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| Gesamtbanksimulation

Planung für die Sparkassenzukunft

Die Anwendungen Gesamtbanksimulation und Ergebnisvorschaurechnung erlauben eine flexible, integrierte Simulation von Bilanz-, GuV- und diversen Profitabilitäts- und regulatorischen Kennzahlen. Damit werden künftig die Kapital- und Risikoplanung, der turnusmäßige und anlassbezogene Stresstest und die Simulation einzelner Maßnahmen maschinell unterstützt.

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Die Gesamtbanksimulation (GBS) wird für die Daten- und Systemlandschaft der Sparkassen und unter Berücksichtigung des typischen Sparkassengeschäfts-modells entwickelt. Geplant ist, GBS als OSPlus-Anwendung (inklusive Anbindung an den Integrierten Datenhaushalt) mit dem OSPlus-Release 20.0 zur Verfügung zu stellen. Simulations-ergebnisse werden damit auch für das interne sowie externe Reporting verfügbar (s. Abb. 1).

Mit der Einführung von Basel III ist ein Strauß vielfältiger Kennzahlen und zugehöriger, teilweise herausfordernder Mindestvorgaben auf die Institute zugekommen. Daraus resultiert die Notwendigkeit, verstärkt mit einem ganzheitlichen Blick die verschiedenen Geschäftseffekte zu steuern. Eine Maßnahme, die die Liquidität verbessert, kann einen nachteiligen Effekt auf die Kapitalquote haben und eine kurzfristige Verbesserung der Kapitalisierung möglicherweise die Ertragslage mittelfristig belasten. Auch die Aufsicht hat diese Notwendigkeit erkannt und fordert ihrerseits in verschiedenen Vorgaben auf europäischer und nationaler Ebene eine integrierte und vorausschauende Sicht in der Banksteuerung.

 
© BBL
Im Projekt "Zielbild Banksteuerung" sind 2015/16 insgesamt 20 Arbeitspakete definiert worden, um bei diesem Thema in der Sparkassen-Finanzgruppe Zukunftssicherheit im Spagat zwischen deutlich gestiegenen aufsichtlichen Anforderungen und gleichzeitigem Kostendruck zu gewährleisten. Auf Platz eins ist dabei das Arbeitspaket "Kapital- und Risikoplanung" gesetzt worden. Auch das Arbeitspaket "Stresstest" war auf Platz zehn hoch priorisiert.

Prototyp Gesamtbanksimulation

Im Sommer 2016 ist in der Sparkassen-Rating und Risikosysteme GmbH (SR) und ihren Gremien kontrovers diskutiert worden, wie man sich diesen Arbeitspaketen nähert. Zunächst gab es erhebliche Zweifel, ob in dieser hochkomplexen Materie, in der letztlich alle Probleme und Herausforderungen in der Banksteuerung gebündelt auf den Tisch kommen, eine maschinelle Lösung überhaupt möglich ist. Die Idee, hierzu lediglich eine Art Leitfaden zur Unterstützung zu geben, wurde als unbefriedigend empfunden. Im Ergebnis wurde beschlossen, die technische Machbarkeit und die fachliche Beherrschung mittels der Entwicklung eines Prototyps zur Gesamtbanksimulation zu untersuchen.

Dieser Prototyp ist bis Anfang 2017 entwickelt, in einer Reihe von Sparkassen vorgestellt und bei zwei Instituten unterschiedlicher Größe verprobt worden. Als Ergebnis dieser Verprobung hat der Fachrat Banksteuerung beschlossen, im Rahmen der SR-Mittelfristplanung eine maschinelle Lösung zur Gesamtbanksimulation in der neuen Ziellandschaft der Banksteuerung zur Verfügung zu stellen.

