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Digital-Symposium S-Hochschule
Alle Daten effizienter nutzen
Die "Digitale Bank" mit all ihren Facetten stand Mitte Juni 2018 im Fokus eines Symposiums der Sparkassen-Hochschule. Dazu hat sie digitale Vor- und Querdenker aus Wissenschaft und Wirtschaft sowie digitale "Macher" aus Sparkassen, Verbundunternehmen und Dienstleistern nach Bonn geholt. Strategien, die Fülle vorhandener Daten künftig besser zu nutzen, zogen sich dabei durch nahezu sämtliche Vorträge und Foren.

Prof. Dr. Dirk Neuhaus hat es schon in seiner Begrüßung auf den Punkt gebracht: Data Analytics ist wohl eines der beherrschenden Themen unserer Tage in und außerhalb der Sparkassen-Finanzgruppe. Sebastian Garbe, zuständig für den Bereich Digitalisierung im Deutschen Sparkas­sen- und Giroverband (DSGV), hat in seinem Eröffnungsvortrag erneut auf die enorme Datenfülle von rund 50 Millionen Kunden hinge­wiesen, über die die gesamte Sparkassen-Finanzgruppe verfügt. "Wir haben mehr digitale Power in der Gruppe, als wir denken. Wir sind die Größten", ist er sich sicher. Doch bleibt die Streuung der digitalen Aktivitäten der Sparkassen groß. Aus seiner Sicht gibt es zwar ein großes Potenzial, aber die Masse der Sparkasse setzt dies noch nicht in erfolgreiches Geschäft um.

Mitunter scheitert es schon daran, dass klassische Verfahren wie die Anmeldung für ein Girokonto zu lang und zu schwerfällig sind. Was bei reinen Digitalbanken wie N26 oder Revolut wenige Minuten dauert, klappt bei klassischen Banken vielerorts 15 Formulare und zwölf Unterschriften später. So wächst das Risiko, dass die schnellen Wettbewerber im Zusammenspiel mit hochinnovativen Fintechs immer mehr Marktanteile erobern.

Die Sparkassen-Finanzgruppe hat dies schon seit geraumer Zeit erkannt und eine Digitale Agenda auf den Weg gebracht, die im Kern aus sechs Aktivi­tä­ten besteht, etwa dem S-Hub (s. dazu den BBL-Beitrag: Radikal digital über den 1. Innovationstag des S-Hub Anfang Juni). Dazu gehören aber auch Bereiche wie digitale Mindeststandards, das digitale Ökosystem der Sparkassen-Finanzgruppe (Projekt Finanzplattform), der Digitalisie­rungskom­pass oder auch die Evidenzstelle. Wie erfolgreich Letztere bereits arbeitet und einen ersten Digitalisierungsschub ausgelöst hat, zeigt Abbil­dung 1.

Digitale Produkte wie Yomo sind im vierten Quartal 2018 endlich massen­­­mark­t­fähig, und auf den deutlich Fahrt aufnehmenden Kwitt-Zug sind jetzt sogar die Volks- und Raiffeisen­banken aufgesprungen. Das Produkt kommt dadurch aktuell auf knapp 900 000 Nutzer. In einem Projekt mit der spanischen "La Caixa" wird zudem die internationale Kooperation getestet. Die Finanz Informatik hat mit Google Actions ein Voice-Banking-Pilotprojekt aufgesetzt, dass jetzt in die Flä­che gehen soll. Die Sparkassen-App erhält laut Garbe ebenfalls viele neue Features (s. Abb. 2). Sein klares Fazit in Bonn: Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, die Zukunft zu gestalten.

Ballast über Bord werfen und neu beginnen

Wie schwer es allerdings die Bankbranche künftig haben dürfte, hat Prof. Dr. Karl Peter Fischer von der HAM Hochschule für angewandtes Management (Institut für Online­kommunikation) in Ismaning/München in seinem Vortrag "Fluch der Digitalisierung" gezeigt. Danach haben verschiedenste Megatrends so man­ches Busi­ness in der Vergangenheit komplett zerstört. Eines ist für ihn aber auch klar: Eine schon schlechte analoge Strategie bleibt auch nach digitaler Umsetzung schlecht. Und während es vor Kurzem noch "mobile first" hieß, ist die Strategie heute "always on oder mobile only".

