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| Überarbeiteter RTF-Leitfaden (1)

Neuausrichtung der Risikotragfähigkeit

Im Mai hat die deutsche Aufsicht ihren überarbeiteten Leitfaden zur Risikotragfähigkeit (RTF) veröffentlich. Institute, die bisher handelsrechtlich orientierte Konzepte als Going-Concern-Ansatz anwenden, werden in den kommenden Jahren ihre Risikotragfähigkeit an die neuen Vorgaben anpassen müssen.

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Im ersten Teil einer Serie zu verschiedenen Aspekten der neuen RTF soll die Auslegung der aufsichtlichen Vorgaben bzw. deren Erläuterungen sowie eine grobe Gegenüberstellung mit der heutigen RTF-Welt aufgezeigt werden. Motiviert durch die europäische Harmonisierung der aufsichtlichen Erwartung an den ICAAP1 und aufgrund der bekannten Problematik der bestehenden Doppelunterlegung von Risiken mit Kapital in den heutigen Going-Concern-Ansätzen hat die deutsche Bankenaufsicht eine vollständige Überarbeitung ihres RTF-Leitfaden2 durchgeführt. Im Zentrum der künftigen Risikotragfähigkeit werden zwei Perspektiven stehen: Die ökonomische Perspektive ist mit heutigen wertorientierten Steuerungskrei­sen vergleichbar und stellt den Gläubigerschutz in den Mittelpunkt. Dane­ben ist eine normative Perspektive vorzuhalten, welche sich an der Geschäfts­fort­führung des Instituts orientiert und mit der heutigen Kapitalplanung vergleichbar ist.

Dabei hat die Bankenaufsicht auch auf etablierte Begriffe und Grundprin­zipien verzichtet, um bisherige Prägungen der Risikotragfähigkeitskonzepte zu verlassen. Bei der anstehenden Prüfung, an welchen Stellen der Risikotragfähigkeit methodische Anpassungen notwendig werden, ist eine Orientierung an den einzelnen Prozessschritten hilfreich:
  • Risikoinventur (grundsätzliche Prinzipien)
  • Ziele der Risikotragfähigkeit (grundsätzliche Prinzipien)
  • Risikodeckungspotenzial (ökonomische Perspektive)
  • Risikomessung (ökonomische Perspektive)
  • Limitierung (ökonomische Perspektive)
  • Kapitalplanung (normative Perspektive)
  • Stresstests (Abgrenzung und Einordnung in die Risikotragfähigkeit).

Ziele der Risikotragfähigkeit

Die Risikotragfähigkeit wird künftig nicht mehr zwischen Going- und Gone-Concern-Lösungen differenziert. Vielmehr konzentriert sich die Aufsicht auf die Sicherstellung des Fortführungsziels und des Gläubigerschutzes. Bisher ist in Going-Concern-Ansätzen die Fortführung durch die Einhaltung des aufsichtlichen Mindestkapitals auf Basis der TSCR-Quote (Total SREP Capital Requirement) auch für den Fall schlagend werdender Risiken sichergestellt worden. Gleichzeitig mussten alle Institute in der Kapitalpla­nung die Erfüllung der kapitalseitigen Anforderungen (CRR,
§ 10i KWG und SREP) gewährleisten. Hieraus ließ sich der Gläubigerschutz ableiten, dessen Einhaltung bereits heute damit sichergestellt ist.

Das Fortführungsziel wird künftig weiterhin mit der Kapitalplanung der normativen Perspektive verfolgt. In den Vordergrund rückt die Einhaltung der aufsichtlichen Kapitalanforderungen. Damit entfällt auch die im Going-Concern-Ansatz implementierte Zukunftsbetrachtung für das einsetzbare Risikodeckungspotenzial. Der Gläubigerschutz wird dagegen in Anlehnung an internationale Gepflogenheiten künftig durch die laufende Abdeckung seltener und ökonomisch ermittelter Verlustereignisse mit ökonomischen Risikodeckungspotenzial gewährleistet.