 
© BBL
Wie sieht diese Ziellandschaft aus? Im Zentrum steht der Integrierte Datenhaushalt (IDH). Hier laufen künftig die für die regulatorische und betriebswirtschaftliche Banksteuerung relevanten Daten aus allen operativen Systemen – also vor allem aus den AZ 0 bis 9 und aus SCD – zusammen und werden so aufbereitet, dass sie übergreifenden Auswertungen in einer standardisierten Form zur Verfügung stehen (s. Abb. 2). Meldewesen und Risikomessung werden konsistent und weitgehend automatisiert mit Daten versorgt. Steuerungsimpulse können damit auf Basis eines konsistenten und transparenten Gesamtbilds abgeleitet werden. Auf dieser Basis erfolgt dann sowohl die Produktion der einzelnen Stränge im Meldewesen als auch der einzelnen Risikoauswertungen bis hin zur Risikotragfähigkeitsrechnung. Datenmäßig ist damit eine Gesamtsicht vorhanden, auf welche die Gesamtbanksimulation aufsetzen kann.

Funktionsweise der Gesamtbanksimulation

Ist-Daten und Annahmen zu den verschiedenen Risiko- und Ergebnistreibern werden zusammengeführt und als Ganzes der Sicht eines bestimmten Szenarios unterworfen. Anschließend wird in einer integrierten Rechnung die Entwicklung der zentralen Kennziffern zur Risikosituation, zur Gewinn- und Verlustrechnung, zur Bilanzstruktur, zur Solvabilität und zur Liquidität für die nächsten drei Jahre (oder je nach Parametrisierung auch der nächsten fünf Jahre) simuliert.

Ein erster Anwendungsfall ist die jährliche Kapital- und Risikoplanung. Hier sollen gerade auch die verschiedenen Iterationen im Planungsprozess unterstützt und die Sicht auf erwartete, aber auch adverse Szenarien gegeben werden. Es ist nicht nur der eigene Anspruch, sondern die klare Vorgabe der Aufsicht, dass jedes Institut nicht nur eine mittelfristige Ergebnisplanung haben muss, sondern die Entwicklung des Risikos und das Erfüllen der aufsichtlichen Kennzahlen mitzuplanen sind.

Ein zweiter Anwendungsfall sind die übergreifenden Stresstests. Was passiert, wenn sich nicht die Planung in einer gewissen Bandbreite realisiert, sondern ein schwerer konjunktureller Einbruch, ein Crash an den Kapitalmärkten oder eine heftige Immobilienkrise dazwischenkommt? Hier kommen künftig die gleichen Instrumente wie bei der Planung zum Einsatz. Anders als bei einer institutsindividuellen Planung kann die SR an diesem Punkt zusätzlich mit makroökonomischen Annahmen und daraus abgeleiteten Parametern für gängige, vor allem auch aufsichtlich erwartete Stresstests, zentral unterstützen. Diese "Stresstest-Storys" und die zugehörigen Parameter werden künftig jährlich validiert und aktualisiert.

Diese zentralen, marktweiten Szenarios sollen ergänzt werden durch einen Leitfaden – vielleicht auch durch eine Art Baukasten –, wie institutsindividuelle Szenarien definiert werden können. Solche individuellen Szenarien werden von der Aufsicht regelmäßig auch schon für etwas größere bzw. komplexere Institute erwartet. Solche individuellen Szenarien lassen sich in der Gesamtbanksimulation eingeben und anschließend automatisiert auswerten. Neben übergreifenden Stressszenarien können in der Gesamtbanksimulation natürlich auch Einzelrisiko-Szenarien gerechnet werden, etwa nur ein Zinsshift oder nur eine Ratingverschlechterung.

Für die aufsichtliche Stresstestübungen (vor allem im Rahmen des turnusmäßigen LSI-Stresstests, vormals Niedrigzinsumfrage genannt) liegt die Idealvorstellung darin, dass eine automatische Berechnung und Befüllung auf Basis zentral bereitgestellter Parameter erfolgen kann. Abzuwarten bleibt, inwieweit die Anwendung in der Lage sein wird, kurzfristig kommunizierte neue Ideen oder Interpretationen seitens der Aufsicht vollständig abzubilden. Im Zweifelsfall wird ein manueller Restaufwand verbleiben. Der aufsichtlich gewünschte inverse Stresstest kann durch die Gesamtbanksimulation nicht direkt produziert werden. Allerdings lässt sich ein auf inverse Stresstestüberlegungen beruhendes Szenario durchrechnen.

