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| Generationentandem

Paare mit Altersunterschied

Junge Menschen haben oft Wissen über digitale Innovationen, das Älteren manchmal fehlt. Sogenannte Generationentandems und das umgekehrte Mentoring bringen neue Blickwinkel und viel Spaß.

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Speed-Dating bringt schon seit Jahren Paare zusammen. Auch die Versicherungskammer Bayern hat sich der Methode bedient, um Zweiergrüppchen zu bilden. Dabei sollten die Partner möglichst unterschiedlich sein. Schließlich ging die Idee von einer Arbeitsgruppe des Diversity-Programms aus, das im Unternehmen die Vorteile einer vielfältigen Belegschaft herausarbeiten will.

In einer ersten großen Runde schlossen sich im Jahr 2016 40 Mitarbeiter zu 20 Tandems zusammen. Da gesellte sich der Vertrieb­ler zur Mitarbeiterin im Innendienst, Kollegen aus diversen Standorten, Ressorts und Konzerntöchtern fanden zusammen. Der wichtigste Unterschied sollte das Alter sein, schließlich sollten „Generationentandems“ entstehen. Die Ziele der Zusammenkünfte? Wissen und Werte weitergeben, einander verstehen lernen und ein „altersübergreifendes Lernen für Beruf und Leben“, wie es Kerstin Gubitz von der Konzernkommunikation sagt.

 
34 Jahre Altersunterschied trennen Franziska Wolfrum und Bernhard Bothner. Die zwei haben sich bei der VKB zum Generationentandem zusammengefunden. © Kerstin Gubitz

So manches Unternehmen hat die Vorteile von Generationentandems schon erkannt und erprobt. Bosch war mit seinem Konzept 2017 für den „Demografie Exzellenz Award“ nominiert. Die Tandempartner des Mischkonzerns mit seinen weltweit über 400 000 Mitarbeitern werden einander über eine Onlineplattform per Zufallsprinzip zugelost. 2017 entstanden so 2667 Tandems an 43 Standorten. Die ersten Erfahrungswerte waren hervorragend: Bei einer Umfrage unter 110 Pilot-Teilnehmern sahen 97 Prozent den Wissens- und Erfahrungsaustausch als persönlichen Pluspunkt, 84 Prozent beurteilten ihn auch als Bereicherung für das Unternehmen.

Quer durch alle Bereiche und Hierarchien

Tandems und Trios kennt man auch bei der Sparkasse Nürnberg. Dort stellte man auf freiwilliger Basis Kleinstgrüppchen zusammen, um digitale Grundkenntnisse in der Belegschaft zu verankern, Wissen auszutauschen und gemeinsam Neues auszuprobieren. Über 500 Teams waren so zustande gekommen, quer durch alle Bereiche und Hierarchieebenen. Hier zeigte der eine dem anderen den Umgang mit dem Smartphone, Tricks für die Powerpoint-Präsentation oder den Nutzen von Xing.

„Es ist eine tolle Sache, dass Wissen verbreitet wird, das im Mitarbeiterkreis schon vorhanden ist“, sagte Christine Heinzelmann, Assistentin im Unternehmensbereich „Stiftungen und Vermögensnachfolge“, der SparkassenZeitung in einem Interview. „Ein Vorteil ist, dass die Kollegen, mit denen man sich austauscht, das Unternehmen und seine ganz speziellen Programme und Prozesse halt besser kennen, als irgendein externer Trainer das je könnte“, so Privatkundenberaterin Petra Bodendörfer. Geschäftsstellenleiter Bernd Johannes sah als Pluspunkte zudem, dass man auf diese Weise Kollegen aus anderen Bereichen kennenlerne und auch mal über Persönliches spreche.

Neue Form der Wissensweitergabe

 
Man lernt nie aus: Robert Restani, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse, profitierte beim „Reverse Mentoring“ von Azubi Katrin Wolf. © Sparkasse

Als Weiterentwicklung der Generationentandems ist bei der VKB jetzt auch das sogenannte „Reverse Mentoring“ eingeführt worden. Bei dieser umgekehrten Form der traditionellen Wissensweitergabe fungieren Auszubildende als Mentoren für Führungskräfte und Vorstände. Bereits erfolgreich etabliert ist diese Methode in der Frankfurter Sparkasse. Seit 2016 beraten dort Azubis Führungskräfte, knapp 100 Mitarbeiter haben an dem Programm schon teilgenommen.

Denn gerade in Zeiten des rasanten technologischen Wandels können Ältere auch von Jüngeren profitieren. Die Führungskräfte erfahren zudem etwas über den Zeitgeist der Generationen Y und Z. Die Azubis und ihre Mentees können den Austausch frei gestalten. „Wir haben zwar als Hauptthema Zukunftsfähigkeit und Digitalisierung vorgeschlagen, aber die Tandems bestimmen allein, wann, wo und wie oft sie sich treffen und worüber sie sprechen“, sagt Dominik Stadler von der Personalabteilung der Fraspa.

