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DSGV-Risikofachtagung 2019
Banksteuerung hat Lotsenfunktion für die Zukunft
Regulatorische Fehlsteuerungen konnten DSGV und Sparkassen-Finanzgruppe auch 2019 an einigen Punkten frühzeitig verhindern. Aktiv aufgreifen sollte die Banksteuerung die Diskussion über Nachhaltigkeit.
Karl-Peter Schackmann-Fallis fordert, dass trotz möglicher EU-Lösungen die Funktionsfähigkeit nationaler Institutssicherungssysteme erhalten bleibt.

2019 ist das Humboldt-Jahr. Alexander von Humboldts 250. Geburtstag hat den Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV) in diesem Jahr viel beschäftigt. Beachtenswert ist etwa eines seiner Zitate: „Alles ist Wechselwirkung“ – ein zentrales Leitmotiv des Universalgelehrten Alexander von Humboldt. Sein Blick galt nämlich immer dem gesamten System und war auf die Wechselwirkungen der Einzelelemente gerichtet.

Als Forscher war er seiner Zeit weit voraus, weil er mit großer Neugier und frei im Denken die Welt erkundet hat. Er wusste: Wer sich abgrenzt, bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Eine wichtige Botschaft auch für die Sparkassen-Finanzgruppe.

Humboldt hat einmal aufgestellte Prämissen immer wieder hinterfragt. Davon sollten wir uns auch leiten lassen! Er hat sich – unter Inkaufnahme großer Strapazen – selbst ein Bild von den Tatsachen gemacht.

Neuland: Finanzwelt ohne Zins und trotzdem mit Risiken

Sein Denken war stets „auf dem Sprung“. Kaum ein Wissenschaftler hat sich mit so vielen unterschiedlichen Disziplinen tief greifend befasst. Denn: Alles ist Wechselwirkung. Alles hängt mit allem zusammen. Und alles entwickelt sich weiter.

Genau das durchlebt heute die Finanzwelt. Risiko- und Zinsbewegungen kannte man schon. Aber eine Finanzwelt ohne Zins und trotzdem mit Risiken – das ist neu. Die DSGV-Risikofachtagung 2019 stand deshalb bewusst unter dem Motto: „Alles ist Wechselwirkung − Von Kreativität und Können in der Banksteuerung“.

Das Geschäftsmodell der Sparkassen wird durch vielfältige Fakto­ren und Rahmenbedingungen entscheidend beeinflusst. Dazu zählen neben der Finanzmarktsituation zahlreiche politische Initiativen in Europa, die überbordende Regulierung, die digitale Transfor­ma­tion und zunehmend der ökologische Wandel.

All das kommt in der einen oder anderen Form in den Sparkassen an. Diese Rahmenbedingungen und Anforderungen lassen keinen Stillstand zu. Die Banksteuerung in ihrer Lotsenfunktion begegnet diesen Herausforderungen aktiv.

Europäische Einlagensicherung in der Diskussion

Blickt man auf Europa, gibt es ein Thema, das die gesamte Branche nun schon seit einigen Jahren beschäftigt – die „Europäische Einlagensiche­rung EDIS“. Die politische Diskussion über die Vollendung der europäi­schen Bankenunion im Allgemeinen und EDIS im Besonderen gehört zu den zentralen Punkten in der Interessenvertretung des DSGV. Seit nun­mehr vier Jahren treibt die Europäische Kommission einen Verordnungs­vorschlag voran, der vor allem eins vorsieht: Die Ziel­ausstattung der ein­zelnen nationalen Sicherungsfonds vollständig in einen zentralen europäi­schen Fonds zu überführen.

Durch diesen Schritt würde die Institutssicherung ihrer Finanzmittel be­raubt und könnte ihre heutigen Funktionen nicht länger erfüllen. Auch die aufsichtsrechtliche Gleichstellung verbundinterner und konzerninterner Geschäfte wäre nicht länger gegeben.

Die strukturellen Auswirkungen auf die Verbundsysteme in der Bundes­republik Deutschland wären enorm. Da die Fundamente von zwei der drei Säulen am deutschen Bankenmarkt untergraben würden, ist dies ein ganz zentraler und kritischer Punkt. Zum Glück ist nach jüngsten Äußerungen die zeitnahe Ver­gemeinschaftung der Einlagensicherung keine offizielle Regierungs­meinung in Deutschland.

