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| Problemkredite (2)

Schneller Abbau riskant

Der Bestand an Problemkrediten ist in einzelnen Ländern weiterhin sehr hoch. Verschiedene Maßnahmen sollen für eine schnelle Reduktion sorgen. Doch was passiert, wenn dieser Prozess zu schnell vollzogen wird?

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Bei den deutsch-französischen Regierungskonsultationen auf Schloss Meseberg ist im Juni 2018 eine Zielquote für notleidende Kredite (Non-Performing Loans, NPLs) vereinbart worden. Danach soll die Bruttoquote notleidender Kredite eines Instituts maximal fünf Prozent betragen. Wird zusätzlich die bereits getroffene Risikovorsorge berücksichtigt, dann liegt die Zielvorgabe für den Nettobestand bei 2,5 Prozent.

Die Mitgliedsstaaten sollen dieses Ziel möglichst „zeitnah“ erreichen. Im Meseberg-Papier wird im Zusammenhang mit der Einführung einer Kreditlinie für den einheitlichen Abwicklungsfonds der Bankenunion von einem Abbau der NPL-Bestände bis zum Jahr 2024 gesprochen.

Es ist aber fraglich, wie realistisch dieses Ziel ist, und ob der Pfad dahin nicht mit negativen Konsequenzen verbunden sein wird. Anhand verschiedener Risikofaktoren soll gezeigt werden, dass eine zu schnelle NPL-Reduktion bei ungünstigen ökonomischen Bedingungen in Teilen des europäischen Bankensystems zu einer eingeschränkten Kreditvergabe führen dürfte. Somit bestünde die Gefahr einer Kreditklemme. Das gut gemeinte Ansinnen könnte somit einen ökonomischen Abschwung verstärken.

Instrumente für den NPL-Abbau

Um das Ziel zu erreichen, hat die Aufsicht mittlerweile unterschiedliche Maßnahmen und Instrumente an der Hand. Betrifft eine NPL-Zielvorgabe nur die vorhandenen NPLs, sind für die Aufseher korrektive Maßnahmen relevant. Dazu gehört etwa der Verkauf notleidender Forderungen. Entscheidend dafür ist, dass die Maßnahmen in einem optimalen Tempo durchgesetzt werden.

Ein Verkauf von NPLs unter erhöhtem Zeitdruck führt im Regelfall nicht zu einer deutlichen Freisetzung von Eigenkapital und somit auch nicht zu einer höheren Kreditvergabekapazität. Denn es ist nicht damit zu rechnen, dass die Verkaufserlöse über den bereits wertberichtigten Buchwerten der NPLs liegen. Die Belastung hängt davon ab, welche Methode die Institute zur Bestimmung ihrer Mindesteigenkapitalan­forderungen für Kreditrisiken verwenden.

Bei Banken, die den fortgeschrittenen IRB-Ansatz anwenden, werden diese Verluste in die Schätzung der Verlustausfallquote (Loss Given Default, LGD) mit einbezogen. Dies führt dazu, dass auch gesunde Teile des Kreditportfolios des Instituts ein höheres Risikogewicht erhalten. Die sich daraus ergebende Erhöhung des risikogewichteten Forderungsbestands führt zu einer Reduktion der Eigenkapitalquoten, sofern die Institute ihr Eigenkapital nicht erhöhen können.

Die Banken können ihre Eigenkapitalquoten nur dann aufrechterhalten, indem sie ihren Forderungsbestand und ihre Kreditvergabe reduzieren. Die Bemessung der Kreditrisiken erfolgt bei den europäischen Groß­banken zu einem Großteil auf Basis der IRB-Ansätze. Für die Institute, die dagegen den Standardansatz oder den Basis-IRB-Ansatz anwenden, ist der Punkt nicht relevant, da sie den LGD-Parameter nicht selbst schätzen.

Auswirkungen eines beschleunigten NPL-Abbaus

 
© BBL
Werden bis zum Jahr 2024 gleichbleibende ökonomische Bedingungen im Basisszenario unterstellt, müssen die zentral- und nordeuropäischen Staaten keine Befürchtung haben, dass sie die vorgeschlagenen NPL-Zielvorgaben nicht erfüllen. Zu Zentraleuropa zählen unter anderem Deutschland und Frankreich. Lediglich die südeuropäischen und einige osteuropäischen Staaten verfügen nach aktuellen Zahlen über hohe NPL-Quoten (s. Abb. 1).

