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aktualisiert: Welche Branchen es trifft
Coronavirus drückt die Kurse
Chinas Festlandbörsen sind am Montag wegen Sorgen über die Folgen der Coronavirus-Ausbreitung eingebrochen. Die Deka warnt vor hektischem Verhalten.

Der CSI 300 mit den 300 wichtigsten Aktien an den chinesischen Festlandbörsen gab um 7,88 Prozent auf 3688,36 Punkte nach. „Die Ansteckungswelle innerhalb Chinas scheint ihren Höhepunkt noch nicht erreicht zu haben“, hieß es in einem Kommentar der Landesbank Baden-Württemberg.

Aus Sicht von Portfoliomanager Andrew Harmstone von Morgan-Stanley ist damit für Investoren erst mal weitere Zurückhaltung angezeigt: „Noch ist nicht der richtige Zeitpunkt, um wieder einzusteigen“, sagte der Experte der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Panikverkäufe dürften zunehmen

Die Panikverkäufe dürften demnach noch zunehmen. In China sind inzwischen mehr Menschen an der Krankheit gestorben als während der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Derweil griff die chinesische Zentralbank dem Finanzsystem des Landes mit einer Geldspritze und niedrigeren, kurzfristigen Refinanzierungskosten unter die Arme.

Kater: „Über längeren Horizont bedeutungslos“

Die Deka warnt indes vor unüberlegtem Verhalten: Für Privatanleger mit einem Horizont von zehn Jahren und mehr seien „solche Episoden an der Börse vollkommen bedeutungslos“, sagte Chefvolkswirt Ulrich Kater gegenüber sparkasse.de. „Wer hier hektisch reagiert, läuft Gefahr, dass die Börse das Thema bereits wieder überwunden hat.“

Welche Branchen es trifft – Übersicht über die Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie

LUFTFAHRT

Fast alle Airlines haben Flüge nach und von China derzeit eingestellt. Die Nachfrage geht stark zurück, weil Unternehmen Dienstreisen vermeiden und Touristen auf den China-Urlaub verzichten. China ist das Land mit den meisten internationalen Abflügen weltweit und hat den zweitgrößten Inlandsflugmarkt nach den USA.

Analysten schätzen, die Corona-Epidemie werde die Luftfahrt ebenso stark treffen wie der Ausbruch des Sars-Virus in China 2003. Der Handelsstreit zwischen den USA und China hat die Nettogewinne nach einer Prognose des Welt-Airline-Verbandes IATA 2019 schon um fast zwei auf knapp 26 Milliarden Dollar abschmelzen lassen. Leiden wird unter der Krise auch das Frachtgeschäft, das im vergangenen Jahr bereits so hohe Einbußen erlitt wie zuletzt während der Finanzkrise 2009.

Am stärksten betroffen sein werden die chinesischen Fluggesellschaften wie Air China oder China Southern, die schon seit 2016 rote Zahlen schreiben. Bei Lufthansa und Air France machen China-Flüge nach Schätzung der Bank UBS einen Anteil von drei Prozent aus, zwei bis sechs Prozent sind es bei den drei großen US-Airlines United, Delta und American Airlines nach Berechnung von Cowen Investment Banking.

Von der Sars-Krise erholte sich die Branche 2003 nach sechs bis neun Monaten. Die europäischen Airlines erlitten damals in Asien einen Umsatzrückgang um 25 Prozent, wie es bei Bernstein Research hieß. Der Erlös von Lufthansa schrumpfte 2003 um rund sechs Prozent, was neben Sars auch am Irak-Krieg lag.

AUTO

Für die exportabhängigen deutschen Autobauer ist China der wichtigste Absatzmarkt und zugleich ein wachsender Produktionsstandort. BMW und Volkswagen verlängerten die zum Neujahr üblichen Werksferien bereits auf diese Woche. Wenn die Schauräume der Autohändler und die Fabrikhallen noch monatelang leer blieben, könnte das Audi, BMW, Daimler, Porsche oder Volkswagen empfindlich treffen. Denn unter der Last des Handelskonflikts mit den USA sank der Neuwagenabsatz in China 2019 schon das zweite Jahr in Folge – dem VDA zufolge um fast zehn Prozent auf 21 Millionen Fahrzeuge.

Der Autozulieferer Aptiv rechnet aktuell mit einem Rückgang der Fahrzeugproduktion von 15 Prozent im ersten Quartal und von drei Prozent im Gesamtjahr. Falls die Epidemie in einigen Monaten überstanden sein sollte, könnte der Produktionsausfall im Lauf des Jahres wieder aufgeholt werden.

Die deutschen Hersteller erwischt die Corona-Krise in einer kritischen Phase: Sie arbeiten an neuen Elektroautos, in denen zum Teil viel Technik steckt, die aus China zugeliefert wird. Das Potenzial des chinesischen Marktes bleibt jedoch auf Jahre hin groß: Auch nach dem Boom im vergangenen Jahrzehnt kommen auf 1000 Menschen in China schätzungsweise 170 Fahrzeuge – in den USA sind es 800.

