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| Internationaler Zahlungsverkehr

In der Kette durch digitale Räume

Marco Polo, Finledger, Debtvision − in diversen Blockchain-Projekten loten Verbundpartner die Chancen neuer Transaktionstechniken aus. Das soll auch das internationale Firmenkundengeschäft zum Fliegen bringen.

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In einer berühmten Szene des Schülerstreich-Filmklassikers Die Feuerzangenbowle fragt der Physiklehrer im rheinischen Dialekt: „Wat issene Dampfmaschin?“ Seine Antwort: „Dat is ne jroße schwarze Raum, und der hat zwei Löcher. Durch dat eine Loch, da kömmt der Dampf rein, und dat andere Loch – dat kriegen wir später.“

Nicht viel anders könnte man auch die Blockchain erklären. Auf der einen Seite der Kette wird eine Zahlung losgeschickt, und auf der anderen – kommt sie an. Dazwischen liegt „ein großer schwarzer Raum“. Den zu erkunden und für die Sparkassen nutzbar zu machen, darum geht es bei drei aktuellen Initiativen aus dem Verbund. Sie zeigen Pioniergeist, gehen völlig neue Kooperationen ein und bringen die Sparkassen-Finanzgruppe in eine starke Ausgangsposition für neue Transaktionsverfahren.

Globale Geschäfte für kleine Institute und Kunden

Kleine Unternehmen und kleine Sparkassen haben eine gemeinsame Schwäche: Es ist für sie vergleichsweise aufwändig, sich strukturell für Außenhandelsaktivitäten und internationale Geschäfte aufzustellen. Deshalb liegt seit Jahren der Marktanteil der Sparkassen am internationalen Geschäft deutlich unter ihrem Potenzial im gewerblichen Kreditgeschäft. Hier setzt die gemeinsame Trade-Finance-Initiative der Helaba, der BayernLB, der LBBW und der S-Servicepartner GmbH an. Die vier Verbundinstitute kooperieren untereinander und mit dem Marco-Polo-Netzwerk aus 22 internationalen Banken.

Das Marco-Polo-Netzwerk testet den Einsatz von Blockchain-Lösungen für Anwendungsfälle, die bisher für kleine Firmen oft noch zu teuer, aber für die Beteiligung an internationalen Geschäften notwendig sind. So könnten etwa Akkreditive durch Open Accounts ersetzt werden. So kann der Kunde beispielsweise sehen, ob ein Vorgang noch im Zoll liegt oder schon weiter ist.

Die Absicherung von Außenhandelsgeschäften und weitere Finanzierungsformen werden bis Ende 2019 pilotiert. Die vier Partner aus dem Verbund investieren hierfür gemeinsam 600.000 Euro; noch einmal dieselbe Summe kommt aus dem Unterstützungsbudget des DSGV für Innovationsvorhaben.

Blockchain ist ein Vertrauensverbund

Bei Marco Polo begeben sich Institute der Sparkassen-Finanzgruppe in ein größeres System, das sie nicht allein steuern können – das ist neu. Sie investieren in eine Technologie, die Daten verkettet, das Management dieser Daten verteilt und auch die Verschlüsselung dezentralisiert hat. Denn die Blockchain ist so etwas wie ein kollektiver Handschlag: Nicht nur zwei Vertragspartner sagen „passt so“, sondern die Gemeinschaft aller Beteiligten dokumentiert die Richtigkeit der Vertragsabwicklung. Anders gesagt: Die Blockchain ist ein Vertrauensverbund – und darin der Sparkassen-Finanzgruppe verwandt.

Im DSGV begleitet Frank Schreiber-Handschug die Entwicklung und erlebt, wie der Verbund über sich selbst hinauswächst. „Mit solchen Initiativen testen wir, was in der Blockchain-Welt geht – geschäftlich und technisch. Wir finden in diesem Ökosystem heraus, wie wir marktnahe Lösungen entwickeln und einsetzen können. Wir investieren und erbringen den Beweis, dass Blockchain überhaupt als Massenverfahren taugt. Dazu müssen wir uns trauen, auch mit potenziellen Wettbewerbern zu kooperieren. Das ist nicht nur für uns eine Umgewöhnung, sondern auch eine völlig neue Situation für das Kartell- und Wettbewerbsrecht. Hier sind immer wieder dicke Bretter zu bohren – aber es geht voran.“

Mit dem Wettbewerb kooperieren

Eine solche Kooperation ist die von der Deka und Helaba gemeinsam mit der dwp-Bank und der genossenschaftlichen DZ-Bank gegründete Blockchain-basierte Plattform Finledger. Daraus soll ein Marktstandard zur digitalen Abwicklung emittierter Schuldscheindarlehen werden, der nicht nur technisch „1 Voraus“ ist, sondern auch allen regulatorischen Anforderungen genügt.

