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| Digitale Revolution

„Die Mitarbeiter von der Leine lassen“

Künstliche Intelligenz wird das Banking völlig verändern. Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie, erklärt, warum Berater dennoch unersetzbar sind.

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DSZ: Herr Prof. Rieck, Sie sagen, große technische Innovationen würden nicht nur einen kleinen Bereich verändern, sondern das gesamte Ökosystem.
Prof. Christian Rieck: Ich sage, dass sich neue technische Möglichkeiten mit gesellschaftlichen Entwicklungen gegenseitig zu etwas völlig Neuem hochschaukeln. Die Erfindung des Motors hat nicht einfach nur die damals bestehenden Produktionsstätten produktiver gemacht, sondern die Gesellschaft und die Wirtschaft völlig umgekrempelt. So wird das auch mit den technischen Neuerungen sein, die im Moment entstehen.

DSZ: Was heißt das für das Finanzsystem? Inwiefern wird es durch die Digitalisierung zu etwas grundstürzend Anderem?
Rieck: Wir dürfen nicht glauben, dass die derzeitigen Neuerungen einfach nur eine effektiver arbeitende Bank hervorbringen werden. Die jetzigen Neuerungen beziehen sich auf die Kundenbeziehung und die Geschäftsmodelle und verlassen damit die bisherigen Strukturen.

 
Prof. Christian Rieck: "Wir Menschen müssen auf das setzen, was die Maschinen schlecht können." © Privat

DSZ: Was wird beispielsweise mit dem Geld passieren? Wird etwas völlig Anderes daraus?
Rieck: Wenn keine Währungskrise kommt, dann wird sich die Geldkonstruktion nicht grundsätzlich ändern. Wegen der bestehenden Netzwerkeffekte ist ein System wie das Geldsystem praktisch nicht zu verdrängen. Sollte es hingegen zu einer Krise kommen, dann haben alternative Geldkonstruktionen eine echte Chance. Ich habe dazu ein eigenes Konzept entwickelt, das sogenannte Digni-Geld. Das ist eine Geldkonstruktion, bei der das Zentralbankgeld durch Anteile am Kapitalstock der gesamten Volkswirtschaft ersetzt wird. Dieses Geld hätte zugleich den Vorteil, dass es den normalen Einkommensempfänger an dem Ertrag der Digitalisierung beteiligt.

DSZ: Was wird Guthaben, was werden Schulden bedeuten?
Rieck: Hier beginnt es, philosophisch zu werden. Nach meiner Vorstellung sollte ein Geld der Zukunft immer an dem Produktivkapital einer Volkswirtschaft beteiligen. Wenn das so ist, dann ändert sich an Guthaben nicht viel gegenüber heute, außer dass man keine Angst vor Wertschwankungen des angelegten Vermögens haben muss, weil die Anlage ja in dem Geld automatisch investiert ist. Schulden würden den Charakter aber völlig ändern. Die derzeitige Funktion von Kredit, zugleich Geld zu schöpfen, würde dann wegfallen. Aber ich glaube, Sie lesen am besten mein Buch: „Digni-Geld – Einkommen in den Zeiten der Roboter“.

DSZ: Brauchen wir in zehn oder 20 Jahren überhaupt noch Banken?
Rieck: Es gibt Banken seit mehreren Jahrhunderten, und meist ist die Zeit, die etwas schon bestanden hat, ein guter Indikator dafür, wie lange es noch bestehen wird. Die Grundfunktion der Banken werden wir sicherlich auch noch in 20 Jahren brauchen. Dazu gehören das Verwahren von Werten und das Zusammenführen von Geld, das gespart werden soll, mit dem Investitionsbedarf an anderer Stelle. Damit in Verbindung steht die Geldschöpfung, die in unserem derzeitigen System eine wichtige Rolle spielt und die ich auch in naher Zukunft nirgends anders als im Bankensystem sehe. Es sei denn natürlich, das Geldsystem selbst ändert sich.

