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| Fachforum Symbioticon

Sparkassen zu Alltagshelfern machen

Neue Technologien ziehen verstärkt in Wirtschaft und Gesellschaft ein. Für Sparkassen bieten sie völlig neue Anknüpfungspunkte zum Kunden. Wie die aussehen, haben Experten auf der Symbioticon skizziert.

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Open Banking oder die Nutzung offener API-Schnittstellen zum Datenaustausch bietet Banken und Sparkassen die Chance, ihre Produkte und Services kundenzentrierter auszurichten und neue Ertragspotenziale zu erschließen. Um diese Möglichkeiten nutzen zu können, sollten Banken und Sparkassen sich kulturell weiter öffnen und in Kooperation mit Drittanbietern neue Angebote entwickeln, hat Ann-Kathrin Brauns vom Münchner Trendbüro auf der 4. Symbioticon in Hamburg resümiert. Der Hackathon der Sparkassen-Finanzgruppe zählte in diesem Jahr gut 500 Besucher (Die BBL haben berichtet).

„Open Banking kann Banken stärken“, betont Brauns. Durch die Öffnung von Programmierschnittstellen für Kooperationspartner oder die Anwendung einer Plattform-Ökonomie könnten Geldhäuser beste Produktanbieter in einzelnen Kategorien werden. „Damit bleibe ich im Finanzsektor relevant“, erklärt die Mitarbeiterin des Münchner Think Tanks, der Handlungsempfehlungen für die Sparkassen zur sogenannten API Economy (Application Programming Interface) erarbeitet hat. Für Banken und Sparkassen ist es danach essenziell, als Anbieter in einer digitalen Netzwerk-Ökonomie zur täglichen Routine zu werden.

Trend hin zum Contextual Banking

 
Trendforscherin Ann-Kathrin Brauns erwartet von Sparkassen, Kunden bei der Bewältigung von Alltagsproblemen stärker zu unterstützen. © Star Finanz
Die Sparkassen könnten weiterhin die Schnittstelle zum Kunden besetzen, so die Trendforscherin. Allerdings müssten sie den Kunden dabei auch einen klaren Mehrwert bieten. Dies gelingt nach ihrer Ansicht aber nur, wenn eine Sparkasse kundenzentriert denkt. „Ich muss nicht nur Daten haben und sammeln. Ich muss auch lernen, die Daten zu verstehen.“ Statt standardisierten Angeboten verlangt der Verbraucher maßgeschneiderte Produkte, ausgerichtet an seinen individuellen Wünschen und Bedürfnissen.

Um zum täglichen Anlaufpunkt und Alltagshelfer für Kunden zu werden, muss die Finanzindustrie herkömmliche Denkstrukturen ablegen und sich aus der Welt der Finanzprodukte hinausbewegen. Banken und Sparkassen sollten identifizieren, in welchen Kontexten Banking (Contextual Banking) stattfindet und neue Berührungspunkte etwa im Bereich Immobilienkäufe oder Steuererklärungen besetzen, indem sie dem Kunden passende Angebote bereitstellen.

Kundendaten können künftig in neuen Zusammenhängen genutzt werden, wie die Trendexpertin erklärt: „Bankdaten werden etwa zur Authentifizierungsquelle und ermöglichen passloses Reisen.“ Das Weltwirtschaftsforum (WEF) testet etwa gerade das Programm „Known Traveller Digital Identity (KTDI)“ für dokumentenfreie Flugreisen zwischen internationalen Zielen, bei dem sich Reisende nur noch über ihr Smartphone ausweisen.

Markenwert als „Bank um die Ecke“ nutzen

Kontodaten liefern außerdem Aufschluss darüber, wie ein Kunde sich ernährt oder welche Interessen und Gewohnheiten er hat. „Mit all ihren vorhandenen Daten können Banken zum perfekten täglichen Begleiter werden und Prognosen über Produkte und Services ableiten, von denen der Kunde heute noch gar nicht weiß, dass er sie morgen braucht“, prognostiziert Brauns. Gestattet der Kunde die Nutzung und den Austausch seiner Daten mit Drittanbietern, ermöglicht er damit auch den Bau eines individuellen Produktes.

