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Fintechs weltweit (3): Indien
Der Kipppunkt
Indien priorisiert finanzielle Dienstleistungen sehr hoch. Es gibt Infrastrukturen wie in kaum einem anderen Land. Fintechs spielen eine zentrale Rolle. Aber dies darf nicht über massive Armuts- und Coronaprobleme hinwegtäuschen.

In den vergangenen drei Jahren hat Indien große Schritte bei der Förderung der finanziellen und digitalen Teilhabe gemacht. Millionen Inder sind mittlerweile online. Dies geht einher mit einer positiven Entwicklung bei Fintech-Start-ups, die neue Produkte auf den Markt gebracht haben.

Manche Experten sprechen sogar davon, dass ausgewählte Fintechs eine innovative globale Marke darstellen. Das ohnehin schon attraktive Segment des Finanzdienstleistungssektors erfährt einen starken Rückenwind durch „Made in India“.

Insgesamt gibt es im Land etwa 2000 Fintechs. Das ist die zweithöchste Zahl nach den USA weltweit. Im Global Fintech Index belegt Indien Platz 15. Dies ist bemerkenswert, denn auf den vorderen Plätzen liegen ausschließlich Industrieländer. Die hohe Performance indischer Fintechs geht anders als in anderen Ländern nicht mit der Schwäche traditioneller Banken einher.

Die indischen Banken sind nach ihrer rechtlichen Stellung in zwei Kategorien eingeteilt: die „Scheduled Banks“ und die „Non-scheduled Banks“.„Scheduled Banks“ sind Kreditinstitute, die im Bankenverzeichnis der Zentralbank eingetragen und veröffentlicht werden. Somit kommen die indischen „Scheduled Banks“ dem Status der „Member Banks“ des Federal Reserve Systems in den USA sehr nahe.

Hohe Akzeptanz von Fintechs in unübersichtlichem Bankenmarkt

Alle privaten und staatlichen Geschäftsbanken gehören zu den „Scheduled Banks“. Indien hat 26 Banken des öffentlichen Sektors, 25 Privatbanken, 43 Auslandsbanken und mehrere Stadt- und Genossenschaftsbanken.

Anders als in anderen Ländern verteilen sich die Fintechs auf verschiedene indische Städte. Auf dem asiatischen Subkontinent gibt es fünf indische Städte, die zu den Top-15-Fintech-Standorten zählen. Dazu gehören Bangalore (Platz zwei), Mumbai (Platz drei), New Delhi (Platz sechs), Pune (Platz 13) sowie Hyderabad (Platz 15). Im weltweiten Vergleich finden sich Bangalore und Mumbai unter den Top Ten.

Laut Global Fintech Adoption Index 2019 des Beraters Ernst & Young führt Indien zusammen mit China die aufstrebenden Schwellenmärkte mit einer hohen Fintech-Adoptionsrate von 87 Prozent im Jahr 2019 an. Die durchschnittliche Adoptionsrate lag 2019 weltweit bei 64 Prozent. 2017, als der Index erstmals erstellt worden ist, hat man für Indien eine Fintech-Adoptionsrate von 52 Prozent (Durchschnitt: 33 Prozent) gemessen.

Transformation des Spar- und Girowesens – Indien prescht voran

Die Adoptionsrate ist die relative Geschwindigkeit, mit der die Mitglieder eines sozialen Systems eine Innovation annehmen. Sie wird ausgedrückt, indem die Zahl der neuen Adopter in Relation zur Gruppengesamtheit in einer bestimmten Zeitperiode ermittelt wird. Bei einer Adoptionsrate von 100 Prozent würde die gesamte Gruppe die Innovation anwenden.

Das indische Fintech-Ökosystem ist auch durch die Einführung eines interoperablen Zahlungssystems, das den mobilen Zahlungsverkehr deutlich verändert hat, befördert worden. Etabliert worden ist dazu ein elektronisches Steuererfassungssystem, das zu einer verstärkten Formalisierung der Wirtschaft geführt hat.

Und schließlich gibt es innovative Systeme wie das sogenannte Aadhar und den Account Aggregator, einen Manager zur gemeinsamen Verwaltung von Finanzdaten. Infolgedessen hat Indien heute die weltweit niedrigsten Datenpreise, die höchste monatliche Datennutzung pro Smartphone, die niedrigsten Zahlungsverkehrspreise und die niedrigsten KYC-Kosten (siehe Abbildung 1). Der indische Markt hat in der Vergangenheit viele innovative Produkte und Geschäftsmodelle hervorgebracht, die es lohnt genauer anzuschauen.