Risikoinventur

Die Aufsicht konkretisiert im aufsichtlichen RTF-Leitfaden ihre MaRisk-Anforderungen an eine Risikoinventur. Grundsätzlich erwartet sie, dass in der Risikoinventur auch potenzielle Risiken betrachtet werden, deren belastenden Wirkungen sich erst im längerfristigen Zeitablauf zeigen. Somit müssen künftig alle wesentlichen Risiken auch im Rahmen der normativen Perspektive bzw. Kapitalplanung berücksichtigt werden. Dieser Schritt ist mit dem heutigen Vorgehen vergleichbar, bei dem Institute prüfen, welche Planungsannahmen und -parameter einen großen Einfluss auf das Planergebnis haben können. Daneben wird die Risikoinventur weiterhin Basis der ökonomischen Risiko­messung bleiben, wobei eine rein handelsrechtlich orientierte Betrachtung nicht ausreichend sein wird.

Risikodeckungspotenzial

Die Aufsicht ermöglicht in Zukunft eine Ableitung des ökonomischen Risikodeckungspotenzials auf der Basis sämtlicher Vermögenswerte und Verbindlichkeiten. Der von ihr verwendete Begriff „barwertig“ ist dabei auch gleichzusetzen mit einem gegebenenfalls vorhandenen Marktwert. Zusätz­lich sind jedoch Korrekturen durchzuführen, über deren Inhalt aktuell teilweise nur Annahmen getroffen werden können.

Aus dem bisherigen Dialog mit der Aufsicht ist zu erkennen, dass einzelne Positionen aus der Prüfung von Drohverlustrückstellungen im Jahres­ab­schluss (verlustfreie Bewertung des Zinsgeschäfts gemäß IDW RS BFA3) verwendet werden können. Im Wesentlichen gehören dazu der Abzug eines Kostenbarwerts und der erwarteten Verluste im Aktivgeschäft. Erträge aus dem geplanten substanziellen Neugeschäft können jedoch nur von transaktions-/handelslastigen Instituten in Ausnahmefällen berücksichtigt werden. Inwieweit sichere, mit dem Zinsgeschäft verbundene Provisionser­träge analog zum ID RS BFA3 als Barwert ansetzbar sein werden, befindet sich noch in der Diskussion. Zumindest von Seiten des Jahresabschlusses werden diese in der Gesamtbewertung des Zinsgeschäfts berücksichtigt.

 
© BBL

Ein zweiter gleichwertiger Ansatz ist die Ableitung des Risikodeckungspo­tenzials auf Basis der aufsichtlichen Eigenmittel, zu denen stille Bewer­tungs­reserven hinzugerechnet werden können und stille Bewertungslasten abzuziehen sind. Auch hier sind Korrekturen wie oben beschrieben vorzunehmen (s. Abb. 1).

Um die Ermittlung des Risikodeckungspotenzials konsistent zur öko­no­mischen Risikomessung auszugestalten, müssen stille Bewertungsreserven und -lasten berücksichtigt werden. Dies wird deutlich, wenn man die Effekte der ökonomischen Risikomessung betrachtet. Hier bauen die potenziellen Wertschwankungen auch auf den stillen Bewertungs­reserven auf.

Risikomessung

Die künftige Risikomessung wird gegenüber heutigen Going-Concern-Ansätzen die größten Veränderungen bringen. Grundsätzlich erwartet die Aufsicht eine ökonomische Betrachtung, die alle potenziellen Schwan­kungen von Vermögenswerten abdeckt, die im Rahmen der Risikoinventur als wesentlich eingestuft werden. Dies umfasst sowohl Barwert- als auch Marktwertschwankungen. Die jeweilige Messmethode muss von den Instituten festgelegt werden. Eine methodische Eingrenzung nimmt die Aufsicht nicht vor. Eine auf handelsrechtliche Belastungen ausgerichtete Betrachtung wird in der neuen RTF-Logik nicht mehr ausreichend sein. Dennoch können Institute auch barwertnahe Methoden für einzelne Risikoarten anwenden und gleichzeitig mit rein barwertigen Methoden zusammenführen, wobei die jeweilige materielle Bedeutung eine Rolle bei der Festlegung der Methode spielen wird.

