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| Dresscode

Wenn der Knoten platzt, schauen alle hin

Der Vorstandschef mit offenem Kragen, der Berater in Hemdsärmeln: Lockern Sparkassen ihre Kleiderordnung, interessiert das nicht nur die Belegschaft. Auch für die Medien sind die neuen Dresscodes ein Thema.

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Eine Kurzversion dieses Artikels war im Februar veröffentlicht worden.

In so manchem Haus empfing der Vorstand die Journalisten zur diesjährigen Bilanzpressekonferenz mit offenem Hemdkragen – und machte die neue Kleiderordnung damit auch gleich zum Tagesordnungspunkt. Wie unlängst bei der Sparkasse Essen: Etliche Medien berichteten nach der Konferenz nicht nur über die Geschäftszahlen, sondern auch über halboffene Schuhe und hochge­krempelte Ärmel. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ schrieb von einem „neuen Zeitalter“, der „Westdeutsche Rundfunk“ nannte die Umstellung des Instituts auf den „Business-Casual“-Stil gar "revolutionär". Dabei haben zahlreiche Sparkassen in den vergangenen Jahren einen neuen Dresscode eingeführt, ebenfalls begleitet von regem Interesse der Presse: Man las Berichte in Lokalzeitungen, Kommentare in Branchenblättern, selbst ein Essay in der „Zeit“.

Der neue Auftritt der Sparkassen wird dabei tendenziell wohlwollend betrachtet. Anders war es vor einigen Jahren der UBS ergangen. Damals war ein 44-seitiges Regelwerk der Schweizer Großbank publik geworden, das Mitarbeitern detaillierte Vorgaben zu Frisur, Feuchtigkeitscreme und fleischfarbener Unterwäsche machte. Nach einem öffentlichen Aufschrei war die Kleiderordnung schnell verschlankt und auf das Wesentliche reduziert worden: dunkler Anzug, weißes Hemd oder Bluse, rote Krawatte oder Tuch, schwarze Schuhe.

Der Anlass entscheidet über das Äußere

Ludger Braam staunt, welchen Stellenwert das Thema Stil bei Medien und Mitarbeitern zu haben scheint – während es den Kunden offenbar weniger interessiere. Der Pressesprecher der Sparkasse Rhein-Maas hat selbst erst Fragen zur neuen Dienstkleidung seines Instituts beantworten müssen. Denn seit Aschermittwoch darf es rund um die Stadt Kleve statt des Anzugs nun auch eine ordentliche Kombination aus Hose, Hemd und Sakko sein. Wobei der Anlass entscheide: Erwarte der Kunde förmliche Kleidung, soll sie auch getragen werden. Bei Terminen auf dem Land wähle man dagegen etwas Praktischeres, sagt Braam. Eine Arbeitsgruppe hatte die Dresscodes verschiedener Kreditinstitute verglichen und mit dem Vorstand Vorschläge diskutiert.

 
Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen hat die Entstehung des Leitfadens ihrer neuen Kleiderordnung in einem „Making of“-Film festgehalten. © Sparkasse

Die Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen hat ihr Umstyling währenddessen selbst zum Thema gemacht. Auf Youtube und Facebook soll man sehen, wie sich Vorstand und Mitarbeiter künftig präsentieren wollen: zeitgemäß, nahbar, typgerecht. Mitarbeiter wurden als Models für eine interne Broschüre fotografiert. Das „Making of“ dieses Leitfadens wird für die Außenkommunikation genutzt. Andere Häuser haben ihren neuen Stil ebenfalls in sozialen Medien, Blogs und Pressemitteilungen thematisiert.

Ein Vorreiter der neuen Ära in Sachen Arbeitskleidung war die Haspa. Seit Mai 2016 sind bei Deutschlands größter Sparkasse statt ausschließlich Anzug und Kostüm oder Krawatte und Halstuch auch Jeans, Chinos und offene Kragen möglich. Die Idee stammte von einem Auszubildenden, der auf einer Tagung sagte, dass förmliche Kleidung Distanz zum Kunden aufbaue. Eine professionelle Stilberaterin entwickelte daraufhin den neuen Dresscode. Die Besonderheit: Bei der Hamburger Sparkasse können sich die Mitarbeiter im Stil dem Stadtviertel anpassen, in dem sie arbeiten.

Auch die Stadtsparkasse München hat sich 2016 für ihr neues Auftreten Hilfe von außen geholt: Die Mode­bloggerin Lisa Schüller stand dem Unternehmen bei der Entwicklung eines Style-Guides beratend zur Seite und lieferte verschiedene Textbeiträge. Der Münchner Style-Guide ist wie ein Mode-Magazin mit vielen Fotos und Tipps gestaltet (siehe Anhang unten). Da geht es etwa um Farbauswahl und Accessoires wie Uhren oder Ketten, um Tücher und Schals – und darum, wie man sie binden kann. Auch hier standen Mitarbeiter Modell, schließlich sollten für alle Altersklassen und Figurentypen Empfehlungen gegeben werden. Der 50-seitige Leitfaden ist noch immer aktuell und wird weiter an die neuen Auszubildenden verteilt, sagt Pressesprecherin Susanna Fried. Nur die Trachtenkollektion mit eingewebtem Sparkassen-Logo gibt es mittlerweile nicht mehr zu kaufen.

