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| Konjunktur in Deutschland

Bau und Konsum verhindern Rezession

Das Wachstum im vierten Quartal ist hauchdünn. Wirtschaftsforscher geben sich aber verhalten optimistisch.

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Mit einem hauchdünnen Wachstum von 0,1 Prozent rettete sich die deutsche Wirtschaft 2019 in das vierte Quartal. Die erwartete Rezession blieb aus und die Optimisten wagen sich, wenn auch sehr vorsichtig, wieder an die Oberfläche. So sorgt der Einkaufsmanagerindex der Industrie für einen Lichtblick: Er ist im November auf 45,2 Punkte gestiegen; liegt aber noch deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Für IHS-Markit-Experte Phil Smith könnte jedoch der Tiefpunkt überwunden sein. Nach Ansicht des Präsidenten des Handelsblatt Research Institute (HRI), Bert Rürup, ist „das Risiko des Abgleitens in eine veritable Rezession vorsichtigem Optimismus gewichen“. Und auch die wirtschaftlichen Forschungsinstitute geben sich verhalten optimistisch.

Vorsichtig ist der Optimismus, weil die harten Konjunkturdaten aus der Industrie immer noch enttäuschend sind. Die Industrie befindet sich seit mehr als fünf Quartalen in der Rezession. Hingegen präsentieren sich der private Konsum, die Dienstleistungen und die Bauwirtschaft, hier vor allem der Wohnungsbau, zur Jahreswende in bester Laune und als kräftige Konjunkturstützen. Die deutsche Konjunktur ist also gespalten. Für die Wirtschaft insgesamt wird für das Jahr 2019 ein Wachstum in Höhe von 0,5 Prozent erwartet.

 
Forscher erwarten für 2019 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Grund seien Handelskonflikte und der Brexit. Allerdings erwarten die Forscher im nächsten Jahr ein wieder stärkeres Wachstum. © dpa

Die stark vom Export abhängige deutsche Industrie leidet unter dem deutlich verlangsamten Wachstum der Weltwirtschaft, unter der den Launen des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump ausgesetzten US-Handelspolitik und der langen Ungewissheit um den Brexit, die sich nun wegen des deutlichen Wahlsiegs von Boris Johnson bald auflösen dürfte.

Dem Welthandel geht es nicht gut.

Nach Feststellungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist der Welthandel in den letzten Jahren zweistellig geschrumpft. Das derzeit geringe Wachstum des Welthandels ist nach Carsten Klude, Chefvolkswirt von M.M. Warburg, auf den zunehmenden Protektionismus und den schwindenden Einfluss liberaler wirtschaftspolitischer Ideen zurückzuführen.

Darunter leiden vor allem die Länder, die zuvor am meisten vom Wirtschaftsliberalismus profitiert haben, vor allem Deutschland. Der Brexit hat nach Berechnungen des DIW seit dem britischen Austrittsvotum aus der EU der deutschen Volkswirtschaft einen Wachstumsverlust von 0,2 im Jahresdurchschnitt oder 0,8 Prozentpunkten seit dem Referendum von 2015 insgesamt zugefügt.

Neben den weltwirtschaftlichen Bremsspuren, die den deutschen Vorzeigebranchen Maschinenbau, Elektro- und Chemieindustrie in erster Linie zu schaffen machen, wird der Industriebereich in erheblichem Maße durch strukturelle Probleme, die den deutschen Autobauern wegen der Umstellung ihrer Produktion auf Elektroantriebe zusetzen, belastet. Nach einer Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet fast ein Drittel der befragten Unternehmen für 2020 mit einem Rückgang der Geschäftsaktivitäten. Nur ein Viertel der Befragten erwartet noch einen Produktionszuwachs.

Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands leidet

Allgemein kämpfen die deutschen Unternehmen aber auch mit schwierigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, vor allem mit einer seit langem verschleppten Unternehmenssteuerreform. In der alljährlichen Rangliste der Schweizer Business School IMD gehört Deutschland nicht mehr zu den zehn wettbewerbsfähigsten Standorten der Welt. Kritisiert wird neben zu hohen Steuern und Sozialabgaben, dass sich die Bundesregierung Schritt für Schritt von der erfolgreichen Agenda-Reformpolitik abwende und Liberalisierungen zurückdrehe.