Aufgrund der Ausrichtung dieser Perspektive auf den Gläubigerschutz internationaler Prägung erwartet die Aufsicht in der ökonomischen Risikomessung die Abbildung sehr seltener Verlustereignisse. Sie macht dieses bei statistischen Verfahren und unter Berücksichtigung aller Parameter in der Risikotragfähigkeit an einem Konfidenzniveaus von 99,9 Prozent fest, wobei Szenariotechniken ausdrücklich nicht ausgeschlossen werden. Instituten muss nach Umstellung ihrer Risikotragfähigkeit bewusst sein, dass die laufenden Risikowerte künftig auf einem anderen (zumeist höherem) Niveau liegen werden und zudem stärker schwanken, obwohl die Risikoneigung unverändert geblieben ist.

Die heutige Vielfalt der verschiedenen Verfahren – vor allem in der handels­rechtlich orientierten Sichtweise – wird künftig nicht mehr zulässig sein. So schreibt die Aufsicht etwa einen rollierenden Risikobetrachtungshorizont von einem Jahr vor, was der ökonomischen Perspektive immanent ist. Mehrjahresbetrachtungen sind somit nur noch als interne Zusatzinfor­mationen anzusehen.

Risikodiversifikationen werden zwar nicht grundsätzlich ausgeschlossen, die Hürden für deren Berücksichtigung als Inter-Risikodiversifikationen sind jedoch sehr hoch gesetzt. Innerhalb der wesentlichen Risikoarten ist eine Berücksichtigung mit weniger Aufwand möglich.

Limitierung

Wie bisher ist für eine Steuerung innerhalb der Risikotragfähigkeit eine Limitierung zur Begrenzung seltener Verluste erforderlich. Sie ist eine zwingende Rahmenbedingung in der Ausrichtung des Instituts in Bezug auf wesentlichen Risiken bzw. Anlagen. Eine laufende Überwachung der Limitauslastung bleibt wichtiger Bestandteil der Risikotragfähigkeit und des -reportings.

Gegenüber heutigen Limiten in Going-Concern-Ansätzen, bei denen das einsetzbare Risikodeckungspotenzial die theoretische Obergrenze für das Gesamtrisikolimit ist, steht künftig das gesamte ökonomische Risiko­deckungs­potenzial zur Verfügung. Demgegenüber ist aber auch zu erwarten, dass die ermittelten Risikowerte methodisch bedingt erheblich höher ausfallen werden. Ob die quotale Belastung des Risikodeckungs­potenzials in Summe dieser beiden Effekte höher oder niedriger ausfällt, hängt von institutsindividuellen Faktoren ab und lässt sich nicht allgemein beantworten. Für viele Sparkassen wird jedoch der Wegfall der Doppel­unterlegung3 von Risiken die künftig höheren Risikowerte überkompen­sieren und damit den Handlungsspielraum erweitern.

In der Regel kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Institute zusätzliche Sicherheitspuffer vorhalten werden, also nicht das gesamte ökonomische Risikodeckungspotenzial zur Limitunterlegung nutzen werden. Die Puffer werden sich aber nicht mehr an den Kapitalanforde­rungen der CRR und dem SREP orientieren. Die deutsche Aufsicht stuft diese Puffer im Gegensatz zu den Erwartungen der EZB an den ICAAP der significant Institutions nicht als Pflicht ein.

Neu für viele Institute wird auch der Umgang mit volatileren Risikowerten in der Limitierung sein. Adäquate Limitreserven werden wichtig sein, um auf der einen Seite nicht bereits bei üblichen Risikoschwankungen Maßnahmen anstoßen zu müssen und auf der anderen Seite eine Steuerungswirkung beizubehalten. Dabei werden nach der Umstellung auf die neue Risikotrag­fähigkeit Erfahrungswerte mit einfließen. Es ist zu erwarten, dass vor allem in der ersten Anwendungsphase häufiger Limite angepasst werden müssen.

 
© BBL

Ein weiterer Aspekt der Limitierung stellt die mit ihr verbundene Risikonei­gung der Geschäftsleitung dar. Streng genommen werden künftige Risiko­limite nicht nur absolut gesehen, sondern auch relativ zum Risikodeckungs­potenzial erheblich höher ausfallen müssen, als in heutigen Going-Con­cern-Ansätzen. Hier bildet nur das einsetzbare Risikodeckungspotenzial die Basis für quotale Limite. Dabei muss sich die Risikoneigung nicht einmal verändert haben. Veränderungen können größenteils methodisch bedingt sein. Herausforderungen ergeben sich somit besonders im Dialog mit den Aufsichtsgremien der Institute (s. Abb. 2).

