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| Literatur

Ohne Osthaus kein Bauhaus

Die Sparkassse Hagen hat eine der interessantesten Publikationen des zurückliegenden Bauhausjahres ermöglicht: eine Edition des Briefwechsels von Gropius und Osthaus.

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Die Geschichte des Bauhauses beginnt im Dickicht kulturreformerischer Ideen des frühen 20. Jahrhunderts. Eine funktionale Formensprache in Architektur und bei Gebrauchsgegenständen gehörte bereits vor dem Ersten Weltkrieg zu den Anliegen von Gestaltern.

1908, gut zehn Jahre, bevor die berühmte Designschule in Weimar ihre Arbeit aufnahm, war Walter Gropius als die wichtigste Gründungspersönlichkeit des Bauhauses noch ein Unbekannter. Der abgebrochene Architekturstudent und offenbar wenig begabte Zeichner Gropius verdingte sich, nach eigener Aussage, als „Faktotum“ im – allerdings sehr fortschrittlichen – Architekturbüro von Peter Behrens in Hagen, bevor er sich zwei Jahre später selbstständig machte.

„Osthaus was instrumental in supporting me“

Gropius sollte seine beruflichen Anfangsjahre später als besonders wegweisend erkennen. In der westfälischen Industriestadt knüpfte Gropius freundschaftliche Beziehungen zu Karl Ernst Osthaus, dem bedeutenden Mäzen, Kulturreformer und Begründer der Folkwang-Sammlung, für die Gropius beispielsweise seltene Keramiken ankaufte.

Nach der ideellen – und finanziellen – Basis seiner Bauhaus-Gründung befragt, nannte der auf sein Leben zurückblickende Gropius später in Briefen und Gesprächen vor allen den Namen von Karl Ernst Osthaus. „Osthaus was instrumental in supporting me“, erinnerte sich Gropius wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1969. Osthaus war bereits 1920 gestorben.

 
Das Karl-Ernst-Osthaus-Porträt der Malerin Ida Gerhardi aus dem Osthaus-Musum in Hagen © dpa

Ohne das Netzwerk und die Mittel des Hagener Kunstsammlers, dem schon in jungen Jahren das Vermögen seiner Großeltern – der Bankiers Osthaus – zufiel, wäre Gropius’ Karriere sicher anders verlaufen. Vielleicht hätte es ohne Osthaus’ Engagement gar keine Bauhausgründung gegeben, zumindest keine mit Gropius als erstem Direktor.

„Ökonomische Kraft der künstlerischen Idee“

Nachzulesen ist das in dem erstmals edierten Briefwechsel, in dem sich die beiden Pioniere der Moderne mit Leidenschaft über die „ökonomische Kraft der künstlerischen Idee“ austauschen. Das heute als Industriedesign allgegenwärtige Phänomen war damals noch ein völlig neues Thema.

 
Die Sparkassenstiftung für Hagen förderte die Buchpublikation maßgeblich (von links): Barbara Rüschhoff-Parzinger, Kulturdezernentin des Landschaftsverbands Westfalen Lippe; Eva Pieper-Rapp-Frick, Karl Ernst Osthaus-Bund; Wolfgang Röspel, Kuratoriumsvorsitzender der Sparkassenstiftung für Hagen; Frank Walter, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse HagenHerdecke, Birgit Schulte, Osthaus Museum und Projektleiterin Bauhausjahr „Hagener Impulse“. © Sparkasse

Das maßgeblich von der Sparkassenstiftung für Hagen finanzierte Buch enthält erstmals wissenschaftlich kommentierte Briefe und Dokumente aus dem Hagener Karl-Ernst-Osthaus-Archiv, darunter auch Telegramme, Faksimiles und Listen mit Ausstellungsobjekten.

Die ansprechend gestaltete und zudem erschwingliche Edition enthält seltene Fotografien von damals als „vorbildlich“ geltenden Industriebauten, die Gropius im Auftrag von Osthaus für eine Wanderausstellung zusammentrug.

Einige Dokumente geben Einblicke in die menschlich-allzumenschlichen Intrigen der beiden Netzwerker und sind vor allem von biografischem Interesse. Doch zeigt die Dokumentation, inwiefern sich viele später unversöhnlich gegenüberstehende Strömungen und ihre Progatonisten ursprünglich ideell nahestanden.

So ist diese Quellenedition in ihrer Bedeutung für die Vor- und Frühgeschichte der klassischen Moderne kaum zu überschätzen und durchaus lesenswert, nicht nur für Bauhaus-Archäologen.

Reinhold Happel, Birgit Schulte: Karl Ernst Osthaus und Walter Gropius, Der Briefwechsel 1908–1920, Klartext Verlag, 29,95 Euro

 
© Sparkasse