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| Aufsicht

Nachhaltiges Risikomanagement

Nachhaltigkeitsaspekte werden künftig die Risikoberechnung der Kreditinstitute beeinflussen. So lautete ein Ergebnis einer aktuellen Bafin-Konferenz. Die sieben wichtigste Erkenntnisse haben wir für sie aufgelistet.

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Mit der aufsichtlichen Ausrichtung zu Sustainable Finance ist ein Paradigmenwechsel eingeleitet. Dies machte die Bafin-Veranstaltung „Nachhaltige Finanzwirtschaft“ allzu deutlich. Die Bafin bleibt zwar bei ihrem Mantra: Kein regulatorischer Bonus ohne sachgerechten Bedarf. Gleichwohl finden Nachhaltigkeitsaspekte vor allem Eingang in das Risikomanagement von Kreditinstituten. Diesbezügliche aufsichtliche Erwartungen will die Bafin Ende des Jahres mit einem Merkblatt detaillieren.

 
Die Bafin wird bei der Beaufsichtigung der Kreditinstitute künftig auch Nachhaltigkeitsaspekte der Banken und Sparkassen berücksichtigen. © dpa

Nachhaltigkeitsrisiken sind existenzielle Risiken. Sie werden Leben, Gesellschaft und Wirtschaften in den kommenden Jahrzehnten massiv verändern. Die wissenschaftliche Evidenz über die radikalen, unumkehrbaren Folgen des Klimawandels und der Ressourcenknappheit ist seit langem eindeutig und unabweisbar. Sie dringt allmählich in das öffentliche Bewusstsein und die Gestaltung von Politik ein.

Die EU Kommission hatte im März 2018 mit einem Aktionsplan eine Strategie für ein Finanzsystem vorgelegt, das die EU-Agenda für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung unterstützen soll. Im „Network for Greening the Financial System“ schlossen sich Ende 2017 Zentralbanken und Aufsichtsbehörden zusammen, um die unumgängliche Transformation in eine CO2-arme Wirtschaft mitzugestalten.

Klimawandel wirkt sich auf Risikoberechnung aus

Auch die Bafin hat die Bedeutung erkannt und sich mit der Veranstaltung „Nachhaltige Finanzwirtschaft“ im Mai in Berlin des Themas angenommen. „Wir tun dies, weil es eine Notwendigkeit ist, auch seitens der Aufsicht sich so früh und so intensiv wie möglich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen,“ sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld in seiner Eröffnungsrede. Ihm zufolge stünden fundamentale Veränderungen von Vermögenswerten, Stichwort Stranded Assets, und Investments bevor.

Durch den Klimawandel hervorgerufene physische und transitorische Risiken würden umfrangreiche Anpassungsprozesse bei Unternehmen und in Branchen auslösen. Dies werde sich auf Marktrisiken, Kreditrisiken, operationelle und Geschäftsrisiken auswirken. Für Kreditinstitute gehe es daher insbesondere darum, die mit der Transformation einhergehenden Umwälzungen in ihrem Risikomanagement zu verankern, so der Bafin-Chef. Aufgabe der Aufsicht sei es wiederum, Nachhaltigkeitrisiken zu durchdringen und zu quantifizieren. Auftrag sei es vor allem, Risiken für das Finanzsystem zu erkennen und die beaufsichtigten Unternehmen aufzufordern, diese angemessen zu berücksichtigen, so Hufeld.