Bezogen auf das Bankbusiness lautet eine seiner provokanten Thesen: Das Kunden-Service-Center darf kein Ort für Strafversetzung mehr sein. Dessen charakteristische Merkmale sind aus Fischers Sicht: datengetrieben, schnell, 24 Stunden geöffnet, mobil und einfach, über unterschiedlichste digitale Ersatzgespräche. Banken müssen ihr Geschäftsmodell neu erfinden. "Wer aber jetzt nicht exponenziell denkt, wird nicht über­leben", so der Marketingexperte. Das große Pro­blem dabei: Man verlässt sich oft auf das Gelernte der Vergangen­heit, um künftige Probleme zu lösen. Banken brauchen deshalb eigene Antworten auf die zunehmenden Wettbewerber, die ihr veraltetes Business-Modell zerstören wollen.

Genervt ist der Wissenschaftler vom "ewig gleichen Lied" und Negativ­argu­menten gegen Veränderung, die er in Diskussionen immer wieder erlebt:

  • Meine Branche trifft es nicht.
  • Wir haben das schon immer anders gemacht.
  • Unsere Kunden sind noch nicht online.
  • Unsere Kunden wollen das nicht.
  • Megatrends betreffen uns nicht.
  • Unser Business braucht keine Digitalisierung.
  • B2B hat andere Regeln.
Diesen Bedenkenträgern hält der Wissenschaftler gern entgegen, dass es 50 Prozent der Jobs in den nächsten 25 Jahren nicht mehr geben wird – und diese Aussage ist vor dem Hintergrund, dass die digitale Revolution erst am Anfang steht, wirklich dramatisch.

Bankmanager warnt er davor, sich zu sehr auf die eigene Bedeutung zu verlassen. Fischer wörtlich: Bankleistung ist für Privatkunden zu 80 Prozent eine Infrastrukturleistung wie Wasser, Gas und Strom und darf nicht erklärungsbedürftig sein. Das künftige (Bank-)Business ist für ihn rein datenge­trieben. Die vier reichsten US-amerikanischen Unternehmen sind so aufgestellt. "Und als Antwort haben wir Deutschen und die Euro­päer die Datenschutzgrundverordnung." Er geht sogar noch weiter: "Wir klammern uns an den Datenschutz und nutzen ihn als Ausrede für Inno­vation."

Für den Münchner Hochschullehrer sind es vor allem neue Technolo­gien in der Kommunikation, die auch die Bankbranche voranbringen dürften. Er denkt dabei unter anderem an mobile, dynamische, erwar­tungskonforme Websites, Landingpages und Apps zur Leadgenerierung und digitale Ersatzgespräche. Die Zukunft sind für ihn auch intelligente (spre­chende) Assistenten. Damit ein Unternehmen seine "Digital Readiness" erkennen kann, braucht es vor allem ein in der Praxis funktionie­rendes Manage­mentsystem (s. Abb. 3). Fischer und sein Team haben dazu 70 im Markt vorhandene Mo­delle bewertet und analysiert und auf dieser Basis einen Digi­tal-Readi­ness-Check entwickelt: "Das Modell dient als Struktur­rah­men, um die relevanten Gestaltungsfelder der Digitalisierung im Unter­nehmen zu erfassen."

Kunden beraten mit Numi

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Mit Numi hat die Sparkasse Marburg-Biedenkopf einen enormen PR-Coup gelandet.
Eine Technik, um künftig mit den Kunden zu kommunizieren, sind huma­noide Roboter wie Numi, den Andreas Bartsch, Vorstandsvor­sitzender der Sparkasse Marburg-Biedenkopf, mit nach Bonn gebracht hat. In einer ersten Projektphase von Februar bis Mai 2018 hat man in Marburg in Zusammenarbeit mit der örtlichen Universität (Prof. Dr. Jürgen Handke/Patrick Heinsch) evaluiert, wie eine solche Technologie im Finanzwesen eingesetzt werden kann. Bartsch hat berichtet, dass vor allem der regio­nale und nationale PR-Effekt überwältigend gewesen ist. Dem PR-Erfolg hat allerdings ein hoher Programmier- und Zeitaufwand aller Beteiligten gegenübergestanden. Das künftige Aufgabenspektrum von Numi zeigt Abbildung 4.