Das Bundesfinanzministerium drängt allerdings darauf, die Bankenunion zu vollenden. Von Bundesfinanzminister Olaf Scholz liegt dazu ein Vor­schlag in Form eines „Non-Papers“ auf dem Tisch, der jetzt diskutiert wird. Zur konkreten Ausgestaltung sind jedoch noch viele Fragen offen.

Auffällig ist aber, wie dogmatisch die europäische Ebene – ungeachtet aller sachlichen Einwände – an diesem Thema festhält. Die Ankündigung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Leyen, die Banken­union einschließlich der Einlagensicherung vollenden zu wollen, hat dem Thema nun erneut politischen Auftrieb gegeben.

Die politischen Debatten zur europäischen Einlagensicherung werden sich absehbar intensivieren. Zu erwarten ist dies gerade im Hinblick auf die im zweiten Halbjahr 2020 beginnende deutsche EU-Ratspräsidentschaft.

Oberste Priorität hat für die Sparkassen dabei, dass die Funktionsfähigkeit der nationalen Institutssicherungs­systeme gewahrt bleibt. Das richtet sich nicht gegen die europäische Integration, sondern ist vielmehr ein Beitrag zur Subsidiarität innerhalb der EU.

Bankenregulierung setzt sich mit Basel IV fort

Im europäischen Kontext ist auch die Weiterentwicklung der Bankenregu­lierung zu sehen. Aktuell beschäftigt die Umsetzung der unterschiedlichen Baselanforderungen wie CRR II, CRD V und der zugehörigen EBA-Mandate die Institute sowohl fachlich wie technisch. Und diese Situation wird noch ein paar Jahre andauern, was einen weiterhin hohen Einsatz von Ressourcen bedeutet.

Einer der Meilensteine für die nächsten Jahre sind die neuen Baseler Eigenkapitalregeln (Basel IV) – nicht zuletzt aufgrund der neuen Qualität dieser Vorga­ben. Sie sind bisher noch nicht in EU-Recht übersetzt.

Bisherige Auswirkungsstudien haben gezeigt, dass die Kapitalanforderun­gen bei den Sparkassen bis zu 30 Prozent ansteigen können. Selbst bei einer Sparkasse mit den geringsten Anforderungen ist es noch ein zehnprozen­tiger Anstieg. Hauptursache dafür: die neuen Regeln für Beteiligungen, Banken, KMU und Immobilien beim Kreditrisiko-Standardansatz.

Das kann wesentliche Geschäftsfelder der Sparkassen wie den Immobiliensektor weiter unter Druck setzen. Aber auch Finanzierungen im Depot A würden dadurch deutlich teurer werden. Damit steht die gesamte Aktivseite im Fokus.

Aus dem jüngst veröffentlichten Eckpunktepapier der EU-Kommission lässt sich ableiten, dass sie eine buchstabenge­treue Umset­zung von Basel IV – obwohl für komplexe, systemrelevante Institute konzipiert – für alle Institute in der EU anstrebt. Das bricht ein weiteres Mal mit dem Grundsatz der Proportionalität und setzt sich auch über die stabilitätsfördernde Vielfalt des europäischen Bankenmarkts hinweg.

Bisher wurden die Kapital- und Liquiditätsregeln im Rahmen des politisch Machbaren immer so ausgestaltet, dass zumindest einige europäische Besonderheiten berücksichtigt worden sind. Jetzt kämpfen DSGV und Sparkassen-Finanzgruppe erneut dafür, dass wichtige europäische Elemente wie der KMU-Unterstützungsfaktor und die angemessene Berücksichtigung der Verbundstrukturen erhalten bleiben.

Es muss Erleichterungen in einzelnen Bereichen geben, die der europäischen Bankenlandschaft entsprechen. Doch selbst wenn das gelingt, werden die Kapitalanforderungen steigen. Banken und Sparkassen müssen sich darauf vorbereiten und die neuen Anforderungen in ihren Planungen berücksichtigen.

Starker Einfluss der EBA-Leitlinien

Stark beeinflusst wird die Banksteuerung ferner durch die Europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA. In erster Linie zu nennen sind die EBA-Leitlinien, deren Umfang und Detailtiefe deutlich zugenommen haben. Damit steigt auch deren Relevanz.

Der Gedanke, dass Säule-2-Anforderungen prinzipienorientiert und pro­portional ausgestaltet werden sollten, tritt immer mehr in den Hintergrund. Ein Beispiel sind die jüngsten Outsourcing-Leitlinien. Erwartete Effizienzgewinne von Auslagerungen werden dadurch zumindest verrin­gert.

