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| Regulierung

Nachhaltigkeitsrisiken im Visier

Die Bafin will Nachhaltigkeitsrisiken künftig im Risikomanagement von Banken und Sparkassen verankern. Mit einem „Merkzettel“ hat die Aufsicht im September eine Diskussion in der Branche angestoßen. Das Papier wirft viele Fragen auf und gibt (noch) wenige Antworten.

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Banken, Sparkassen, aber vor allem auch die Versicherer beschäftigen sich mittlerweile intensiv mit den Risiken des Klima­wan­dels. Dessen finanzielle und wirtschaftliche Risi­ken könnten über kurz oder lang auf die eigene Bilanz durchschlagen, warnen Experten seit längerem. Wenig verwunderlich ist da, dass sich jetzt auch die Bafin des Themas aufsichtsrechtlich angenommen hat.

Ende September hat sie ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeits­risi­ken veröffentlicht. Auf 33 Seiten gibt die Behörde darin den von ihr beaufsichtigten Unternehmen eine „Orientierung“ im Umgang mit dem immer wichtiger werdenden Thema. Anhand zahlreicher Beispiele und Fragen werden die Probleme für die Branche verdeutlicht.

Die Bafin sieht ihre Veröffentlichung nach eigenem Bekunden „als Kom­pendium von Good-Practices, das unter Berücksichtigung des Propor­tionalitäts­prin­zips in den beaufsichtigten Unternehmen Anwen­dung fin­den soll“. Das Merkblatt ist somit nach eigener Einschätzung „eine sinn­volle Ergänzung der Mindestanforderungen an das Risikomanage­ment für Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und Kapitalverwal­tungsge­sellschaften (MaRisk)“.

Risikomanagement im Zentrum

Das Merkblatt richtet sich an alle von der Bafin beaufsichtigten Unter­neh­men, vor allem Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und Pensi­ons­­fonds, Kapitalverwaltungsgesellschaften und Finanzdienst­leistungsin­stitute. Im Detail geht das Merkblatt zunächst auf Strategien, verantwort­liche Unternehmensführung und Geschäftsorganisation ein.

Wie die Bafin schon in der Einleitung deutlich macht, hält sie mittlerweile „eine strategische Befassung“ mit Nachhaltigkeitsrisiken und eine ent­spre­chende Umsetzung in den von ihr beaufsichtigten Unternehmen für erforderlich. Dabei ist die Gesamtverantwortung der Geschäftsleitung für die Geschäfts- und Risikostrategie und deren Kommunikation und Umsetzung im Unternehmen sowie eine den Risiken angemessene Geschäftsorganisation mit Verantwortlichkeiten, Prozessen, Ressourcen und Funktionen herauszustellen.

Zentraler Punkt des Merkblatts ist das Risikomanagement. In der Folge geht es deshalb auf die Risikoidentifikations-, -steuerungs- und -con­trol­lingprozesse sowie die „klassischen“ Methoden und Verfahren unter be­sonderer Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken ein. Im Weiteren werden Fragen zu Stresstests einschließlich Szenarioanalysen, beson­ders in Bezug auf unternehmensindividuelle Tests aufgeworfen. Eingegangen wird zudem auf Transitions- und Auswirkungsszenarien. Externe Stresstests werden nicht behandelt. Abschließend äußert sich die Bafin zu Fragen der Auslagerung bzw. Ausgliederung, zu Gruppen­sachverhalten und der Verwendung von Nachhaltigkeitsratings.

Schon in der Einleitung des Papiers räumt die Behörde ein, dass Nach­haltigkeits­risiken aufgrund der häufig fehlenden historischen Daten­grundlage, der vielen zu berücksichtigenden Faktoren und diverser Unsicherheiten über künftige Klima- und Politikszenarien „teilweise schwierig zu messen und zu steuern sind“. Aus Sicht der Bafin ist es daher im Umkehrschluss erfor­derlich, bisherige Prozesse anzupassen und möglicherweise neue, innovative Mess-, Steuerungs- und Risikomin­derungsinstrumente zu entwickeln.

