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| BBL im Gespräch: S-App-Entwicklung / mit Umfrage

Nutzer-Feedback ernst nehmen

Die Sparkassen-App ist die erfolgreichste deutsche Onlinebanking-Anwendung. Männer der ersten Stunde im Entwicklerteam waren André Haase und Jörg Miesner. Mit ihnen haben die BBL über die App-Anfänge, ihre Stärken, ihren Nutzen für Kunden und ihr Zukunftspotenzial gesprochen.

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BBL: Herr Miesner, was war nach Ihrer Erinnerung 2009 der Auslö­ser für die App-Entwicklung?
Jörg Miesner: Die Star Finanz hatte schon mehrere Jahre das Produkt StarMoney, eine umfassende Banking-Applikation für den PC, am Markt. Um das Produktportfolio zu erweitern, wurde seinerzeit an einer eigenen Banking App „StarMoney“ für Smartphones gearbeitet. Das war quasi der hausinterne Anstoß, der von FI, DSGV und DSV gemeinsam mit großem Interesse aufgenommen worden ist.

BBL: War die Zeit damals reif für mobiles Banking, nachdem Apple zwei Jahre zuvor mit der iPhone-Technologie die Ära moderner Smart­phones eingeläutet hatte?
Miesner: Ja klar. Eine mobile Banking-App galt als die zukunftsge­richtete Chance, Nutzer besser zu erreichen und den Instituten damit ein wertvolles Tool an die Hand zu geben. Und so haben wir damals den Auftrag bekommen, eine „rote App-Version“ für die Sparkassen zu erstellen.

BBL: Wie lange hat die Entwicklung der ersten App 2009 gedauert?
André Haase: Die Erstentwicklung für iOS, also das Apple-Betriebs­system, hat ein knappes halbes Jahr in Anspruch genommen. Die darauf folgende Version für das mobile, von Google entwickelte Android rund zwei Monate.

BBL: Was waren die größten Hürden?
Miesner: Eindeutig sich in die neuen Programmiersprachen einzuar­bei­ten und einen mobilen Banking Kernel zu entwickeln, der sich um die Kommunikation mit den Rechenzentren kümmert und auf beiden Platt­formen (iOS und Android) eingesetzt werden konnte.

BBL: Warum war das so besonders und schwierig?
Miesner: Sehen Sie, auch wenn Apps für jedes Betriebssystem eigen­ständig, wir sagen dazu nativ, entwickelt werden, ist dieser Banking Kernel ein sogenannter shared beziehungsweise konvertierter Code, der von beiden Systemen verwendet werden kann. Das war zum damaligen Zeitpunkt ein ziemliches Novum.

Programmieren auf neuem Terrain

 
Der Feedback-Kanal innerhalb der Sparkassen-App ist schon von Beginn an von den Nutzern erstaunlich intensiv genutzt worden, erinnert sich André Haase. © Star Finanz
BBL: Es gab somit überhaupt keine Vorbilder? 
Haase: Zu dem Zeitpunkt gab es weder für iOS noch für Android Banking-Applikationen. Auch mobile Webseiten waren eine absolute Seltenheit.

BBL: Aber sicher etliche Vorgaben?
Haase: Genügend. Vorgaben bezüglich der „User Experience“ kamen haupt­sächlich von den Betriebssystemherstellern Apple und Google. Die verwendete Corporate Identity war natürlich eine Vorgabe der Spar­kas­sen-Finanzgruppe. Der Funktionsumfang und die Apps an sich waren aber reine Eigenentwicklungen. Ein Vorbild war, wenn Sie so wollen, das Banking Widget der Star Finanz auf unserer mobilen Widget-Plattform StarMobi.

