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| Sparkassenfusionen

Zwang zur Größe

Die Anzahl der Sparkassen hat sich seit der Jahrtausendwende in etwa halbiert – die Fusionen bieten gute Chancen.

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379 Sparkassen gibt es zum 1. September 2019 – drei weniger als im Vormonat. Bis zum Ende des Jahres werden es 379 sein, wie der DSGV berichtet.

Die Auslöser für Fusionen der Sparkassen reichen von der Niedrigzinsphase und wachsender Regulatorik über geänderte Anforderungen des Mittelstands an Finanzdienstleister bis hin zu politisch motivierten Gebietsreformen. Selbst wenn die Zusammenschlüsse oft das Ergebnis wirtschaftlichen Drucks sind. Sofern sie gut gemacht sind, bieten sie den Sparkassen gute Chancen.

Für Stefan Gratzfeld beispielsweise ist die Verschmelzung einzelner Institute zur Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg ein Glücksfall. Mit der Verschmelzung der Sparkassen Celle und Gifhorn-Wolfshorn entsteht in Niedersachsen das fünftgrößte Institut mit einer Bilanzsumme von rund 6,5 Milliarden Euro. Es zählt mehr als 225.000 Kunden und verfügt über ein Kundengeschäftsvolumen von mehr als zwölf Milliarden Euro.

„Die Fusion ermöglicht eine höhere Leistungsfähigkeit, die eine stärkere Spezialisierung und somit eine Erweiterung der Geschäftsfelder erlaubt“, betont der Sparkassen-Chef. Damit verschaffe sich die Sparkasse zusätzliches Wachstum, um ihre Marktposition in der Region auszubauen.

 
Blick auf das Sparkassenkarree in Hagen: Das Institut ist eine der Sparkassen aus dem Verbandsgebiet in Westfalen-Lippe, die in den vergangenen Jahren Fusionen durchgeführt haben. © dpa

„Wir können noch effizienter werden und Synergien heben. Wir haben die Kraft, um noch intensiver in richtungsweisende digitale Strukturen zu investieren“, unterstreicht Gratzfeld. Dabei sei die Sparkasse für Privatkunden ebenso wie für den regionalen Mittelstand attraktiv. „Für unsere Kunden bleiben die Strukturen vertraut, die Möglichkeiten aber wachsen und die Beziehung zu uns wird noch bequemer, einfacher und schneller werden“, meint der Sparkassen-Chef.

Kunden müssen mitgenommen werden

Vor allem die Kunden nähmen die jüngst erfolgte Verschmelzung gut auf: „Grundsätzlich ist die Reaktion positiv, weil viele die Weitsicht dieser Entscheidung begrüßen und wahrnehmen, dass von der gestärkten Position der Sparkasse auch die Menschen profitieren, die hier in den Regionen Celle, Gifhorn und Wolfsburg leben“, betont Gratzfeld. Auch die Belegschaft werde gestärkt. „Arbeits- und Ausbildungsplätze sind weiterhin sicher und attraktiv. Betriebsbedingte Kündigungen im Zuge der Fusion sind ausgeschlossen“, beteuert der Sparkassen-Chef.

Anzahl seit der Wiedervereinigung von 770 auf 379 gesunken

Zahlreiche Sparkassen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zusammengeschlossen. So hat sich die Zahl der Sparkassen seit der Wiedervereinigung 1990 von 770 auf aktuell 379 Institute mehr als halbiert.

 
Die Zahl der Sparkassen im Bundesgebiet ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gesunken.

Und ein Ende der Instituts-Ehen ist nicht in Sicht. „Wir glauben, dass die Konsolidierung der Sparkassen sich weiter fortsetzen wird“, erwartet Wilfried Groos, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Siegen, die sich im vergangenen Jahr mit der Stadtsparkasse Hilchenbach verheiratete.

Regulatorik, Digitalisierung und Niedrigzins sind die Faktoren

Verantwortlich macht er hierfür verschiedene Faktoren: „Das Spannungsfeld aus Digitalisierung, stetig wachsender Regulatorik und Niedrigzinsphase betrifft alle Sparkassen gleichermaßen, insbesondere aber kleinere Häuser“, so Groos. Das bedeute aber nicht, dass alle kleinen Sparkassen fusionieren müssten: „Viele der kleineren Häuser meistern die Anforderungen sehr gut und sind sehr erfolgreich am Markt. Dennoch wird es insbesondere für die kleineren Sparkassen zunehmend schwieriger, mit den vorhandenen personellen Ressourcen die immer komplexeren regulatorischen Anforderungen zu erfüllen“, betont der Sparkassen-Chef.

 
Wilfried Groos, Vorstandschef der Sparkasse Siegen: Der Wettbewerbsdruck ist hoch, die Renditen sinken. © Sparkasse

Zeitgleich wachse für alle Sparkassen der Wettbewerbsdruck. Groos: „Im digitalen Zeitalter gilt es mitzuhalten mit den hochtechnisierten Fintechs, die insbesondere die jüngere Zielgruppe im Visier haben. Und natürlich stellt sich immer öfter die Frage nach der Wirtschaftlichkeit – in der Niedrigzinsphase gehen die Renditen immer weiter zurück oder langfristige Eigenanlagen laufen aus und können nicht gewinnbringend neu angelegt werden.“

Ergebnisse weiter unter Druck

Thorsten Helbig, Partner bei zeb, einem der größten deutschen Beratungshäuser für den Finanzsektor, erwartet in den nächsten Jahren weitere Hochzeiten in der Sparkassen-Finanzgruppe: „Wir rechnen mit einer deutlichen Zunahme der Anzahl an Fusionen in den nächsten Jahren und sehen in 2025 noch rund 250 Institute“, so der Experte.

