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11. Mai 2018 - 04:00Jubiläum

Die Spar-Casse der Königin

von Christoph Becker

Zur Gründung der Württembergischen Spar-Casse am 12. Mai 1818 kam es kurz nach der schlimmsten Hungersnot des 19. Jahrhunderts. Der junge württembergische Staat verteilte damals nicht nur Lebensmittel. Königin Katharina dachte und plante über den Tag hinaus.

Sie entschied das Richtige: Die jung verstorbene württembergische Königin Katharina Pawlowna gründete Wohltätigkeitsvereine und eine Sparkasse, um die Lebensbedingungen der Bevölkerung dauerhaft zu verbessern.
Als die jungvermählte russische Großfürstin Katharina Pawlowna im Herbst 1816 zum ersten Mal mit ihrem Cousin und Gemahl, dem württembergischen Kronprinzen Wilhelm, von St. Petersburg nach Stuttgart reiste, bot sich ihr in dem erst 1806 entstandenen Kleinstaat ein Bild des Grauens:

"Da saßen die Armen frierend, und haschten nach Kleye und Mehlstaub, um das elende Leben von einem Tage zum anderen hinüberzuschleppen. Da standen sie und kochten Wurzeln, Gras und Heu zu kraftlosen Suppen", heißt es im verzweifelten Bericht eines Zeitgenossen, der sich von den "wandelnden Gespenstern" einer "hohläugigen zerlumpten siechen Armee des Hungers" umgeben sah. Die Not war umso schlimmer, als über ihre Ursachen damals noch Unkenntnis herrschte. Anfang April 1815 hatten die Eruptionswolken des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa 150 Kubikkilometer Asche, Gestein und Gase bis in die Stratosphäre hinaufgeschleudert, ein Ausbruch, der unter Vulkanologen heute als der größte der vergangenen 15 000 Jahre gilt.

Ein Ascheband zog nach Westeuropa und sorgte ein Jahr später in Süddeutschland für Düsternis und Kälte. Das "Jahr ohne Sommer" ging in die Geschichte ein – auch in die Kunstgeschichte. Am Himmel zeigten sich wegen der hohen Aerosolkonzentrationen spektakuläre Farb- und Lichtphänomene, die etwa die Palette Caspar David Friedrichs bereicherten und die Literatin Mary Shelley zu dem schauerromantischen Klassiker "Frankenstein" inspirierten.

Der Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa ist bis heute aktiv. Sein Krater hat einen Durchmesser von zehn Kilometern. Der verheerende Ausbruch von 1816 war der heftigste der vergangenen15 000 Jahre. (dpa)
Doch die Vulkanasche über dem Königreich Württemberg brachte vor allem Hunger und Entsetzen. Der Chronist Conrad Setz berichtet 1816 aus dem oberschwäbischen Riedlingen: "Mit fürchterlichstem Hagelschlag, der ganze Landstriche zerstörte, begann der Schrecken für Tausende von Menschen, die vor zerschlagenen Saaten und durch den Sturm zerschmetterten Bäumen standen. Fast jede vorbeiziehende Wolke erzeugte vernichtende Blitze. Die Sommerkälte sorgte für einen Misswuchs des Getreides und den daraus resultierenden Brotmangel."
Diese im Jahr 1817 von unbekannter Hand beschrifteten Hungerbrötchen wurden wahrscheinlich von einem Konditor aus Urach gebacken. Sie erinnern an die Hungerkatastrophe von 1816 und werden bis heute aufbewahrt. Dass es eder Tambora-Ausbruch war, der vor allem nördlich der Alpen zu Wetterextremen und Missernten führte, ist erst im 20. Jahrhundert deutlich geworden. (Haus der Geschichte Baden-Württemberg)
Die Folgen für die Württemberger waren umso verheerender, als ihr adelsstolzer Herrscher Friedrich I. und seine Berater den Ernst der Lage verkannten und es bei halbherzigen paternalistischen Gesten bewenden ließen. Vor allem durfte das höfische Jagdrecht nicht eingeschränkt werden, das Wild in den Wäldern musste unbedingt dem Adel vorbehalten bleiben. Auch andere naheliegende Maßnahmen gegen den Hunger unterblieben. Friedrich ließ weiterhin alles exportieren, was seine Untertanen an Naturalien produzierten. Das erschien weitaus lukrativer, als die während der napoleonischen Kriege geleerten Notvorräte des Landes wieder aufzufüllen und damit die Württemberger selbst zu sättigen.

