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| Fachtagung

Regulierung wird zum Risiko

Durch das Übermaß drohen die Regeln, die Risiken der Banken eindämmen sollen, nun selbst gefährlich zu werden.

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Trotz Tausender Seiten neuer Regeln, die die Regulatoren in den zehn Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise verfasst haben, hält Matthias Bergner, Leiter der Abteilung Sparkassenpolitik und Bankenaufsicht beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, das Finanzsystem nicht für unverwundbar: "Ob das System wirklich sicherer geworden ist, wird erst die nächste Finanzkrise zeigen", sagte er bei der Risikofachtagung des Verbands in Berlin Die nächste Krise "kommt dann vermutlich wieder aus einer unerwarteten Ecke. Und sie wird uns abermals beweisen, dass man eben nicht alle Risiken vorhersagen, erfassen und damit ausschließen kann".

Seine Rede nutzte Bergner, der in Vertretung des wegen auswärtiger Termine verhinderten Geschäftsführenden DSGV-Vorstandsmitglieds Karl-Peter Schackmann-Fallis sprach, um aufmerksam zu machen auf "ein aus unserer Sicht unterschätztes Risiko": die zu geringe Proportionalität der Regulierung. Dass die Regeln, mit denen im Interesse der Finanzstabilität die Risiken systemrelevanter Institute kontrolliert werden sollen, mittlerweile für alle Kreditinstitute angewendet würden, benachteilige kleinere Institute: Kosten der Umsetzungsprojekte, der Dokumentationspflichten, des Meldewesens und der organisatorischen Anforderungen in Risikomanagement und Compliance belasteten sie übermäßig stark.

"Zu viele und zu unklare Regeln"

Seit 2008 seien mehr als 270 Genossenschaftsbanken und 45 Sparkassen in größeren Einheiten aufgegangen, rechnete Bergner vor: "Und in immer mehr Fällen liegt es daran, dass das Übermaß regulatorischer Vorgaben die Institute betriebswirtschaftlich überfordert, obwohl sie am Markt erfolgreich sind." Die Sparkassen-Finanzgruppe werbe deshalb für eine handwerklich bessere Regulierung, die nach Systemrelevanz und Geschäftsmodell abgestuft sein müsse. Gegenwärtig kämpfe man gegen "nicht nur zu viele, sondern auch zu unklare Regeln".

Eine Mikroregulierung mit Tausenden Details bedrohe das dezentrale Geschäftsmodell der kreditwirtschaftlichen Verbünde in Deutschland, warnte Bergner. Denn: "Die kumulierte Wirkung der Anpassungsmechanismen erodiert die Eigenkapitalbasis, reduziert die Erträge, steigert die Kosten und erhöht indirekt die Risikobeiträge." Dabei seien gerade die Sparkassen und Genossenschaftsbanken darauf bedacht, Risiken gut auszutarieren und breit zu streuen – und so Finanzkrisen vorzubeugen.

Die brenzlige Lage vieler kleiner und mittelgroßer Kreditinstitute erkannte auch Linette Field an, stellvertretende Generaldirektorin Mikroprudenzielle Aufsicht III bei der Europäischen Zentralbank (EZB). So haben die Frankfurter Aufseher ermittelt, dass die – in ihrer Terminologie weniger bedeutenden und daher indirekt durch nationale Behörden beaufsichtigten – kleineren Institute auch in den nächsten Jahren keine signifikante Verbesserung von Profitabilität und Effizienz erwarteten.

EZB erkennt Belastung durch niedrige Zinsen

Ihr Augenmerk wollen die EZB-Aufseher daher wie im Vorjahr auf Geschäftsmodelle richten, die Risikosteuerung und Kreditrisiken, hier je nach Institut und Land insbesondere auf faule Kredite, die sogenannten Non-Performing Loans (NPL). Für deutsche Institute erkennt die Aufsicht, dass insbesondere höhere Wertberichtigungen und niedrigere Zinsüberschüsse in den kommenden Jahren die Ergebnisse belasten.

Wie das Risikocontrolling die strategischen Veränderungsprozesse unterstützen kann, die in vielen Sparkassen anstehen, beleuchtete bei der Fachtagung Nicole Handschuher; sie ist im Vorstand der Sparkasse KölnBonn zuständig für Finanzen, Controlling und Risikomanagement. Sie wies zum einen auf die Möglichkeiten hin, durch eine Optimierung der risikogewichteten Aktiva Freiräume für Neugeschäft zu schaffen, das gebraucht wird, um neue Erträge zu generieren. Zugleich könnten Risikocontroller aufgrund ihrer genauen Kenntnisse an Optimierungen der Bilanzstruktur mitwirken, die die Ertragskraft stärken können. Und nicht zuletzt kennen Risikocontroller durch ihren genauen Blick auf das Unternehmen häufig Prozesse und Schnittstellen, an denen effizienter gearbeitet und zugleich die Komplexität eines Instituts reduziert werden könne.

Hoffnungsvoll stimmte Folker Hellmeyer, der scheidende Chefanalyst der Bremer Landesbank, das Plenum: Die USA, deren Präsident Donald Trump für viel Verunsicherung sorgt, hält der Ökonom für überschätzt. Die Eurozone hingegen, der er anziehendes Wachstum voraussagt, wird seiner Meinung nach unterschätzt.