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04. Dezember 2017 - 09:10Literatur

Geld oder Leben

von Christoph Becker

André Schulz, Beratungsunternehmer und ehemaliger Sparkassenmitarbeiter, hat das laut Klappentext „erste absolut ehrliche Geldbuch“ geschrieben. Warum „Die Geldlüge“ auch ein Glücks- und Lebensratgeber ist, und warum Sparkassenberater und -kunden es lesen sollten.

"Geld oder Leben!" - nicht immer ist die Alternative so klar, wie in dieser Szene aus der ehemaligen NDR-Krimiserie "Stahlnetz ". Buchautor André Schulz möchte zeigen, wie Geld und Leben zusammengehören und warum der Geldweg nicht der Lebensweg, sondern ein Holzweg ist. dpa
Bewusst, selbstbestimmt und glücklich leben will jeder. Für die meisten scheint das jedoch ein Problem und ein fast unerreichbares Ziel zu sein. Die Ratgeberliteratur füllt viele Regalkilometer und findet immer neue Abnehmer. Zwar können die wahren Glückspilze Geld und Lebenszeit wahrscheinlich in schönere Dinge investieren als Ratgeberliteratur, aber wer ist schon ein wahrer Glückspilz?  

 „Die Geldlüge“ von Autor und Beratungsunternehmer André Schulz ist auch ein Glücksratgeber, obwohl es laut Titel um Finanzen geht. Sogar eine Verschwörung soll aufgedeckt werden: „Wie die Finanzindustrie Sie heimlich manipuliert, und wie Sie finanziell wirklich unabhängig werden“. Auf dem Rückumschlag heißt es sogar, dies sei „das erste absolut ehrliche Geldbuch“. Soviel Alarmismus, Suggestion und Verkaufsrhetorik wirken auf manche Leser abschreckend. Doch Schulz hat ein ehrenwertes Anliegen: Er will dem Leser zu einem reflektierteren Verhältnis zum eigenen Geld und Leben verhelfen.

Der Geld-oder-Leben-Witz sagt vielleicht, worum es Schulz geht: „Geld oder Leben“, ruft der Räuber mit vorgehaltener Pistole dem Kassierer zu. Dieser nach kurzem Abwägen: „Da nehme ich doch lieber das Geld.“ Das ist einerseits ein Statement zum vermeintlichen Unwert des Lebens, andererseits karikiert die Antwort die menschliche Neigung, selbst dann noch zu glauben, es gehe um die eigenen Vermögenswerte, wenn das Leben nichts mehr wert ist und nur noch am seidenen Faden hängt. Schulz möchte die Augen dafür öffnen, dass „jeder von uns geldabhängig und fremdbestimmt ist“, und zwar fatalerweise ohne es zu wissen. Das lenke uns von „unserem eigentlich möglichen Leben“ ab“.

Die Einteilung des Buchs unterstreicht dieses Anliegen. Im ersten, mit „Geld“ überschriebenen Teil erläutert Schulz den Gemeinplatz, dass Geld die Welt regiert, also die Wirtschaft, die Politik, die Banken etc. Diese manchmal etwas ermüdende Aufzählung enthält viele zutreffende Beobachtungen, einiges erscheint stark verkürzt, hier hat wohl auch das Verlagslektorat geholzt. Bei „Geld und Nachrichten“ fragt Schulz beispielsweise, ob sich „der Wert einer Nachricht nur an der Kaufnachfrage bemisst?“ Obwohl als rhetorische Frage angelegt, wäre „Ja“ die falsche Antwort. Zeitungen und Zeitschriften müssen sich zwar auch verkaufen, klassischer Journalismus hat in der Öffentlichkeit moderner Gesellschaften aber vor allem eine kritische Funktion, die in den sozialen Medien allerdings ins Hintertreffen gerät. − Im zweiten Teil des Buchs geht es um „Leben“, im dritten Teil um „Geld und Leben“ und wie wir die im Titel in Aussicht gestellte finanzielle Unabhängigkeit erreichen können.

Schulz forciert den vermeintlichen Gegensatz von Geld und Leben. Das kann so machen, doch das „eigentlich mögliche Leben“ ist eine ähnliche Abstraktion wie die berühmten "wahren Bedürfnisse des Menschen", über die sich ebenso trefflich streiten lässt. Aber Geld und Leben gehören zweifellos zusammen, und die persönliche Risikoneigung eines Menschen zeigt sich im Umgang mit den großen Lebensthemen ebenso wie im Umgang mit Geld – ein Stück angewandte Psychologie, die jedem Sparkassenberater bekannt sein dürfte.