Finanzprodukte neu erfinden

Beginnen wir mit dem Bankkonto selbst. Jahrzehntelang war das Filialnetz der wichtigste Ort einer Bank, um Einlagen einzusammeln und Spar- und Girokonten zu bedienen. In den letzten Jahren hat sich dies völlig geändert.

Viele Inder haben seit Jahren keine Bankfiliale mehr besucht. Bei traditionellen Banken wie der indischen Privatbank HDFC haben sich die Kanäle, wie Kunden mit der Bank interagieren, massiv verändert (siehe Abbildung 2). 92 Prozent der Kundentransaktionen werden über Internet oder mobil abgewickelt.

Unternehmen wie NiYO, Open und vielen anderen Neo-Banking-Neugründungen konnten so das Spar- und Girokonto selbst umgestalten. NiYO beispielsweise bietet (in Partnerschaft mit einer indischen Bank) digitale Gehaltskonten für Arbeiter an.

Die KYC-Kosten des filialbasierten Kundendiensts haben konventionelle Banken bisher daran gehindert, diese Kunden zu bedienen. Bei einer typischen Bank würde jedes Konto etwa 40 bis 50 US-Dollar jährlich kosten. Dadurch sind viele Kunden unrentabel.

Elektronisches Zahlungsangebot in einem indischen Lebensmittelgeschäft. Indiens Regierung hat Bargeldzahlungen zugunsten digitaler Verfahren stark eingeschränkt. Doch viele Menschen können davon nicht profitieren.

Mit billigerem KYC und einer Lösung, bei der nur die Karte als Bankkonto verwendet wird, kann NiYO das Kundensegment gewinnbringend bedienen. Open zielt in ähnlicher Weise auf den Finanzierungsbedarf kleiner Unternehmen ab, die oft Schwierigkeiten haben, eine Bankverbindung mit den Mainstream-Banken aufrechtzuerhalten.

Anlageprodukte wie Investmentfonds und Aktien sind in der Vergangenheit traditionell offline über Finanzberater verkauft worden. Ein Motiv waren die hohen Provisionen. Start-ups wie Groww verfolgen einen Ansatz mit einer kommissionsfreien Plattform.

Anleger können ihre eigenen Investitionsentscheidungen über eine einfache Benutzeroberfläche treffen. Ebenso hat Zerodha ein überlegenes Flat-Fee-Brokerage-Produkt in einem Markt aufgebaut, der weitgehend von teuren Brokerage-Produkten geprägt ist.

Neo-Banken spielen in Indien eine große Rolle. DigiBank, Airtelbank, Paytm oder FINO sind die bekanntesten indischen Vertreter (siehe Abbildung 3). Insgesamt sind es zehn Neo-Banken. Sie alle haben eine gute Refinanzierungsbasis. Der Schwerpunkt liegt vor allem im Zahlungsverkehr. Hervorzuheben ist die Neo-Bank-Plattform Open, die alles von Bankgeschäften über die Rechnungsstellung bis hin zur automatisierten Buchhaltung an einem Ort vereint.

Auch wenn das indische Fintech-Ökosystem im Bereich Zahlungsverkehr, Kredite und Vermögensanlage seine Reifephase erreicht hat, liegt der Schwerpunkt der meisten Fintechs im Bereich des Zahlungsverkehrs. Hier beträgt die Adoptionsrate eine Höhe von 96 Prozent.

Auch alle anderen Kategorien weisen im Vergleich zum globalen Durchschnitt eine höhere Adoptionsrate auf. Die Hauptgründe für die höhere Fintech-Akzeptanz sind attraktive Tarife oder Gebühren, die einfache Einrichtung eines Kontos, der Zugang zu verschiedenen und innovativen Produkten und Dienstleistungen sowie eine hohe Servicequalität.

In Indien haben Fintechs und digitale Finanzdienstleistungen einen positiven Einfluss auf die Beseitigung der seit Langem bestehenden Hindernisse bei der finanziellen Teilhabe. Eine Schätzung geht davon aus, dass fast 90 Prozent der Kleinstbetriebe in Indien noch immer außerhalb des formellen Kreditsystems stehen (siehe Abbildung 4).

Überwunden werden müssen jedoch auch die großen geografischen Distanzen. Dieses Argument wiegt besonders schwer, wenn Finanzdienstleistungen in abgelegenen ländlichen Gebieten angeboten werden sollen. Es gilt aber auch für die Teilhabe von Frauen, Armen in den Städten sowie Migranten, für die es häufig keine geeigneten Finanzprodukte gibt.

