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Verhaltensökonomie (1)
Wirtschaftsentscheidungen auf neuen Wegen
Gute Entscheidungen sollen rational und zahlenbasiert sein. Menschen, die Zahlen extrahieren und interpretieren, handeln jedoch nicht immer vernunftgemäß und analytisch. Die Verhaltensökonomie zeigt, wie es anders geht.

Controlling in Finanzinstitutionen geht weit über reine Überwachungs- oder Steuerungsfunktion weit hinaus. Das Fundament ist dabei eine integrierte Management-Konzeption der ertragsorientierten Geschäftsphilosophie, in deren Mittelpunkt das Bankergebnis steht. Formal besteht Bank-Controlling aus revolvierend ablaufenden Phasen von Planungs- und Kontrollaktivitäten, die sich in ein komplexes Regelkreismodell einfügen. Das bedeutet jedoch nicht, dass damit ein Unternehmenserfolg garantiert ist.

Bank-Controlling hat jedoch keine direkte Entscheidungskompetenz, es unterstützt die Managementbereiche vielmehr durch eine systematische Übernahme von Informations- und Koordinationsaufgaben. Es entbindet die Entscheidungsträger also nicht von ihren Führungsaufgaben. Eher umgekehrt – Verantwortungs- und Ergebnisbewusstsein werden gefördert, um eine zielgerichtete und systematische Entscheidungsfindung auf allen Unternehmensebenen zu ermöglichen. Eine rationale Unternehmensführung und die Rationalitätssicherung der Führung sind erstrebenswerte Controlling-Ziele. Nach traditioneller Sichtweise kommen Führungskräfte – geprägt von rationalen Eigenschaften des „homo oeconomicus“ und durch Einsatz der Entscheidungstheorie – zu richtigen Entscheidungen.

Controller gelten überdies durch ihre rationale Nüchternheit, Analytik und Zahlenfokussiertheit als Counterpart zu den Managern. Die Realität zeigt jedoch deutliche Abweichungen von den rationalen Annahmen des homo oeconomicus. Controller wie Entscheider unterliegen bestimmten Verhaltensmustern, die zu systematischen Fehlern führen können. Will man diese berücksichtigen, kann das ökonomische Grundmodell nicht unverändert bleiben. Rationalitätsdefizite lassen es ökonomisch sinnvoll erscheinen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Exakt hier ist ein „Behavioral Controlling“ zu verorten.

Stationen auf dem Weg zur Verhaltensökonomie

Bei der Verhaltensökonomie handelt es sich um eine noch junge Forschungsrichtung, die die Anwendbarkeit der in der Ökonomik gängigen Modellen kritisch hinterfragt und Erkenntnisse aus Psychologie, Soziologie und Spieltheorie nutzt, um das Verhalten der Menschen zu analysieren und zu begründen.

Das Ziel ist, realistischere Modelle zu entwickeln. Die Professoren Sendhil Mullainathan und Richard Thaler definieren Verhaltensökonomie (Behavioral Economcis) wie folgt: „Behavioral Economics is the combination of psychology and economics that investigates what happens in markets in which some of the agents display human limitations and complications.“

Die hohe Relevanz und Anerkennung verhaltensorientierter Ansätze wird aus der Verleihung des Nobelpreises an Daniel Kahneman und Vernon L. Smith deutlich, mit dem die beiden Wissenschaftler für das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet worden sind – auch wenn dieses Thema nicht gänzlich neu ist.

Psychologische Einflüsse in der klassischen Ökonomie haben bereits Mitte des 18. Jahrhunderts eine Rolle gespielt. Besonders in Adam Smith´s erster Schrift (Theory of moral sentiments) zeigen sich bereits einige Ideen der Verhaltensökonomie. Sie enthält unter anderem Aussagen zum Phänomen der Selbstüberschätzung und der Verlustaversion sowie Absätze über Altruismus und Fairness.