Kapitalplanung

Die Kapitalplanung als Teil des Risikotragfähigkeitskonzepts soll in den Instituten sicherstellen, dass im aufsichtlich erforderlichen Planungs­zeit­raum von drei Jahren vor allem alle kapitalseitigen Anforderungen (CRR, §10i KWG und SREP) und zusätzlichen Erwartungen (Überhang der Eigenmittelzielkennziffer über den Kapitalerhaltungspuffer) erfüllt werden. Dabei ist nicht ausgeschlossen, den Überhang der Eigenmittelzielkennziffer über den Kapitalerhaltungspuffern (§ 10i KWG) erst in einem späteren Zeitpunkt zu erfüllen. Zusätzlich können ungebundene Vorsorgereserven gemäß §340 f HGB berücksichtigt werden, die nicht bereits als Eigenmittel berücksichtigt worden sind. Aktuelle Kapitalplanungsprozesse decken diese Erwartungen bereits heute ab.

Um dem international geprägten Begriff „normative Perspektive“ gerecht zu werden, spricht die Aufsicht zusätzlich von Strukturanforderungen wie der Leverage Ratio und der Großkreditgrenze. So sollte im Planungsprozess die Entwicklung der Leverage Ratio und der Großkreditobergrenze mit geplant werden. Die gesetzlich vorgesehene Mindestquote der Leverage Ratio von drei Prozent ist im Planszenario einzuhalten. Inwieweit eine Einhaltung in adversen Szenarien erforderlich ist, hängt vom Schweregrad ab (gegebenenfalls als Stressszenario abgebildet). Die Geschäftsplanung sollte dagegen konsistent zur Entwicklung der Großkreditobergrenze ausfallen. Fällt diese Obergrenze im adversen Szenario, so könnten beim Eintreten dieses Szenarios zusätzliche belastende Effekte entstehen.

Eine weitergehende mehrjährige Betrachtung wie die Abbildung des ökono­mischen Risikodeckungspotenzials oder des bisherigen einsetzbaren Risi­ko­deckungspotenzials ist nicht erforderlich. Vereinfachend können die aktuellen harten SREP-Kapitalanforderungen fortgeschrieben werden, wenn dem keine substanziellen risikoausweitenden Strategievorgaben entgegenstehen. Somit ist eine mehrjährige Risikomessung nicht erforderlich. Schließlich erfolgt über die Berücksichtigung der Totalperiode als Bar-/marktwertansatz in der ökonomischen Risikomessung bereits die notwendige längerfristige Sicht.

 
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Wie in den vergangenen Jahren ist künftig mindestens eine ergänzende adverse Szenariobetrachtung durchzuführen, um die Wirkungen veränderter wesentlicher Planungsannahmen und -parameter quantifizieren und bewerten zu können. Es bleibt jedoch bei einer jährlichen Überwa­chung dieses Szenarios. Wichtig ist der Aufsicht vielmehr ein ausreichender Schweregrad des adversen Szenarios, wobei sie exemplarisch potenzielle Verluste im Planungszeitraum nennt. Fallen die Ergebnisbelastungen so hoch aus, dass die Mindestkapitalanforderungen nicht mehr eingehalten werden könnten, so liegt damit auch ein mehrjähriges Stressszenario vor. Zusätzliche adverse Szenarien sind dann nach aktueller aufsichtlicher Verlautbarung nicht mehr erforderlich (s. Abb. 3).

Trotz erwarteter zunehmender Bedeutung der normativen Perspektive bleibt eine grundsätzlich jährliche Berechnung ausreichend – anlassbezogen sind jedoch Aktualisierungen erforderlich.

Zusammenhang der Perspektiven

Die Aufsicht sieht für die beiden geforderten Perspektiven keine Notwendig­keit einer gegenseitigen Verrechnung oder Überleitungsrechnung. Sie konkretisiert lediglich die Form der Impulse, die aus der ökonomischen Risikomessung in das adverse Szenario der normativen Perspektive ausstrahlen können.

