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| Kolumne 04/19: DevOps

Viele Rinnsale werden zum Strom

DevOps erweitert das auf die reine Softwareentwicklung begrenzte Agilitätskonzept und schafft eine „agile Infrastruktur“, glaubt BBL-Kolumnist Petteri Ahonen. Bei der finnischen OP Financial Group werden DevOps-basierte Software-Produktionsprozesse in Echtzeit verwaltet, Projektfortschritte verfolgt und mögliche Engpässe heute früher erkannt.

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In der IT-Branche ist das DevOps-Konzept weder neu noch unpopulär. Um diese Philosophie, die schon seit 2008 weltweit zur agileren und effizienteren Softwareentwicklung beiträgt, mitteleuropäischen Finanzinstituten zugänglich zu machen, muss man zunächst einen Blick auf die Chancen von DevOps werfen. Denn in der zunehmend komplexen Weltwirtschaft mit ihren extremen Fluktuationen, Gewinnmöglichkeiten und Verlustrisiken haben sie keine Zeit zu verschenken.

Eben diese Komplexität des vernetzten Wirtschaftsgefüges ist bei näherem Hinschauen der Hauptgrund dafür, dass DevOps so lautstark an die Türen deutscher Unternehmen klopft. Sämtliche Industriezweige und geografi­schen Regionen wollen Produkte schneller auf den Markt bringen und Veränderungen flexibel begegnen. Auch in der Finanzindustrie folgt eine strukturelle und technische Umwälzung der anderen. Der verständliche Wunsch, auch von der KI-Revolution zu profitieren, setzt IT-Abteilungen von Banken und Sparkassen massiv unter Druck. Immer schneller soll neue Software entwickelt werden.

Genau an diesem Punkt setzt DevOps an – insofern stellt sich nicht die Frage, ob dieses Konzept nützlich ist. Stattdessen sollte sich die Branche überlegen, wie sie DevOps und die vielen unter diesem Schlagwort zusam­mengefassten Einzelansätze möglichst effektiv in den Dienst ihrer Ziele stellen kann.

DevOps als „agile Infrastruktur“

Um das DevOps-Konzept besser zu verstehen, sei an dessen Vorläufer, die Methodik der agilen Softwareentwicklung erinnert. Zunächst kann man davon ausgehen, dass die folgenden Überlegungen nicht nur Kreditinstitute betrifft – Software ist generell für moderne Wirtschaftskreisläufe so essen­ziell, dass heutzutage viele Firmen schon fast als Software-Unter­nehmen eingestuft werden könnten – unabhängig von ihrem eigentlichen Geschäfts­feld. Deswegen lohnt es sich für Führungskräfte, sich zumindest in groben Zügen mit den technischen Aspekten der Software-Entwicklung vertraut zu machen, ist sie doch eine Grundlage von Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigen exemplarisch die vier Unternehmen mit den weltweit höchsten Börsenwerten – Apple, Alphabet, Microsoft und Amazon. Ihnen ist gemeinsam, dass Softwareentwicklung das Herzstück ihrer Tätigkeit ist.

Schauen wir kurz zurück ins Jahr 2008, als der Begriff DevOps zuerst aufgetaucht ist, und zwar in Diskussionen über „agile Infrastruktur“. Das Agilitätsprinzip hat auch in den Sparkassen Entwicklungsprozesse beschleunigt und sich in der Softwareindustrie insgesamt blitzschnell verbreitet. Planungslastige Verfahren („Hier ist die Blaupause von der Software, die Du für mich entwickeln sollst“) sind in vielen Bereichen durch einen kollaborativen und iterativen Ansatz, der den Entwicklungsteams mehr Freiheit beim kreativen Ausarbeiten zweckgerechter Lösungs­kon­zepte einräumt, abgelöst worden. Agile Softwareentwicklung erfolgt kontinuierlich in kleinen Schritten, wobei das Endziel nach jedem Schritt neu überdacht wird.