Verglichen zu anderen Marktteilnehmern genießen Sparkassen als eta­blierte Partner vor Ort einen Vertrauensvorsprung und sollten sich ihren Markenwert zunutze machen. Das Konzept der „Shared Infrastructure“, bei der ein Dienstleister seine IT-Infrastruktur mehreren Kunden zur Verfügung stellt, bietet die Möglichkeit, neue Services auch auf lokaler Ebene anzubieten.

Alleingang hemmt Innovationskraft

„Eine Do-it-yourself-Mentalität kann dabei eher zum Innovationskiller werden“, mahnt Brauns. Stattdessen sollten Banken und Sparkassen auch außerhalb herkömmlicher Strukturen Neuprodukte einführen, um neue Kundenzielgruppen zu gewinnen oder versuchsweise ein innovatives, digitales Back-end auf der grünen Wiese nutzen.

Anstatt ein Start-up durch den gesamten Gremienzyklus laufen zu lassen, könne eine einzelne Sparkasse zunächst auch einen Testballon zu einer Anwendung starten. Ist die Lösung erfolgreich, kann sie, so Brauns, schrittweise in der Organisation eingeführt werden. „Die Rieseninnovationskraft, die der Sparkassengruppe zur Verfügung steht, gerade weil sie so eine vertrauensvolle Gruppe ist, ermöglicht es, den Wandel mitzugestalten“, resümiert Brauns.

Digitalisierung im Handel und Bau hakt

 
Nach den Erfahrungen des Deutsche-Leasing-Experten Sven Siering brauchen KMU heute mehr als Finanzierung und Zahlungsabwicklung. © Star Finanz
Für verstärkte Kooperationen und eine Schnittstellen-Nutzung zur Ent­wick­lung bedarfsgerechter Angebote hat auf dem Fachforum der Symbioticon auch Sven Siering, Leiter der vor zwei Jahren gegründeten Digital Innovation Unit der Deutschen Leasing, plädiert. Kleine und mittelständische Kunden (KMU) brauchen mehr als Finanzierung und Zahlungsabwicklung, berichtet Siering aus Erfahrung. Dementsprechend müssen sich Banken und Finanzdienstleister ein ganzes Stück weit neu erfinden.

KMU wenden einen signifikanten Teil ihrer verfügbaren Ressourcen für Verwaltungsausgaben auf. Lediglich 30 Prozent der Arbeitszeit eines Bauarbeiters entfallen auf seine Haupttätigkeit. Erst die Hälfte der KMUs in Deutschland nutzt digitale Hilfsmittel für administrative Aufgaben, vor allem in der Rechnungserstellung und in der Buchhaltung. Bereits vor­han­dene Software- oder Cloud-Lösungen werden wegen zu hoher Imple­mentierungskosten oder Komplexität kaum eingesetzt. „Da ist noch ganz viel Spielraum“, weiß Siering.

Generell steht der Handel einer Digitalisierung aufgeschlossen gegen­über, etwa der Idee einer zentralen Kunden- und Vertragsdaten­bank. Aller­dings besitzen vor allem viele kleinere Händler noch keine Omni­kanal-Strategie, mit der sie ihr Angebot im Internet vermarkten können. Zudem fehlt es häufig an Expertise für die Anwendung neuer Technolo­gien wie Internet der Dinge, Big Data oder Augmented Reality. „Der Handel will diese Themen, findet bislang aber keinen Zugang dazu.“

Das Handwerk kann sich ebenfalls sehr für neue Technologien erwär­men, sieht sich laut Siering bei der Implementierung aber als Nach­zügler. Kundenauftragsmanagement, Buchhaltung und Ersatzteilkataloge existieren vorwiegend noch in Papierform. Dabei bieten mobile Zeiterfassung oder 3-D-Druck enorme Chancen für die Branche.

Im Baugewerbe, welches ebenso stark reguliert wird wie die Bankenbranche, fehle es ebenfalls häufig an digitalem Know-how. Siering zufolge sind erst elf Prozent der Betriebe bislang in der Lage, die regulatorisch bald vorgegebenen digitalen Ausschreibungen für Bauprojekte zu ermöglichen.

