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| Konjunktur

Industrieproduktion sinkt unerwartet stark

Aktuelle Zahlen zeigen: Eine Rezession in Deutschland ist wahrscheinlicher geworden.

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Die Produktion in Deutschland ist stark geschrumpft. Industrie, Bau und Energieversorger stellten im Juni zusammen 1,5 Prozent weniger her als im Vormonat, teilt das Wirtschaftsministerium mit. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur mit einem Rückgang um 0,4 Prozent gerechnet.

Im gesamten zweiten Quartal nahm die Produktion damit um 1,8 Prozent ab. „Die Industrie bleibt konjunkturell im Abschwung“, kommentierte das Ministerium. Die zunehmenden Handelsspannungen zwischen den weltgrößten Volkswirtschaft USA und China machten eine rasche Trendwende wenig wahrscheinlich.

 
Industrie, Bau und Energieversorger stellten laut offizieller Statistik im Juni zusammen 1,5 Prozent weniger her als im Vormonat. © dpa

Die meisten Ökonomen rechnen nun damit, dass Europas größte Volkswirtschaft im Frühjahr geschrumpft ist. „Ein rückläufiges Bruttoinlandsprodukt dürfte damit im zweiten Quartal kaum vermeidbar sein“, sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. Dekabank-Ökonom Andreas Scheuerle spricht sogar von einem „Auftakt zu einer technischen Rezession“, da im laufenden dritten Quartal auch ein Minus herauskommen dürfte.

Bei zwei negativen Quartalen in Folge wird von einer „technischen Rezession“ gesprochen. Zu Jahresbeginn hatte es noch zu einem Wachstum von 0,4 Prozent gegeben. Eine erste Schätzung für das zurückliegende Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am Mittwoch. Derzeit rechnen Experten mit einem Minus von 0,2 Prozent.

Schwächere Weltkonjunktur, starke Exportabhängigkeit

Den Grund für die maue Konjunktur sehen sie in der starken Exportabhängigkeit Deutschlands, die angesichts der schwächeren Weltkonjunktur, Handelsstreitigkeiten und Risiken wie dem Brexit zum Bumerang wird. So kauften die USA und China 2018 zusammen Waren „Made in Germany“ im Wert von 206 Milliarden Euro.

„Derzeit gibt es für Volkswirtschaften drei Misserfolgsfaktoren: ein hoher Industrieanteil, eine hohe Exportquote und eine hoher Anteil an Ausfuhren in die Region Asien“, sagte Dekabank-Ökonom Scheuerle. „In allen drei Kategorien punktet Deutschland negativ. Die globalen Verwerfungen und politischen Unwägbarkeiten belasten die deutschen Unternehmen und ihre Kunden im In- und Ausland.“

China, Brexit, Handelskonflikte

Eine rasche Besserung ist nicht in Sicht, auch wenn die Industrieaufträge im Juni mit 2,5 Prozent so stark anzogen wie seit fast zwei Jahren nicht mehr, was aber nur den ungewöhnlich vielen Großbestellungen zu verdanken ist. „Die Aussichten für die deutsche Industrie sind derzeit alles andere als rosig“, sagte der Konjunkturexperte des Ifo-Instituts, Robert Lehmann. „Immer mehr Firmen vermelden, dass sie ihre Produktion im kommenden Vierteljahr drosseln wollen.“

Der aktuellen Ifo-Umfrage zufolge schätzen sie die Produktionserwartungen so schlecht ein wie seit November 2012 nicht mehr. „Dahinter stecken die Handelskonflikte und das noch immer nur mit angezogener Handbremse wachsende China“, sagte VP-Chefvolkswirt Gitzel. „Der ungelöste Brexit-Prozess belastet Deutschland noch zusätzlich.“ rtr