Hungernde Untertanen – verfettendes Regime

Katharinas Gemahl, der württembergische König Wilhelm I., strebte in seinem agrarisch geprägten Kleinstaat Reformen an. (Haus der Geschichte Baden-Württemberg)
Friedrich starb im Herbst 1816 – wohl an seiner extremen Fettleibigkeit, die zuletzt Sonderanfertigungen beim Mobiliar erforderlich machte. Seine ärmsten Landeskinder mussten dagegen schon unter normalen Umständen ihr gesamtes Einkommen aufwenden, um nur einigermaßen satt zu werden. Viele starben. Wer konnte, wanderte aus.

Friedrichs junger Thronerbe Wilhelm wollte alles besser machen. Dazu hätte er sich an seiner Seite eine bessere Mitstreiterin als die 28-jährige, lebens- und politikerfahrene Katharina kaum wünschen können. Die beiden hielten sofort alle Nahrungsmittel im Land, kauften Getreide dazu, betrieben eine aktive Zoll- und Handelspolitik und gaben Lebensmittel an die Bevölkerung ab. Auch Katharinas russische Verwandtschaft ließ Hilfslieferungen an Getreide schicken. All das konnte die größte Not schnell lindern.

Doch die beiden Regenten wollten mehr als solche im Grunde selbstverständlichen Interventionen, wie Historiker Thorsten Wehber, Leiter des Sparkassenhistorischen Dokumentationszentrums in Bonn, feststellt. Wilhelm und Katharina wollten aus ihrem kleinen Agrarstaat ein politisch und ökonomisch fortschrittliches Land machen.

Gründung aus dem Geist der Spätaufklärung

Katharina erkannte, dass sie bei der Verwirklichung ihrer Ideen auf das gebildete und noch wenig zahlreiche Bürgertum des Landes angewiesen war. Verständnisvolle Bürger hatten bereits Jahre zuvor private Fürsorgeeinrichtungen für Arme gegründet, die nun als staatliche Einrichtungen überall aufgewertet wurden. Beamtenschaft und Geistlichkeit wurden in von Stuttgart aus geführten und finanzierten Wohltätigkeitsvereinen vor Ort zu ehrenamtlichem Engagement verpflichtet.

Das gelang, weil die bessergestellten Württemberger längst die Notwendigkeit von Reformen und in Katharinas Devise ihre eigene erkannt hatten: "Arbeit verschaffen hilft mehr als Almosen geben." Es wurden Industrie- und Arbeitsschulen für Kinder eingerichtet und Beschäftigungslose gegen Entlohnung zu Textilarbeiten angehalten. Aus einer damals gegründeten Landwirtschaftsschule ging später die Universität Hohenheim hervor.

Doch Katharinas größter Wunsch war die Gründung einer Sparkasse. Die arbeitenden Klassen sollten ebenso wie die zahlreichen Waisenkinder des Landes Vorsorgemöglichkeiten bekommen und damit zu einem sittlich gehobeneren Lebenswandel finden. Denn Katharina sah in einer Sparkasse – ganz im idealistischen Stil der Spätaufklärung – nicht nur ein Wirtschaftsunternehmen, sondern vor allem ein Mittel zur moralischen Besserung der Menschheit. Alle sollten lernen, Geld nicht zu verschleudern, sondern planvoll in Bildung und Familie zu investieren.