So werden Institute nach einer Umstellung auf die neue Risikotragfähigkeit Analysen über die möglichen GuV-Wirkungen der ökonomischen Risiko­mes­sung durchführen müssen. Dabei sind nicht zwingend die strengen Parameter der Risikomessung zu übernehmen. Ein Belastungsniveau wie bei einer Risikomessung mit einem Konfidenzniveau von 99,9 Prozent ist damit in der Analyse potenzieller GuV-Belastungen nicht erforderlich. Die Analyseerkenntnisse sowie die wesentlichen Risikofaktoren ökono­mi­scher Risikomessung können jedoch mögliche Hinweise auf die im adversen Szenario anzupassenden Planungsannahmen/-parameter geben.

Einordnung der Stresstests

Der aufsichtliche RTF-Leitfaden greift zwar die grundsätzliche Notwendig­keit und Einordnung von Stresstests auf, regelt aber nicht deren Ausge­staltung. Aufgrund des bereits in der ökonomischen Risikomessung hoch angesetzten Konfidenzniveaus sieht die Aufsicht den Schwerpunkt der erforderlichen Stresstests der ökonomischen Perspektive in der Identifikation potenzieller Ereignisse, die nicht oder nicht ausreichend in den statistischen Risikomessungen erfasst werden. Insofern wird der aufsichtliche Fokus auf individuellen Stressszenarien liegen, in denen ökonomische Wertschwankungen abzubilden sind. Ein ausreichender Schweregrad ist dabei gegenüber bisherigen periodisch orientierten Stressszenarien nur schwer bestimmbar, da die relevante Unterschreitung der Mindestkapitalanforderung aus der CRR und dem hartem SREP-Zu­schlag nicht mehr relevant ist. Ob für diesen Fall ein vollständiger Verzehr des ökonomischen Risikodeckungspotenzials erforderlich sein wird, ist aktuell noch nicht abzusehen.

Offen ist aktuell die Einordnung der Stresstestergebnisse und der Risiko­limi­tierung auf Basis eines hohen Konfidenzniveaus in die Steuerung. Dabei müssen für die plausiblen, aber außergewöhnlichen Stressszenarien ledig­lich Handlungsoptionen entwickelt werden, wohingegen eine Limitüber­schrei­tung zwingend zu Maßnahmen führen muss. Die jeweiligen Belastun­gen können jedoch auf einem vergleichbaren Niveau liegen.

Außerdem ist von Seiten der Aufsicht noch unklar, ob eine parallele Notwendigkeit von mehrjährigen Stressszenarien neben adversen Szenarien in der normativen Perspektive besteht. Gegebenenfalls decken hinreichend schwere adverse Szenarien bereits die aufsichtlichen Erwartungen ab.

Erste Analyseschritte

In den nächsten Jahren wird eine Umstellung auf die neuen Regularien der Risikotragfähigkeit unausweichlich sein. Auch wenn bis auf Weiteres die bisherigen Going-Concern-Konzepte weiterhin genutzt werden können, ist eine frühzeitige Auseinandersetzung mit dem aufsichtlichen RTF-Leitfaden notwendig und sinnvoll. Dies kann mit Hilfe einer tabellarischen Gegenüber­stellung der einzelnen aktuellen Schritte des RTF-Prozesses im eigenen Institut mit den neuen Regelungen der Aufsicht erfolgen. In einer ersten approximativen Auswertung ist der potenzielle Handlungsbedarf erkennbar. In diesem Schritt geht es noch nicht um Umsetzungsfragen. Institute der Sparkassen-Finanzgruppe werden hier im weiteren Verlauf zentral mit standardisierten Konzepten und IT-Lösungen unterstützt, deren Entwick­lung bereits im Fachrat Banksteuerung der Sparkassen-Finanzgruppe angestoßen worden sind.

Um einen ersten Überblick zur künftigen Erwartungshaltung der Aufsicht zu bekommen, wird es außerdem wichtig sein, die in den einzelnen Textziffern beschrieben Vorgaben zu verstehen und gegenüber Externen sprachfähig zu werden. Unterstützung erhalten die Sparkassen ab Oktober 2018 über ein DSGV-Auslegungspapier, das auch einen kurzen Ausblick über die geplanten Umsetzungsunterstützungen durch die S-Rating und Risikosysteme GmbH enthält.