88 Prozent der Kunden waren für das Legere

Die Expertise im eigenen Haus hat die Sparkasse Worms-Alzey-Ried gesucht. Elena-Laureen Schuster und Ismail Uzunoglu, zwei Auszubildende mit Erfahrung in der Modebranche, waren 2016 vom Personal- und Kommunikationsbereich damit betraut worden, die Meinung von Kollegen und Kunden zum Thema Kleidung einzuholen. Mit jeweils 100 Personen führten sie Gespräche. Das Ergebnis war eindeutig: 88 Prozent der befragten Kunden befürworteten einen legereren Stil. Er sei „zeitgemäß“, helfe „Nähe schaffen“ und wirke „nicht so überheblich“, so die Kommentare.

Zusammen mit den beiden Azubis tüftelten daraufhin zwei Arbeitsgruppen – nach Geschlechtern getrennt – Richtlinien aus, die in einem Style-Guide zusammengefasst wurden. „Wenn Sie unsicher bei Ihrem Outfit sind, achten Sie auf das 2:1-Verhältnis“, heißt es da zum Beispiel: „Zwei Kleidungstücke Ihrer Garderobe sollten aus der Kategorie ,Business‘ sein, das andere gern leger.“ Im Frühling würden nun die aktuellen Modetrends auf die Business-Casual-Tauglichkeit geprüft, sagt Pressesprecherin Esther Reder. Dabei sollen auch „Mode-Sünden“ angesprochen werden, die sich in der warmen Jahreszeit eingeschlichen haben.

 
Kunden stimmen derzeit über den künftigen Dresscode der Frankfurter Sparkasse ab. Dutzende Medien berichteten über die ungewöhnliche Vorgehensweise. © Sparkasse

Die Frankfurter Sparkasse befragt derzeit ihre Kunden, an welchem Kleidungsstil sich ihre Beschäftigten künftig orientieren sollen. In ausgewählten Filialen wurden Terminals aufgestellt, die drei verschiedene Fotos zeigen, auf denen Beschäftigte Dresscode-Varianten präsentieren. Kunden können mit einer einfachen Berührung des Touch-Screens angeben, von welchem Team sie sich am liebsten beraten lassen würden. „Anhand der Ergebnisse wird man Empfehlungen erarbeiten, welche die Mitarbeiter als Orientierungsrahmen und Inspirationsquelle nutzen können“, so Robert Restani, Vorstandsvorsitzender der Frankfurter Sparkasse, in einer Mitteilung. Dutzende lokale und überregionale, selbst internationale Medien wie Bloomberg berichteten über die Vorgehensweise.

Modern und wandlungsfähig zeigen sich heute viele Belegschaften von Sparkassen. Manche Mitarbeiter fühlen sich in gehobener Freizeitkleidung wohler, dem Kunden ebenbürtiger und sehen einen finanziellen Gewinn darin, sich keine separate Garderobe für die Arbeit anschaffen zu müssen. Ein individuellerer Kleidungsstil kann auch die Persönlichkeit des Beraters und die Vielfältigkeit der Belegschaft betonen. Andere Kollegen wiederum möchten nicht auf ihre Krawatte verzichten, sehen in der Seriosität ihres Äußeren ihre Fachkompetenz gut gespiegelt und unterscheiden gern zwischen einem Auftreten im Dienst und in der Freizeit. Sie dürfen ihr gewohntes Outfit gern weiter tragen, eine Verpflichtung zur aufgelockerten Garderobe gibt es wohl in keinem Institut. Bei einer Umfrage der SparkassenZeitung gaben rund zwei Drittel der Teilnehmer an, die Wahl der Krawatte – oder ihr Weglassen – sollte jedem Mitarbeiter selbst überlassen werden. Ein Drittel sagte, die Kleiderordnung sollte im Institut einheitlich sein. Gern können auch Sie, liebe Leser, hier noch einmal abstimmen.

Die neu eingeführten Dresscodes unterscheiden sich kaum von Haus zu Haus. Blazer zu dunkler Bluejeans, Sakko und Schnürschuhe, feine Cardigans und Stiefeletten. Das Zeigen von Tätowierungen und Piercings ist dagegen selten erlaubt. Hier macht die Sparkasse Hochschwarzwald eine Ausnahme. „Unauffällige Nasen- und Ohrpiercings und dezente Tattoos ohne politische und religiöse Statements werden akzeptiert“, heißt es auf der Internetseite des Instituts.