Fintechs leisten in Indien ferner einen Beitrag beim Abbau von Informationsasymmetrien zwischen Dienstleistungsanbietern und Verbrauchern – vor allem bei den Nichtbanken –, denen es an erforderlichen Informationen für die Risikobewertung mangelt. Hinzu kommt das Fehlen einer nachprüfbaren Identität.

Jenseits des Zahlungsverkehrs liegen die bedeutendsten Auswirkungen der indischen Fintechs jedoch auf der Kreditvergabe an Kleinstunternehmen. Man schätzt, dass etwa 85 Prozent der Kleinstbetriebe in Indien nicht durch das formelle Finanzsystem bedient werden. Ihre Finanzierung findet ausschließlich im informellen Sektor über Geldverleiher oder durch Familienfinanzierungen statt.

Werbung für Smartphones in Hyderabad. 92 Prozent der Kundentransaktionen werden in Indien mobil oder per Internet abgewickelt.

Riesiger Bedarf an Finanzierungsprodukten für Private und Unternehmen

Dem India FinTech Report 2019 zufolge beläuft sich die Finanzierungslücke bei diesen Kleinstbetrieben auf 240 Milliarden US-Dollar. Bei den Verbraucherkrediten sind es gar 300 Milliarden US-Dollar. Hier scheint es einen riesigen Bedarf für Finanzinstitute insgesamt, aber auch für die Fintech-Akteure zu geben.

Auf der B2B-Seite konzentrieren sich einige Start-ups von Zahlungs-Gateways auf die Emissionsseite, wo sie die Gebühren mit den Banken teilen. Sie bieten mittlerweile andere Finanzprodukte wie Kredite an, um die Geschäfte rentabler zu machen. Fintechs wie RazorPay und Pine Labs sind dort bereits tätig.  

Mit dem Aufkommen von Kreditvergabeplattformen erhalten Kleinstunternehmen wie Einzelhändler ohne eine Kreditgeschichte einen Zugang zu Krediten. Darüber hinaus gibt es das sogenannte Goods and Services Tax Network (GSTN) – ein elektronisch basiertes System, das alle steuerlich relevanten Vorgänge von Unternehmen erfasst. Aktuell sind mehr als 9,2 Millionen Kleinstunternehmen registriert.

Die GSTN-Daten werden durch ein Matching-Konzept verifiziert und bieten einen tieferen und umfassenderen Überblick in die Art der Geschäfte und ergänzen so die herkömmlichen Finanzdaten.

Hohe Anzahl von Digitalkrediten erhöht das Überschuldungsrisiko

Durch die genauere Verifizierung und Validierung von Transaktionsinformationen, die stärkere Underwriting-Prozesse ermöglichen, können Fintech-Kreditvergabemodelle verbessert werden. Credolab verkauft etwa ein Tool zur Kreditbewertung, das Smartphone-Metadaten verwendet, um Finanzinstituten beim Zeichnen von Krediten und Kreditkarten zu helfen. Fintech-Unternehmen wie Progcap können Einzelhändler versichern und ihnen auf Basis von GST Kredite gewähren.

Der Fokus bei diesen Modellen liegt auf der Bewertung von Zahlungsströmen und alternativer Datenquellen, um die Kreditwürdigkeit von Kunden zu bewerten. Die Scoring-Modelle der Fintechs verwenden zum einen eine größere Menge an Informationen von anderen Finanzintermediären oder auch Social-Media-Plattformen. Zum anderen kommen neue Technologien zum Einsatz: Mittels maschinellen Lernens werden nicht-lineare Informationen aus verschiedenen Variablen gewonnen.

Kunden mit einer begrenzten Kredithistorie und fehlender Dokumentation, die jedoch einen guten digitalen Fußabdruck und Aufzeichnungen über die regelmäßige Zahlung von Rechnungen usw. haben, können Kredite gewährt werden. Dieser Vorteil in Verbindung mit dem physischen Vertrieb und der Reichweite der Banken kann positive Effekte haben. Dennoch ist darauf zu verweisen, dass über das Handy vertriebene Digitalkredite hohe Armutsrisiken verursachen können.

Und auch hier hat Indien Negativerfahrungen gemacht. Im südlichen Bundesstaat Andhra Prades kam es 2011 zu einer Vielzahl von Selbstmorden, da die Kreditnehmer derart überschuldet waren, dass sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen haben. Dieses Ereignis hatte seinerzeit – weit über die indischen Grenzen hinaus – zu Diskussionen über die Grenzen von Mikrofinanzdienstleistungen bei besonders armen Menschen geführt.