Die Produktionsumstellung in der Autoindustrie und ihrer Zulieferer zeigt sich unter anderem in bereits kräftig schrumpfenden Mitarbeiterzahlen. Dennoch, dem sogenannten Jobwunder am Arbeitsmarkt hat das bisher keinen größeren Abbruch getan. Die Arbeitslosigkeit ist laut Bundesagentur für Arbeit seit ihrem Höchststand von mehr als fünf Millionen im März 2005 kontinuierlich auf 2,18 Millionen Menschen Ende November 2019 gesunken.

Die Arbeitslosenquote liegt mit fünf Prozent auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Mit einem Rückgang der Zahl der Arbeitslosen in Höhe von 16.000 Personen wurde im November sogar der kräftigste Rückgang seit Februar 2019 erzielt. Nach BA-Chef Detlef Scheele zeigt sich der Arbeitsmarkt insgesamt „robust“. Auch der Beschäftigungsaufbau setzt sich fort. Einer IW-Umfrage zufolge wollen 2020 aber nur noch 21,5 Prozent der befragten Firmen zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Knapp 29 Prozent planen dagegen einen Mitarbeiterabbau.

Kaufkraft der Verbraucher bekommt Rückenwind

Die noch robuste Arbeitsmarktlage stimuliert die Kauflaune der Verbraucher. Laut Umfragen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) schätzen die Konsumenten die konjunkturelle Entwicklung deutlich positiver als in den Vorquartalen ein. Im November haben die Konjunkturerwartungen laut GfK den kräftigsten monatlichen Anstieg seit über neun Jahren vollzogen.

Dazu haben auch die Einkommenserwartungen beigetragen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes haben die Tarifeinkommen im dritten Quartal um 4,2 Prozent zugelegt. Zudem sind staatliche Transferzahlungen in höherem Maße an private Haushalte geflossen und das wird 2020 und 2021 so bleiben.

 
Weihnachtgsgeschäft – die noch robuste Arbeitsmarktlage stimuliert die Kauflaune der Verbraucher. © dpa

Rückenwind bekommt die Kaufkraft der privaten Haushalte auch von der niedrigen Inflationsrate, die im November nur noch 1,1 Prozent betrug. GfK-Konsumexperte Rolf Bürkl zeigt sich sicher, dass die gute Konsumlaune maßgeblich dazu beigetragen habe, dass eine Rezession in Deutschland bisher verhindert worden ist.

Der Einzelhandel hat von der beschwingten Kauflaune der Verbraucher profitiert. In den ersten zehn Monaten des Jahres stieg sein Umsatz um real 2,8 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Für 2019 rechnet der Handelsverband insgesamt mit einem Umsatzplus von drei Prozent.

Auch das Handwerk profitiert von guter Entwicklung im Wohnungsbau

Auch die Bauwirtschaft erwartet 2019 ein wiederum gutes Ergebnis, vor allem dank der Entwicklung im Wohnungsbau. Nach Untersuchungen der KfW-Research haben die Auftragsbestände dort den höchsten Stand seit Mitte der 90er-Jahre erreicht. Die Oktoberumfrage des Deutschen Baugewerbes bestätigt die positive Geschäftslage in der Baubranche, von der auch das Handwerk kräftig profitiert. Für 2019 erwartet Martin Müller, Wohnungsmarktexperte der KfW-Research, die Fertigstellung von etwa 300.000 neuen Wohnungen, nach 286.000 im Vorjahr.

 
Wohnungsbau: Die Anzahl der Baugenehmigungen sinkt, die Ziele bei der Fertigstellung werden nicht erreicht. Hoch bleibt nur die Nachfrage. © dpa

Damit wird allerdings das Ziel der Bundesregierung, jährlich 375 Fertigstellungen im Wohnungsbau zu erreichen, klar verfehlt. Unbefriedigend ist zudem ein Blick auf die Baugenehmigungen: Sie sind trotz nach wie vor hoher Nachfrage nach Wohnraum laut Statistischem Bundesamt bis Ende September um 1,9 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum zurückgegangen.

Der Immobilien-Spitzenverband ZIA macht das hochregulierte Umfeld verantwortlich. ZIA-Präsident Andreas Mattner zufolge dauern die Regulierungs- und Planungsprozesse zu lange, Bauwillige müssten sich durch 16 verschiedene Landesbauordnungen kämpfen und das Baubeschleunigungsgesetz lasse weiter auf sich warten.