Nachhaltigkeit keine separate Risikoart

Die Aufsicht vertritt im Merkblatt die Ansicht, dass Nachhaltigkeitsrisiken ausschließlich ein Teilaspekt bekannter Risikoarten sind. Eine separate Risikoart „Nachhaltigkeitsrisiken“ lehnt die Behörde derzeit ab. Der Grund liegt darin, dass nach ihrer Auffassung Nachhaltigkeitsrisiken auf alle bekannten Risikoarten einwirken und eine Abgrenzung kaum möglich wäre. Im Merkzettel führt die Bafin sieben Beispiele an:
  • Kreditrisiko/Adressenausfallrisiko: Ein Kreditinstitut vergibt einen Kredit an einen Zulieferer von Teilen für Verbrennungsmotoren. Eine (ggf. politisch geförderte) Ablösung des Verbrennungsmotors durch andere Technologien macht das Geschäftsmodell des Kreditnehmers obsolet.
  • Markt(preis)risiko: Ein Pensionsfonds oder ein Investment­vermö­gen ist etwa in Unternehmen des Energiesektors, der Schwerin­dustrie oder der Chemie investiert und diese Unternehmen wirtschaften belegbar weder nachhaltig noch werden die investierten Gelder zur Nachhaltigkeitstransition genutzt. Eine abrupte Änderung der Marktstimmung (z. B. wegen Einpreisung erwarteter regulatorischer Maßnahmen) führt zu Abwertungen.
  • Liquiditätsrisiko: Nach einer katastrophalen Überflutung ziehen zehntausende Kunden Geld von ihren Konten bei einem regional tätigen Kreditinstitut ab, um damit die Schadenbeseitigung zu finanzieren. Das Kreditinstitut muss daraufhin in hohem Maße Aktiva veräußern.
  • Operationelles Risiko: Durch die Überflutung werden auch die Filialen dieses Kreditinstituts in Mitleidenschaft gezogen.
  • Versicherungstechnisches Risiko: Im Bereich der verbundenen Wohngebäudeversicherung steigen die Schäden infolge von Sturm, Überflutung, Waldbrand oder Hagel. Ebenfalls können sich Schäden in der Betriebsunterbrechungsversicherung erhöhen. Eine neuartige Intensität und/oder Häufigkeit solcher Ereignisse ist (noch) nicht angemessen durch versicherungstechnische Rückstellungen oder in der Messung des Prämienrisikos reflektiert. In diesem Zusammenhang ist auch zu bedenken, dass Versiche­rungs­unternehmen durch dasselbe Nachhaltigkeitsrisiko sowohl aktiv- wie passivseitig getroffen werden können.
  • Strategisches Risiko: Ein auf die Finanzierung von Kohlebergbau spezialisiertes Kreditinstitut verliert seine Geschäftsbasis.
  • Reputationsrisiko: Ein Investmentvermögen ist in eine Beklei­dungs­fabrik in Ostasien investiert. Wegen unzureichender natio­naler Vorgaben bezüglich Sicherheitsstandards brennt das Gebäude nieder, hunderte Arbeiter sterben, der Fall geht unter Nennung der Investoren durch die Medien. Der Verkauf von nur vermeintlich nachhaltigen Finanzprodukten (sog. „Greenwashing“) an nachhaltigkeitsbewusste Anleger kann ebenfalls ein Reputa­tionsrisiko darstellen.

Einfluss auf die Geschäftsstrategie

 
© BBL
 
© BBL
Im Kapital 3 des Merkzettels beschäftigt sich die Bafin intensiv mit den Strategien der von ihr beaufsichtigten Unternehmen. Die Geschäfts­strategie sollte danach „ganzheitlich auf die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken überprüft werden“, was man in Bonn durchaus auch als Chance versteht. Formuliert werden verschiedene Leitfragen für die unterschiedlichen Gefährdungspotentiale (s. dazu auch Abb. 1 + 2):

Physisches Risiko
  • Welche Geschäftsfelder sind davon betroffen?
  • Ist das Risiko wesentlich?
  • Sollen die betroffenen Geschäftsfelder fortgeführt, eingeschränkt oder umgestaltet werden?
  • Müssen Nachhaltigkeitsrisiken in allen Geschäftsfeldern und Prozessen aufgrund ihrer Materialität berücksichtigt werden oder genügt eine Konzentration auf besonders gefährdete Geschäftsfelder und Prozesse?
  • Werden für eine informierte Entscheidungsfindung über (künftig) ggf. erforderliche Steuerungsmaßnahmen Auswirkungsanalysen über einen mehrjährigen Zeitraum benötigt?
Transitorisches Risiko
  • Welche Geschäftsfelder sind dem ausgesetzt?
  • Ist das Risiko wesentlich?
  • Sollen die betroffenen Geschäftsfelder fortgeführt, eingeschränkt oder umgestaltet werden?
  • Sollen Nachhaltigkeitsanforderungen an Kunden gestellt und kommuniziert werden?
  • Soll gegenüber Kunden mit wesentlichen Nachhaltigkeitsrisiken in einen Dialog eingetreten werden, wie solche Risiken in Zukunft gemindert oder abgebaut werden können?
  • Welche Politik wird bei der Stimmrechtsausübung im Hinblick auf Equity-Investitionen verfolgt?
  • Werden für die Entscheidungsfindung Auswirkungsanalysen über einen mehrjährigen Zeitraum benötigt?
Bei den künftigen Anforderungen stellt sich für die Bafin die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass ausreichende und geeignete personelle und sonstige Ressourcen zur Bewältigung der neuen Herausforderungen im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken zur Verfügung stehen.