Mehr als 30 Prozent der indischen Bevölkerung gelten als extrem arm

Zwei Drittel der Menschen in Indien leben in Armut: 70 Prozent der indischen Bevölkerung müssen mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Über 30 Prozent haben sogar weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Sie gelten als extrem arm. Der Lockdown hat die Situation verschärft: Die Haushalte haben im Schnitt 60 Prozent ihres Einkommens verloren.

Kinder in einem Slum in Neu Delhi. Während des Corona-Lockdowns haben Indiens Haushalte im Schnitt 60 Prozent ihres Einkommens verloren.

Vor dem Hintergrund eines starken Internet-Wachstums und hoher Mobilitätsdichte sind E-Commerce sowie Smartphone-basierte Dienste für riesige Datenmengen über Einzelpersonen und kleine Unternehmen in Indien verantwortlich. Da immer mehr Daten digitalisiert werden, sinken zugleich Kosten, Zeit und Aufwand, um die Kreditwürdigkeit potenzieller Kunden zu beurteilen. So bietet Slice jungen Indern kartenbasierte Produkte an, um ihnen zu einer besseren Kreditwürdigkeit zu verhelfen.

Die überwiegende Mehrheit der Händler in Indien ist immer noch nicht im digitalen Bereich tätig. Von den sieben Millionen Händlern hat nur ein kleiner Teil begonnen, digitale Zahlungen zu akzeptieren. Daher gibt es einen großen Spielraum, um die Akzeptanz der Händler durch mobile Zahlungen, Smart-Point-of-Sale(PoS)-Terminals und Quick-Response(QR)-Codes zu beschleunigen. Das Fintech Paytm verarbeitet ein beträchtliches Volumen von Händlerzahlungen auf der Basis von QR-Codes.

Ein PoS-Gerät, dessen Installation in der Regel etwa mehr als 100 US-Dollar kostet, rechnete sich nur für Einzelhandelsgeschäfte mit einem großen Zahlungsvolumen. Ein UPI-QR-Code kostet im Vergleich dazu weniger als 0,2 US-Dollar in der Installation und kann in den kleinsten Geschäften eingesetzt werden.

Unternehmen wie PayTM, Bharatpe, PhonePe und Google Pay erreichen auf diese Weise ein Millionenheer kleiner Händler und ermöglichen den digitalen Zahlungsverkehr. Das in Bengaluru ansässige Fintech OKCredit stellt für kleine Händler eine App bereit, mit der sie ihre Forderungen und Verbindlichkeiten verfolgen können. Die Verbesserung der Infrastruktur für Zahlungsannahme und Konnektivität in Gebieten mit geringen digitalen Transaktionen würde auch der finanziellen Integration in Indien einen großen Impuls verleihen.

Finanzielle Teilhabe

Laut der Consultative Group to Assist the Poor (CGAP), einer Beratungsgruppe der Weltbank, können Fintechs auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette im Bereich der Finanzdienstleistungen innovative Produkte und Dienstleistungen für Kunden mit niedrigem Einkommen anbieten. Infolgedessen ist die Akzeptanz von Fintechs in Indien in den letzten zwei Jahren exponentiell gestiegen.

Diese Entwicklung ist unter anderem durch staatliche und regulatorische Initiativen in Richtung hin zu einer stärker digitalisierten Wirtschaft befördert worden. Auf Basis des jüngst veröffentlichten Global Microscope 2019 belegt Indien Platz fünf bei der finanziellen Inklusion unter den Entwicklungs- und Schwellenländern.

Die indische Zentralbank (RBI) hat im vergangenen Jahr eine „Nationale Strategie für finanzielle Teilhabe in Indien 2019 – 24“ vorgelegt. Sie sieht vor, formelle Finanzdienstleistungen für alle Bürger auf sichere und transparente Weise verfügbar, zugänglich und erschwinglich zu machen. Dabei wird der Datenanalyse und dem maschinellen Lernen in Verbindung mit alternativen Datenquellen eine hohe Priorität eingeräumt.

Zentrale Datenbank speichert biometrische und biografische Daten aller Bürger

Ziel ist es, digitale und finanzielle Identitäten aufzubauen. Sie sollen es jedem Bürger und jeder Bürgerin Indiens ermöglichen, die Kreditwürdigkeit und Eignung für eine Reihe von Finanzdienstleistungen nachzuweisen, zu denen bisher keinen Zugang bestand.