Kundenprobleme im Alltag als Anknüpfungspunkte

 
Firmenkundenberater sollten etwa den 3-D-Druck sowie dessen Vorteile kennen, um auf Augenhöhe kommunizieren zu können. © dpa
Bei der Automatisierung von Abläufen auf Baustellen, im Bereich Sensorik oder bei der Feststellung der Verfügbarkeit von Betriebsmitteln bei Projektzuschlägen ist die Baubranche überwiegend noch analog unterwegs. Zwar existieren bereits innovative Lösungen im Markt, die Betriebe zögern aber bei der Einführung, wie Siering berichtet. Über eine „Building Information Modeling“-Software (BIM) etwa könnten Baudaten bereits in der Planungsphase erfasst und verwaltet sowie der Materialbedarf berechnet werden. Alle an der Projektierung und Planung Beteiligten können auf die Daten zugreifen.

„Das Problem der Kunden ist nicht immer das, was wir als Banken sehen, sondern was im Alltag passiert“, erläutert Siering. Dies sollte bei der Suche nach Anknüpfungspunkten in der künftigen Zusammenarbeit von Finanzdienstleistern und Kunden stärker beachtet werden. Die Innovationseinheit der Deutschen Leasing habe eine digitale Plattform zur Beschaffung und Vermarktung von Agrar- und Baumaschinen (MachineHero) entwickelt, die bald im Markt verfügbar sein soll.

Grund dafür war, dass die Beschaffung und Verfügbarkeit von Gebrauchtmaschinen viele Betriebe derzeit vor Probleme stellen: „Die Branche boomt, jeder hat Überbedarf“, so Sierings Erfahrung. Viele Transaktionen werden noch analog und mit Barzahlungen abgewickelt. Der digitale Marktplatz kombiniert indes alle erforderlichen Leistungen wie Bonitätsprüfung, Versicherungen und Logistikservice bis hin zur Finanzierungs- und Zahlungsabwicklung.

Über eine Programmierschnittstelle können zeitnah die Transportkosten berechnet und Angebote erstellt werden. Für die Finanzierung werden Produkte aus der Sparkassen-Finanzgruppe angeboten. „Wir müssen hier aber offen denken“, betont Siering. Finanzierungen über andere Institute sind deshalb ebenfalls möglich.

Plug-in-Ökosystem für bedarfsgerechtes Angebot

Größere Unternehmen der Baubranche arbeiten Siering zufolge bereits mit ERP-Software-Lösungen (Enterprise-Resource-Planning) für ihr Baustellenmanagement. Häufig hapert es allerdings am Liquiditäts­management. „Das ist der Killer der Branche“, unterstreicht er. Ein innovatives Plug-in-Ökosystem der Innovationseinheit der Deutschen Leasing (Fintegrate) soll hier künftig Abhilfe schaffen: Während Konto­umsätze einen Blick in die Vergangenheit erlauben, liefert eine Analyse von Verträgen und Versicherungen Aussagen über künftige Entwick­lungen. Auf deren Basis werden Algorithmen gebildet, mit denen ein bedarfsgerechtes Angebot entwickelt werden kann. „Damit werden wir Teil der Wertschöpfungskette des Kunden. Wir integrieren uns, anstatt eigene Kunden-Frontends aufzubauen“, erläutert Siering.

Fazit

Das die 4. Symbioticon begleitende Fachforum hat vor allem eins gezeigt: Sparkassen dürfen sich nicht mehr nur als reine Finanzdienst­leister verstehen. Immer wichtiger wird es, sich in vielen Bereichen als alltäglicher Lebensbe­gleiter zu positionieren. Das erfordert ein Umdenken und mitunter auch ein verändertes Know-how der Mitarbeiter. Vor allem im Firmenkunden­geschäft ist das eine echte Herausforderung, zieht hier doch die Digitali­sierung mit Macht ein. Das verändert ganze Geschäftsprozesse. Und nicht nur Großunternehmen, sondern auch der Mittelständler, ein wichtiger Kunde jeder Sparkasse, weiß inzwischen etwa um die Vorteile eines 3-D-Drucks. Die Einführung solcher technologischen Innovationen müssen die Sparkassen deshalb an vorderster Front begleiten.

Autorin
Frances Palgrave ist freie Finanz- und Wirtschaftsjournalistin in Hamburg.

Den Beitrag der Autorin über den diesjährigen Hackathon auf der Symbioticon, seine Sieger und die ausgezeichneten Lösungen finden Sie hier.