Ausführlich beschäftigt sich die Aufsicht im Abschnitt 3.3. mit der Über­prüfung der Risikostrategie. Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie mit dem Zeithorizont von physischen und Transitionsrisiken umge­gangen werden soll. Hier wird etwa die Frage aufgeworfen, ob man diesen Risiken eher frühzeitig begegnen oder eine „wait and see“-Stra­tegie verfolgen soll. Ferner regt die Bafin an, darüber nachzudenken, ob eine (erweiterte) Absicherung der Risiken durch Derivate, Versiche­rungs­­lösun­gen oder ähnliches möglich ist.

Von den Instituten möchte die Bafin auch wissen, ob die Prozesse zur Identifikation, Messung, Steuerung und Berichterstattung von Nachhal­tigkeitsrisiken systematisch oder punktuell verbessert werden können. Klar ist für die Bonner Behörde indes, dass das Thema Kommunikation im gesamten Prozess eine enorm wichtige Rolle spielt. Das gilt gleicher­maßen für das eigene Management, die Mitarbeiter sowie Kunden und Investoren.

Aus Kapitel 4 (Verantwortliche Unternehmensführung) wird deutlich, dass die Gesamtverantwortung für die Geschäfts- und Risikostrategie und deren Kommunikation und Umsetzung im Unternehmen (Risiko­kultur) bei der Geschäftsleitung liegt. Sie muss über alle im Kapitel 3 genannten Punkte entscheiden und Konzepte erarbeiten. Die Ge­schäftsleitung ist aber auch, so in Kapitel 4 weiter, verantwortlich für die Zuweisung von Ver­antwortlichkeiten für das Management von Nachhaltigkeitsrisiken innerhalb der Geschäftsorganisation.

Einbettung in die Geschäftsorganisation

Kapitel 5 des Merkzettels beschäftigt sich ausführlich mit der Geschäfts­or­ganisation. Hier definiert die Bafin unter anderem Prozesse und Ver­ant­­wortlichkeiten, macht zugleich aber auch deutlich, dass genügend Ressourcen für die Behandlung von Nachhaltigkeitsrisiken im Risiko­managementsystem vorhanden sein müssen. Eine ausreichende Qualifizierung ist dabei sicherzustellen. Es gehört wenig Phantasie dazu, dass das zum einen in den Instituten zu erhöhten Kosten führen dürfte. Zugleich werfen diese Bafin-Gedanken die Frage auf, ob ein derart qualifiziertes Personal im Markt überhaupt in größerem Umfang verfügbar ist.

Zur Diskussion stellt man in Bonn ferner, ob die vorhandenen Governance-Funktionen unter Umständen durch Experten für Nachhaltigkeitsrisiken verstärkt oder sogar eine separate Nachhaltigkeitseinheit, die mit spe­zifischen Aufgaben betraut wird, eingerichtet werden sollte. Aus Sicht der Bafin unumstritten ist, dass eine solche Einheit in vorhandene Prozesse und Schnittstellen integriert und ihre Abgrenzung zu anderen Funktionen klar geregelt werden muss.

Auch wenn laut Kapitel 4 die Letztverantwortung bei der Geschäftslei­tung liegt, muss die Risikocontrolling-Funktion gemäß Kapitel 5.8.1 die Nach­haltigkeitsrisiken im Risikomanage­ment­system berücksichtigen. Da Nachhaltigkeitsrisiken wie eingangs erwähnt als Teilaspekt in den be­kannten Risikoarten zu berücksichtigen sind, sollte der Risikocontrol­ling-Funktion eine zentrale Rolle zukommen.