Mit dem Diskussionspapier zur Risikotragfähigkeit verordnet die deutsche Aufsicht den "weniger bedeutenden" Instituten eine deutliche Änderung gegenüber den bisherigen Verfahren. Auch wenn ein einstweiliger Bestandsschutz für die im Einsatz befindlichen Konzepte zugesichert worden ist, kann doch nichts darüber hinwegtäuschen, dass der Zug in eine europäische, durch die EZB vorgegebene Richtung fährt. Jetzt getätigte Investitionen in diesem Bereich müssen dem Rechnung tragen. Ein neuer Aspekt in der Risikotragfähigkeit ist, dass in der normativen Sicht die Tragfähigkeit nicht nur per Stichtag, sondern auch für die kommenden drei Jahre gegeben sein muss. Auch diese prospektive normative Sicht wird durch die Gesamtbanksimulation gewährleistet werden.

Eine wichtige Herausforderung ist, bei dispositiven Maßnahmen oder größeren Geschäftsopportunitäten möglichst rasch zu bestimmen, wie die Auswirkung ad hoc und mittelfristig auf die Gesamtsicht aus Risiko, Ertrag und aufsichtlichen Kennziffern ist. Die Gesamtbanksimulation wird hier die Möglichkeit bieten, tagsüber binnen von Minuten bestimmte Standardmaßnahmen durchzurechnen. Dazu gehören die gängigen Zinsderivate und nicht strukturierte Exposures in Bonds und Krediten, aber auch die eigenen Emissionen. Für Vorhaben, die über diesen Rahmen hinausgehen, ist eine detailliertere Eingabemöglichkeit vorgesehen, wobei bestimmte Rechnungen außerhalb des Systems durchgeführt werden müssen.

Harmonisierung mit EVR

Ein weiterer Aspekt in der Gesamtbanksimulation ist das Thema der Ergebnisvorschau. Hier ist 2017 eine Anwendung EVR ausgerollt worden, die nach langwierigen Mühen die Themen GuV-Planer und Prognose zusammengebracht hat. Ungeachtet des damit erreichten Erfolgs steht diese EVR vor einer Herausforderung: Auch sie muss den Weg in Richtung Integrierter Datenhaushalt gehen. Sie wird dabei auf eine andere Datenlandschaft aufsetzen müssen. Aber auch viele der jetzt aufgerufenen Komponenten werden sich in den kommenden Jahren deutlich ändern oder ersetzt werden (z. B. SDIS).

Eine Herausforderung bei der Gesamtbanksimulation wird es wiederum sein, vor allem beim Aspekt "Zinsüberschusssimulation" keine widerstreitenden Informationen zur EVR zu liefern. Die Lösung kann nur sein, dass Ergebnisvorschau und Gesamtbanksimulation künftig auf den gleichen Daten aufsetzen und bei gleichartigen Rechnungen die gleichen Rechenkerne nutzen. Sichergestellt wird das dadurch, dass die Gesamtbanksimulation und die Ergebnisvorschau am Integrierten Datenhaushalt durch das gleiche Team in der SR konzipiert und durch das gleiche Team in der Finanz Informatik umgesetzt werden. Dabei ist erklärtes Ziel, den neuerlichen Umstellungsaufwand in den Instituten für die Ergebnisvorschau möglichst gering zu halten.