In einer zweiten Projektphase von Juli 2018 bis Juni 2019 sollen den­noch grundlegende Fähigkeiten von Numi zum Einsatz bei Kunden weiterentwickelt werden. Denn dieser Robotertyp ist noch nicht selbst­lernend und muss auf jede Situation neu und intensiv trainiert werden. Die nächste Generation wird auf Basis Künstlicher Intelligenz teilweise selbstlernend sein – aber zu exorbitant höheren Preisen. Ein erster bereits vorgestellter Prototyp wie Linda (mit Echthaar und attraktivem menschlichen Äußeren) kostet aktuell noch mehr als 400 000 Euro. Insge­samt erhalten die Maschinen eine bessere Programmierung, eine verbesserte Software und vor allem ein GPS-System, mit dem sie sich in Räumen zielgenauer steuern lassen.

Auf die (Design-)Oberfläche kommt es an

Digitale Kommunikation benötigt exzellente Schnittstellen zwi­schen Mensch und Maschine. Dieser Aspekt ist auf dem Symposium im Rah­men des Forums "User Experience (UX)" diskutiert worden. Florian Kaase und Sabine Rougk vom Berliner Sparkassen-Finanzportal haben die Teilnehmer dabei in die mensch­zentrierte Gestaltung eingeführt. Und das nicht nur in der Theorie, sondern – für Bankmanager eher unge­wohnt – durch praktisches "Mittun". Eine Aufgabe hat etwa darin bestan­den, das Nutzer-Interface für die Geld-abhebe-Seite eines neuen Geld­automaten zu skizzieren. Innerhalb der vorgegebe­nen fünf Minuten sind durchaus kreative Lösungen entstanden – von puristischer One-Button- bis hin zur komplexen Touchscreen-Steuerung. Die Forumsteilnehmer haben dabei viel über den UX-Gestaltungsprozess "Planen-Verstehen-Anforderungen-Lösung-Evaluation" und die Probleme erfah­ren, die dort an verschiedenen Stellen auftreten können.

Anhand eines Beobachtungsvideos haben die beiden UX-Experten gezeigt, wie schwer es etwa älte­ren Nutzen mitunter fallen kann, sich in der Steuerung des Onlinebankings innerhalb der Internet­-Filiale der Spar­kassen-Finanz­gruppe zurechtzufinden. Das soll sich künftig ändern. Zahlen aus der Autoversi­che­rungsbranche belegen danach, dass ein Unternehmen durch ein UX-basiertes Design erfolgreicher wird, sich die Kosten reduzieren und teuere Anpassungen vermieden werden.

Wie sich durch ein Preis- und Produktmanagement mithilfe digitaler Tools das Privatkundengeschäft steigern lässt, haben in einem weiteren Forum Isabell Häfner und Steffen Ulitzka voms Beratungsunternehmen Simon, Kucher & Partners erläutert. Blockchain Smart Contracts standen im Mittelpunkt des dritten Forums, in dem Joachim Erdle (LBBW) und Karsten Treiber (Tragens) referiert haben.

Über allem schwebt die Sicherheit

Wo Technik eingesetzt wird, ist das Thema Sicherheit nicht weit. Die aktuelle Sicherheitsdiskussion dreht sich laut Ul­rich Kudoweh, Seniorberater Datenschutz beim Bonner SIZ, aktuell natür­lich vor allem um die Datenschutzgrund-verordnung (DSGVO). Zu seinen wichtigsten Erkenntnissen in den beiden ersten Wochen nach der Einführung gehört, dass der befürchtete Ansturm nach Auskünften bis jetzt ausge­blieben ist. Auch Schreiben von Abmahnvereinen oder Ver­brau­cher­schützern waren eher selten, aber "erste Anwälte sind auf dem Plan". Deutlich zugenom­men haben jedoch Detailfragen zur Umset­zungsauslegung.