Involviert ist naturgemäß auch die Compliance-Funktion, weil sie die Implementierung wirksamer Verfahren zur Einhaltung der gesetzlichen Anforderungen im Hinblick auf die Nachhaltigkeit von Unternehmen des Finanzsektors überwachen muss. Die interne Revision sollte ebenfalls einbezogen werden und vor allem Angemessenheit und Wirk­samkeit der im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken überarbeiteten Regelungen zur Aufbau- und Ablauforganisation, zum Risikomanagement und zu den Governance-Funktionen prüfen.

Kapitel 6 ist dann explizit dem Risikomanagement gewidmet. Hier geht es vor allem um allgemeine Anforderungen an die Integration von Nachhaltigkeitsrisiken in die Risikoidentifikations-, -steuerungs- und –controllingprozesse, die Methoden, die Nutzung von Risikoklassifizie­rungsverfahren oder Tools zur Risikoinventur bzw. Portfolioanalyse. Ein wichtiger Punkt ist die Risikoberichterstattung (6.5). In deren Rahmen sollten Nachhaltigkeitsrisiken laut Bafin hinrei­chend adressiert werden. Darüber hinaus sollte überprüft werden, wie Nachhaltigkeitsrisiken in die vorhandene interne Berichterstattung im Rahmen vorhandener Berichts­wege einbezogen werden können und ob aufgrund der Charakteristika von Nachhaltigkeitsrisiken gegebenenfalls eine spezifische Berichterstattung mit einem Mittel- bis Langfristausblick erforderlich ist.

Im Kapitel 7 beschäftigt sich die Bafin im Rahmen des Risikomanage­ments mit Stresstests einschließlich Szenarioanalysen, Transitions­sze­narien, Auswirkungsszenarien, Proportionalität sowie auch der Inter­pre­tation von Ergebnissen. Aufgrund der begrenzten Datenlage zu Nachhaltigkeitsrisiken ist davon auszugehen, dass Szenarien eine wichtige Rolle spielen werden. Eigene – wenn auch kurze Passagen – widmen die Aufseher Fragen der Auslagerung und Ausgliederung (Kapitel 8) sowie spezifischen Gruppensachverhalten (Kapitel 9). Das Schlusskapitel 10 des Merkzettels steht ganz im Zeichen einer Rating-Diskussion.

Erste Stellungnahme des DSGV

In einer ersten Stellungnahme verweisen die Experten des DSGV darauf, dass das Merkblatt juristisch keine verbindliche Regulierung für die Institute darstellt. Es gibt vielmehr die Erwartung der Aufsicht wieder, wie Institute den Anforderungen an das Risikomanagement aus MaRisk, KWG und weiteren Gesetzen in Bezug auf Nachhaltigkeitsrisiken nachkommen können. „Dennoch ist zu befürchten“, heißt es weiter, „dass in der Prüfungs- und Verwaltungspraxis der unverbindliche Charakter einer Erwartungsdarstellung verloren gehen könnte“. Der DSGV wird die Institute beim Umgang mit dem Merkblatt unterstützen und darüber informieren, sobald erste Ergebnistypen festgelegt sind. Bis zum 01. November will die Deutsche Kreditwirtschaft (DK) ein zwischen den Verbänden abgestimmtes Positionspapier erstellen.

Fazit

Die Bafin wird Nachhaltigkeitsrisiken künftig eine stärkere Aufmerk­sam­keit widmen. Finanzunternehmen, Regulierung und Aufsicht müssen danach diese Herausforderung angehen. Das war, wenn man die Dis­kus­sionen in den vergangenen zwei Jahren verfolgt hat, zu erwarten. Nachhal­tigkeitsrisiken werden mehr und mehr als gesamtwirtschaftliche Bedrohung und Aufgabe mit Finanzstabilitätsdimension gesehen. Hier handelt die Aufsicht vermutlich ein Stück weit auf Druck einer sensibi­lisierten Öffentlichkeit und Politik

Der jetzt von der Bonner Behörde vorge­legte Merkzet­tel wirft eine Fülle (in Teilen noch unbeantworteter) Fragen auf. Klar stellt die Bafin jedoch, dass verbindliche gesetzliche oder aufsicht­liche Vorgaben im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken durch das Merk­blatt weder abgeschwächt noch erweitert werden. Interessierten, In­sti­tuten und Bankver­bänden bleibt für eine Antwort nur wenig Zeit. Schon bis zum 3. Novem­ber 2019, 24:00 Uhr, müssen die Stellung­nahmen aus der Branche vorliegen. Die Veröffentlichung des finalen Merkblatts ist für Ende 2019 geplant.

Autor
Jürgen Janik ist Redakteur der Betriebswirtschaftlichen Blätter in Mannheim.