Schulz kritisiert nicht, dass Menschen unterschiedliche Sicherheitsbedürfnisse, Interessen und Erwartungen an ihr Leben haben. Doch er kritisiert die Abhängigkeit vom Geld und stellt sie finanzieller Freiheit gegenüber: „Machen Sie sich vom Geldweg auf den Lebensweg“, heißt sein Motto. Es irritiert zwar etwas, dass Schulz - wie in einem Brief - die Personalpronomina immer groß schreibt, wenn er den Leser meint. Immerhin ist das höflicher, als umstandslos geduzt zu werden.

Finanzprodukte und Lebensziele sollten zueinanderpassen


Die „fünf wahren Schlüssel zur finanziellen Unabhängigkeit“ sollen uns auf unserem Lebensweg weiterhelfen: Geld ist nur Mittel zum Zweck. Nur ich entscheide darüber, wie ich leben möchte. Ich treffe Entscheidungen bewusst und wohlüberlegt. Nur ich sorge eigenverantwortlich für mein Lebensglück und zwar so oft wie möglich aus eigener Kraft. Diese grundsätzlich richtigen, hier allerdings nur verkürzt dargestellten Maximen kulminieren bei Schulz in einer Empfehlung, bei der Sparkassenberater zunächst die Stirn runzeln dürften: „Entziehen Sie dem heutigen Finanzsystem ihr Geld.“

Damit meint Schulz aber nicht, dass wir sofort all unsere Versicherungen und sonstigen Verträge mit Finanzdienstleistern kündigen sollen. Wir sollen uns vielmehr fragen, ob unsere Finanzprodukte wirklich das leisten, was wir von ihnen erwarten und ob sie noch zu unseren Lebenszielen und Glücksvorstellungen passen. Diese Ziele finden sich in allem, was für die meisten Menschen zu einem guten Leben dazugehört: Gesundheit, Partnerschaft, Familie, Freizeit, Wohnung, Beruf und Altersvorsorge.

Jeder Finanzberater kennt das: Je besser und präziser ein Kunde im Konzeptgespräch sein Verhältnis zu diesen Themen ausdrücken kann, desto einfacher wird es, passende Produkte auszuwählen- vorausgesetzt, es gibt keine Zielkonflikte, etwa in Form von Provisions- oder Verkaufszielen. Bemerkenswert in Schulz‘ Buch erscheint eine „Ehrenerklärung für Finanzberater/-innen“, die Kunden dem potenziellen Finanzberater ihres Vertrauens zur Unterschrift vorlegen können. Hier heißt es: „Ich gebe Ihnen Empfehlungen, die sich nicht an den Zielen meines Arbeitgebers orientieren, sondern ausschließlich an Ihrem finanziellen Wohl.“ Sparkassenberater sollten das guten Gewissens unterschreiben und auch in die Rolle eines Lebensberaters schlüpfen können. Denn ein Kunde spricht mit seinem Finanzberater notwendigerweise über private Dinge wie Familienstand, Kinderzahl, Zukunftspläne etc. Basis für jedes gute Kundengespräch ist und bleibt Vertrauen.

Schulz verleugnet an keiner Stelle seine berufliche Sozialisation als Geldexperte. Sogar seine Vorstellung von Glück ist von einer – durchaus nicht verfehlten – Kapital-Rendite-Metapher geprägt: „Wenn wir unser Geld in Erlebnisse investieren, die uns glücklich machen, profitieren wir doppelt – zuerst im Augenblick des Erlebens und später, wenn aus dem Erlebten Erinnerungskapital wird. Dieses Kapital wird im Laufe unseres Lebens niemals weniger, nur mehr. Auch, weil wir es teilen – mit anderen Menschen, von deren eigenem gesammelten Erinnerungskapital wir ebenso profitieren dürfen. Und es zahlt uns laufend Zinsen, wenn wir es in Gedanken betrachten: in Form von erinnertem Glück.“

Das kann man so sehen. Leben heißt, (auch mit Hilfe von klug eingesetztem Geld) glückliche Erlebnisse in Privatleben und Beruf zu sammeln, um schließlich ein Kapital an glücklichen Erinnerungen beisammen zu haben, das uns und nahestehenden Menschen über Zeiten hinweghilft, in denen wir vielleicht keine glücklichen Erlebnisse mehr haben. Glück ist also erlebtes und erinnertes Glück, auch wenn das tautologisch klingt und die Frage nach den Glücksinhalten offen bleibt. Als Faustformel für ein gelingendes Leben ist dieses Konzept aber wahrscheinlich konsensfähig.