Einen Grund für die relativ entspannte Lage sieht der SIZ-Manager darin, dass das DSGVO-Umsetzungsprojekt des DSGV einen "hervorragenden Job" gemacht hat. Dennoch sollte keine Sparkasse die Hände in den Schoß legen und in der zweiten Jahreshälfte die in Abbil­dung 5 aufgelisteten Punkte, darunter die Umsetzung des Datenschutz­managementkonzepts – falls noch nicht geschehen – in Angriff nehmen. Besonders wichtig sind aus seiner Sicht die umfassenden Rechen­schafts­­pflichten der Institute. Das heißt, sie müssen beweisen können, dass sie geeignete Daten­schutz­richtlinien und geeignete Datenschutz­vorkehrungen umsetzen. Die Inhalte eines Datenschutzmanagement­konzepts (DSMK) zeigt Abbildung 6. Ausführlich erläutert hat Kudoweh zudem die Verantwort-lichkeiten im Rah­men der DSGVO-Umsetzung sowie die erforderlichen Maßnahmen.

Mit dem NFC-Implantat in der Hand bezahlen

Mit einer Dinner-Speach unter dem Motto "Disruption – Was ist das eigent­lich?" hat Prof. Dr. Markus Riekeberg, Geschäftsführer der Münch­ner Sparkassen-Consulting, den ersten Tag des Symposiums beschlos­sen. Er hat den Teilnehmern noch einmal plastisch die vielfältigen, schon heute eingesetz­ten Technologien vor Augen geführt wie vollautoma­ti­sche Auto­systeme oder Augmented Reality. Ein nächster Schritt ist für ihn die Verschmelzung von Mensch und Maschine, die man bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kennt. Anhand zahlreicher Bei­spiele hat Riekeberg in Bonn gezeigt, wozu die Medizin in der Lage ist. Realisier­bar wäre bereits heute auch ein NFC-Implantat in der Hand, mit dem man an der Kasse bezahlt – ohne weiteres technisches Hilfsmittel versteht sich.

Der S-Consulting-Chef hat wie zuvor Fischer mit einem Parforceritt durch die Geschichte technologischer Entwicklungen verdeutlicht, was diese quasi über Nacht hinweggefegt haben: das Fotolabor, die Video­thek, den klassischen Musikhandel, den Brockhaus, die Taxizentrale… Sie sind allesamt durch digitale Pendents abgelöst worden.

Riekeberg hat bezogen auf die Finanzwirtschaft die These aufgestellt, dass Disruption für Banken eigentlich nichts Neues ist, diese vielmehr selbst aus einer disruptiven Entwicklung entstanden sind. Erinnert hat er an das Jahr 1778 – die Demokratisierung der Bankenwelt: "Mit der Grün­dung der Sparkassen entsteht erstmals die Möglichkeit einer si­cheren und verzinslichen Anlage für 'einfache' Bürger." Oder an das Jahr 1957, in dem der bargeldlose Lohn- und Gehaltsverkehr eingeführt worden ist. Riekeberg: "Das Girokonto bei der Sparkasse macht große Bevölkerungskreise erstmals 'bankfähig'."

Auf noch einen wichtigen Wirkungszusammenhang technologischer Entwicklungen hat er am Beispiel Film aufmerksam gemacht. Neue technologi­sche Entwicklungen starten demzufolge klein, sind zunächst schlechter als das Ausgangsprodukt und haben eine langsame Markt­durchdringung. Aber irgendwann erfolgt der exponenzielle Marktdurch­bruch und verdrängt die alte, in diesem Fall analoge, Filmtechnik vollständig vom Markt.

Bild entfernt.Dass die Banken von einem Knall bedroht sind, zeigt die von Riekeberg präsentierte Disruption Map für wichtige Wirtschaftszweige (s. Abb. 7). Seine Vermutung: Je "stärker" der Marktführer, umso größer die Gefahr. Zum Nachdenken gab er den Teilnehmern die provokante These mit auf den Weg: "Kann es – einen Banküberfall ausgenommen – einen ernst­haften Grund geben, eine Bankfiliale zu betreten." (Emotion Banking, 2018)