Die Einführung von Aadhaar hat die KYC-Prozesse bei der Eröffnung von Bankkonten und elektronischen Brieftaschen erheblich gestrafft. Aadhaar (Deutsch: Fundament) ist eine persönliche Identifikationsnummer für jeden Bürger und jede Bürgerin Indiens. Unter dieser zwölfstelligen Nummer werden biometrische und biografische Daten in einer zentralen Datenbank bei der Unique Identification Authority of India (UIDAI) gespeichert.

Das System ist 2009 auf freiwilliger Basis eingeführt worden. Seit 2016 ist es verpflichtend, um sämtliche staatliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Mit über 1,2 Milliarden eingetragenen Mitgliedern ist Aadhaar die größte biometrische Datenbank weltweit. Damit sind 99 Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren erfasst (siehe Abbildung 5).

E-KYC und Biometrie unterstützen die nächste Welle der Inklusion. So gibt es ein zentrales KYC-Register. In diesem werden etwa 100 Millionen Anträge zur Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen verwaltet. Das Start-up EzeSmart hat eine Plattform für Aadhaar- und E-KYC-Dienste auf den Markt gebracht.

Nachdem auch Gesundheitsdaten sukzessive in der Aadhaar aufgenommen werden, wird das Identifizierungsverfahren auch als Zahlungssystem (Aadhaar-enabled Payment System, AePS) eingesetzt. Auf diese Weise tätigen die Menschen in ländlichen Gebieten Einzahlungen, Abhebungen und Überweisungen. Damit können nun in ländlichen Gebiete Mikro-Geldautomaten aufgestellt werden, denn mit Aadhaar können die Identität der Kunden digital überprüft und ihre Konten verwalten werden.

Regulatorische Initiativen

Parallel zu den technologischen Innovationen hat die RBI ihren Regulierungs- und Aufsichtsrahmen kontinuierlich angepasst. Die Fintech-Entwicklung soll genutzt werden können, um den Zugang der ausgeschlossenen Bevölkerung zu Finanzmitteln zu erweitern und zu erleichtern. Unter anderem hat sie letztes Jahr einen Rahmen für eine regulatorische Sandbox vorgestellt.

Ein solcher Sandkasten bezieht sich gewöhnlich auf Live-Tests neuer Produkte oder Dienstleistungen in einem kontrollierten/getesteten regulatorischen Umfeld, für das die Regulierungsbehörden bestimmte Lockerungen für den begrenzten Zweck der Tests zulassen können.

Erste Anwendungsfälle mit Bezug zum Zahlungsverkehr sind Ende des Jahres gestartet. Auf diese Weise soll der digitale Zahlungsverkehr vorangetrieben werden und dazu beitragen, Zahlungsdienste für den unversorgten Teil der Bevölkerung anzubieten.

Die Fortschritte in der digitalen Technologie für den Einsatz in Finanzdienstleistungen (zum Beispiel Zahlungen, Kredite oder andere Finanzdienstleistungen) basieren auf der von der Regierung und der RBI aufgebauten digitalen Infrastruktur.

Ziel bargeldlose Gesellschaft: ein Bankkonto für alle Smartphone-Besitzer

Auch auf der Angebotsseite sind verschiedene Maßnahmen ergriffen wor­den, um kostengünstige Finanzdienstleistungen für alle verfügbar zu machen. Ein Bankkonto, eine mit biometrischen Daten verknüpfte Aadhaar-Identität sowie mobile Konnektivität sind für Millionen von Indern vorhanden.

Die Fortschritte in einem offenen, interoperablen Zahlungssystem in Form der Unified Payments Interface (UPI), das von jedem genutzt werden kann, der ein Smartphone und ein Bankkonto besitzt, haben das Zahlungssystem in Indien geradezu revolutioniert. Das UPI-Zahlungssystem wickelt im Schnitt pro Monat eine Milliarde Transaktionen ab.

Mit dem Einstieg von Google-Pay ist diese nun die größte UPI-Plattform. Durch UPI wird die digitale Bereitstellung staatlicher Dienstleistungen erheblich vorangetrieben. Vor allem der seit 2013 existierende Direct Benefit Transfer trägt dazu bei. Dieses Programm zielt darauf ab, staatliche Transfers über Aadhaar-gebundene Bankkonten direkt an die Begünstigten zu überweisen.

Die RBI hat ebenso Maßnahmen eingeleitet, um eine verstärkte Nutzung elektronischer Zahlungen zu fördern. Ziel ist eine „bargeldlosere“ Gesellschaft. Dies knüpft an die im Jahr 2016 eingeleitete Geldentwertung („Demonetization“) an. Die indische Regierung hatte darin völlig überraschend mitgeteilt, dass alle im Umlauf befindlichen 500- und 1000-Rupien-Scheine ab sofort nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel gelten und in neue 500- und 2000-Rupien-Scheine umgetauscht werden müssen. 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Gelds in Indien waren davon betroffen.