Noch erheblich größere Auswirkungen könnten die Leitlinien für Kreditge­währung und -überwachung entfalten. Die EBA schießt mit diesem Entwurf an vielen Stellen über das Ziel hinaus. Diese Leitlinie könnte sich zu einem bürokratischen Monster entwickeln. Anfang 2020 wird die Bafin entschei­den, ob die Anforderungen für deutsche LSIs mit der anstehenden sechsten oder erst der darauffolgenden siebenten MaRisk-Novelle umgesetzt werden.

Unabhängig von der Konsultation der Kreditgewährungs-Leitlinien führen DSGV und Deutsche Kreditwirtschaft mit der Bafin schon seit geraumer Zeit eine Grundsatzdiskussion zur Übernahme von EBA-Leitlinien.

LSI-Stresstest legt Probleme offen

Eine weitere, vielbeachtete Maßnahme der Bankenaufsicht war in diesem Jahr der LSI-Stresstest zur Rentabilität kleiner und mittelgroßer Institute im Niedrigzinsumfeld. Überdeutlich gezeigt hat er die materielle Belastung der Institute durch wegbrechende Zinserträge. Die noch guten Ergebnisse werden sich nicht fortschreiben lassen, weil in allen bisherigen Märkten (Einlagen, Kredite, Eigenanlage) völlig neue Regeln gelten. Was im letzten Stresstest der Bafin noch ein Krisen­szenario war, ist jetzt Realität.

Berechnungen zeigen, dass die Jahresüberschüsse der Sparkassen in diesem Zinsumfeld mittelfristig deutlich sinken. Als Entlastungs­effek­t werden bei einigen Instituten noch die im Durchschnitt sinkenden Eigenmittelanforde­run­gen aus der neuen Eigenmittel-Zielkennziffer wirken. Aber das wird nicht reichen. Es geht jetzt darum, die Erträge zu steigern, ohne dabei die Risiken aus dem Blick zu verlieren. Hier sei an die bewährten Risikotransfersysteme erinnert.

Auf der Produktseite sind vor allem Immobilien und Investitionen in Infra­struk­tur – direkt oder über Fonds – relevant. In Anbetracht des hierzulande hohen Investitions­staus könnte das ein durchaus zukunftsfähriges Geschäftsfeld sein.

Insge­samt kommen mittelfristig riesige operative Herausforderungen auf die Institute zu, die nicht allein durch Kostenersparnisse aufzufangen sein werden. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld, in dem die Insti­tute zeitgleich zum Wegbrechen der Zinserträge steigenden Eigenkapital­anforderungen gegenüberstehen.

Über Negativzinsen vor Ort entscheiden

Erfreulich ist, dass die EZB inzwischen erkannt hat, dass die immer tiefe­ren Zinsen die Ertragslage und sogar die Stabilität der Kreditwirtschaft bedrohen. Eine Staffelzinsregelung – ähnlich dem Schweizer Vorbild – für die der DSGV sehr geworben hat, ist seit dem 30. Oktober in Kraft.

Eines muss an dieser Stelle aber festgehalten werden: Bei allen Bemühungen, Kosten zu reduzieren und Erträge zu steigern, kann es bei diesem Thema keine einfa­chen Antworten geben. Der Umgang mit Negativzinsen muss also immer vor Ort aus ganz konkreten geschäftspolitischen Erwägungen heraus erfolgen.

Nachhaltigkeit künftig im Fokus

Neben diesen „kleinen“ regulatorischen Themen mit ihren allerdings großen Auswirkungen ist die Sparkassen-Finanzgruppe mit einer breiten Thematik konfrontiert, die ökologisch, politisch und wirtschaftlich immer bedeutender wird. Sie bewegt viele Menschen und dürfte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten große Veränderungen mit sich bringen: das Thema Nachhaltigkeit. Hier sollte man sich nichts vormachen – es ist ein Megatrend.

Auf politischer Ebene wird eine Vielzahl politischer Initiativen und regulato­rischer Vorgaben vor allem für den Klimaschutz und den Schutz natürlicher Ressourcen vorangetrieben. Einige wichtige Punkte sind:
  • EU-Aktionsplan für nachhaltige Finanzierung;
  • Sustainable-Finance-Strategie der Bundesregierung;
  • verschiedene Aktivitäten der Aufsichtsbehörden;
  • Diskussionen um eine CO-Bepreisung (ins aktuelle Klimapaket der Bundesregierung eingeflossen).
Zusammengenommen werden alle diese Initiativen das Geschäftsmodell von Sparkassen erheblich beeinflussen. Wir haben es hier mit gesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Veränderungen zu tun, die − ähnlich wie die Digitalisierung − fundamental sein werden. Ausweichen kann man der Herausforderung nicht, man muss ihr vielmehr offensiv begegnen.