Im Zeitalter der neoklassischen Ökonomie ab dem 20. Jahrhundert sind psychologische Einflüsse durch das Modell des homo oeconomicus nahezu vollständig zurückgedrängt und im Zeitalter des Keynesianismus – besonders in den 1960er und 70er Jahren – sogar komplett aus den Wirtschaftstheorien verbannt worden.

John M. Keynes hat zwar 1936 in seinem Hauptwerk „The General Theory of Employment, Interest and Money“ psychologische Effekte (er nennt das „animal spirit“) miteinbezogen: „Auch ohne die Unbeständigkeit als Folge der Spekulation bleibt noch die Unbeständigkeit aus der Eigenheit der menschlichen Natur, die bewirkt, dass ein großer Teil unserer positiven Tätigkeiten mehr von spontanem Optimismus als von einer mathematischen Erwartung, sei sie moralisch, hedonistisch oder ökonomisch, abhängt.“1

Dennoch hat sich erst ab zirka 1980 die Verhaltensökonomie als ein Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften weiterentwickelt. Ab 1960 konnten sich zwei neue Untersuchungsfelder ihren Weg in die Wirtschaftstheorie bahnen:

  1. Mentale Prozesse sind in der kognitiven Psychologie analysiert worden.
  2. Die Entscheidungsfindung unter Unsicherheit (Prospect Theory) ist verstärkt untersucht worden.

Wenig später sind die Bereiche „Behavioral Finance (verhaltensorientierte Finanzwissenschaft)“ und „Behavioral Public Finance“ entstanden. Besonders einflussreiche Wegbereiter in diesem Zusammenhang sind Herbert A. Simon, der für die Erforschung der Entscheidungsprozesse in Wirtschaftsorganisationen 1978 einen Nobelpreis erhalten hat und Kahneman, der für, wie oben ausgeführt, das Einführen von Einsichten der psychologischen Forschung in die Wirtschaftswissenschaften 2002 ausgezeichnet worden ist.

Weitere bedeutende Wissenschaftler sind Prof. Leon Festinger mit der Theorie der kognitiven Dissonanz und Prof. Amos Tversky, der zusammen mit Kahneman die Prospect Theory entwickelt hat. Zuletzt hat 2017 der Verhaltensökonom und Professor Richard Thaler einen Nobelpreis für seine Forschung zur Beeinflussung wirtschaftlicher Entscheidungen von psychologischen Faktoren und deren Funktionsweisen erhalten.

Grundaussagen der Theorien der Verhaltensökonomie

Die zentrale Annahme des traditionellen Ökonomieverständnisses ist, der – durch die unbegrenzte vollkommene Rationalität und Willenskraft gekennzeichnete – homo oeconomicus. Dieser kann sowohl unbegrenzt Informationen über sämtliche Entscheidungsalternativen und deren Konsequenzen aufnehmen und verarbeiten, als auch seinen Eigennutzen maximieren. Diese Annahmen sind bei der Theorie- und Modellbildung sehr hilfreich, da Formalisierungen eines irrational handelnden Menschen schlechterdings unmöglich sind. In der Regel werden Systeme im Gleichgewicht (z. B. wenn Angebot und Nachfrage eines Markts übereinstimmen) untersucht. Bei der mathematischen Entwicklung ökonomischer Modelle ist der Prozess, wie ein Gleichgewicht zu Stande kommt, kaum beachtet worden. Individuen aber lernen durch Verbesserung von Strategien, die gut verlaufen sind. Lerneffekte und Entwicklungsprozesse werden in der klassischen Ökonomie zu wenig beachtet.