Weitgehende Abschaffung des Bargelds gilt heute als übereilt

Mit der Geldentwertung ist die Öffentlichkeit geradezu gezwungen worden, massenhaft auf digitale Zahlungen und Online-Transaktionen umzustellen. Dieses Ereignis kann tatsächlich als die Geburtsstunde vieler indischer Fintechs angesehen werden – auch wenn es Fintechs wie Paytm, MobiKwik, Oxigen, PhonePe, PolicyBazaar etc. schon vorher gegeben hat.

Diese völlig übereilte Abschaffung von Bargeld zugunsten digitaler Zahlungssysteme hat nicht berücksichtigt, dass Bargeld für Menschen, die im informellen Sektor arbeiten, meist nicht nur das einzig verfügbare, sondern auch das günstigste Zahlungsmittel ist. 90 Prozent der indischen Wirtschaftsleistung werden immer noch im informellen Sektor erbracht.

Zunehmend kooperieren und konkurrieren Nichtbanken mit Banken. Entweder treten die Nichtbanken als Technologiedienstleister für Banken auf oder bieten elektronische Retail-Zahlungsdienste direkt an. Die RBI hat enorme Anstrengungen unternommen, um eine dem neuesten Stand der Technik entsprechende nationale Zahlungsinfrastruktur und Technologieplattformen zu entwickeln.

Retail-Zahlungsverkehr: Gesamtvolumen in fünf Jahren verneunfacht

Hier sind der Sofortzahlungsdienst (Immediate Payments Service, IMPS), eine einheitliche Schnittstelle für den Zahlungsverkehr (UPI), die Bharat-Schnittstelle für Geld (Bharat Interface for Money, BHIM), das Bharat-Rechnungszahlungssystem (Bharat Bill Pay System, BBPS) oder das Aadhaar-fähige Zahlungssystem (AePS) hervorzuheben. All diese Initiativen haben den Retail-Zahlungsverkehrsmarkt in Indien vorangetrieben, sodass sich das Gesamtvolumen in den letzten fünf Jahren verneunfacht hat.

Die RBI hat außerdem einigen wenigen Institutionen die Lizenz erteilt, Peer-to-Peer-Kreditplattformen (P2P) zu betreiben. Schließlich ist auch das Trade Receivables Discounting System (TReDs) eingerichtet worden. Hierbei handelt es sich um eine elektronische Plattform zur Handelsfinanzierung von Kleinunternehmen. Es gibt drei TReDS-Börsen in Indien. Die Handelsvolumina sind allerdings noch recht überschaubar.

Aktuell gibt es zehn Small Finance Banks (SFB) mit einer Banklizenz. Ihr Geschäftsmodell besteht im Aktiv- und Passivgeschäft an kleine Unternehmenseinheiten, Kleinbauern und Kleinst- und Kleinindustrien. Einige von ihnen sind bereits an der Börse, die anderen planen es in naher Zukunft. Vor allem diese Banken sind aber von der Coronakrise besonders betroffen. Die RBI hat außerdem sieben reinen digitalen Kreditunternehmen Lizenzen für den Betrieb über mobile Anwendungen erteilt. 

Globale Expansion

Die Finanzdienstleistungsbranche ist traditionell länderspezifisch. Die Bankensysteme etwa von Indien, Indonesien, Thailand und Vietnam unterscheiden sich alle voneinander. Die nationale Regulierung spielt dabei auch eine Rolle. Das ändert sich jetzt.

Eine Reihe indischer Fintech-Unternehmen wie Pine Labs, Ezetap, Paytm, Zeta und PolicyBazaar hat eine gewisse Marktreife erreicht. Sie nutzen ihre Erfahrungen aus dem Inlandsmarkt, um ihre Produkte zu verfeinern und weltweit tätig zu werden.

Anders als in der Vergangenheit scheinen die Kundenpräferenzen heute weltweit immer ähnlicher. Produkte, die in Bangalore entwickelt und verfeinert werden, funktionieren in Ho-Chi-Minh-Stadt oder Jakarta gleichermaßen gut.