DevOps ist aus dem Bedürfnis heraus entstanden, das auf die reine Softwareentwicklung begrenzte Agilitätskonzept zu erweitern und eine „agile Infrastruktur“ zu schaffen, die auch die Integration der Software in die vorhandene IT-Umgebung und ihre Nutzung im betrieblichen Alltag miteinbezieht. Dass eine gelungene Entwicklung einer neuen Software keine Garantie für erfolgreiche Migration ist, zeigt unter anderem das Beispiel der britischen Bank TSB, deren Kunden nach einem System-Upgrade im April 2018 teilweise mehr als eine Woche lang nicht auf ihre Konten zugreifen konnten!

Effektive Entwicklung funktionierender Software

DevOps lässt sich aus meiner Sicht deshalb als eine Praxis der effektiven Entwicklung funktionierender Software definieren. Natürlich deckt dieser Begriff ein weites Feld ab: Er leitet sich aus Development (Entwicklung) und Operations (Betrieb) ab und ist ursprünglich als Zusammenarbeit dieser beiden Unternehmensbereiche als ein Team verstanden worden. Konkret ausgedrückt: Bei der Entwicklung neuer Software haben deren spätere Anwender von Anfang ein Mitspracherecht bekommen: Ein einfaches, aber sicheres Rezept, um die Zweckdienlichkeit sicherzustellen und Probleme zu vermeiden.

Nutzer oder Nutzerin im Entwicklungsteam personifizieren somit die kulturelle Veränderung, für die DevOps steht. Entwicklungs- und operative Abteilung tragen gemeinsam Verantwortung für den Erfolg. Auf diese Weise wird vermieden, dass das Übersehen praktischer Aspekte in der Kodierungsphase später Kopfschmerzen im Betriebsalltag verursacht. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Einführung von DevOps vielleicht nicht auf Anhieb reibungslos erfolgt, sich jedoch für eine Unternehmen durch die radikale Verkürzung der Anlaufzeiten sehr schnell auszahlt.

„Effektive Entwicklung funktionierender Software“ bedeutet auch, Ressourcen einzusparen. DevOps umfasst die Automatisierung repetitiver Aufgaben und die Beschleunigung sämtlicher Entwicklungsschritte, womit das Konzept neben der besagten Agilität auch Prinzipien des Lean Development umfasst.

DevOps in der Finanzindustrie

 
Futuristisch im Design und in der Software-Entwicklung mit DevOps: die finnische OP Financial Group. © Tuomas Uusheimo/JKMM
In seiner einfachsten Form ermöglicht der DevOps-Ansatz den beteiligten Teams das freie Experimentieren mit unterschiedlichen Werkzeugen und Optionen. Im Finanzsektor ist diese Freiheit allerdings selten gegeben. Der Ausgangspunkt für Erneuerungen sind hier oft in die Jahre gekommene und störungsanfällige ITK-Systeme, die sich nicht reibungslos aktualisieren lassen. Gerade dieser Mangel an Flexibilität macht DevOps für die Finanz­industrie interessant. Denn das Bedürfnis nach einer anpassungsfähigeren Infrastruktur ist unübersehbar.

Ein Weg zu diesem Ziel ist die Virtualisierung. Dabei werden Systeme nicht direkt miteinander verbunden und einzelne Systemkomponenten können ausgetauscht werden, ohne die Gesamtumgebung zu destabi­lisieren. Es gibt viele unterschiedliche Virtualisierungstechniken (z. B. Containervirtualisierung), die aber im Grunde alle den Zweck haben, gebündelte Systeme unabhängiger voneinander zu machen.