Wie man "Geldsucht" überwindet


Besonders hilfreich ist Schulz in seinem Metier, etwa bei seinen abwägenden Überlegungen zu einzelnen Finanzprodukten, wie dem Tagesgelkonto. Es schütze zwar vor Diebstahl und Brand, „wirklich sicher ist ihr Geld aber erst, wenn sie es nicht zu irgendeiner (Direkt-) Bank bringen, die vielleicht pleitegeht und bei der ihre Euros gegebenenfalls nicht unter dem Schutz der Einlagensicherung stehen“. Allerdings vertieft Schulz solche Einsichten nicht weiter. Ähnlich beiläufig bleiben seine prinzipiell richtigen Überlegungen, dass Wachstum Grenzen hat und dass der Wert einer Währung letztlich vom Erfolg eines Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells abhängt. Schulz ist Berater, kein Volkswirt. Doch wäre sein unbestechliches Urteil über die allerneuesten Finanzprodukte interessant gewesen, etwa über Kryptowährungen. Auch viele Kleinanleger laufen zurzeit Gefahr, bei solchen hochspekulativen "Geldlügen" ihr Erspartes zu verlieren.

Glaubwürdig erscheint der Autor, wenn er im Abschnitt über Aktien von sich bekennt, selbst einmal „geldsüchtig“ gewesen zu sein: „Ich hielt mich damals für einen Experten, der weiß, wie die Märkte funktionieren. Kein Wunder, schließlich hatte ich mich erstens beruflich und zweitens auch privat intensiv mit Börsen, Märkten, Kennzahlen usw. beschäftigt. Heute weiß ich: Alles Unfug. Es gibt niemanden, der die Märkte oder Unternehmen wirklich zu ,lesen‘ vermag.“ Dementsprechend sind für Schulz bei Fondsprodukten nie Verkaufsstory oder Renditeaussicht entscheidend, sondern ob ein bestimmtes Produkt dabei hilft, ein konkretes, langfristiges Ziel zu erreichen.

Und welche Finanzprodukte braucht wirklich jeder? Schulz empfiehlt nur drei: Ein Girokonto für die kurz- und mittelfristige Geldanlage, eine günstige Privathaftpflichtversicherung und ein Aktien-Indexfonds „für langfristige Ziele und Wünsche“. Auto- und Hausbesitzer mögen hier etwas vermissen, doch wer beides nicht hat, braucht auch keine Versicherungen, und „wer Single ist, kommt auch ohne Risikolebensversicherung durchs Leben“.  Stimmt. Schulz behauptet nicht, dass alle andere Finanzprodukte nicht sinnvoll sind. Er warnt aber davor, für etwas zu zahlen, das zum Lebensstil gar nicht passt.

Vor allem mit seiner letzten Empfehlung – den Indexfonds - liegt Schulz im Trend. Das Aktiensparen ist gerade hierzulande viel zu wenig verbreitet, und Indexfonds – also Papiere, die die Kursentwicklung von Börsenindices wie dem Dax nachbauen - gelten in vielen Medien als günstigste Möglichkeit, Anlagerisiken möglichst weit zu streuen: „Was wäre es alleine für eine riesige Rentenrevolution, wenn junge Menschen auf diese Art sparen würden?“, fragt Schulz vielleicht etwas zu erwartungsfroh, denn Indexfonds werden auch die künftigen Kursstürze abbilden und nicht nur die Bullenmärkte. Doch Schulz will letztlich keine Tipps für das perfekte Portfolio geben, sondern eine Lanze für das Aktiensparen brechen. Insoweit ist ihm zuzustimmen.