Erste GBS-Version fokussiert auf Gesamtbanksicht

In der ersten Version der Gesamtbanksimulation wird der Fokus deutlich auf der Gesamtbanksicht und auf regulatorischen Erfordernissen liegen. Eine mögliche Weiterentwicklung liegt im Bereich Vertriebscontrolling. Dabei ist offen, ob eine solche Weiterentwicklung direkt in der Gesamtbanksimulation erfolgen kann, oder ob hier nicht ein nachgelagertes, auf den Ergebnissen der Gesamtbanksimulation aufbauendes zusätzliches Werkzeug technisch und prozessual angemessener wäre. Auf jeden Fall wird aber bereits in der ersten Version der Gesamtbanksimulation eine Befüllung des im DSGV-Projekt zur Geschäftsfeldsteuerung entwickelten Excel-Tools möglich sein, ungeachtet dessen späterer Integration als OSPlus-Anwendung am IDH.

Für die Anwendung der Gesamtbanksimulation im Institut ist zwischen der automatischen Verarbeitung im Nachtlauf und der Bedienung durch den Mitarbeiter im Risikocontrolling beziehungsweise der Gesamtbanksteuerung zu unterscheiden.

Im automatischen Nachtlauf erfolgt die Erstellung der Simulationsgrunddaten zum Stichtag. Konkret geht es um das Zusammenführen der verschiedenen Daten aus den verschiedenen Sichtweisen und um die Bildung geeigneter Aggregate für eine performante Rechnung. Dabei werden den Positionen die relevanten Merkmale aus Meldewesen-, Risiko- und Bilanzsicht zugewiesen. Bei der Bildung der Aggregate wird die Granularität der Planung im Institut berücksichtigt. Ferner werden alle Szenarien berechnet, die für eine automatische Berechnung vorgesehen sind. Dies können etwa die Plan- oder Stressszenarien für den Risikobericht sein.

Die im Nachtlauf erstellten Grunddaten zum Stichtag stehen tagsüber für die schnelle Berechnung auch von neuen oder Ad-hoc-Szenarien zur Verfügung. Das Aufsetzen neuer Szenarien erfolgt dabei über entsprechende Eingabemasken. Standard-Stressszenarien können ferner durch das Einlesen von SR-Steuerdaten aufgesetzt werden. Bestehende Szenarien wie vor allem das Planszenario können außerdem für Maßnahmensimulationen weiterverwendet werden.

Um die Szenarioergebnisse nachvollziehen zu können, stehen verschiedene Analysemöglichkeiten zur Verfügung, insbesondere Drill-down-Funktionen. Es ist zu beachten, dass aufgrund des Einsatzes von Aggregaten in der Berechnung ein Herunterbrechen bis auf Einzelgeschäftsebene (z. B. für eine einzelne Baufinanzierung) in der Regel nicht möglich sein wird.

Fazit und Ausblick

In der aktuellen Mittelfristplanung ist die Erstveröffentlichung der Gesamtbanksimulation für das OSPlus-Release 20.0 im Sommer 2020 vorgesehen. Da die Gesamtbanksimulation einen Beitrag zur prospektiven normativen Sichtweise liefert, wird damit auch die neue Risikotragfähigkeit erst ab diesem Zeitpunkt maschinell unterstützt werden. Es gibt die Einschätzung, dass ein solcher Zeitplan hinreichend komfortabel innerhalb einer – bislang im Übrigen nicht explizit formulierten – aufsichtlichen Erwartung für eine Umstellung liegt. Daher sind auch keine zwischenzeitlichen Brückenlösungen oder andere Behelfsvarianten geplant.

Aus Sicht des Anwenders ist eine Bereitstellung im Jahr 2020 vielleicht noch in weiter Ferne. Für die mit der Umsetzung befassten Kollegen in SR und Finanz Informatik handelt es sich um eine enorme Herausforderung mit engen Zeitplänen. Unterstützt von den Sparkassen-Finanzgruppe-Gremien werden sie dabei jedoch von der Überzeugung geleitet, mit der Gesamtbanksimulation ein für die Banksteuerung der Sparkassen wichtiges, hoffentlich bald geschätztes und gern genutztes Werkzeug bereitstellen zu können.

Autor
Dr. Andreas Matuschke ist Bereichsleiter Risiko und Kapital bei der Spar­kassen-Rating und Risikosysteme GmbH in Berlin.