Mitarbeiter bei der Digitalisierung mitnehmen

Mit der Digitalisierung in der Sparkassenorganisation hat sich zu Beginn des zweiten Symposiumtags auch Jochen Maetje, Geschäfts­führer des Sparkassen-Finanzportals, beschäftigt. Für ihn liegt die Be­dro­hung der Banken nicht so sehr in Fintechs wie N26, sondern in den großen US-amerikanischen Internetkonzernen. Ein gefährliches Einfalltor ist hier die neue Richtlinie PSD2, über die wichtige Daten recht einfach "ab­ge­schöpft" werden können. Ein enom wichtiger Schritt war deshalb, dass die Finanz Informatik (FI) die Internet-Filiale auch multibankfähig ge­macht hat. Er hat in Bonn alle Sparkassen aufgefordert, diese Funktion freizuschalten, und sie so gut zu machen, dass möglichst viele Kunden darüber alle anderen Bankver­bin­dungen abwickeln. Maetje hat ferner am Beispiel "PS-Lose" die Bedeutung digitaler Kanäle wie Youtube hervorgehoben. Mit einer Kam­pagne auf diesem Portal hat der OSV selbst die junge Genera­tion dafür begeistern können.

Im Vortrag des SFP-Chefs hat die Digitale Agenda der Sparkassen-Finanz­grup­pe mit ihren vielen Facetten ebenfalls breiten Raum eingenommen. Die dort unter anderem definierten digitalen Mindeststandards (DMS) soll jede Spar­kasse möglichst bis Ende Dezember 2018 erfüllen.

Zu den zukunftsorientierten Angeboten des SFP gehört die Chatsuite. Damit will der IT-Dienstleister vor allem die normale Chatbera­tung der Häuser, die hohe Steigerungsraten aufweist, aber nach 18 Uhr und am Wochen­ende personell schwer zu besetzen ist, digital verlängern. Der Chatbot Linda, im Kern eine virtuelle FAQ-Liste, läuft der­zeit in Pilotprojekten in Oldenburg und Trier. Mit ihrer Hilfe sollen einfa­che Fragen der Kunden möglichst einfach, effizient und vor allem richtig beantwortet werden. Aktuell werden verschiedene Linda-Back­endmodule (z. B. für Kredite, Wertpapiere, Immobilien, Versicherung, Service­themen Basismodul) entwickelt und getestet.

Auch im Bereich Digitales Ökosystem ist man auf einem gu­ten Weg. Zwei Ansatzpunkte werden hier konsequent verfolgt: der Ausbau des sparkasseneigenen Ökosystems sowie der Eintritt in Partneröko­systeme. Eine wichtige Initiative ist an dieser Stelle die Beteiligung der Sparkassen am Vertrauensdienst Yes. Ein wichtiger Punkt der Digita­len Agenda ist für Maetje auch die Mitarbeiterkultur. Denn die Digitalisierungsoffensive funktioniert nur mit Personal, das über eine ausreichende digitale Fit­ness verfügt und sie in der Praxis lebt.

In seinem letzten Vortragspunkt stand auch beim SFP-Manager das Thema Daten im Mittelpunkt. Seine Vision: "Wir wollen durch Sammlung, Auswertung und aktive Nutzung der Daten zum Verhalten der einzelnen Kunden und Interessenten den Content besser, den Marketingmix effizienter, die Marktprognosen treffsicherer, die Kampagnen zielge­nauer und damit die Kundenansprache erfolgreicher gestalten." Abbildung 8 zeigt, wie das in der Praxis aussehen könnte. Wichtig ist dabei, dass die Kooperation zwischen den Beteiligten, der FI (Daten­halter), der SR (Methodik/Modelle) und dem SFP (Kampagnen) funktioniert.

Preis- und Produktmanagement digitalisieren

In das Firmenkundengeschäft zieht die Digitalisierung ebenfalls mit Macht ein (s. BBL-Beitrag: Durch digitale Innovationen überzeugen). Ein Bei­spiel für ein Preis- und Produktmanagement in der digitalen Welt haben Dr. Johann F. Thieme und Benedict Schweiger von der Bera­tungsfirma Simon-Kucher & Partners vorgestellt. Nach Thiemes Er­fah­rungen sind Kunden durchaus bereit, für Mehrwert mehr zu bezah­len. Wichtig ist dabei eine intelligente Preisdifferenzierung und ein effekti­ver Pricing-Prozess (s. Abb. 9). Ein probates Mittel sind an dieser Stelle Hausbankkonzepte, die ein hohes Ertragspotenzial aufweisen. Schweiger hat zudem ein innovatives Tool, den Kontofinder für Firmen­kunden, vorgestellt. (Die BBL werden dieses Tool in Kürze ausführlicher vorstellen). Er ist wichtig, um Kunden und Vertrieb gleichermaßen zu begeistern.