In den Instituten und Verbänden der Sparkassen-Finanzgruppe ist der gesell­schaft­liche Wandel bereits heute spürbar, der von allen Seiten herangetragen wird: von Kunden, Trägern, Politik und Aufsicht, öffentlichen Initiativen, Medien, aber auch institutionellen Anlegern.

Mit dem Bafin-Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken hat die Bafin ihre Erwartung an die von ihr beaufsichtigten Institute dargelegt. Dabei ist sie in vielen Teilen jedoch weit über das Ziel hinausgeschossen. Vor allem die Vorstellungen zu Geschäftsorganisation und Risiko­manage­ment stellen einen massiven Eingriff dar. Definitiv würde dadurch ein sehr hoher zusätzlicher Aufwand produziert, während der angestrebte Nutzen eher unklar bleibt.

Mit ökonomischem Sachverstand ist deshalb darauf zu achten, dass durch nachhaltige und wertebewahrende Vorgaben die arbeitenden und wertschöpfenden Prozesse nicht konterkariert werden. Nachhaltigkeit darf seitens der Regulatorik nicht zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme verkommen. Sie wird letztlich alle Bereiche des wirt­schaft­lichen und gesellschaftlichen Lebens verändern.

Sparkassen als Teil der Gesellschaft sollten sich an dieser Umgestaltung beteiligen und die damit verbundenen Chancen nutzen. Lassen wir sie nur über uns ergehen, werden wir es dereinst bereuen. Werden wir hingegen selbst aktiv, haben wir viele Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Sparkassen sollten daher ein auf alle vier Dimensionen (Ökologie, So­ziales, Governance und Wirtschaftlichkeit) ausgerichtetes Nachhaltig­keits­­management in den Vordergrund stellen. Dafür wird ein glaubwür­diges Produktangebot benötigt, denn Sparkassen sind Ansprech­partner in Finanzfragen für alle gesellschaftlichen Schichten.

In diesem Zusammenhang ist zu überlegen, sich die Prinzipien der Verein­ten Nationen für verantwortungs­bewusstes Bankgeschäft – die „Principles for Responsible Banking“ – zu eigen zu machen. Hier wird das, wozu Aufsichtsbehörden Hunderte von Seiten benötigen, in sechs einfache Prinzipien „gegossen“. Erste Institute der Sparkassen-Finanzgruppe wie die Landes­bank Baden-Württemberg haben die Principles bereits unterzeichnet. Wir sollten sie uns im Zuge der Überarbeitung unserer Geschäftsstrategie genauer ansehen.

Im Mittelpunkt der Debatte stehen der Klimaschutz und die Erreichung der CO-Ziele des Pariser Klimaabkommens, von denen wir noch sehr weit entfernt sind.

Fazit und Ausblick

Die DSGV-Risikofachtagung 2019 hatte eine enorme Spannweite und Zahl von Themen. Es sind jedoch die Themen, die die Sparkassen im Tagesgeschäft antreffen. Moderne Banksteuerung hat also viele Funktionen auszufüllen. Sie hat zum einen eine Querschnittsfunktion, indem sie in das gesamten Be­trieb der Sparkasse wirkt. Zum anderen hat sie auch eine Lotsen­funktion für zukunftsorientiertes unternehmerisches Handeln im Institut.

Alles in allem schafft Banksteuerung damit einen Wert für die Sparkasse. Die Risikofachtagung 2019 war somit auch ein wichtiges Forum für den Austausch von Ideen zu einer Evolution der Banksteuerung. 

Autor
Karl-Peter Schackmann-Fallis ist Geschäftsführendes Vorstands­mitglied des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) in Berlin.

Der Beitrag basiert auf der überarbeiteten Eröffnungsrede zur DSGV-Fachtagung „Risikocontrolling und -management“ 2019. In nächster Zukunft veröffentlichen die BBL an dieser Stelle weitere Vorträge der Tagung sowie die wichtigsten Ergebnisse der Arbeitskreise.

Karl-Peter Schackmann-Fallis
– 3. Dezember 2019