Woher hatte sie das? Katharinas erster und schon bald verstorbener Ehegemahl war Prinz Georg von Oldenburg gewesen. Georgs Vater hatte schon 1786 eine "Ersparungs-Casse" als Teil der Armenfürsorge in Norddeutschland gegründet. Diese Einrichtung hatte Katharina offenbar beeindruckt, und sie wusste ihre Erfahrungen zu vertiefen.

Historiker Wehber schreibt: "1814 weilte Katharina in Göttingen, wo sie vermutlich auch die dort bestehende 'Spar- und Leihkasse' kennenlernte." Zudem sei überliefert, dass sie während eines Aufenthalts in England einige der "Savings Banks" besuchte, die damals auf der Insel wie Pilze aus dem Boden schossen.

Katharina war also mit ihren Kenntnissen über das Sparkassenwesen auf der Höhe der Zeit. Mit umso größerer Entschlossenheit betrieb sie nun ihr eigenes Projekt. Tatkräftige Unterstützung fand sie am Stuttgarter Hof bei fähigen und von ihr mit Menschenkenntnis gewählten Verwaltungsfachleuten, hier sind vor allem die Namen Cotta, Rapp und Hartmann zu nennen.

Schon ein gutes Jahr nach ihrer Ankunft in Stuttgart genehmigte der König die Sparkasse, der 12. Mai 1818 war der offizielle Gründungstermin. Das Königspaar spendete für die damals in Süddeutschland hochmoderne Einrichtung 2000 Gulden aus der Privatschatulle. Das von einem Vorstand in Stuttgart aus verwaltete Institut sollte sich als Unternehmen selbst tragen. Die Sparer mussten eingezahltes Geld drei Jahre liegenlassen, um in den Genuss von fünf Prozent Jahreszinsen plus Zinseszins zu gelangen. Die im ganzen Land verbreiteten Wohltätigkeitsvereine bildeten das Filialnetz. So ähnlich hatte es Katharina bereits in Oldenburg kennengelernt.

Die Sparkasse entwickelte sich gut und erwirtschaftete während des ersten Geschäftsjahrs einen Überschuss von 5500 Gulden. Für einen Gulden bekam man damals zweieinhalb Kilo Schwarzbrot – wenn es denn welches gab.

Kein persönliches Glück für Katharina

Grabkapelle für Katharina im russisch-orthodoxen Stil auf dem Württemberg in Stuttgart (dpa)
Für Vertrauen in die neue Unternehmung hatte nicht zuletzt die allseits verehrte Königin selbst gesorgt. Doch für den auf vielen zeitgenössischen Gemälden dargestellten Charme Katharinas war ihr Gemahl anscheinend weniger empfänglich. Als Katharina Wilhelm wieder mit einer seiner standesgemäßen Mätressen in flagranti erwischte, floh sie entsetzt im offenen Wagen bei winterlicher Kälte. Die nach einem geburten- und entbehrungsreichen Leben bereits an einer Gürtelrose Leidende erkrankte schwer und starb erst 30-jährig am 9. Januar 1819. Wilhelm ließ "seiner vollendeten Ewig Geliebten Gemahlin" auf dem Württemberg eine Grabkapelle errichten. Bis heute finden hier am Pfingstmontag russisch-orthodoxe Gottesdienste statt.

Von ebenso schöner Dauer ist das Denkmal, das sich Katharina selbst gesetzt hat. Aus ihrer Sparkasse wurde schließlich die BW-Bank, die heute zur Stuttgarter Jubilarin des Jahres 2018 gehört, der Landesbank Baden-Württemberg.

Literatur: Thorsten Wehber: Tambora und die Sparkassen – Regionale Wirkungen einer globalen Katastrophe. In: Tambora. Ein Vulkan verändert Südwestdeutschland. Hrsg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Verlag Regionalkultur, 2017
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