Happay, eine Plattform für die Verwaltung von Firmenkarten und Spesen, hat etwa Bankpartnerschaften unterzeichnet, um ihr Produkt in mehreren Ländern einzuführen. Jüngst hat die National Payments Corporation of India (NPCI) eine internationale Tochtergesellschaft gegründet, um die Technologie hinter ihrem RuPay-Netzwerk an andere Länder zu verkaufen. RuPay ist das größte Kartennetzwerk in Indien. Drip Capital finanziert viele Unternehmen des internationalen Handels über Indien hinaus.

Auf den internationalen Märkten arbeiten diese Unternehmen mit bestehenden Finanzinstitutionen zusammen, nutzen deren Lizenzen und bieten ihre Dienstleistungen Verbrauchern und Unternehmen als technische Lösungen an.

Riesiger Markt mit starker Fragmentierung und Heterogenität

Umgekehrt haben Fintechs aus anderen Ländern damit begonnen, den indischen Markt zu erobern. Ausländische Fintechs wie Payoneer oder Transferwise sind längst in Indien angekommen. Aber auch ostafrikanische Fintechs möchten den indischen Markt erobern.

Landläufig denkt man an die die 1,2 Milliarden englischsprachigen Inder und die Tech-Talente. Zwar ist Indien ein riesiger, aber dennoch stark fragmentierter Markt, der 29 Bundesstaaten und 22 Regionalsprachen umfasst.

Die Bundesstaaten sind durch eine föderale Regierung vereint, aber es gibt erhebliche Unterschiede in den Geschäftsbestimmungen, Steuerstrukturen und Berichterstattungsanforderungen zwischen den einzelnen Bundesstaaten.

Beispielsweise variieren die Mehrwertsteuersätze und -kategorien von Bundesstaat zu Bundesstaat. Einige Bundesstaaten haben sogar für einen kurzen Zeitraum auf die Verwendung einer Mehrwert- zugunsten einer Verkaufssteuer verzichtet.

Diese Fragmentierung erstreckt sich auch auf die Sprachen: Während 41 Prozent der Bevölkerung Hindi (und seine Untergruppen) als Muttersprache sprechen, müssen Start-ups diese regionalen Sprachen in ihre Schnittstellen integrieren.

Nur die Hälfte bis drei Viertel der Inder gelten als alphabetisiert

Darüber hinaus ist es nicht so einfach, sprachliche Schnittstellen richtig zu gestalten wie eine direkte Übersetzung. Denn die Inder neigen dazu, neben lokalen Wörtern und Slangs (zum Beispiel Hinglish) eine Mischung aus englischem Vokabular und Zahlen zu verwenden.

Zudem sind die Alphabetisierungsraten in Indien niedrig. Sie liegt zwischen 55 und 75 Prozent. Neugründungen können sich daher nicht darauf verlassen, dass die Menschen lesen und schreiben können, auch nicht in den lokalen Sprachen.

Die starke mündliche Tradition Indiens bedeutet, dass die Nutzer lieber zuhören, zuschauen und sprechen als zu lesen und zu schreiben. Damit wird die Kundenbindung sowohl eine sprachliche als auch eine mediale Herausforderung.

Zudem gibt es viele zuständige Behörden in Indien, die alle das Fintech-Geschäft tangieren. Dies beginnt mit der RBI, der Telekommunikationsregulierungs-, Versicherungsaufsichts- und Entwicklungsbehörde sowie weiteren Institutionen, die für Nichtbanken-Finanzinstitutionen oder Zahlungsbanken verantwortlich sind.

Elf chinesische Fintechs sind bereits lizenziert, andere ziehen sich wieder zurück

Diese hohe Behördenzahl trägt zu einem allgemeinen Gefühl der politischen Unsicherheit bei. Die Regierungsbehörden haben jeweils unterschiedliche Ansichten über den Wert von Start-ups und Fintech-Unternehmen. Wie die Demonetization im Jahr 2016 sowie Änderungen der ESign-Vorschriften sowie die Verwendung von Aadhaar-Daten gezeigt haben, können sich die Vorschriften über Nacht ändern.

Dennoch machen chinesische Fintech-Firmen wie Xiaomi erhebliche Fortschritte bei der Online-Kreditvergabe in Indien. Sie haben ihre Kreditportfolios schnell ausgebaut und in nur zwei bis vier Wochen bis zu 10.000 Kunden gewonnen.

Die RBI hat bisher elf chinesische Firmen lizenziert. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Portfolioqualität der chinesischen Start-ups entwickeln wird und ob sie sich auf dem indischen Markt durchsetzen werden. Ursprünglich gingen die Chinesen davon aus, das Alipay-Modell einfach in Indien replizieren zu können.