Versicherungswirtschaft setzt auf künstliche Intelligenz

Nicht nur die Bank-, sondern auch die Versicherungsbranche ist von Disruption betroffen. Dr. Stephan Spieleder, CIO der Versicherungskammer Bayern (VKB), hat den Teilnehmern am Beispiel seines Hauses demonstriert, wie es gelingen kann, eine Vielzahl von Daten aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen vor allem mithilfe von KI (Watson-Technologie von IBM) besser zu struktu­rieren und dadurch effizienter nutzen zu können. Die VK hat damit erfolgreich die Big-Data-Reise gestartet. Erarbeitet worden sind bereits zahlreiche Use-Cases.

Ein spannender Prototyp ist die Schadensprognose auf Wetter­basis, der zusammen mit öffentlichen Versicherungen entstanden ist. Getestet worden ist er beim Sturm Kyrill. Kunden können damit quasi in Echtzeit vorgewarnt werden, wenn mit einem Schadenereignis zu rechnen ist. Oder noch futuristischer: Der Handwerker ist schon da, bevor der Schaden eintritt. Mit einer derartigen Technologie lässt sich ein Mehrwert über das Versicherungsgeschäft hinaus generieren. Insgesamt liegt die VKB beim Thema Digital Analytics deutlich vor den Wettbewerbern, wie zahlreiche Auszeichnungen bestätigen.

Ausgreifen in andere Geschäftsfelder

Nach den von den meisten Referenten diskutierten Disruptionsszena­rien mit Blick auf die digitale Sparkasse hat Matthias Nester, Vorstands­vorsitzender der Sparkasse Koblenz, den Symposiums-Teilnehmern mögliche Überlebensansätze aus einer Sparkasse aufgezeigt – also einen Perspektivwechsel vollzogen. Auch für ihn ist zunächst wichtig, den Datenbestand effizienter zu nutzen. Sein Plädoyer: "Wir müssen wissen, was Sparkasse weiß." Dazu müssen vor allem die Mitarbeiter sensibi­lisiert werden, überall genau hinzuhören. Nesters Angriffsstrategie basiert darauf, die Marktposition zu kennen, Alleinstellungsmerkmale zu schärfen, einen Businessplan für beherztes Agieren zu entwickeln und dann selbstbe­stimmt zu handeln – auch wenn nicht alles beeinflussbar ist.

Seine bisher erfolgreiche Zukunftsstrategie basiert darauf, zusätzliche Erträge aus weiteren Geschäftsfeldern zu generieren, "die wir können". Dazu gehört das Immobiliengeschäft, in dem die Sparkasse Koblenz mittlerweile vor Ort Marktführer ist. Zu den digitalen Errungenschaften gehört unter anderem eine Objekt­daten­bank, in der neben "Hard Facts" (Infos zum Objekt: Eigentümer, Baujahr, Nutzungsform [Wohnen/Gewer­be], Anzahl Wohneinheiten, Bodenrichtwert, Verkehrswert) auch "Soft Facts" (Infos zur Nutzung: Eigennutzung/Fremdnutzung, Miete, Energiever­brauch, Durchschnitts­alter der Bewohner, potenzielle Erben) enthalten sind. Kunden können etwa online einen Preisfinder aktivieren. Gleich­zeitig bekommt der Berater die letzten Verkaufspreise der Umgebung und kann den Kunden entspre­chend beraten.

Aufgrund der Erfahrung, dass potenzielle Erben von Immobilien oft gar nicht mehr im Geschäftsgebiet der Sparkasse wohnen und eigentlich mit dem Objekt auch nicht mehr wirklich etwas zu tun haben wollen, hat Nester eine eigene Immobilien- und Hausverwaltung aufgebaut. Die nimmt den Kunden alles ab, und Objekt sowie Geschäftsverbindung bleiben der Sparkasse erhalten. Beteiligt hat sich die Sparkasse ferner an der Kom­munalen Immobilien­ent­wick­lungs-gesellschaft, um immer "am Puls der Zeit zu sein". Der Betrieb von Studentenwohnheimen und Seniorenresidenzen gehört mittlerweile ebenfalls zum Portfolio.

