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| Kolumne 07/19: European Banking-Studie 2019

Perspektiven europäischer (Groß-)Banken nicht besser

Die Eigenkapital- und Liquiditätsausstattung ist gestärkt worden, aber viele europäische Großbanken verdienen einfach zu wenig Geld, glaubt BBL-Kolumnist Heinz-Gerd Stickling. Sparkassen und Regionalbanken müssen seiner Ansicht nach einen Vergleich auch unter Profitabilitätsaspekten nicht scheuen. Für alle Bankengruppen bleiben die Rahmenbedingungen aber eine Herausforderung.

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Aus Sicht von Kunden sowie Aufsicht bzw. Politik ist der Zustand der europäischen Bankenbranche in der Momentaufnahme gut. Hohe Wettbewerbsintensität und Niedrigzinsen drücken die Margen und fördern die Leistungsfähigkeit sowie Kreditvergabebereitschaft der Banken. Dies gilt ganz besonders für Deutschland. Gleichzeitig haben Banken ihre Substanzkraft durch Eigenkapital- und Liquiditätsaufbau sowie durch eine Verringerung der NPL-Portfolios und den RWA-Abbau gestärkt.

 
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Banken sind aber nicht die „besten Freunde“ der Aktionäre und der Mitarbeiter, denn beide Gruppen tragen die Hauptlast der Anpassung. In den zurückliegenden fünf Jahren stagnierten die Bilanzsummen der größten 50 Banken in Europa. Im Durchschnitt konnten sie zu keinem Zeitpunkt ihre Eigenkapitalkosten verdienen (s. Abb. 1). Die Treiber eines Aktienkurses sind jedoch die Wachstums- und Gewinndynamik einer Gesellschaft. Das historisch niedrige Kurs-Buchwert-Verhältnis der größten 50 börsennotierten Banken von aktuell 0,6 (vgl. 1,8 des Euro Stoxx 600) verdeutlicht daher die Enttäuschungen und die geringen Erwartungen der Investoren. In einer Zeit stagnierender Bilanzsummen und schrumpfender Erträge rückt die Kostenseite und damit das Thema „Stellenabbau“ ins Blickfeld.

Nationale Champions und regionale Herausforderer

Die Rentabilität europäischer Geldhäuser verharrt insgesamt auf einem tiefen Niveau und liegt auch mehr als zehn Jahre nach der Finanzkrise immer noch unter den Anforderungen des Kapitalmarkts. Den meisten großen europäischen Instituten gelang es weder nachhaltige operative Ertragssteigerungen zu realisieren noch ihre Kostenbasis im erforder­lichen Umfang zu entlasten.

Natürlich gibt es auch erfolgreiche Banken am Markt. Der genaue Blick auf die Einzeladressen zeigt zwei Muster:

  1. Geschäftsmodell: Vor allem einige mittelgroße, weniger komplexe Institute, deren Schwerpunkt auf bestimmten Kunden, Produkten oder Regionen liegt, setzen sich positiv von der Masse ab.
  2. Region: Seit Jahren übertrumpfen Banken aus den skandina­vi­schen Ländern und den Beneluxstaaten den europäischen Durchschnitt. Diese Banken weisen oftmals ein wie oben skizziertes Geschäftsmodell auf. Darüber hinaus agieren sie überwiegend in hoch konzentrierten Märkten mit einer besseren Preisdurchsetzungskraft.
 
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Im Gesamtergebnis erreichen jedoch nur 14 der in der Zeb-Studie untersuchten 50 größten europäischen Banken eine ausreichende CET1-Ratio und eine Eigenkapitalrendite nach Steuern, die oberhalb der Eigenkapitalkosten liegt (s. Abb. 2).

Aus Vergleichszwecken haben wir deutsche Sparkassen und Primär­banken des Genossenschaftssektors ergänzt. Ihre Rentabilität liegt über dem europäischen Durchschnitt, und mit ihrer Eigenkapitalquote befinden sich die Institute in der Spitzengruppe. Gleiches gilt übrigens auch für die Sparkassen und Raiffeisenbanken in Österreich.

