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| Blick ins Ausland

Wie Spanien den Sparkassen-Geist aufrechthält

Die in Banken umgewandelten Sparkassen sind solidarischer als ihre Wettbewerber trotz eines aggressiven Kampfes um den heimischen Markt.

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Der Spanier liebt sein Stadtviertel, sein Heimatdorf und seine Familie. Anders als in vielen anderen Ländern gibt es hier noch Fachhandel und Traditionsgeschäfte. Wochenmärkte, lokale Supermärkte und alltägliche Schwätzchen in der Bar oder der Bankfiliale zeichnen das soziale Leben der Spanier aus. Obwohl die Sparkassen-Kultur perfekt in ihr Leben passt, wurde sie in der vergangenen Finanzkrise 2008 fast komplett ausradiert.

Seit 2008 sind fast 20.000 und damit 43,2 Prozent aller Filialen verschwunden. Nach zahlreichen Übernahmen und Verschmelzungen hält der Staat nur noch an Bankia, der fünftgrößten Bank des Landes, eine Beteiligung (61 Prozent). Als echte Sparkassen haben diesen Sturm nur die Caixa Ontinyent und Colonya sowie die Caixa Pollença überlebt. Überall werden seitdem Filialen zusammengelegt und in sehr kleinen Dörfern auch komplett geschlossen.

Damit wurden Menschen im Hinterland von Krediten und anderen Finanzdienstleistungen komplett abgeschnitten. „Das tut so manchem Spanier jetzt leid, es war damals aber wegen der systemischen Korruption in den Sparkassen notwendig“, sagt Javier Morillas, Wirtschaftsprofessor an der Universidad San Pablo in Madrid.

Weil die Bevölkerungsdichte wesentlich geringer ist als in Deutschland, brechen nun durch die neue Bankenlandschaft in Galizien, in der Extremadura, in Andalusien und Katalonien die ländlichen Strukturen des Zusammenlebens in einem viel schlimmeren Maβe auseinander als das in Deutschland passiert.

„Es ist bewunderswert, wie sich die deutschen Sparkassen auch nach der Krise über Wasser gehalten haben“, sagt Juan José Toribio, Dekan der spanischen Iese Business-Schule. Aber er glaubt nicht, dass sich diese Tradition in Spanien wieder beleben lässt: „Der Prozess ist nicht rückgängig zu machen, allerdings könnten sich andere Formen der lokalen Finanzierung etablieren.“ Die Bürgermeister arbeiten schon daran. Rund 4200 Gemeinden in Spanien haben derzeit keine Bank oder Sparkasse mehr, weswegen deren Verwaltungen inzwischen bereit sind, für einen Geldautomaten zu bezahlen.

Nicht schmerzlos, aber sozialverträglich

Und der Konsolidierungsprozess geht weiter. Bankia, die damals während der Finanzkrise wegen schlechten Managements und enormer Korruption vom Staat gerettet werden musste, könnte das nächste Opfer werden oder selbst zuschlagen. Im Gespräch ist derzeit eine Fusion mit der Banco Sabadell, womit sie zur Nummer 1 des Marktes aufsteigen würde oder der spanischen Filiale der Direktbank ING, von der sie schon viele der aufgegebenen Firmenkundenkonten übernommen haben.

Auch die Reorganisation geht weiter. La Caixa will bis Ende kommenden Jahres weitere 2023 Angestellte abbauen. Spanien zahlt niedrige Gehälter auch im Bankensektor, aber die Zahlungen, um Personal los zu werden, sind seit jeher relativ groβzügig, besonders bei den ehemaligen Sparkassen. La Caixa bietet allen über 53 Jahre alten Mitarbeitern attraktive Frühpensionierungspläne an, bei denen die Betroffenen 57 Prozent ihres Gehalts weiter einstreichen bis sie 63 Jahr alt sind.

Bis zwei Jahre vor der gesetzlichen Pensionierung mit 65 Jahren werden auch alle Sozialversicherungsbeiträge bezahlt, und eine einmalige Abfindung von bis zu 28.000 Euro gibt es auch noch als Bonus. Dieser auch den Gewerkschaften gefallende sozialverträgliche Weg kostet der Caixabank 890 Millionen Euro und bringt jährlich erstmal nur Einsparungen von 190 Millionen Euro.

Stiftungen pflegen Sparkassen-Kultur im Hintergrund

Momentan, so glaubt Universitätsdekan Toribio, hielten La Caixa, Bankia, Unicaja und Ibercaja, als die gröβten umgewandelten Sparkassen noch mit ihren angeschlossenen Stiftungen den Geist der Solidarität aufrecht. Die Ibercaja, ein Zusammenschluss von Caja de Ahorros de Zaragoza, Aragón und Rioja sowie Caja Inmaculada, Caja de Badajoz und Caja Círculo, kommt noch auf 1115 Niederlassungen, worüber die ehemalige Sparkasse auch den Kontakt zum Kunden auf dem Dorf sucht, der bei den groβen Wettbewerbern BBVA und Santander kaum noch eine Rolle spielt.

 
Digital innovativ: die Gesichtserkennung der Caixa-Bank.