Ein weiterer wichtiger Bereich ist für Nester das Generationen­manage­ment, für das individuelle Lösungen für die Vermögensnachfolge bereit­stehen (z. B. Vollmacht/Verfügungen, Vermögensnachfolge, Testa­ment/Schenkung, Testamentsvollstreckung, Stiftungen, Unterneh­mens­nach­folge). Zu diskutieren ist aus seiner Sicht noch, ob im Genera­tionen­management von morgen eine weitere Sortimentsausdehnung in verti­kale Gewerbe denkbar und vor allem ethisch-moralisch vertretbar wäre. „Um auch im Jahr 2030 noch als Sparkasse zu überleben, muss deshalb der Fokus auf selbstbestimmtem Handeln, dem Ausbau der Sortiments­politik und der Nutzung zentraler Entwicklungen (z. B. Digitalisierung/ Leistungs­erstellung/Technisierung/Automation) liegen“, hat Nester in Bonn zusammengefasst.

Blick über den nationalen Tellerrand

Mit Bingo-Boxen wird Shoppen mobil und digital.

Einen digitalen Blick auf China hat in einem Exkurs Karl Krainer, Gründer und Chef der Beratungsfirma Denkfabrik, unternommen. Denn über Google, Amazon, Apple und Facebook sollte man die chinesischen Pendents wie Baisu, Alibaba, Tencent (Wechat) nicht vergessen, die ja aus einem riesigen Heimatmarkt heraus expandieren können. Für Krainer ist China mittlerweile ein Vorreiter in Sachen Digitalisierung. Transaktionen im Mobile Payment sind ebenso rasant gestiegen wie im E-Commerce. Auch kopiert das Land nicht mehr wie früher einfach Produkte, sondern ist heute vielmehr Trendsetter und setzt globale Standards bei technischen Produkten und Businessmodellen. So stehen selbst viele bekannte internationale Marken unter chinesischem Management wie Volvo, Pirelli, Motorola oder auch Medion.

China verzeichnet aktuell 14 600 Business-Registrierungen pro Tag, darunter viele junge, innovative Digitalfirmen. In den Top 15 weltweiter Start-ups finden sich allein sechs chinesische Firmen. Auch hinter den bekannten und schon etablierten US-amerikanischen und chinesischen Internet-Leadern rangieren in einer Top 20 bereits – hierzulande (noch) weithin unbekannte – chinesische Firmen wie Ant Financial, Xiaomi, Didi Chuxing oder JD.com. Dazu muss man laut Krainer wissen, das im 13. Fünfjahresplan der Regierung bis 2025 eine chinesische Internet-Plus-Initiative veran­kert worden ist.

Bereits Realität sind ein landesweites Shopping-Festival am 11. Novem­ber, bei dem umgerech­net rund 25 Milliarden US-Dollar umgesetzt worden sind. Sehr viel stärker als in Europa werden im chinesischen E-Commerce nach Krainers Erfahrungen QR-Codes genutzt, die als Bezahlbrücke dienen. So trifft man gelegentlich selbst auf Bettler, die ihre Sammelbüchse mit einem QR-Code für digitale Spenden "aufgerüstet" haben.

Neuartig sind auch Dienstleistungen, mit denen Online­konzerne wieder offline gehen wie bei den Hema-Supermärkten. An vielen Orten finden sich auch sogenannte mobile oder stationäre Bingoboxen, in denen ein überschaubares Warensortiment digital eingescannt und gleich online gezahlt werden kann. Diese Boxen gibt es auch in einer Version für Fitnessstudios.

Droht nun den Banken damit auch noch die Konkurrenz aus China? Womöglich. Zum Großkonzern hat sich Ant Financial gemausert. Unter seinem Dach wird mittlerweile eine komplette Finanzdienstleistungspalette gebündelt – von Bezahldiensten (Alipay) über Wealth Management (Ant Fortune) und Versicherungen (Zhong An) bis hin zu Kredit-Scoring. Im Reich der Mitte nutzen zwar schon Hunderte Millionen Menschen diese Services. Aber eine direkte Expansion nach Europa ist den Chinesen nach Krai­ners Erfahrungen, weil der Markt aufgrund der vielen Länder stark zer­splittert ist, schlichtweg zu kompliziert. Aber einen Start über einen Technologietransfer mag der Experte nicht ausschließen.

