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| Ausbildung

Niedersachsen und Hessen als Vorreiter

Kein „richtiger“ Abi-Jahrgang 2020: Wie Sparkassen in den betroffenen Bundesländern trotzdem Nachwuchs finden.

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Der Abi-Stress fällt dieses Jahr in Niedersachsen und Hessen weitgehend flach: Dort kehren die meisten Gymnasien zum sogenannten G9-System zurück, zum altgewohnten Abitur nach 13 Schuljahren. Deshalb wird an vielen Gymnasien 2020 keine Abi-Prüfung geschrieben. Für viele Eltern war das überfällig, denn sie meinten, ein Jahr mehr Schule bedeute deutliche Entlastung für ihren Nachwuchs.

Doch dieser Schritt hat auch Konsequenzen für die Wirtschaft der Regionen: Die Zahl der Schulabgänger geht 2020 so noch weiter zurück und verstärkt vorhandene Personalengpässe. Und das stellt auch die Sparkassen dieser Bundesländer vor zusätzliche Herausforderungen bei der Nachwuchssuche.

 
Schulbänke in der Turnhalle für die Abiprüfung. An den meisten Schulen in Hessen und Niedersachsen bleibt der Hallenboden in diesem Jahr dem Sportunterricht vorbehalten. © dpa

„Geeignete Azubis für unsere Sparkasse zu gewinnen ist generell eine Herausforderung“, sagt Ralf Warneke, Leiter Marketing der Kreissparkasse Syke in Niedersachsen. Das Problem sei nicht allein der fehlende Abi-Jahrgang 2020, sondern grundsätzlicher Art: Zum einen sei das Bild von Banken in der Öffentlichkeit nicht besonders positiv, zum anderen lese man in den Zeitungen, wie gravierend sich die Bankenlandschaft verändere. Das verunsichere viele Interessenten und habe Einfluss auf die Attraktivität des Berufs.

Darüber hinaus hinterlasse der demografische Wandel Spuren: Als Warneke sich bei seiner Sparkasse bewarb, trat er zusammen mit 450 Mitbewerbern an, von denen sich 17 für eine Bankausbildung qualifizierten. „Wenn wir heute 50 Bewerber haben, ist das extrem gut“, beschreibt der Leiter Marketing die aktuelle Situation. „Deshalb müssen wir sehr agil am Markt sein.“

Die Kreissparkasse Syke bespiele viele Kanäle, um den Beruf des Bankkaufmanns begehrter zu machen. Bei Facebook, Instagram und anderen Social-Media-Plattformen sei man aktiv. Auch auf Youtube wolle man künftig präsent sein. „Zusätzlich engagieren wir uns gemeinsam mit den Schulen für eine Ausbildungsinitiative, um mögliche Bewerberdefizite auszugleichen“, so Warneke.

 
„Der Wettbewerb um die Talente ist groß“, sagt Ralf Warneke von der Sparkasse Syke. © Sparkasse

Der Wettbewerb um die Talente verschärfe sich weiter. Warb die Kreissparkasse bisher mit den Themen Geld fürs Leben und für den Hausbau um Kunden, gibt es jetzt auch massive Werbung für den Ausbildungsplatz. „Wir testen alle Kanäle aus“, sagt Warneke. Doch damit nicht genug: Ganz neu biete man ein Duales Studium in der Kreissparkasse Syke an und beteilige sich weiterhin an Berufsmessen. „Wir informieren rundum mit allen Marketinginstrumenten, um die ausbildungswilligen jungen Menschen zu erreichen“, so Warneke.

Auch die Sparkasse Leer-Wittmund ist vom Wechsel auf G9 betroffen und setzt auf andere Zielgruppen: „Unsere Bewerber kommen von der Realschule, der Berufsfachschule Wirtschaft, aus den Beruflichen Gymnasien, aus Freien Schulen, die immer bei 13 Jahren geblieben sind.“ Zudem bewürben sich Studienabbrecher, andere bemühen sich um eine Zweitausbildung oder auch Menschen, die gerade neu nach Deutschland gekommen sind, erklärt Gina Poppen, Leiterin Personalentwicklung des Instituts.

Die Verantwortlichen in der Sparkasse Leer-Wittmund seien schon immer offen gewesen für Bewerberinnen und Bewerber mit dem unterschiedlichsten Hintergrund: „Wir haben ein gut funktionierendes Onboarding und sind auf die verschiedenen Altersgruppen und Vorbildungen eingestellt“, so Poppen.

Im kommenden Jahr werden die Gymnasiasten der Region wieder ihre Abi-Prüfung absolvieren. „Und jeder Ausbildungsjahrgang bringt neue Fähigkeiten und besondere Alltagskompetenzen mit in unsere Sparkasse, die wir gern aufnehmen und in unser Unternehmen integrieren. So behalten wir eine moderne Arbeitskultur“, ist Poppen überzeugt.