Für die Analysen von Entscheidungen unter Risiko ist die normative Erwartungsnutzentheorie von Neumann und Morgenstern (1944) zentral. Diese besagt, dass für jeden Entscheidungsträger eine Nutzenfunktion existiert, auf deren Basis die verschiedenen Aktionen aufgrund des zugehörigen Nutzenerwartungswerts beurteilt werden. Weiterhin werden folgende Prinzipien zugrunde gelegt:

  • Die Nutzenfunktion ist in der Regel konkav, was eine Risikoaversion widerspiegelt.
  • Grundprinzip der Theorie ist das Stetigkeitsaxiom, das rationales Verhalten unterstellt, indem eine vollständige Präferenzzuordnung wiedergegeben werden kann.
  • Das Unabhängigkeitsaxiom beinhaltet eine Linearitätsannahme und besagt, dass sich der erwartete Nutzen abhängig von der jeweiligen Wahrscheinlichkeit linear verhält.
  • Alle Alternativen müssen vollständig geordnet sein.

Folglich verhält sich der Entscheider rational und kann den Nutzen von Ereignissen mit ihren jeweiligen Wahrscheinlichkeiten gewichten. Um eine realitätsgetreuere Modellierung des Verhaltens von Individuen zu ermöglichen, haben Kahneman und Tversky die prospect theory entwickelt.

Aktuell ist die Prospect Theory das bekannteste deskriptive Modell für Entscheidungen unter Unsicherheit. Sie kann vielfach Vorhersagen und Erklärungen bieten, wo die Erwartungsnutzentheorie den Entscheider nicht richtig einschätzt. Sie bildet das Entscheidungsverhalten in einer Wertfunktion ab, die einen steileren Verlauf für Verluste als für Gewinne konstatiert, da Verluste wesentlich stärker wahrgenommen werden als Gewinne. Die Folge ist ein risikoscheues Verhalten im Gewinnfall und ein risikofreudiges im Verlustfall. Darüber hinaus werden minimale Wahrscheinlichkeiten übergewichtet und mittlere untergewichtet.

Ein weiteres rationales Modell der klassischen Ökonomie, welches in der Verhaltensökonomie abgelöst worden ist, ist das exponentielle Diskontieren nach Samuelson (1937): In der ökonomischen Analyse von zeitlichen Entscheidungsproblemen wird davon ausgegangen, dass der Entscheidungsträger den heutigen Konsum tendenziell höher als morgigen bewertet, das heißt konstante Diskontraten besitzt. Die verwendete Diskontrate gibt den Grad der Zeitpräferenz wieder. Individuen diskontieren somit zwischen zwei aufeinanderfolgenden Perioden immer gleich – unabhängig wie weit sie von den beiden Perioden zeitlich entfernt sind.

Prof. Robert H. Strotz (1955) hat dagegen herausgefunden, dass das künftige Verhalten der Individuen inkonsistent ist, da die optimalen Pläne der Gegenwart oft nicht eingehalten werden. Experimentelle Studien zeigen, dass Individuen oft fallende Diskontraten zeigen und sich daher zeit-inkonsistent verhalten, das heißt die Nutzenströme aus der nahen Zukunft werden mit einer höheren Rate als die aus der fernen Zukunft diskontiert. Dieses Phänomen wird hyperbolisches Diskontieren genannt.

Die Eigennutzmaximierung aus der traditionellen Ökonomie wird in der Verhaltensökonomie durch das Modell des sozialen Nutzens abgelöst. Menschen denken nicht nur an ihren eigenen Nutzen, sondern achten auch auf das Wohlergehen anderer Menschen und legen Wert auf Fairness.

Ein einfaches Beispiel zeigt das Prinzip: Spieler A erhält zehn Euro und kann entscheiden, wie viel er davon an B abgibt. B hat keinen Einfluss auf die Entscheidung von A, darf aber entscheiden, ob er das Angebot von A annimmt oder ablehnt. Nimmt B an erhält er den Anteil, lehnt er ab erhalten beide Spieler nichts. Nach der traditionellen Ökonomie ist es für B rational, jedes Angebot anzunehmen. In der Realität sanktionieren die Mitspieler jedoch die Entscheidung mit einer Nicht-Annahme, wenn das Angebot zu niedrig erscheint und unfair ist. Dieses Verhalten passt natürlich nicht in das Bild des homo oeconomicus.

