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| Überarbeiteter RTF-Leitfaden (2)

Impulse für künftige Risikotragfähigkeit

Im Februar 2019 hat die Deutsche Bundesbank ein „Range of Practice“-Papier veröffentlicht und darin die Erfahrungen aus den Meldungen zur Risikotragfähigkeit aus den Jahren 2015 bis 2017 zusammengetragen. Die Inhalte beziehen sich somit auf die bisher umgesetzten Konzepte zur Risikotragfähigkeit als Going- oder Gone-Konzern-Ansatz. Ableiten lassen sich jedoch auch Impulse und Auslegungen für künftige Regularien, die sich aus dem neuen aufsichtlichen RTF-Leitfaden vom Mai 2018 ergeben.

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Die Deutsche Bundesbank kommt in ihrem „Range of Practice“-Papier zu dem Ergebnis, dass die aktuellen Steuerungskreise der Institute weitestgehend effektiv sind. Da ein Großteil der Less Significant Institutions (LSIs) einen Going-Concern-Ansatz verfolgt, sieht sie in den nächsten Jahren einen erhöhten Umstellungsaufwand in Richtung ökonomische Perspektive. Ein erster Überblick über die Neuerungen und eine grundsätzliche Vorgehensweise ist im ersten Teil der Serie beschrieben worden.

Wertorientierte Steuerungskreise

Institute wenden in einzelnen Fällen bereits heute einen zweiten wertorientierten Steuerungskreis an, um die Risikotragfähigkeit sicherzustellen. Dabei ermitteln diese ihr Risikodeckungspotenzial entweder durch die Zusammenführung aller Vermögenswerte auf Basis von Bar- und Marktwerten oder durch die Berücksichtigung stiller Reserven und Lasten – in Ergänzung zu den aufsichtlichen Eigenmitteln. Bei beiden Varianten erfolgt eine Korrektur um den Kostenbarwert und erwartete Verluste. Werden diese Steuerungskreise als Fortführungsansatz angewendet, so ziehen die Institute sehr häufig die benötigten Eigenmittel von der Ausgangsgröße ab, um das einsetzbare Risikodeckungspotenzial zu ermitteln.

Trotz des damit verbundenen methodischen Problems, barwertige und bilanzwertorientierte Größen in einem Steuerungskonzept zusammenzu­führen, ist diese Vorgehensweise bisher von der Aufsicht akzeptiert worden. Unterstützt wird diese Einschätzung auch durch das RTF-Meldewesen. Im Meldebogen RDP-BW werden ebenfalls beide Kompo­nenten zusammengeführt. Darüber hinaus fließen über die verlustfreie Bewertung des Bankbuchs gemäß RS IDW BFA 3 bereits bar- und marktwertorientierte Bewertungen in die Eigenkapital- und damit Eigenmittelpositionen ein.

Im „Range of Practice“-Papier hält die Aufsicht zwar fest, dass Mischformen aus bilanzwert- und barwertorientierten Steuerungskreisen kritisch einzustufen sind. In der bisherigen Prüfungspraxis ist dieser Aspekt jedoch nicht ausgeschlossen worden. Darüber hinaus werden in den neuen RTF-Vorgaben in der ökonomischen Perspektive barwertnahe Konzepte akzeptiert, die etwa von den Eigenmitteln und damit auch Bilanzpositionen ausgehen. Sie werden um Korrekturpositionen ergänzt und dann barwertigen Risiken gegenübergestellt.

Vergleichsmaßstäbe in der RTF

Die Bundesbank hat in ihrem Papier erstmals einen weitgefassten Vergleich der LSIs innerhalb der Risikotragfähigkeit vorgenommen und veröffentlicht. Zu diesem Zweck stellt sie die Gesamtrisiken bzw. das Gesamtrisikolimit dem aufsichtlichen Risikodeckungspotenzial gegenüber und versucht so, die Risikolage bzw. den Risikoappetit vergleichbar zu machen. Bei ihrer Bewertung wird nach Größe der Institute anhand der Bilanzsumme, der unterschiedlichen Zielsetzung der Steuerungskreise und der methodischen Unterschiede anhand des in der Risikomessung verwendeten Konfidenzniveaus unterschieden.