Besondere Aufmerksamkeit hat die Deutsche Bundesbank in ihrem jüngsten Finanzstabilitätsbericht dem Markt für Wohnimmobilien gewidmet. Nach Bundesbank-Vizepräsidentin Claudia Buch sind mehr als die Hälfte aller Kredite an Private Wohnungsbaukredite. Immobilien machen mit 80 Prozent einen wesentlichen Teil des Anlagevermögens aus. Dort bauten sich „zyklische Risiken“ auf, sagt Buch.

Immobilienmarkt: Bundesbanker geben noch keine Entwarnung

Die Immobilienpreise in deutschen Städten dürften rund 15 bis 30 Prozent oberhalb der Werte liegen, die den Fundamentaldaten entsprechen. Zurzeit gebe es aber keine eindeutigen Hinweise darauf, dass sich eine kreditgetriebene Spekulationsdynamik aufbaue. Umfragen der Bankenaufsicht zufolge gibt es Anzeichen für eine Lockerung der Kreditstandards – allerdings „nur leicht und nicht über alle Institute hinweg“. In ihrer Gesamtschau auf den Markt kommen die Bundesbanker aber zu dem Schluss, dass es verfrüht sei, Entwarnung für den Immobilienmarkt zu geben.

Während sich die Bauinvestitionen vor allem im Wohnungsbau auf hohem, wenn auch noch nicht befriedigendem Niveau bewegen, lässt die Investitionstätigkeit im Bereich der Industrie zu wünschen übrig. Die Nachfrageschwäche des Auslands sowie politische Unwägbarkeiten drücken nach Ansicht der Wirtschaftsforschungsinstitute trotz anhaltend günstiger Finanzierungsbedingungen auf die Zuversicht der Unternehmen und damit auf die Investitionsbereitschaft.

Belastend wirken auch die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Zudem ist die Auslastung der Produktionskapazitäten im Jahresverlauf spürbar gesunken. Kräftig investiert hat dagegen der Bund mit 2,6 Milliarden Euro zusätzlichen Investitionen in Infrastrukturmaßnahmen in diesem Jahr. 2020 und 2021 sollen nochmals 2,1 und 2,5 Milliarden Euro zusätzlich in öffentliche Projekte investiert werden.

Nachholbedarf bei Digitalisierung, Infrastruktur und Bildung

Unter dem Strich schiebt der Bund laut DIW das Wachstum um 0,3 Prozentpunkte jährlich an. Damit sei das finanzielle Pulver fast verschossen, sollte dauerhaft ein ausgeglichener Haushalt beibehalten werden. Aber mit Blick auf Digitalisierung, Infrastruktur und Bildung hat Deutschland international gesehen noch erheblichen Nachholbedarf, will es im Wettbewerb nicht weiter zurückfallen.

Der gespaltene Konjunkturverlauf dürfte in Deutschland zunächst weiter anhalten. Rürup verweist auf die nochmals deutlichen Auftragsrückgänge im Oktober für die Industrie. Nach ökonomischer Faustformel wird jeweils ein Drittel der Aufträge im laufenden Quartal, ein Drittel im Folgequartal und der Rest später abgebaut. Mit einer Bodenbildung der Industriekonjunktur wird aber im Jahresverlauf 2020 gerechnet.

Mit Blick auf die Gesamtwirtschaft überwiegt zur Jahreswende der leichte Optimismus in der deutschen Wirtschaft, was sich auch in den Prognosen widerspiegelt. Zwar haben die Forschungsinstitute ihre Erwartungen aus dem Sommer 2019 deutlich herunterkorrigiert, doch befinden sich ihre Prognosen derzeit weiterhin auf Wachstumskurs.

So erwartet das Ifo Institut derzeit für 2020 ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von real 1,1 Prozent, das sind 0,6 Prozentpunkte mehr als in diesem Jahr. 2021 sollen es aus heutiger Sicht 1,5 Prozent werden, was in etwa dem langjährigen Durchschnitt entspräche. Die anderen Institute rechnen mit ähnlichen Werten, erwarten aber teilweise erst in der zweiten Jahreshälfte 2020 eine spürbare Konjunkturbelebung.