Die richtigen Auszubildenden finden

„Der Pool an Schülerinnen und Schüler, aus dem wir unsere Auszubildenden gewinnen, ist kleiner geworden“, sagt Petra Hohmann-Balzer, Leiterin Personalabteilung der Sparkasse Fulda. Aber für eine Vielzahl der Stellen konnten bereits qualifizierte Bewerber gefunden werden.

Bei der hessischen Sparkasse führen zwei Wege zur bankfachlichen Qualifizierung: Ausbildung und duales Studium. Für Letzteres ist das klassische Abitur eine Voraussetzung. „Diese Stellen haben wir schon 2019 besetzt“, so Hohmann-Balzer. Im Bereich Ausbildung greife die Personalabteilung auf sehr gute Realschüler und Fachoberschüler zurück. „In diesem Jahr hat die Sparkasse Fulda noch keinen Abiturienten im Bereich Ausbildung eingestellt.“ Die Qualität der Ausbildung bliebe weiterhin unverändert, dafür würden sich die Ausbilder engagieren. „Wir sind überzeugt, dass wir die Stellen mit den richtigen jungen Menschen besetzen werden“, sagt Hohmann-Balzer.

Zielgruppe bleibt die alte

Auch im hessischen Bensheim hat man sich rechtzeitig auf die Veränderungen eingestellt: „Die Umstellung von G8 auf G9 werden wir wahrscheinlich kaum spüren, da unserer Bewerber meistens Fachoberschüler sind, und darauf folgen die Realschüler“, sagt Jasmin Müller, Ausbilderin bei der Sparkasse Bensheim. Eine Ausnahme werde es vermutlich bei den dualen Studierenden geben. Dort ist es nicht auszuschließen, dass die Bewerberzahlen leicht zurückgehen. „Da die meisten Sparkassen in unserer Umgebung kein duales Studium anbieten, hoffen wir trotzdem, ausreichend Bewerbungen zu erhalten“, so Müller. Es gebe keine neuen Zielgruppen, aber die Bewerberanzahl von Studienabbrechern nehme zu.

Veränderungen würden sich wohl im kommenden Jahr zeigen, wenn die ersten G9er-Abiturienten auf den Bewerbermarkt drängten. „Aus meiner Sicht werden die Azubis im nächsten Jahr nicht schlauer sein, aber vielleicht etwas selbstbewusster durch ihr Alter und sicherer mit ihrer Entscheidung der Berufswahl“, erwartet Müller.

Sparkasse Lüneburg sieht sich gut vorbereitet

Auch die Sparkasse Lüneburg hat sich frühzeitig auf die Umstellung auf G9 vorbereitet und nicht nur auf Absolventen aus den klassischen Gymnasien gesetzt: „Wir haben laufend Bewerbungen aus den unterschiedlichsten Schulformen und bisher eine bunte Mischung an Azubis zum Ausbildungsbeginn 01.08.2020 eingestellt“, sagt Pressesprecherin Jana Twesten.

Eine Auszubildende habe sogar auf einen Ausbildungsplatz in „ihrer“ Sparkasse „gewartet“, sie hatte sich im Juni beworben, als bereits alle Plätze für 2019 belegt waren. Zusätzlich kämen die neuen Auszubildenden von Wirtschaftsgymnasien, Ober- und Fachoberschulen, Waldorfschulen, wären Abbrecher von regionalen Gymnasien oder hätten nach Ausbildungsbeginn in einem anderen Beruf gemerkt, dass sie eine falsche Wahl getroffen hatten.

„Wir werden zukünftig auf der Homepage auch gezielt Studienabbrecher ansprechen – ansonsten sind wir weiterhin allen Zielgruppen gegenüber aufgeschlossen und versuchen, gute Oberschüler oder Gesamtschüler für uns zu gewinnen“, so Twesten. Die Sparkasse Lüneburg sei allen Zielgruppen ab Oberschulabschluss gegenüber positiv eingestellt und suche eher „Praktiker“, die Lust haben, später als Kundenberaterin/Kundenberater zu arbeiten, berichtet Twesten.

Andere Bundesländer folgen

In diesem Jahr sind Niedersachsen und Hessen nur Vorreiter der Entwicklung. Eine Reihe weiterer Bundesländer hat die Rückkehr zum G9-System angekündigt, darunter Nordrhein-Westfalen und Bayern. Der Wunsch der Eltern nach längerer Schulzeit hat nicht nur für Unternehmen Folgen, sondern auch für die Länder. So rechnet das bevölkerungsreiche Bayern mit zusätzlichen 1000 benötigten Lehrern für das zusätzliche Schuljahr. Benötigt werden auch zusätzliche Lehrräume. Ein hoher dreistelliger Millionenbetrag wird nach Aussagen des Bayerischen Städtetages gebraucht.