Sparkassen-Finanzgruppe startet durch mit Data Analytics

Bild entfernt.Bedrohungen durch disruptive Szenarien oder Angriffe der US-amerika­nischen und chinesischen Internetgiganten sind für die hiesige Banken­landschaft somit durchaus real vorhanden, aber beherrschbar, sofern konsequent digitalisiert und die vorhandenen Daten zum Aufbau neuer Geschäftsfelder eingesetzt werden, wie viele Symposiumreferen­ten ausgeführt haben. Ein weiterer Innovationsbaustein ist daher Data Analytics, das maßgeblich von der Sparkassen-Rating in Berlin entwickelt worden ist und über das Christoph Weiß berichtet hat.

Enthalten im OSP-Plus-Release 18.0 wird es ab 2. Juli bundesweit nutzbar sein. Im Scoring sind in den vergangenen zehn Jahren rund drei Milliarden Daten gesammelt worden. Zum Start werden zunächst Stammdaten sowie Produktnut­zungs­informationen verfügbar sein. Sukzessive kommen dann weitere Datenquellen wie Transaktionsdaten oder Kre­ditkarten­umsätze hinzu. Wie hoch die Erwartungen innerhalb der Orga­nisation sind, zeigt ein Blick auf die bisherigen Buchungen. 235 von 384 Sparkassen (Stand: 13. Juni) werden die neuen Möglichkeiten von Data Analytics vom Start weg nutzen.

Weiß verspricht, dass sich der Vertrieb damit "auf ein neues Level he­ben" lässt und sich Kampagnen noch effizienter und messbarer "aus­spie­len" lassen. Für die Vertriebsstrategie der Zukunft (VdZ) dürfte Data Analytics künftig ein exzellentes Hilfsmittel sein. Während 2018 der gesam­te Betrieb noch "händisch" ist, wird er bis 2021 auf einen automa­ti­sier­ten Betrieb umgestellt sein. Dann sollen 200 Data-Anwen­dungs­fälle (AWFs) in Echtzeit und systemintegriert bereitstehen (Weitere Details zur Technologie und zur Einführung in einem DSZ-Interview mit SR-Geschäftsführer Christian Damaschke: Wir lesen die Spuren, die die Kunden in den Daten hinterlassen).

Die Ergebnisse aus den ersten Pilotprojekten, etwa bei der Sparkasse Koblenz, haben laut Weiß das große Potenzial von Data Analytics gegenüber Expertenbefragungen gezeigt (s. Abb. 10). Zum Start werden zehn direkt nutzbare AWF zur Verfügung stehen (s. Abb. 11), für das Release 18.1. sind weitere 15 in Planung. Das neue System ist datenschutz­rechtlich intensiv – auch im Hinblick auf die strengen Kriterien der DSGVO – überprüft worden. Für acht der zehn AWF liegt ein sehr geringes rechtliches Risiko vor, für die anderen zwei AWF hat die Prüfung ergeben, dass die Verwendung auf Grundlage der Interes­sens­abwägung mit einer "Rechtsun­sicher­heit" einhergeht. Eingesetzt werden kann deshalb im Bedarfsfall eine AWF-Light-Version, die um kritische Rohdaten­felder reduziert wird.

Fazit

Die Sparkassen-Finanzgruppe ist für die Digitalisierung gut gerüstet, selbst wenn so manches disruptive Szenario nicht spurlos an ihr vor­beigehen wird. Das zweitägige Symposium "Die digitale Bank", veran­staltet von der Sparkassen-Hochschule, hat die vielfältigen Initiativen kompakt aufgezeigt. Vor allem ist Organisator Prof. Dr. Dirk Neuhaus erneut eine exzellente Mischung zwischen Wissenschaftler-, Organi­sations- und Praktikervorträgen gelungen. Die Sparkassen Mar­burg-Biedenkopf und Koblenz haben dabei exemplarisch gezeigt, wie man den digitalen Wandel mit einer intelligenten Strategie durchaus in erfolgreiche Geschäftspolitik umsetzen kann – sozusagen die gelebte Digitale Agenda der Sparkassen-Finanzgruppe.

Autor
Jürgen Janik ist Redakteur der Betriebswirtschaftlichen Blätter in Mannheim.

Jürgen Janik
– 20. Juni 2018