Treiber dieser Entwicklung sei für ihn vor allem das Zinsumfeld: „Die aktuell weiter verschärfte Niedrigzinssituation erhöht den Druck auf die Ergebnissituation der Sparkassen massiv. Eine Option zur Zukunftsgestaltung wird die Bildung größerer Einheiten durch Fusionen sein“, meint der Fachmann.

 
In den Verbandsgebieten ist die Fusionsdynamik unterschiedlich ausgeprägt.

Das verdeutlicht er am Zahlenwerk einer Sparkasse. Danach macht der Zinsüberschuss mit 80 Prozent den wesentlichen Teil des Ertrags aus. Doch dieser sinkt durch das schwache Zinsumfeld rapide. „Die Niedrigzinsphase setzt die Sparkassen weiter unter Druck, die Erträge brechen ein“, heißt es dazu auch in der zeb-Analyse.

Die Folge: Ohne Gegenmaßnahmen würden „zwei von drei Sparkassen im Jahr 2021 ein negatives Ergebnis“ erwirtschaften. Vor allem im Privatkundengeschäft ist die Ertragslage „aufgrund der hohen Bedeutung der Passiverträge kritisch“. Ein Ausweg hinaus sei, größere Einheiten zu bilden, um durch Synergien Kostenvorteile zu erzielen.

Regulatorik trifft kleine Institute besonders stark

Das Zinsumfeld ist ein Faktor. Vor allem aber belasten wachsende regulatorische Herausforderungen die Sparkassen, insbesondere kleine Institute. Sie leiden relativ stärker unter dieser Entwicklung als größere Institute. Ob Eigenmittelverordnungen wie Capital Requirement Regulation (CRR), Kapitalzuschläge infolge des Supervisory Review and Evaluation Process (SREP) oder Sonderprüfungen durch die Bafin − für viele eigenkapitalschwache Sparkassen sind die steigenden Kapitalforderungen ein Hemmschuh, um durch den Ausbau des Neugeschäfts mehr Erträge zu erzielen. Dies erhöht den Druck auf kleinere Sparkassen, sich an andere Institute anzulehnen.

Auslöser hierfür war vor allem die globale Finanzkrise. Sie führte dazu, dass EU die Kapitalanforderungen an den Bankensektor nach 2007 massiv verschärfte. Sie wollte dadurch verhindern, dass sich eine solche Krise an den Finanzmärkten wiederholt und die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zieht. Doch diese Entwicklung wirkte sich auch auf die Fusionstätigkeit im Sparkassen-Sektor aus. So verringerte sich die Zahl der Institute von 2007 mit 446 bis 2018 auf 385. Das sind absolut 61 Sparkassen weniger.

Bemerkenswert allerdings: Vor dem Finanzcrash durch die US-Investmentbank Lehman Brothers hatte der Sparkassen-Sektor deutlich mehr Fusionen verzeichnet. So verringerte sich die Zahl der Sparkassen von der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2007 von 562 auf 446. Das sind absolut 116 Institute weniger. Damit ging die Sparkasse-Finanzgruppe quasi gut gewappnet in die Finanzkrise und war in den Jahren danach nicht gezwungen, mit einer noch größeren Welle an Fusionen auf die sich massiv verändernden Marktbedingungen zu reagieren.

Gebietsreformen sind ein weiterer Faktor

Gut gewappnet sind die Sparkassen auch, weil die Technik stimmt: Die in der Gruppe gebräuchlichen Anwendungen und Prozesse der Finanz Informatik (FI) gelten als sauber und ausgefeilt, sodass Fusionen meist reibungslos ablaufen.

Besonders beflügelt wurden die Fusionsaktivitäten der Sparkassen in der Vergangenheit durch politisch motivierte Umstände − sprich Gebietsreformen. „Nach der Wende gab es in den neuen Bundesländern zunächst knapp 200 Sparkassen. Heute gibt es in Ostdeutschland noch 61 Sparkassen – das ist das direkte Ergebnis mehrerer kommunaler Neuordnungen, beginnend in den frühen 1990er-Jahren“, erklärt zeb-Partner Christian Große.

Gerade in Sachsen-Anhalt löste die Gebietsreform diverse Verschmelzungen von Sparkassen aus. „Die letzten auf die Umsetzung von kommunalen Neuordnungen der Trägergebiete direkt zurückzuführenden Fusionen unter Sparkassen gab es in 2009 in Sachsen-Anhalt“, betont der Fachmann. Auslöser hierfür war der im Zuge dieser Gebietsreform im sachsen-anhaltinischen Sparkassengesetz verankerte Grundsatz „1 Kreis – 1 Sparkasse“.

 
Hauptstelle der Sparkasse Vorpommern in Greifswald − das größte Flächeninstitut des Bundeslands hat auch eine Fusionsgeschichte hinter sich. In Ostdeutschland ist die Zahl der Institute auf inzwischen 61 gesunken. © dpa

Dadurch habe sich hier die Anzahl der Sparkassen von ehemals 22 auf 13 reduziert.

Höheres Tempo im Westen Deutschlands

Vergleicht man die Verschmelzungsgeschwindigkeit der ostdeutschen und westdeutschen Institute von der Wiedervereinigung bis heute, fällt auf: Das Fusionstempo im Westen Deutschlands war deutlich höher als das in den neuen Bundesländern. Zeb-Manager Große: „Es bleibt festzustellen, dass es nach den Sparkassen-Fusionen im Osten Deutschlands im Ergebnis der jüngsten Gebietsreformen der 2000er- und frühen 2010er-Jahre eher verstärkt Sparkassen-Fusionen im Westen Deutschlands – oftmals mit dem Ziel aktiver Zukunftsgestaltung – gab und aktuell gibt.“