Erste Fintechs ziehen sich bereits zurück. Zum Beispiel hat Chinas WeCash bereits den Stecker gezogen, bevor es überhaupt richtig in Indien gestartet war. Aber auch US-amerikanische Unternehmen wie WePay, ein Online-Zahlungsanbieter, haben den Subkontinent mittlerweile wieder verlassen.

Einige Beobachter weisen aber darauf hin, dass die chinesischen Firmen einen stufenweisen Ansatz verfolgen und dass sie den Sektor aus der Sicht des Ökosystems betrachten. Ihre Zukunft in Indien könnte also rosiger sein, als es derzeit den Anschein hat.

Fazit: Bewusstsein für Finanztechnologie nimmt zu

Fintechs in Indien werden immer mehr zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Alltagsgeschäfts. Sie können als Katalysator für die finanzielle Teilhabe fungieren, indem sie viele Partizipationsmöglichkeiten für bisher vom Finanzsektor ausgeschlossenen Menschen und Institutionen schaffen.

Der Wechsel von traditionellen hin zu digitalen Zahlungen hat sich sowohl für Einzelpersonen als auch für Unternehmen gelohnt. Dies betrifft vor allem die Kleinstunternehmen in ländlichen Gebieten.

In einem Land mit der zweitgrößten Bevölkerung weltweit ohne jeglichen Bankenzugang müssen Fintechs eine entscheidende Rolle dabei spielen, Barrieren wie mangelndes Finanzwissen oder hohe Kosten traditioneller Bankdienstleistungen zu überwinden.

Die Euphorie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Inder sich um die nächste Mahlzeit der Familie sorgen und sich keine Bildung und sanitären Anlagen leisten können. Hier helfen auch bequeme Finanzdienstleistungen nicht weiter.

Beisetzung eines Coronatoten in Neu Dheli. Viele Inder haben kaum genug zum Leben. Bequeme Finanzdienstleistungen sind ihre geringste Sorge.

Die Kleinst- und Kleinunternehmen sind das Rückgrat der indischen Wirtschaft. Obwohl sie eine so bedeutende Rolle für das Wirtschaftswachstum des Lands spielen, sehen sie sich nach wie vor mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Der Mangel an Kapital ist besonders hervorzuheben.

An diesem Punkt kommen Fintechs ins Spiel. Sie haben das Potenzial, ansatzweise die Probleme der Kreditverfügbarkeit zu lösen. Sie bieten einen einfacheren und schnelleren Zugang zu Krediten für die Zielgruppe.

Die Fintech-Branche in Indien ist somit gewachsen und erwachsen geworden. Einst nur aus Start-ups bestehend, nimmt dieser Sektor heute etablierte Unternehmen und Banken des öffentlichen und privaten Sektors auf.

Coronafolgen: Vor allem kleine Betriebe könnten betroffen sein

Auch das Bewusstsein für die Finanztechnologie hat zugenommen: Ein Großteil der Verbraucher weiß jetzt, dass Fintech-Plattformen zur Verfügung stehen, um Zahlungen und Geldüberweisungen vorzunehmen. Dies deutet auf eine positive Veränderung hin und stellt ein enormes Wachstumspotenzial für die gesamte Branche dar. In der Zwischenzeit erwartet man von Fintechs kontinuierliche Innovationen in den Bereichen Produkte, Dienstleistungen und Lieferung.

Hatten die indischen Banken in den letzten Jahren immer wieder mit einer Flut von Kreditausfällen zu kämpfen, so hat sich die Lage durch Corona massiv verschärft. Man kann ernsthaft von einer Kreditkrise sprechen. Die Banken haben mit enormen Kreditausfällen zu kämpfen. Ausgefallene Bankkredite von Unternehmen in Höhe von rund neun Milliarden US-Dollar sind abgeschrieben.

Kleinere Unternehmen könnten von den wirtschaftlichen Folgen am stärksten betroffen sein. Es entsteht ein Finanzierungsengpass für kleinere Unternehmen, und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem sie Geld am dringendsten benötigen, um den finanziellen Auswirkungen der Krise entgegenzuwirken.

Autor
Silvio Andrae beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Fragen aus dem Bereich „Development Finance“ und hat praktische Erfahrungen in Lateinamerika, Afrika und Asien gesammelt. In der Reihe „Fintechs weltweit“ stellt der Autor ausgewählte Regionen vor. Bisher erschienen:

Fintechs weltweit (1): Regionale Buntheit (Überblick)
Fintechs weltweit (2): Brasilien: Eldorado für Finanzexperimente

Silvio Andrae
– 18. September 2020