Vorstandschef Robert Restani gehörte zu den ersten Mentees. Er traf sich einmal pro Monat mit seiner Mentorin, der damaligen Auszubildenden Katrin Wolf: „Mich interessierte besonders die Meinung der jüngeren Generation“, so Restani, „und was meine Mentorin in der Sparkasse beim Thema Digitalisierung noch berücksichtigen würde.“

Interview: Kleine Charakterschule

Vertriebsassistentin Franziska Wolfrum (28) und IT-Trainer Bernhard Bothner (62) bilden eines der ersten Generationentandems der Versicherungskammer Bayern.

DSZ: Frau Wolfrum, einen IT-Trainer ganz für sich allein zu haben, ist sicher ­praktisch. Oder? Franziska Wolfrum: Nein, nein, Herr Bothners Beruf hat gar keine Rolle gespielt für die Entscheidung, ihn als Tandempartner zu wählen. Er war mir einfach auf den ersten Blick sympathisch.

Bernhard Bothner: …aber natürlich sprechen wir auch über den IT-Bereich. Da profitiert aber nicht nur Frau Wolfrum von meinem Fachwissen. Auch sie kann mir etwas erklären, beim Bedienen des Smartphones etwa oder wenn es um soziale Medien geht.

Wolfrum: Grundsätzlich aber haben wir alle Themen auf dem Tisch, die man als Mensch nur besprechen kann – vom Einsatz des Software-Programms Onenote für mein duales Studium bis zu Problemen in der privaten Partnerschaft. Ich würde sagen: Wir sprechen über Gott und die Welt.

Bothner: Außerdem haben wir uns gegenseitig unsere Abteilungen gezeigt, unsere Aufgabenbereiche erklärt und haben an Meetings des anderen teilgenommen.

Wolfrum: Herr Bothner ist seit 20 Jahren im Unternehmen und nicht nur dank seiner Position in der Personalentwicklung sehr gut vernetzt. Durch ihn konnte ich viele neue Leute kennenlernen.

Bothner: Fast unglaublich, mit wie vielen Kollegen aus meiner Abteilung sich meine Tandempartnerin mittlerweile zum Essen verabredet. Fast noch bedeutsamer als der fachliche Austausch aber erscheint mir unser Gespräch über Werte: Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit, Treue. Was versteht man heute unter Führung? Was ist wichtig im Leben? Und da war für mich interessant zu sehen, dass der Altersunterschied im Prinzip gar nicht feststellbar war.

Wolfrum: Und doch sind die Sichtweisen des erfahrenen Kollegen eine Alternative. Sie bieten uns Jüngeren gerade in schwierigen Situationen oder Konflikten nochmal einen anderen Blickwinkel und eine andere Herangehensweise.

DSZ: Könnte man sich diesen Rat nicht auch vom Vater oder Onkel holen?
Wolfrum: Nun, Familienangehörige sind vielleicht nicht immer ganz unvoreingenommen oder neigen dazu, eine Sache schönzureden, um niemandem wehzutun. Ein Rat, der von außen kommt, ist – im besten Fall – neutral, sachlich auf den Punkt und nichts, was man persönlich nehmen muss.

Bothner: Ich hab zwei Pflegekinder, eines im Alter meiner Tandempartnerin, und mehrere Jahre Jugendarbeit gemacht. Mich interessiert, was ich „Charakterschule“ nenne: das Heranreifen, das Entwickeln von allgemeingültigen Werten. Das war mir bei der Erziehung meiner Kinder genauso wichtig wie im Austausch mit der Kollegin.

DSZ: Das klingt nach einer durchaus engen Beziehung.
Bothner: Aus der Begegnung ist tatsächlich eine Freundschaft entstanden. Das ist sicher ungewöhnlich…

Wolfrum: …und natürlich auch nicht jedem Tandem gelungen. Manche Paare haben sich schon früher wieder aus den Augen verloren. Es gab von Seiten des Arbeitgebers ganz bewusst keine festen Spielregeln für diese neue Methode des Austausches: keinen bestimmten Turnus für die Treffen, keine vorgegebenen Themen, keine zeitliche Befristung. Lediglich eine Checkliste, die jedes Tandem nach eigenem Gusto anpassen konnte.

Bothner: Wir treffen uns seit 2016 sehr regelmäßig alle zwei bis vier Wochen, und es ist immer interessant und bereichernd. In zwei Jahren werde ich allerdings in den Ruhestand gehen – wenn mich meine Tandempartnerin lässt.

Wolfrum: Naja, er muss halt versprechen, alle vier Wochen vorbeizukommen.