Das bekannte Modell der Begrenzten Rationalität (Bounded Rationality) beinhaltet, dass ein Individuum nur Teile der Realität zeitlich beschränkt aufnehmen, behalten und zu Entscheidungen verarbeiten kann. Was in den Entscheidungsprozess miteinbezogen wird, ist abhängig von bisherigen Entwicklungen, von nicht ökonomischen Rahmenbedingungen und von Zufallseinflüssen. Folglich müssen bei der Analyse und Erklärung von Entscheidungsprozessen diese Beschränkungen berücksichtigt werden.

Dennoch müssen Individuen Entscheidungen treffen. Sie verwenden dabei Entscheidungsregeln, welche ermöglichen, dass Entscheidungen trotzdem vernünftig und intelligent ausfallen. Von grundlegender Bedeutung ist dabei das Konzept des „Satisficing“, nach dem die Individuen in Entscheidungssituationen nach befriedigenden Lösungen und nicht nach optimalen suchen. Ein Mechanismus, der der Überforderung der Entscheider entgegenwirkt, liegt darin, dass Individuen ihrer Entscheidung eine subjektive, vereinfachte Definition der Situation zugrundelegen. Dies wird als selektive Wahrnehmung bezeichnet.

Nach der Theorie des Satifsficing wird eine Alternative gesucht, die einem minimalen Anspruchsniveau genügt. Dieses unterliegt jedoch insofern Veränderungen, als die Individuen ihr Anspruchsniveau anheben, sobald sie eine zufriedenstellende Lösung schnell und einfach finden. Ist es aber beschwerlich, eine zufriedenstellende Lösung zu finden, wird das Anspruchsniveau gesenkt. Das Konzept der Bounded Rationality ist jedoch eine stark vereinfachende Beschreibung des Entscheidungsverhaltens und konzentriert sich überwiegend nur auf die begrenzten kognitiven Fähigkeiten.

Auch in der Wirtschaft einsetzbar: das Zwei-System-Modell

Nobelpreisträger Daniel Kahnemann beeinflusst mit seinen Forschungen auch die Entscheidungsfindung in der Wirtschaft.
Nobelpreisträger Daniel Kahnemann beeinflusst mit seinen Forschungen auch die Entscheidungsfindung in der Wirtschaft.

In diesem Kontext ist das – von Kahneman geprägte und weiterentwickelte – zwei System-Modell von zentraler Bedeutung. Es unterscheidet zwischen System 1 und System 2, welche ursprünglich von den Psychologen Stanovich und West eingeführt worden sind. Bei diesen beiden kognitiven Systemen arbeitet System 1 automatisch, schnell und weitgehend mühelos, ohne willentliche Steuerung. System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf anstrengende mentale Aktivitäten.

Der Mensch identifiziert sich selbst mit dem logisch Denkenden und bewussten System 2. Aus System 1 jedoch entstehen spontan Eindrücke und Gefühle, welche die Hauptquellen der Überzeugungen und bewussten Entscheidungen von System 2 sind. System 1 generiert kontinuierlich Vorschläge für System 2, das sich normalerweise in einem inaktiven Modus befindet.

Wenn System 1 in Schwierigkeiten gerät, wird von System 2 eine Problemlösung gefordert. Der mentale Aufwand wird hier für den Menschen deutlich spürbar, wohingegen System 1 auf Erfahrungen, Emotionen und Normen zurückgreift. System 1 arbeitet immer und lässt sich nicht abschalten: Beispielsweise ein Passant, der innerhalb von Sekundenbruchteilen zur Seite springt, wenn ein Auto auf ihn zurast. Es erfolgt ein Zusammenspiel des automatischen und des kontrollierten Systems.

Das Denken in sogenannten dual process theories ist in den Kognitionswissenschaften und in der Verhaltensökonomie mittlerweile stark verbreitet. Es wird davon ausgegangen, dass das menschliche Verhalten weitgehend von System 1 bestimmt wird und nur zirka zehn Prozent auf bewusstem Handeln beruht. Dies bedeutet, dass das Unterbewusste das Verhalten/Entscheidungsverhalten prägt. Dazu gehören Grundeinstellungen (z. B. Optimismus und Risikoneigung) und situative Vorprägungen (z. B. intuitive Gewissheiten und Vorurteile).