In den aktuellen RTF-Steuerungskreisen erschwert die methodische Vielfalt einen Vergleich hinsichtlich Risikolage und -appetit. Dabei sollte jedoch nicht nur das Konfidenzniveau berücksichtigt werden. Vielmehr können weitere wichtige Unterschiede vorliegen. Beispielhaft ist auch auf die ver­schiedenen statistischen Methoden oder das szenariobasierte Vorgehen sowie die unterschiedlichen Definitionen in der Risikomessung hinzuweisen.

Hinsichtlich der Risikostruktur erfolgt im aufsichtlichen Papier ein Mapping auf die wesentlichen Risikoarten gemäß den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk). Es ist daraus zu schließen, dass die einzelnen Risikoprofile der Institute untereinander abweichen, was den grundsätzlichen Antritt der MaRisk und auch die Berücksichtigung der internen Steuerung widerspiegelt.

Erkennbar wird, dass die Bundesbank grundsätzlich das Ziel eines Benchmarkings in der Risikotragfähigkeit verfolgt. Hier wird es vor allem für die künftige RTF wichtig sein, auf gegebenenfalls materiell wichtige Unterschiede unter den LSIs hinzuweisen. Auch der Zweck einer etwaigen Gruppierung nach Bilanzsumme ist dabei zu hinterfragen.

SREP-Zuschläge

Abzuwarten bleibt, in welcher Form sich die künftigen Risikowerte der RTF in der aufsichtlichen Festlegung des harten SREP-Zuschlags für weitere wesentliche Risiken niederschlägt. Der bisher berücksichtigte relative Anteil dieser Risikoarten am Gesamtrisiko sollte ursprünglich die Auswirkungen methodischer Unterschiede in den einzelnen Instituten schmälern. Dies gilt auch für die künftige RTF-Ausgestaltung, da der aufsichtliche RTF-Leitfaden aus dem Jahr 2018 im Bereich der Risikomessung in der ökonomischen Perspektive kaum methodische Vorgaben macht und davon auszugehen ist, dass Institute bzw. Institutsgruppen verschiedene Risikoquantifizierungsmethoden anwenden werden. Als Beispiel sei an dieser Stelle nur an die statistischen Methoden „moderne historische Simulation“ und „Varianz-Kovarianz-Verfahren“ erinnert.

Da in den kommenden Jahren Institute bzw. Institutsgruppen zu unter­schiedlichen Zeitpunkten auf die neue RTF umstellen werden, sollte laufend überprüft werden, ob für die dann sehr vielfältigen Risikomes­sungen nach „alter“ und „neuer“ RTF ein einzelnes SREP-Bucketsystem ausreichend ist.

Fazit und Ausblick

Auch wenn sich das „Range of Practice“-Papier der Bundesbank nur auf die bisherigen RTF-Verfahren bezieht, so sollten die grundsätzlichen Schluss­folgerungen der Aufsicht differenziert beurteilt werden. Sie stellt auch klar, dass sie mit den veröffentlichten Ergebnissen keine größeren Anpassungen an den bestehenden RTF-Konzepten anstoßen möchte. Die künftige Konzentration zielt vielmehr auf die Umsetzung der ökonomischen Perspektive ab.

Aus den Ergebnissen der aufsichtlichen Analysen lassen sich auch Orientierungsgrößen für die künftige RTF ableiten. Teile der Erkenntnisse zu Gone-Concern-Ansätzen können die ersten Probeergebnisse aus der neuen RTF ergänzen. Langfristig ist davon auszugehen, dass die Aufsicht verstärkt Benchmark-Überlegungen in die Beurteilung der Risikolage bzw. des Risikoappetits einfließen lässt. Dieser Prozess sollte kritisch begleitet werden.

Autor
Jörg Friedberg ist Abteilungsdirektor und Leiter der Gruppe Liquiditäts­management und Refinanzierung im Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.