Genau diese regulatorische Anerkennung ist nach Jahren des gemeinsamen Bemühens erreicht worden. Die Partner dieser Initiative gehen dadurch in Vorleistung für die gesamte Gruppe. Sie schultern nicht nur die Haftung und die regulatorischen Freigabeprozesse der neuen Anwendung, sondern sorgen auch dafür, dass die Sparkassen-Finanzgruppe technisch auf Augenhöhe mit hoch spezialisierten Fintechs bleibt.

Von der Regionalliga direkt in die Champions League

Die erste konkrete Blockchain-Anwendung der Gruppe war eine Schuldscheinfinanzierung der LBBW für den Daimler-Konzern 2017 über das Protokoll Ethereum. Inzwischen ist die Landesbank deutlich weiter und hat mit Corda ein weiteres Blockchain-Protokoll für sich ausprobiert. Auf Ethereum oder R3 Corda laufen die meisten Projekte der Gruppe.

Im Juni 2018 haben sich zwei regionale Partner zusammengetan, die aus Sicht von DSGV-Experte Schreiber-Handschug jedoch beide „technologisch extrem weit vorne“ sind. Gemeinsam mit der Börse Stuttgart gründet die LBBW eine digitale Plattform für Fremdkapitalfinanzierungen.

Sie bringt Anbieter und Investoren zusammen und ermöglicht ihnen, Transaktionen digital zu vermarkten und perspektivisch über die Blockchain abzuwickeln. Die Vertragspartner können dies eigenständig tun, oder eine von ihnen bevorzugte Bank einbeziehen. LBBW und Börse Stuttgart bieten diese digitale Plattform für Fremdkapitalfinanzierungen „neutral“ an. Sie schaffen eine Art öffentlichen Treffpunkt, wo Unternehmen, Finanzinstitute und öffentliche Hand effizient und direkt mit institutionellen Investoren zusammenfinden können.

Blockchain strategisch und rechtlich verankern

Die drei Blockchain-Initiativen des Verbunds zeigen beispielhaft, wie die Distributed-Ledger-Technologie genutzt werden kann: Die Außenhandelsfinanzierung mit dem Marco-Polo-Netzwerk erlaubt es den beteiligten Instituten, sich selbst zu verbessern und von Kunden als leistungsfähiger Anbieter wahrgenommen zu werden. Die Initiative ist mehr als ein markt-getriebenes technisches Experiment, das vor allem Prozesse optimieren und Kosten für Kunden verringern soll. Sie erschließt ganz neue Potenziale für Firmenkunden der Sparkassen.

Mit Finledger schließen sich die Beteiligten einem größeren System, dem digitalen Handel mit Schuldscheindarlehen, an und werden Teil einer Bewegung, die neue Standards sucht. Hier geht es darum, strategische Positionen abzustecken. Die Kooperation mit Wettbewerbern macht den Interessenausgleich innerhalb der Initiative anspruchsvoll, doch nur so hat ein neuer Standard auch die Chance, breit den Markt zu prägen.

Mit der dritten Initiative, dem volldigitalen Schuldscheindarlehen, geht die LBBW einen noch drastischeren Schritt: Sie geht hinaus in die Plattformwelt, schafft dort einen neuen Nutzen für Kunden, investiert eigenes Wissen und Geld – und verzichtet darauf, die Entwicklung bis ins letzte Detail kontrollieren zu können. Das ist der bisher weitgehendste geschäftspolitische Schritt, den Institute des Verbundes in Sachen Blockchain unternommen haben.

Alle drei Initiativen haben aber auch eines gemeinsam: Sie machen die Sparkassen-Finanzgruppe zum Gesprächspartner des Gesetzgebers, der in immer mehr Rechtsbereichen technologische Alternativen zum sogenannten Schriftformerfordernis berücksichtigen muss. Und sie sorgen dafür, dass die Gesamtheit der Sparkassen im internationalen Zahlungsverkehr alle strategisch relevanten Optionen bedienen kann: Instant Payment, Correspondent Banking, Swift – und Blockchain.