den Aufsichtsräten der 30 Dax-Konzerne, die fast alle an die Quote gebunden sind, bei einem Drittel.

 
Frauen in Führung sind selten, dabei gäbe es genügend qualifizierte Kandidatinnen. © dpa

Zusätzlich zur allgemeinen Erhebung, untersucht das DIW separat die 100 größten Kreditinstitute und die 60 größten Versicherungen in Deutschland. In den Vorständen der Finanzbranche verharrt der Frauenanteil weiter unterhalb von zehn Prozent, in den Aufsichtsgremien konnte der positive Trend der vergangenen Jahre nicht fortgesetzt werden. Der Anteil stagniert bei rund 23 Prozent, also ebenfalls geringer als in der Wirtschaft allgemein.

Das DIW empfiehlt den Unternehmen, sich in ihrem eigenen Interesse ambitioniertere Ziele zu setzen. Sonst würden Rufe nach weiteren Quotenregelungen wohl immer lauter werden. „Die Wirtschaft hat es selbst in der Hand“, so Holst. „Solange sich jedoch viele große Unternehmen bewusst eine Zielgröße von null Frauen im Vorstand setzen, erscheint der Wille und die Kraft zu ambitionierten, nachhaltigen und freiwilligen Fortschritten mehr als fraglich.“ Eine wichtige Voraussetzung wäre ihrer Ansicht nach, konsequent alle Hierarchieebenen, gerade auch unterhalb des Vorstands, stärker mit Frauen zu besetzen und die Arbeitsstrukturen für Führungskräfte zu flexibilisieren. So könnte der Pool potentieller Vorständinnen vergrößert werden.

Situation nach den Säulen des Kreditsektors

Die öffentlich-rechtlichen Banken haben im Vergleich zum Vorjahr einen kleinen Rückschritt im Bereich der Vorstände verzeichnet, während es in den Aufsichtsgremien Verbesserungen gab. Dabei berücksichtigt das DIW in seinen Auswertungen allerdings nur die größten Kreditinstitute. Der Anteil öffentlich-rechtlicher Institute an der Gesamtzahl von 100 Banken und Sparkassen stieg von 53 im Vorjahr auf nunmehr 55. Trotzd der gestiegenen Zahl der Institute sank die Zahl an Frauen im Vorstandsbereich von 16 auf 15 und damit auf einen Anteil von 7,2 Prozent.

Blickt man ein paar Jahre mehr zurück ist der Fortschritt aber auch hier deutlich. Im Jahr 2010 lag der Frauenanteil bei zwei Prozent und kein einziges der berücksichtigten Institute wurde von einer Frau geführt. Mittlerweile ist diese Zahl auf drei gestiegen: Die Kreissparkasse Waiblingen (Ines Dietze), die Sparkasse Krefeld (Birgit Roos) sowie die Stadtsparkasse Düsseldorf (Karin-Brigitte Göbel) haben weibliche Vorstandsvorsitzende.

In den Aufsichts- und Verwaltungsräten der öffentlich-rechtlichen Kreditinstitute sind erstmals alle Gremien gemischt besetzt und haben zumindest ein weibliches Mitglied. Die Quote stieg zum Vorjahr nur leicht von 22 auf 22,3 Prozent. 2010 lag sie bei 16,5 Prozent. Drei Aufsichtsgremien wurden von Frauen geführt, das stellt weder eine Veränderung zum Vorjahr noch zu 2010 dar.

Im Vergleich zu den Privatbanken und den genossenschaftlichen Instituten nimmt der öffentlich-rechtliche Sektor keine führende Rolle ein. Der Anteil von Frauen in Vorständen liegt dort bei 9,8 Prozent (Privatbanken) und 10,7 Prozent (Volksbanken). Zwei der Institute haben eine Frau als Vorstandschefin: HSBC Trinkaus (Carola Gräfin von Schmettow) sowie die Frankfurter Volksbank (Eva Wunsch-Weber).

Zurückblickend auf das Jahr 2010 schnitt der öffentlich-rechtliche Bankensektor im Vergleich zu den anderen Säulen des Kreditsektors bereits schlechter ab. Anders in den Aufsichtsgremien, wo alle drei Sektoren des Bankenmarkts dicht beieinander lagen. Die Volksbanken haben ihren Anteil im Verlauf der Jahre von 16,7 Prozent im Jahr 2010 auf nunmehr 21,8 Prozent steigern können. Den größten Fortschritt erzielten allerdings die Privatbanken, die den Anteil von Frauen in Aufsichtsgremien von 15,9 Prozent (2010) auf mittlerweile 27,7 Prozent verbessern konnten.

Der Anteil von Frauen in den Vorständen der 60 untersuchten Versicherungen lag bei 9,6 Prozent und verbesserte sich zum Vorjahr (8,5 Prozent) und zum Jahr 2010, wo er noch bei 2,5 Prozent lag. In den Aufsichtsgremien der Assekuranzen waren 22,5 Prozent der Mitglieder weiblich.