DSZ: Brauchen wir in 20 Jahren aber auch noch Bankfilialen?
Rieck: Wir brauchen davon ziemlich sicher deutlich weniger als bisher, denn zwei klassische Filial-Tätigkeiten werden abnehmen: Erstens Formalien wie Unterschriften und zweitens Beratung. Ich erwarte, dass viele Bankfilialen in kleine Agenturen umgewandelt werden, ähnlich den Postshops, und andererseits einige größere „Erlebnis“-Filialen entstehen, die in erster Linie Marketing-Aufgaben übernehmen.

 
Trotz großer Kulleraugen: Bei den Punkten Empathie und Originalität können es Maschinen nicht mit Menschen aufnehmen. © dpa

DSZ: Und schließlich: Brauchen wir dann noch Bankberater?
Rieck: Über einen Zeitraum von 20 Jahren gesehen: sehr viel weniger als heute. Allerdings ist die Übergangszeit recht lang. Wir konnten in einer Untersuchung zeigen, dass Berater aus Fleisch und Blut derzeit noch eine wichtige Funktion übernehmen.

DSZ: Sie sagen, das Erfolgsmodell für die Zukunft sei die Koppelung von Mensch und Maschine. Wie kann das aussehen bei einem Kreditinstitut beziehungsweise bei einem Bankberater?
Rieck: Wenn ich das genau wüsste, würde ich ein Unternehmen gründen, das genau das anbietet, und dann sehr reich damit werden (lacht). Im Moment stehen jede Menge Fintechs bereit, um genau das herauszufinden. Aber eines steht fest: Damit es zu einer Kombination von Mensch und Maschine kommt, müssen sich die beiden ergänzen, das heißt, wir Menschen müssen auf das setzen, was die Maschinen schlecht können.

Und das ist im Moment: Spezialfälle, Originalität und Empathie. Leider sind das zugleich Punkte, die Bankmitarbeiter in der Vergangenheit auch nicht sehr ausgeprägt gebraucht haben – genau deshalb sind sie ja im Moment vergleichsweise leicht ersetzbar. Aber es sind auch Punkte, die uns Menschen liegen und die wir leicht lernen können. Dazu müssen wir unsere Mitarbeiter nur von der Leine lassen und sie nicht so behandeln, als seien es die Frontends von Computern.

 
„… dann eröffnen sich neue Welten“ © dpa

DSZ: Damit haben Sie deutlich gemacht, wo die Künstliche Intelligenz (KI) dem Berater unterlegen ist. Aber was kann die KI, was der Berater nicht kann?
Rieck: Sie kann mit geringen Kosten eine einmal eingeschlagene Strategie nachhalten. Damit kann sie beispielsweise eine hochwertige Vermögensverwaltung auch für ganz andere Kundenkreise anbieten als bisher. Was sie allerdings auch nicht kann, ist die Zukunft vorherzusagen. Viele machen sich da völlig falsche Vorstellungen.

DSZ: Sie haben in Ihrem Vortrag bei der Scope" in Offenbach gesagt: „Wir leben in einer absoluten Goldgräberzeit“. Warum haben wir so oft den gegenteiligen Eindruck? Und was stimmt Sie so optimistisch?
Rieck: Sie haben deshalb einen anderen Eindruck, weil sie die Verteidiger des Bisherigen sind. Banken waren schon immer hochinnovative Unternehmen, auch wenn sie nicht diesen Ruf haben. Die Innovationen beschränkten sich aber darauf, einen bestehenden Stand und die jeweils neue Regulatorik noch besser umzusetzen. Die jetzigen Innovationen beziehen sich aber auf Änderungen im Geschäftsmodell, der Kundenstruktur und der Abläufe. Das sind nicht die Punkte, auf die man zuerst schaut, wenn man in einer Branche zu Hause ist. Wenn man das Prinzip dahinter aber erst einmal verstanden hat, dann eröffnen sich neue Welten.

Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der an der Frankfurt University of Applied Sciences, erforscht unter anderem die Zukunft von Geld und Kreditinstituten. Die Fragen stellte Peter Müller.