Dieses ehrliche Buch über das Geld ist für Sparkassenberater interessant, weil seine Lektüre auf Gespräche mit künftig wahrscheinlich zahlreichen Kunden vorbereitet, die sich zum Thema schon eine eigene und ähnlich distanzierte Meinung gebildet haben wie Schulz. Wenn ein Berater das Buch an einen Kunden verschenkt, kann er damit eindrucksvoll unterstreichen, dass er prinzipiell im Kundeninteresse handeln will.


André Schulz: Die Geldlüge. Wie die Finanzindustrie Sie heimlich manipuliert, und wie Sie finanziell wirklich unabhängig werden. Ariston, 20 16





Interview mit André Schulz: "Sparkassen müssen zu ihren Wurzeln zurück"

Buchautor André Schulz: Sparkassen müssen sich als Lebensdienstleister erst noch entdecken.
Herr Schulz, Sie fordern in Ihrem Buch, dass Geldinstitute nur vom individuellen Lebensinteresse Ihrer Kunden her beraten sollen. Wie sollte ein Institut beschaffen sein, das diesem Ideal besonders nahekommt? Dürfte es dort beispielsweise Provisionen oder Verkaufsvorgaben für die Berater geben?
André Schulz: Entscheidend ist die Beratungsphilosophie. Sparkassenberater sollten verstehen, dass Geld nur Mittel zum Zweck und nur dazu da ist, irgendwann wieder ins Leben getauscht zu werden. Ein Rat zum Geld ist daher nur möglich, wenn man weiß, wie der Kunde wann leben möchte. Nur etwa drei Prozent der Kunden wissen dies allerdings. Daher muss sich die heutige Finanzberatung um ein Stück Lebensberatung erweitern, indem man Kunden aktiv zu Zielen und Wünschen inspiriert. Das Potenzial ist riesig: Der Durchschnittskunde hat zwischen 15 und 20 Produkte - zwei, maximal drei davon bei der Sparkasse. Gleicht man die Finanzprodukte mit den Zielen und Wünschen des Kunden ab, stellt man fest, dass 90 Prozent der (Fremd-)Produkte nicht zu den aktuellen Lebensbedürfnissen passen. Einfacher und kundenorientierter geht Vertrieb nicht.

Heute beraten Sie als Unternehmer auch Sparkassen. Treffen Sie dort mit Ihren Ideen auf offene Ohren? Wie können Sie Veränderungen herbeiführen, die dem Kunden und der Sparkasse Nutzen bringen?
Schulz: Sparkassen befassen sich heute fast ausschließlich mit Kostensenkungen, Effizienzsteigerung und Regulatorik. Der dringend benötigte visionäre Zukunftsblick fehlt. Wie muss die Sparkasse der Zukunft aussehen, die auch in Zeiten weiter zunehmender Digitalisierung wettbewerbs- und überlebensfähig ist? Hilfreiche Antworten? Fehlanzeige. Dabei gibt es zuhauf konkrete Konzepte, um Erträge zu generieren und einzigartig am Markt zu agieren. Entscheidend sind in Zeiten vergleichbarer Produkte sind einzig echte spürbare Mehrwerte. Die klassische Geld- und Finanzberatung reicht nicht; sie stirbt aus, oder verlagert sich ins Internet. Sparkassen sollten erkennen, dass sie sich (teilweise radikal) verändern müssen, um sich nicht über Fusionen und Filialschließungen selbst wegzurationalisieren.

Inwieweit hat Sie Ihre Ausbildung und Berufserfahrung in einer Sparkasse geprägt? Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Schulz: In meiner aktiven Sparkassenzeit ging es uns wirklich darum, das Beste für den Kunden zu erreichen und uns als Mehrwert Mensch unabdingbar zu machen. Ob persönliche Besuche zu Hause, echtes begleitendes Interesse am Kundenleben, handschriftliche Briefe zu wichtigen Anlässen. Unsere Kunden spürten, dass wir wirklich in ihrem Sinne dachten und handelten. Die heutige Sparkassenwelt ist eine gänzlich andere. Zunehmender Verkaufsdruck, reines „Produktschießen“ statt wahrer Beratung, fehlende Kundenbindung. Zu viele Sparkassen kämpfen nur noch ums eigene Überleben und verhalten sich teilweise konträr zu ihrer eigenen DNA. Aber weder Schönreden, Weggucken, noch Druckaufbau werden auf Dauer helfen. Was zählt: Back to the S-roots und Kreation neuer hilfreicher Finanz- und Lebensdienstleistungen.
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