BBL: Klingt nach hohem Aufwand. Wie viele Mitarbeiter waren mit welchen Qualifikationen beteiligt?
Miesner: Zu Beginn waren es nur wenige Mitarbeiter, der Bereich wurde dann immer weiter ausgebaut. Wenn ich mich recht erinnere, gab es einen Abteilungsleiter, der gleichzeitig für den Vertrieb zuständig war, sowie einen für die Architektur der Apps Verantwortlichen. Daneben einen Produkt Manager, der die kompletten Funktionen und die App spezifiziert und designt hat sowie vier Entwickler. Jeweils zwei für iOS und Android.

BBL: Sie haben berichtet, dass es keine oder kaum Vorbilder gab. Demzufolge war es vermutlich auch schwierig, die App in die vorhandene IT-Welt der S-Finanzgruppe „einzuklinken“?
Miesner: Das Problem war eigentlich nicht so groß. Wir haben von Anfang an die öffentlichen FinTS-Schnittstellen der Sparkassen und Banken genutzt. Durch unsere langjährige Erfahrung damit fiel es uns leicht, die App zu bauen.

Apps leben von den Nutzer-Erfahrungen

BBL: Die S-App hat aktuell 7,5 Millionen Nutzer und scheint damit am Puls der Zeit zu sein. Waren Nutzer zwecks Usibility-Test schon immer aktiv in Ihre Entwicklerarbeit einbezogen?
Haase: Nein, vor zehn Jahren war das allgemein in der App-Welt noch nicht so verbreitet. Wir haben jedoch von Anfang an einen Feedback-Kanal innerhalb der App eingerichtet, der von den Nutzern erstaunlich intensiv genutzt wurde. Die Anregungen haben wir sehr genau ange­schaut und das Feedback, wo immer es ging, in die Weiterent­wicklung einfließen lassen. Offenbar mit Erfolg, wie man heute sagen kann.

BBL: Sie haben die Vorgaben von Apple und Google erwähnt. Wie hoch waren seinerzeit die Auflagen und Restriktionen?
Miesner: Die waren ähnlich hoch wie heute. Die Appstore-Auflagen waren zudem einfach neu, denn so etwas Restriktives hatte es für uns bis dato noch nicht gegeben. Viel wichtiger scheint mir aber, dass es zu diesem Zeitpunkt wesentlich weniger Möglichkeiten und Funktio­nen im Betriebssystem gab. Auch die Leistung der Geräte war deutlich geringer als heute. Besonders Speicherknappheit sorgte in den ersten Jahren immer wieder dafür, dass Funktionen „schlanker“ umgesetzt wurden, als es erste Planungsskizzen eigentlich vorgesehen hatten.

BBL: Vor dem Hintergrund der heute riesigen Verbreitung der App – welche Erwartungen hatte man damals an die potenziellen Nutzerzahlen?
Haase: Wirkliche Erwartungen gab es zu dem Zeitpunkt kaum. Für uns alle war diese Plattform ja absolutes Neuland. Wir waren dementspre­chend massiv überrascht, als wir innerhalb sehr kurzer Zeit schon 100 000 Nutzer hatten.

BBL: Die Entwicklung ist seit den Anfängen natürlich nicht stehenge­blieben. Wie viel Entwicklungsaufwand ist seither in die App geflossen?
Haase: Das ist lässt sich nur schwer beziffern. Derzeit arbeiten je nach Einsatzphase zwischen 20 bis 30 Mitarbeiter in verschiedenen Teams und in Vollzeit auf beiden App-Plattformen. Vergleicht man den heutigen Personaleinsatz, vor allem im Entwicklerbereich, mit den von mir zuvor genannten recht schmalen Ressourcen aus der Anfangszeit, ist klar, dass mit den Jahren die Mitarbeiterzahl stetig gestiegen ist…

BBL: …und sicher auch neue Anforderungsprofile auf Mitarbei­ter­seite hinzugekommen sind?
Haase: Natürlich. Neben den Entwicklern sind etwa Produkt Owner, Release Manager, Designer und andere Spezialisten dazugestoßen. Das Ganze funktioniert heute nur mit einem motivierten und engagierten Team, in dem sämtliche Aufgabenstellungen optimal verzahnt sind.