Und Klimarisken sind essenzielle Risiken. Entsprechend Markt- und Kreditrisiken müssen Banken auch Klima-, Nachhaltigkeits- und Umweltrisiken identifizieren, messen, steuern und überwachen. Das ergibt sich im Grunde bereits aus dem Kreditwesengesetz und den MaRisk. Insofern überrascht es nicht, dass die Bafin ein Merkblatt zu Nachhaltigkeit plant. Es wird die aufsichtlichen Erwartungen an Finanzunternehmen über den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken konkretisieren. Es richtet sich an alle Finanzunternehmen aus dem Versicherungs- als auch aus dem Bankensektor und darüber hinaus. Das Merkblatt soll die Erwartungen an die strategische Ausrichtung, die Aufbau- und Ablauforganisation und das Risikomanagement detaillieren, mit unter anderem einer Präzisierung von ESG-Anforderungen sowie Handlungsempfehlungen für den Managementprozess. Für die Kreditwirtschaft wird es Erwartungen insbesondere an das Risikomanagement und an die Strategieentwickklung aber auch an die Anlageberatung definieren. Das Merkblatt ist unverbindlich, wird also keinen Verordnungs- oder Gesetzescharakter haben. Es wird auch keinen Eingang in die MaRisk finden. Gleichwohl wird das Merkblatt ein aufsichtlicher Maßstab, den Kreditinstitute in der Praxis anzunehmen und zu berücksichtigen haben. Es wird laut Bafin keine zusätzlichen Meldeanforderungen, jedoch Informationen hinsichtlich Offenlegung enthalten. Die Veröffentlichung des Konsultationspapiers ist für Ende dieses Jahres vorgesehen. Das Konsultationsergebnis soll dann in den finalen Text mit einfließen.

Gleichwohl beabsichtigt die Bafin keine Steuerungsinstrumente hin zu mehr Nachhaltigkeit. Das machten Hufeld und Raimund Röseler, Exekutivdirektor Bankenaufsicht, auf der Veranstaltung deutlich. Das aufsichtliche Mantra sind und bleiben risikoorientierte Eigenkapitalanforderungen. Kein regulatorischer Bonus ohne sachgerechten Bedarf, hieß es mehrfach auf der Veranstaltung. Transitorische Risiken stellten keine Sonderrisiken dar, sondern seien integraler Bestandteil der Gesamtrisikobetrachtung. Es werde auch keinen Green supporting Factor geben, betonte Röseler, die Gestaltung der Eigenkapitalanforderungen bleibe streng risikoorientiert. Banken müssen alle wesentlichen Risiken identifizieren und steuern, und damit auch die Risiken, die aus den klimabedingten Veränderungen im Wirtschaftsalltag folgen. Die Bafin ließ keinen Zweifel daran, dass kein Finanzunternehmen an dem Thema Nachhaltigkeit vorbeikommen werde, wenn es langfristig am Markt bestehen bleiben wolle.

Risikobasierte Aufsicht meint logisch im Gegenzug natürlich, dass grüne beziehungsweise nachhaltige Exposures geringere Anforderungen auslösen, falls diese auch ein geringeres Risiko aufweisen. Hier sei es erforderlich, die Risiken zunächst zu analysieren, sagte Röseler. Und weil die diesbezüglich verfügbaren Daten nicht weit genug zurückreichten, müsse man mit einem gewissen Prognosemut vorgehen, so der Exekutivdirektor. Röseler wies auf Fragen aus dem Publikum auch darauf hin, dass Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken perspektivisch Eingang in den EBA-Stresstest finden werden. Über die Ausgestaltung müsse man noch reden. Die EBA habe die Diskussion gestartet, und nun gehe es darum, wie man den Stresstest justieren müsse und welchen Reformbedarf es gebe. Dazu gehöre auch, wie man Nachhaltigkeitselemente in den Stresstest einbaue. Da sei man zugegebenermaßen noch ziemlich am Anfang, sagte Röseler. Er könne sich vorstellen, dass der Stresstest in 2022 oder in 2024 solche Elemente beinhalten werde. Die Bafin werde sich im zweiten Halbjahr 2019 in einem Workshop intensiver damit beschäftigen, kündigte er an.