 
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Da mit den umfangreichen methodischen Änderungen insbesondere bei der Ermittlung des ökonomischen Risikodeckungspotenzials und der Risikomes­sung für viele Sparkassen die Frage nach möglichen materiellen Auswirkungen im Vordergrund stehen wird, sollte eine Gegenüberstellung des jeweiligen gesamten Kapitalbedarfs erfolgen. Dabei wird während der Umstellungs­phase zu klären sein, wie viel Kapital bzw. Risikodeckungspotenzial bisher in Going-Concern-Ansätzen gebunden ist und wieviel Bedarf an Risiko­deckungspotenzial künftig entstehen kann. Abbildung 4 zeigt die dafür relevanten Größen auf.

Um einen materiellen Vergleich durchzuführen, ist auf der einen Seite die bisherige Kapitalbindung aus dem vorzuhaltenden Mindestkapital und dem aktuell ermittelten Risiko und auf der anderen Seite das für die Zukunft geschätzte Risiko unter strengeren Parametern zu betrachten. Bei der Gegenüberstellung wird die Relation zwischen der aktuellen Kapitalbindung (inklusive der Doppelunterlegung der Säule 2-Risiken) und dem bisherigem gesamten Risikodeckungspotenzial mit den künftig zu erwartenden Belastungs­relationen (Gesamtrisiko zum barwertiges Risikodeckungs­potenzial bzw. Vermögen) verglichen. Dabei fließen etwaige stille Bewertungsreserven mit in das künftige Risikodeckungspotenzial ein.

Darüber hinaus ist auch ein Vergleich der bisherigen Kapitalbindung (inklusive der Doppelunterlegung der Säule 2-Risiken) mit dem für die Zukunft geschätzten Risiko auf Basis von absoluten Werten für eine Bewertung interessant.

Fazit und Ausblick

Auf Basis der aktuellen Auslegungen des aufsichtlichen RTF-Leitfadens und einer groben Gegenüberstellung der aktuellen RTF-Lösung mit den zu erwartenden künftigen Konzepten können Institute eine frühzeitige Auseinandersetzung mit den neuen Regularien anstoßen. Dabei sollte eine eigene individuelle Umsetzung noch nicht vorgenommen werden, um mit dem künftigen Einsatz zentral entwickelter Standards und IT-Anwendungen auf effiziente Lösungen zurückgreifen zu können.

Bei der Schätzung materieller Auswirkungen sollten alle bisherigen und zu erwartenden Kapitalbindungen im Rahmen der Risikotragfähigkeit gegenübergestellt werden. Zu erwartende höhere Risikowerte werden dabei künftig auch einem ausgeweiteten Risikodeckungspotenzial gegenübergestellt.

Offen bleiben bisher jedoch die Wirkungen der künftigen ökonomischen Risikomessung mit sehr strengen Parametern auf das Bucketsystem der Aufsicht zur Festlegung der SREP-Kapitalzuschläge. Hierzu sind weitergehende Analysen notwendig.

Autoren
Jörg Friedberg ist Abteilungsdirektor und Leiter der Gruppe Liquiditäts­management und Refinanzierung im Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in Berlin.
Dr. Maik Grabau ist Leiter der Abteilung Strategische Banksteuerung und Rechnungslegung des DSGV in Berlin.

  • 1EZB, Konsultationsentwurf SSM-Leitfaden ICAAP 03/2018„Leitfaden der EZB für den internen Prozess zur Beurteilung der Angemessenheit des Kapitals (Internal Capital Adequacy Assessment Process ICAAP“.
  • 2Deutsche Bundesbank, BaFin 2018 „Aufsichtliche Beurteilung bankinterner Risikotragfähigkeitskonzepte und deren prozessualer Einbindung in die Gesamtbanksteuerung („ICAAP“) - Neuausrichtung.
  • 3Aktuell müssen im Going-Concern-Ansatz benötigte Eigenmittel für Adressenrisiken, Marktrisikopositionen und operationelle Risiken auf Basis der CRR sowie für Zinsände­rungs­risiken und weiteren wesentlichen Risiken aus der RTF (z. B. Spreadrisiken) auf Basis des harten SREP-Kapitalzuschlags vorgehalten werden. Parallel dazu müssen diese Institute einsetzbares Risikodeckungspotenzial nochmals für die wesentlichen Risiken in der RTF (Säule 2) vorhalten.