Immer einen Schritt vorausdenken

BBL: Zur Erfolgsstrategie der S-App gehört mit Sicherheit, auf die Wün­sche der Nutzer eingegangen zu sein. Wie stark sind die heute noch in die Entwicklung eingebunden?
Haase: Wie auch damals schon hören wir auf das Feedback der Nutzer – sofern dies aus regulatorischen oder sicherheitstechnischen Gründen möglich ist. Für neue Funktionen oder Neuentwicklungen des Designs werden jeweils spezielle Expertengruppen eingesetzt und Mock-ups verprobt.

BBL: Was hat man sich darunter vorzustellen?
Haase: Mock-ups dienen in einer frühen Konzipierungsphase der Visualisierung von Ideen und Konzepten im Rahmen des Designs. Sie beinhalten meist schon eine komplette Navigationsstruktur sowie die Site- und Design-Elemente im Detail. Zusätzlich werden verschiedene UI- und UX-Designer eingesetzt, um ein Produkt für den Anwender zu schaffen, das großen Nutzen und Komfort gleichermaßen liefert.

BBL: Das klingt recht aufwendig und kompliziert. Vermutlich ist das programmier­technische Handling der App heute schwieriger als damals?
Haase: Teils, teils – die Entwicklungsumgebungen und Sprachen haben sich natürlich weiterentwickelt und mit der Zeit für immer mehr Komfort bei der Entwicklung gesorgt. Es gibt aber damals wie heute viele Hürden und Schwierigkeiten, die gelöst werden müssen.

Hohes Augenmerk auf Sicherheit

 
Jörg Miesner weiß noch gut, dass Speicherknappheit der ersten Handys in den Anfangsjahren meist zu „schlankeren“ Funktionen der App geführt hat als ursprünglich geplant. © Star Finanz
BBL: Alles in allem, was ist aus Ihrer Sicht die größte Stärke der App?
Haase: Da gibt es durchaus unterschiedliche Wahrnehmungen. Aus meiner Sicht, inzwischen bin ich ja für die Sicherheit unserer Produkte zustän­dig, ist es die sehr hohe Sicherheit, die wir den Kunden mit unse­ren Produkten bieten und die wir stetig weiter verbessern. Aus Sicht der Anwender sind es vermutlich stärker die Multibankenfähigkeit und allge­mein der große Funktionsumfang – ein Alleinstellungsmerkmal im Banking-Umfeld. Er erlaubt es dem Nutzer, nahezu sämtliche seiner Bankge­schäfte mobil abzuwickeln …

BBL: Ihre auch, nutzen Sie die App selbst für Ihre Bankgeschäfte?
Haase: Ja, natürlich. Meiner Ansicht nach können wir keine guten Produkte für unsere Kunden schaffen, wenn wir nicht selbst davon überzeugt sind und diese nicht auch selbst nutzen.

BBL: Eine letzte Frage, die sich ja bei Männern der ersten Stunde aufdrängt. Hätten Sie persönlich die rasante Nutzerentwicklung 2009 erwartet?
Miesner: Ich habe an den Erfolg geglaubt, da ich mich viel mit der mobi­len Entwicklung beschäftigt hatte. Dass es dann aber so schnell gehen würde, habe auch ich nicht kommen sehen. Heute ist es schon ein tolles Ge­fühl, eine renommierte Tageszeitung wie die „FAZ“ ufzuschlagen und auf ganzseitigen Apple-Anzeigen ein iPhone mit dem Sparkassen-App-Icon zu sehen. Das schließt an Ihre Frage zu Beginn an: So etwas hängt immer auch stark vom „Trägermedium“, in diesem Fall dem Smartphone, ab. Dessen Verbreitung stieg ab 2011 einfach rasant an.

Das „BBL im Gespräch“ führte Jürgen Janik, Redakteur der Betriebs­wirt­schaftlichen Blätter in Mannheim.