EINZELHANDEL

Die Ausbreitung des Coronavirus macht den Einzelhändlern zu schaffen. Die Kunden bleiben aus Furcht vor Ansteckung daheim, die Straßen sind wie leergefegt und viele Läden machen vorübergehend zu. So schloss die schwedische Modekette H&M etwa 45 Filialen in China, was im Januar den Umsatz nach eigenem Bekunden schmälerte. Auch der Jeans-Hersteller Levi Strauss schloss ungefähr die Hälfte seiner Läden in China und rechnet daher mit geringerem Wachstum im Quartal.

Die vorübergehende Schließung aller Filialen in China zunächst bis zum 9. Februar setzt auch dem iPhone-Händler Apple zu. Experten gehen aber davon aus, dass die Auswirkungen übersichtlich bleiben, da die Geschäfte nun überwiegend online abgewickelt werden. Der französische Cognac-Hersteller Remy Cointreau fürchtet wegen der großen Bedeutung des chinesischen Marktes erhebliche Auswirkungen. Uhrenhersteller Swatch lässt in Wuhan, dem Ursprung des Virusausbruchs, fünf seiner Filialen geschlossen.

Auch bei den Fastfood-Ketten KFC und Pizza Hut von Yum China und den Caés von Luckin Coffee blieben die Türen geschlossen. Der Getränkekonzern AB Inbev stellte die Produktion ein.

TOURISMUS

Auch für die Tourismusbranche ist der Virusausbruch eine Herausforderung, wenngleich derzeit keine Saison für Reisen in die Volksrepublik ist. Ctrip, Chinas größte Online-Buchungsplattform, teilte mit, dass mehr als 300.000 Hotels auf ihrer Plattform zwischen dem 22. Januar und dem 8. Februar eine Rückerstattung für Buchungen vereinbart hätten. Große Hotelketten wie Hyatt, InterContinental oder Shangri-La bieten ihren China-Kunden kostenlose Stornierungen an.

Auch deutsche Veranstalter wie Studiosus oder DER Touristik offerierten das den wenigen Urlauber aus Deutschland. Mit 600.000 bis 650.000 China-Reisenden im Jahr, davon zwei Drittel Geschäftsleute, ist China ein kleiner Markt.

Umgekehrt ist Europa ein beliebtes Ziel für Touristen aus China. Wie die „Zeit“ unter Berufung auf die Marktforschung Cotri berichtete, besuchten 2018 rund 1,6 Millionen Chinesen Deutschland.

MEDIZINTECHNIK

Ultraschallgeräte, Computertomographen (CT) und Diagnose-Labore werden in Wuhan und anderen chinesischen Großstädten dringend benötigt. Doch an große Geschäfte mag der Hersteller Siemens Healthineers nicht glauben. „Das geht nicht so schnell“, sagte Vorstandschef Bernd Montag. „Da kommt und geht ein Virus schneller.“

Im Vordergrund stünde derzeit schnelle Hilfe für die Krankenhäuser und die Gesundheit der eigenen Beschäftigten in China. Siemens Healthineers hat in einer Blitzaktion zwei Ultraschallgeräte und ein CT nach Wuhan geliefert, zum Teil als Spende. Die eigenen Werke in der Region Shanghai liefen reibungslos. Und selbst wenn es zu Verzögerungen bei Aufträgen oder Auslieferungen komme, lasse sich das schnell wieder aufholen. „Es wird uns deshalb nichts entgehen“, sagte Montag.

ELEKTRONIK

Fast unbeeinträchtigt von den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus läuft die Produktion in der chinesischen Elektronikindustrie. Denn für bestimmte kritische Branchen und Unternehmen erteilt die chinesische Regierung Ausnahmegenehmigungen von der Vorschrift, dass die Arbeit ruhen soll – etwa für den weltgrößten Telekom-Ausrüster Huawei, der von manchen Ländern – allen voran den USA – wegen seiner Nähe zu Peking und des Verdachts der Spionage vom Aufbau der 5G-Mobilfunknetze ausgeschlossen worden ist. Nach einer Pause wegen Neujahr sei die Produktion von Ausrüstung und Elektrogeräten wieder gestartet und laufe normal, teilte der Konzern am Montag mit.

Auch andere für die Elektronikbranche wichtige Zulieferer dürfen weiter produzieren, etwa der Chip-Hersteller Yangtze Memory Technologies – obwohl er im Zentrum des Virenausbruchs, der Stadt Wuhan, ansässig ist. Das zeigt, für wie wichtig Peking die Zulieferkette in der Technologieindustrie hält, die auch Gegenstand des Handelsstreits mit den USA ist.

Der südkoreanische Konzern Samsung Electronics hat den Betrieb in seinen chinesischen Werken nicht einmal über die Feiertage ausgesetzt. Auch bei den Display-Herstellern SK Hynix und LG Display läuft die Produktion in China eigenen Angaben zufolge normal. (Reuters, DSZ)

3. Februar 2020