Diese entstehen aus der Situation heraus, weil Wahrnehmungen über System 1 in bestimmter Weise voreingestellt werden. In der Regel ist die Arbeitsteilung zwischen System 1 und 2 sehr effizient. Der Aufwand wird minimiert und die Leistung optimiert. System 1 arbeitet im Allgemeinen zuverlässig und die Modelle von vertrauten Situationen und kurzfristigen Vorhersagen sind richtig. Jedoch wird die Leistungsfähigkeit von System 1 von kognitiven Verzerrungen beeinträchtigt, welche sich als systematische Fehler bezeichnen lassen.

Kognitiven Verzerrungen gehen meist Heuristiken voraus. Heuristik kommt aus dem altgriechischen und bedeutet je nachdem: heurisko = ich finde; heuriskein = auffinden, entdecken. Heuristiken bezeichnen die Kunst, wahre Aussagen zu finden – im Unterschied zur Logik. Es sind Methoden, mit denen sich komplexe Situationen, Herausforderungen und Probleme mithilfe einfacher Regeln unter Zuhilfenahme weniger Informationen lösen lassen. Sie dienen zur schnellen Urteilsfindung und zur Komplexitätsreduzierung.

Menschen unterliegen heuristischen Prinzipien etwa beim Bewerten von Wahrscheinlichkeiten oder dem Vorhersagen von Werten zu einfacheren Bewertungsmethoden. Generell sind Heuristiken sehr nützlich, können aber zu schweren systematischen Fehlern führen, wie die Wissenschaftler Kahnemann, Slovic und Tversky 1982 gezeigt haben. Es geht dabei um kognitive Verzerrungen (cognitive biases) in verschiedensten Situationen unter Unsicherheit – bedingt durch die begrenzte Rationalität des Menschen. Nach Kahneman stellen sie den Unterschied zwischen den Überzeugungen, die Menschen haben, sowie den Entscheidungen, die sie treffen, und den optimalen Ansichten und Entscheidungen von Menschen, welche in Modellen vollkommener Rationalität (rational agent models) angenommen werden, dar.

Nach der klassischen Ökonomie werden Probleme nur mit Hilfe von Logik und Regeln der Wahrscheinlichkeitstheorie gelöst, was System 2 durch intensives Nachdenken entspricht. Die Suche nach den kognitiven Verzerrungen erfolgt über Experimente, in denen man Probanden Entscheidungssituationen aussetzt und beobachtet, dass ihre Entscheidungen nicht im Einklang mit den Gesetzen der Logik oder Statistik stehen. Dann erfolgt eine Prüfung, inwieweit Hinweise auf eine systematische Verzerrung im Entscheidungsverhalten besteht.

Hierin liegt ein wichtiger Unterschied zur klassischen Ökonomie. Bei dieser wird auch vermutet, dass Fehlentscheidungen getroffen werden, die aber nur temporär und somit unsystematisch sind und nicht alle Menschen betreffen.

Die Verfügbarkeitsheuristik (Avaibility Bias) ist eine der wichtigsten Verzerrungen im Rahmen der Fehleinschätzung von Wahrscheinlichkeiten. Sie beschreibt die Neigung von Menschen, die Bedeutung von Informationen von der geschätzten Eintrittswahrscheinlichkeit abhängig zu machen. Szenarien, die auf leicht abrufbaren Erinnerungen basieren, werden als wahrscheinlicher erachtet als solche, die schwerer vorstellbar sind. Grundlage für die Wahrscheinlichkeitseinschätzung ist die Häufigkeit des Auftretens in der Vergangenheit.