Ein anderer für Banken interessanter DevOps-Aspekt sind „Pipelines“ für die Softwareproduktion. Gemeint ist damit ein Verfahren, das an die aus der Industrie bekannten Montagelinien angelehnt ist. Im Softwarekontext ist unter einer solchen Produktionslinie eine Serie von Entwicklungs-Tools zu verstehen, die sich für unterschiedliche Projekte eignen. Diese Programmierwerkzeuge können Tausenden von Entwicklern gleichzeitig zur Verfügung stehen – auch abteilungsübergreifend. Dem Unternehmen erleichtern sie das Outsourcing und die Übersicht über organisationsweite Leistungsdaten, den Nutzern sparen sie durch einfachen Zugriff Zeit. Die Pipelines sind wichtig für alle Unternehmen, die mit Software und DevOps neue Fortschritte erzielen wollen. Dies gilt besonders für Banken.

Die OP Financial Group, einer der größten Finanzkonzerne Finnlands, schildert die von vielen Teams genutzte automatisierte Pipeline als „Strom, in dem viele kleine Rinnsalen zusammenfließen“. OP beschäftigt mehr als 2000 Entwickler und ist zur Sicherstellung eines reibungslosen Betriebs auf 99,5-prozentige Verfügbarkeit der Softwareentwicklungsumgebung angewiesen. Die Pipeline hat sie als externe Dienstleistung von Eficode bezogen. Denn das Unternehmen konnte mit seiner Softwareentwick­lungsumgebung als Dienstleistung eine konstante Verfügbarkeit sicher­stellen. Heutzutage kann OP Softwareproduktionsprozesse in Echtzeit zu verwalten, Projektfort­schrit­te verfolgen und mögliche Engpässe schon frühzeitig erkennen.

Die hohe Zahl der Softwareentwickler in der Finanzbranche ist ein guter Indikator dafür, wie wichtig Software und effiziente Softwareentwicklung für den Geschäftserfolg der Banken sind.

Zukunft von DevOps in der Finanzbranche

Es ist kein Klischee, aber auch die Zukunft von DevOps ist ohne künstliche Intelligenz (KI) nicht denkbar. Für die Finanzbranche ist KI zum Glück kein Schreckgespenst am Horizont. So ist KI-gestützt mit Hilfe von Chatbots oder intelligenter Datenauswertung etwa bereits der Wertpapierhandel automatisiert worden. Die Finanz- und Versicherungswirtschaft zählt auf diesem Gebiet neben der IT-Branche zu den Pionieren. Und die Verbin­dung zu DevOps ist offenersichtlich: Auch bei KI handelt es sich um Software und deren effizientere Entwicklung bringt den Organisationen schnelle Erfolge.

Ein interessanter Gesichtspunkt sind im Bereich DevOps mit Blick auf die Zukunft gesetzliche Vorschriften. Finanzinstitute sind Vorreiter in der wettbewerbsorientierten Umsetzung von Verordnungen wie der Daten­schutzgrundverordnung (DSGVO). In diesem Sektor sind Rechtskonfor­mität und vollständige Auditierbarkeit so zwingend erforderlich, dass die von einer Software-Produktionslinie gebotene Transparenz von unschätz­barem Wert ist. Eine bessere Übersicht ist daher einer der wichtigsten Vorteile, die DevOps den IT-Abteilungen europäischer Finanzkonzerne bringen kann.

Fazit: Von starr zu agil

Angesichts des mitunter starren Charakters alter ITK-Systeme in Banken ist es kein Wunder, dass sich immer mehr Finanzdienstleister nach sinnvollen Alternativen umsehen. Als zeitgemäßer Neuausgabe der bewährten agilen Methodik stehen DevOps alle Türen offen. Effektive Entwicklung funktionierender Software – dieses Versprechen hält DevOps auch angesichts der einzigartigen Herausforderungen der Finanzbranche.

In der gut zehnjährigen Geschichte des DevOps-Ansatzes ist das Werk­zeug­arsenal dieser Technologie immer weiter verfeinert worden und hat sich auch im Finanzsektor bereits bewährt. Die innovative Anpassung an die spezifischen ITK-Anforderungen individueller Unternehmen ist für DevOps-Experten einfach.

Autor
Petteri Ahonen ist Country Manager Deutschland bei Eficode in München.