Um die NPL-Zielvorgaben in diesen Bankenmärkten zu erreichen, muss der NPL-Abbau stark beschleunigt werden. In diesen Bankenmärkten ist die Nutzung des fortgeschrittenen IRB-Ansatzes jedoch nicht sehr weit verbreitet. Kommt es somit zu keiner ökonomischen Abschwächung, ist aufgrund der NPL-Zielvorgaben auch keine Belastung der Eigenkapitalquoten oder der Kreditvergabe zu erwarten.

Bei einer ungünstigen ökonomischen Entwicklung verschlechtern sich dagegen die finanziellen Konditionen der Kreditnehmer. Dadurch steigen die NPL-Bestände in den Bilanzen der Banken. Je nach Schwere des Abschwungs erreichen in diesem Szenario auch die Bankenmärkte in Zentral- und Nordeuropa die NPL-Zielvorgaben nicht mehr. Damit müssen auch solche Banken den NPL-Abbau beschleunigen, die den fortgeschrittenen IRB-Ansatz vielfach nutzen. Aufgrund schrumpfender Gewinne kann auch kein zusätzliches Eigenkapital aufgebaut werden.

Die nordeuropäischen Institute können sich zwischen einer Reduktion ihrer Eigenkapitalquoten oder einer Einschränkung ihrer Kreditvergabe entscheiden. Sie verfügen selbst unter ungünstigen ökonomischen Bedingungen noch über hohe Eigenkapitalquoten. Dies lässt sich anhand der Daten des EBA Stresstests von 2018 erkennen (s. Abb. 1, rechts unten).

 
© BBL
Die Institute in Zentraleuropa weisen im Stressszenario allerdings zu geringe Eigenkapitalquoten auf (s. Abb. 2). Eine weitere Reduktion der Quoten würde unter Umständen zu Sanktionen der Aufsicht führen. Die Banken dieser Region werden unter adversen ökonomischen Bedingungen also ihren Forderungsbestand und ihre Kreditvergabe reduzieren, um die Eigenkapitalquoten auf dem niedrigen Niveau zu halten.

Folglich bestehen mit der NPL-Zielvorgabe in Zentraleuropa Anreize, unter ungünstigen ökonomischen Bedingungen die Kreditvergabe einzuschränken (s. Abb. 2). Die Finanzierung von Unternehmen, die auf Bankkredite angewiesen sind, wird dadurch gestört. Dies führt zu einer Verstärkung des ökonomischen Abschwungs. Die NPL-Zielvorgabe dürfte somit vor allem in Zentraleuropa prozyklisch wirken.

Fazit

Gerade bei Banken, die in Krisenzeiten über einen hohen NPL-Bestand verfügen, kann deren beschleunigter Abbau die Kapitalsituation der betroffenen Institute zusätzlich belasten. Überstürzte und kurzfristige Gegenmaßnahmen können zu weiteren Belastungen des Kreditmarkts führen. Letztlich ist beim NPL-Abbau immer institutsindividuell vorzugehen. Die Eigenkapital- und Ertragssituation ist bei den Instituten sehr unterschiedlich. Hier einen Gleichlauf über eine pauschale Zielvorgabe zu erzwingen, erscheint nicht sinnvoll.

Ein beschleunigter Abbau muss nicht zwingend zu einer deutlichen Freisetzung von Eigenkapital und somit auch nicht zu einer höheren Kreditvergabekapazität führen. Denn es ist nicht damit zu rechnen, dass die Verkaufserlöse über den bereits wertberichtigten Buchwerten der NPLs liegen.

Daran wird auch die beabsichtigte Regelung zur Belebung der NPL-Sekundärmärkte nichts ändern. Insofern dürfte ein Erreichen der Zielvorgabe vor allem in Krisensituationen bzw. angespannten Kreditmärkten eher prozyklisch wirken. Diese Gefahr kann vor allem in Zentraleuropa bestehen.

Autoren
Thomas Salewski ist studentischer Mitarbeiter beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) und Absolvent im Bereich „Wirtschaft und Politik“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin.
Dr. Silvio Andrae ist Abteilungsdirektor beim DSGV in Berlin.