Die Caixabank hat erst jüngst beschlossen, dass sie Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern nicht alleine lassen würde. Bei Dörfern funktionieren sie mit mobilen Finanzberatern und Geldautomaten, über die bereits komplexe Bankgeschäfte wie Steuereinzahlung oder auch Sofortkredite abgeschlossen werden können. Die Identifizierung läuft an vielen Orten bereits über Gesichtserkennung.

Die kleinen Firmen auf dem Land, welche die Entvölkerung überlebt haben, versucht Bankia über eine digitale Plattform an sich zu binden. „Die ehemaligen Sparkassen dürfen die Nähe zu ihren Kunden nicht verlieren, sonst zerstören sie ihr eigenes Geschäftsmodell“, glaubt Toribio. Auch Isidre Fainé, Chef der Caixa-Stiftung, glaube, dass die Filialen weiterhin eine wichtige Funktion hätten und die Schliessungswelle irgendwann ein Ende haben müsse. Dasselbe gilt auch für die Bankia, die trotz aller Technologie immer noch 75 Prozent der Umsätze über die Filialen macht. Der Trend geht hin zu weniger, aber gröβeren Geschäftsstellen mit mehr Dienstleistungen und Produkten im Schaufenster.

Kleinteilige Vertriebsstruktur

Spanien bleibt auch dank der ehemaligen Sparkassen trotz dieser enormen Konsolidierungswelle eines der Länder in Europa mit der höchsten Filialdichte. Das liegt auch daran, dass Autovermietungen, Immobilienmakler, Versicherungs- und Zertifizierungsfirmen die Banken als Vertriebsschiene nutzen. Die verbleibenden Filialen werden gröβer und werden als gemeinsame Beratungsstelle genutzt. Bankia arbeitet zum Beispiel eng mit dem Immobilienmakler Haya zusammen. Kunden können bei der ehemaligen Sparkasse nicht nur Hypotheken abschliessen, sondern auch Wohnungen und Häuser finden.

Auch die Energieberatung spielt dabei eine immer gröβere Rolle. Die La Caixa makelt für andere, hat aber auch eine eigene Versicherungsgesellschaft, VidaCaixa, die bei Lebensversicherungen und Rentenplänen in Spanien ganz vorne liegt, weil Kreditverträge, selbst Personalkredite, fast immer in Verbindung mit einer Lebensversicherung abgeschlossen werden.

Zudem gibt es steuerliche Vergünstigungen für Pensionspläne, die auch von den Banken abgewickelt werden. Diese können nur aufgelöst werden bei Arbeitslosigkeit. Die Spanier vertrauen der ehemaligen Sparkassen dabei immer noch mehr als unabhängigen Finanzdienstleistern. Bankia bietet derzeit fünf Prozent des Sparvolumens als Bonus für jeden, der seinen Plan von einer anderen Bank zur ihnen bringt.

Ausserdem sind alle ehemaligen Sparkassen ganz stark im Arbeitsmarkt involviert über die Finanzierung von Start-up-Events und Ideen-Wettbewerbe. Bankia kooperiert mit Firmen wie Randstad, um den Kunden über ihr Web-Portal und auch in den Filialen über Jobangebote zu informieren.

Der klassische Banker weicht dem IT-Experten

„Das ist eine effiziente Art und Weise, Kunden dauerhaft an sich zu binden“, heisst es bei Bankia. Die spanischen Sparkassenstiftungen wollen bei der digitalen Revolution ganz vorne mitspielen und investieren deswegen auch massiv in Fintech-Start-ups, die sie im eigenen Haus groβ ziehen. ‘Bankia Fintech Venture’ ist zum Beispiel so eine Initiative: Hier werden Talente aus der ganzen Welt zusammengetrommelt, die besten werden gesponsert. Der Wettbewerb geht dieses Jahr in seine fünfte Runde. Zwar werden die Stellen der klassischen Bankmitarbeiter gestrichen, dafür entstehen völlig neue Jobs wie Blockchain-Programmierer, Web-Designer, App-Entwickler und IT-Sicherheitsexperten.

 
Die Führung der Caixa-Bank, Jordi Gual (links) und Gonzalo Gortazar, setzen auf Filialen, Vertriebskooperationen und digitale Innovationen.

Bankia hat zum Beispiel zusammen mit dem Dienstleister Sipay eine neue Zahlungsplattform für Firmen entwickelt, die einen Online-Shop haben. Inbegriffen in das Benutzen dieser Plattform gegen ein monatliche Gebühr ist auch die Beratung in Sachen Sicherheit im E-Commerce. Gerade auch bei der Entvölkerung auf dem Land wird Technologie dieser Art zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil der ehemaligen Sparkassen. Denn auf diese Weise ist Bargeld in Spanien immer weniger notwendig, damit auch der Gang zum Geldautomaten.

Fast überall kann der Kunde mit Kredit- oder Debitkarte bezahlen, auch auf dem Dorf – inzwischen auch mit dem Handy. La Caixa führt derzeit mit einem Marktanteil von 34 Prozent das mobile Zahlen an. „In einem Land, wo bisher rund 40 Prozent des BIPs am Fiskus und auch an Banken vorbei erwirtschaftet wurde, stellen die technologischen Zahlungsmöglichkeiten einen enormen Fortschritt da, welcher wegen der Transparenz der ganzen Gesellschaft zugute kommt“, sagt der spanische IT-Experte Luis Pena, der bereits bei vielen internationalen Banken gearbeitet hat.