Gegenwind für europäische Bankenbranche bleibt erhalten

In einer viel beachteten Studie beschreibt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, die negativen Rahmenbe­dingungen, denen europäische Banken ausgesetzt sind, und resümiert sinngemäß: „Unter diesen Bedingungen gibt es ernsthafte Zweifel, ob europäische Banken im Wettbewerb mit US-Instituten bestehen können.“ Im Einzelnen analysiert er die bekannten Aspekte:

  1. Negativbesteuerung der Einlagen durch ein historisch beispielloses geldpolitisches Experiment.
  2. Dogmatische Umsetzung prozyklisch wirkender Regulierung in der Eurozone und schwache Fortschritte bei der Schaffung eines gemeinsamen europäischen Heimatmarktes für Banken.
  3. In einigen Ländern starke Abhängigkeit der Banken von direkter langfristiger Refinanzierung durch die EZB sowie immer noch bestehender größerer NPL-Portfolios.
Entlastung ist bei keinem Kriterium in Sicht. Die letzten Hoffnungen auf eine geldpolitische Normalisierung sind in den zurückliegenden Monaten zerstört worden. Überdies verdichten sich die Zeichen für eine Verdunkelung der Konjunktur und damit für eine Renaissance schlagend werdender Kreditrisiken.

Zeb hat verschiedene Szenarien mithilfe eines holistischen Simulations­modells durchgerechnet. Im wahrscheinlichsten Szenario („Markterwar­tungen“) wird die Eigenkapitalquote (CET1 Ratio) der betrachteten Banken bis 2023 sinken (vor allem „Basel-IV-Effekte“), aber im Durchschnitt oberhalb der Anforderungen des Kapitalmarkts und der Aufsicht bleiben. Ohne deutliche Zinssteigerungen oder wirksames Gegensteuern jenseits üblicher Bordmittel wird sich das Rentabilitäts­problem der Banken in Europa in den kommenden fünf Jahren weiter verschärfen.

Suche nach dem Silberstreif

Die beschriebenen Rahmenbedingungen bewirken, dass die Kunden-Wallets und damit die Verdienstmöglichkeiten der Banken in den kommenden Jahren im Privatkundengeschäft abnehmen und im Firmenkundengeschäft stagnieren werden. Die Stellhebel für Wachstum in den Kerngeschäftsfeldern sind somit rasch benannt:
  • Marktanteile gewinnen bzw. Wettbewerber verdrängen.
  • Erträge „beyond banking“ (nicht bankspezifische Produkte und Services) erschließen.
  • Höhere Risiken eingehen.
Folgt man den Ratschlägen der Aufsicht – dies gilt vor allem für Deutschland (BaFin, Bundesbank) – dann sollten die Banken den Fokus auf Kosten und Konsolidierung legen, das heißt Fusionen, Kapazitätsabbau und Verbesserung der Prozesseffizienz.

 
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In der aktuellen Studie hat Zeb untersucht, ob Digitalisierung der Hauptstellhebel sein kann, um eine auskömmliche Rentabilität zu sichern. Ein zentrales – eventuell überraschendes – Ergebnis ist, dass Banken, die ihre Geschäftsmodelle frühzeitig digitalisiert haben („Pioniere“), in der Regel eine deutlich höhere finanzielle Performance in allen relevanten Bankkennzahlen vorweisen (s. Abb. 3). Zudem lag ihre Rentabilität deutlich über dem Durchschnitt der 50 untersuchten europäischen Banken und im Allgemeinen auch über ihren jeweiligen Eigenkapitalkosten. Unter diesen digitalen Vorreitern finden sich überwiegend fokussierte Retail-Banken und nur wenige komplexe Universal- oder Wholesale-Banken. Digitale Bankpioniere haben Kundenzentrierung, (Omni-)Präsenz im Kundenalltag und Prozesseffizienz in den Mittelpunkt gerückt und sich damit an den Erfolgsfaktoren der Big Techs wie Amazon oder Google orientiert. Diese Institute beschreiten damit einen Weg, der zeigt, wie Europas Banken trotz herausfordernder Rahmenbedingungen auch künftig erfolgreich am Markt agieren können.

Quellen
  1. Zeb, European Banking Study 2019: „Weathering the perfect storm“, Frankfurt/M., Juni 2019;
  2. Deutsche Bank Research: „How to fix European banking … and why it matters“, London, März 2019.
Autor 
Heinz-Gerd Stickling ist Partner bei Zeb und Leiter Zeb-Research in Münster.