Hinsichtlich der Herausforderungen für kleine und mittelgroße Kreditinstitute in Bezug auf Nachhaltigkeit steht aus Aufsichtsperspektive das Risikomanagment im Vordergrund. Hier sieht Röseler die Sparkassenvorstände sehr gut in der Lage, die aufsichtlichen Anforderungen zu bewältigen. „Wir verlangen nichts anderes, als dass die Sparkassen genau wie alle anderen Kreditinstitute ihre Risiken managen. Nicht nachhaltige Exposures können ein höheres Risiko aufweisen als nachhaltige Engagements. Dies ist auch jedem Bankvorstand bewusst“, sagte der Exekutivdirektor. Unklar ist bislang jedoch, worauf sich Kreditinstitute konkret stützten können; eine Taxonomie wird derzeit noch ausgearbeitet. Röseler meinte dazu, dass Banken nicht darauf warten sollten. Sicherlich wäre es hilfreich, wenn eine gemeinsame Taxonomie bereits vorläge; das würde auch einiges einfacher machen. Bei einigen Investitionsmöglichkeiten sei jedoch ohnehin offensichtlich, dass diese entweder nicht nachhaltig oder eher nachhaltig seien. Man könne immer darauf warten, dass etwas final fertig werde, dann starte man jedoch nie. Mit der noch bestehenden Unsicherheit sollten Banken leben können. Röseler unterstrich, dass Banken gar nicht umhin kämen, sich dem Thema Nachhaltigkeit zu stellen. Denn sonst hätten sie künftig Schwierigkeiten, Investoren zu finden. Er verwies zudem auf die umfangreichen Aktivitäten und den enormen Druck zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in den Finanzstabilitätsrahmen und in die mikroprudenzielle Aufsicht, und somit auch in den aufsichtlichen Dialog mit Kreditinstituten. Alle Finanzmarktteilnehmer müssten dabei Schritt für Schritt Expertise aufbauen und sich im eigenen Interesse auch in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.

Die Bafin unterstrich zudem die Chancen, die mit den umfangreichen Anpassungsprozessen einhergehen und die eine klimaneutrale Transformation bietet. Wie groß das ökonomische Potenzial ist zeigt eine Studie der EU-Kommission, die den Investitionsbedarf zur Erreichung der Klimaziele allein im Energiesektor auf zusätzliche 175 bis 290 Milliarden Euro beziffert. „Die Finanzindustrie tut also gut daran, die sich dabei ergebenden Chancen zu ergreifen und gleichzeitig Vorsorge gegenüber den Nachhaltigkeitsrisiken zu betreiben. Die Bafin, und das kann ich Ihnen versichern, ist jedenfalls an der Nachhaltigkeit Ihrer Häuser, also Ihrem langfristigen Verbleib im Markt, interessiert“, hob Bafin-Präsident Hufeld hervor.

Nachhaltige Erkenntnis / Essenz der Erkenntnis

  1. Klima- und Umweltrisiken sind essenzielle Risiken. Kein Finanzunternehmen kommt künftig umhin, sich damit intensiv zu beschäftigen, wenn es langfristig am Markt bestehen will.
  2. Die durch den Klimawandesl ausgelösten Anpassungsprozesse wirken sich auf Marktrisiken, Kreditrisiken, operationelle und Geschäftsrisiken aus und sind im Risikomanagement zu verankern.
  3. Kein regulatorischer Bonus ohne sachgerechten Bedarf: Das aufsichtliche Mantra bleiben risikoorientierte Eigenkapitalanforderungen. Es wird auch keinen Green supporting Factor geben.
  4. Nachhaltige Exposures können geringere Eigenkapitalanforderungen auslösen, falls diese ein geringeres Risiko aufweisen. Hier ist es erforderlich, die Risiken zu analysieren und zu quantifizieren.
  5. Eine Taxonomie wird derzeit auf EU-Ebene ausgearbeitet. Die Bafin empfiehlt Finanzunternehmen, nicht auf die Fertigstellung zu warten, sondern sich dem Thema Nachhaltigkeit jetzt zu stellen.
  6. Die Bafin beabsichtigt, Ende des Jahres ein Merkblatt zu den aufsichtlichen Erwartungen an den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken für alle Finanzunternehmen zur Konsultation zu stellen.
  7. Klima- und Nachhaltigkeitsrisiken werden perspektivisch Eingang in den EBA-Stresstest finden. Über die Ausgestaltung und die Integration entsprechender Elemente hat die Diskussion begonnen.