Schnelle Antworten ohne große kognitive Leistung (System 1) sind somit möglich. Denn ein Urteil basiert darauf, wie leicht ein Gedächtnisinhalt abrufbar ist. Diese Faustregel führt aber oft zur Verzerrung, die zu falschen Schlüssen führt.

Die verhaltensorientierte Perspektive des Controllings im deutschsprachigen Raum ist noch relativ neu, wird aber künftig wichtiger werden. Möchte man verhaltensbasierte Entscheidungen berücksichtigen, kann das ökonomische Grundmodell nicht unverändert bleiben.

Fazit

Nach der letzten Finanzmarktkrise ist das Theoriegebäude der Ökonomie kritisch hinterfragt und ein Paradigmenwechsel gefordert worden. Mit Modellen der Neoklassik können komplexe ökonomische Zusammenhänge nicht erklärt und krisenhafte Entwicklungen frühzeitig nicht erkannt werden. Wie der Ökonom J.M. Clark gesagt hat: „Der Ökonom mag den Versuch unternehmen, die Psychologie zu ignorieren, doch die Natur des Menschen zu ignorieren ist ein Ding der Unmöglichkeit.“
 

Literatur
Beck, H. [2014], Behavioral Economics: Eine Einführung, Wiesbaden 2014.
Böker, T./Michler, A. F. [2015], Finanzmärkte: Behavioral Finance als richtungsweisender Ansatz zur Erklärung aktueller Entwicklungen, in: Müller, C/Otter, N. (Hrsg.): Behavioral Economics und Wirtschaftspolitik (Schriften zu Ordnungsfragen der Wirtschaft, 100), Stuttgart 2015, S. 123-156.
Brighton, H./Gigerenzer, G. [2009], Homo Heuristicus: Why Biased Minds Make Better Inferences, in: Topics in Cognitive Science, 1. Jg., Nr. 1, 2009, S. 107-143.
Gigerenzer, G. [2019], Rationales Entscheiden unter Ungewissheit ≠ Rationales Entscheiden unter Risiko, in: Fleischer, B./Lauterbach, R./Pawlik, K. (Hrsg.): Rationale Entscheidungen unter Unsicherheit (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, 8), Berlin 2019, S. 1-14.
Goretzki, L./Schäffer, U./Strauß, E./Weber, J. [2012], Die zehn Zukunftsthemen des Controllings. Innovationen, Trends und Herausforderungen (Advanced Controlling, 82), Weinheim 2012.
Kahneman, D. [2011], Schnelles Denken, langsames Denken, 3. Aufl., Penguin Verlag.
Kahneman, D./Slovic, P./Tversky, A. [1982], Judgement under uncertainty: Heuristics and biases, New York.
Manzenrieder, A. [2019], Behavioral Controlling in bayerischen Großunternehmen - Eine empirische Untersuchung der Berücksichtigung verhaltensorientierter Ansätze von Controllern, Master Thesis an der Hochschule Fresenius in Corporate Finance & Controlling, 1. Gutachter: Dr. Eugenia Schmitt MBR, 2. Gutachter: Prof. Dr. Ulrich Schwarzmaier.
Schierenbeck, H. [2014], Ertragsorientiertes Bankmanagement, Band 1, Gabler.
Thaler, R. [2018], Misbehaving, Siedler-Verlag.
 

Autoren
Adrian Manzenrieder MSc ist Bankkaufmann sowie Controlling-Spezialist und Mitarbeiter bei der Ströer SE & Co. KGaA in München.
Dr. Eugenia Schmitt MBR ist Business Coach&Consultant/Diplom-Mathematikerin und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Angewandtes Management und der Fresenius-Hochschule in München.

Über die Rolle des modernen Controllers sowie konkrete Modelle und Inhalte des Behavioral Controlling, welche sich aus dem im ersten Teil beschriebenen Theorien und Modellen ergeben haben, berichten die Autoren in Kürze im Teil 2 ihres Beitrags.

Dr. Eugenia Schmitt|Adrian Manzenrieder
– 13. März 2020