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| Gern gelesen - Zeitzeugen

„Ich dachte, die spinnen alle“

Den Mauerfall hat die West-Berliner Sparkassenmitarbeiterin Benita Beilcke verschlafen – sie stand am Morgen danach völlig überrumpelt vor den Menschenmassen vor ihrer Filiale.

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Dieser Artikel erschien zuerst im November 2014 zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Tausende von Berlinern tanzten auf der Mauer, wildfremde Menschen fielen sich in die Arme und feierten die ganze Nacht durch – das sind die Bilder, die man mit dem Fall der Berliner Mauer vom 9. November 1989 verbindet.

Benita Beilcke, Mitarbeiterin der Berliner Sparkasse, hat die Maueröffnung hingegen verschlafen. „Mein damaliger Freund – jetzt mein Mann – und ich hatten an dem Abend Tanzkurs. Danach sind wir nach Hause gefahren und todmüde ins Bett gefallen. Wir haben nichts vom Mauerfall mitbekommen, wir haben weder ferngesehen noch Radio gehört – nichts!“

 
Stand ahnungslos vor Menschenmassen: Benita Beilcke. © privat

So fuhr sie am nächsten Morgen immer noch ahnungslos zur Arbeit, zu ihrer Sparkassenfiliale am Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche. „Ich war schon ein bisschen irritiert“, erinnert sie sich, „als ich mit der U-Bahn zum Zoologischen Garten fuhr. Es war irgendwie anders als sonst, es lag ein bisschen Partystimmung in der Luft.“

Vor ihrer Sparkassenfiliale bemerkte die damals 23-Jährige dann einen großen Auflauf: „Da stand eine bestimmt 100 Meter lange Menschenschlange, in einer ganz ordentlichen Reihe. Ich konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen.“

Verwundert betrat Benita Beilcke die Filiale durch den Personaleingang, und dort konnte sie sich gleich weiter wundern: „‚Drinnen bin ich auf völlig übernächtigte, aufgedrehte, ja durchgedrehte Kollegen gestoßen. Ich kam ja völlig ahnungslos an und dachte im ersten Moment, die spinnen alle!“

Die Kollegen klärten Benita Beilcke schließlich über die Geschehnisse der vorangegangenen Nacht auf. Einige von ihnen waren dabei gewesen und hatten mitgefeiert. Beilcke: „Die Mauer war offen! Ich konnte es erst gar nicht glauben.“

„Das reine Chaos“

Doch dann begann der Arbeitstag: Um neun Uhr öffnete die Filiale, und die Menschenschlange vor den Türen war noch größer geworden. Sie warteten darauf, ihr Begrüßungsgeld ausgezahlt zu bekommen, 100 D-Mark pro Person. „Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, was am Breitscheidplatz los war. Man hatte den Eindruck, alle Ostberliner seien als erstes zur Gedächtniskirche gefahren und hätten dort die Sparkasse geentert. Es war rammelvoll, das reine Chaos.“

 
Warten auf das Begrüßungsgeld: Die Schlange am Breitscheidplatz im Westteil Berlins von der Sparkassenfiliale aus gesehen. © dpa

Quasi im Akkord zahlten Benita Beilcke und ihre Kollegen den ganzen Tag lang die 100 D-Mark an die Berliner von der anderen Seite der Mauer aus. „Unsere Filiale war zweistöckig. Die Leute haben sich unten hineingezwängt. Dort mussten sie bei der Auszahlung ihren Reisepass vorzeigen. Wir haben einen Stempel hineingemacht, damit sich keiner das Geld doppelt auszahlen lassen konnte. Dann wurden sie durch die Filiale in den ersten Stock geleitet und durch den Personalausgang hinten wieder hinaus. So ging das den ganzen Tag. Zum Schluss stand der Regionalleiter da und hat am Hinterausgang die Tür aufgehalten.“

„Wie auf einem Volksfest“

Der Andrang war überwältigend, beschreibt die Sparkassenmitarbeiterin: „Da waren so viele Leute in dem Raum, wie überhaupt nur hineinpassten. Das war nicht zu regulieren. Am Eingang haben sich die Leute fast totgedrückt.“ Erst nach Schalterschluss am Abend seien die Folgen des unerwarteten Publikumsansturms sichtbar geworden: „Die Filiale war völlig demoliert. Zum Beispiel die Pflanzen in Pflanzkübeln waren hinterher total zerdrückt.“

Trotz Gedränge, Geschiebe und Chaos empfand Benita Beilcke diesen 10. November als sehr positiv: „Es war eine unheimlich gute Stimmung in unserer Filiale, wie auf einem Volksfest. Für mich war es total spannend, dabei zu sein.“

Für sie nahm der Tag auch noch ein unerwartet deutsch-deutsches Ende: „Ich bin abends nicht von der Arbeit nach Hause gekommen, denn bei der U-Bahn herrschte totales Chaos. Darum habe ich meine Tante angerufen, die drei Häuser weiter wohnte. Und die hatte Besuch von meiner Cousine aus Ostberlin bekommen. Die Cousine hat mich dann mit dem Trabi abgeholt und nach Hause gebracht. Das war echt verrückt.“