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| NS-Geschichte

Anpassung statt Widerstand

Welche Rolle spielte der Deutsche Sparkassen- und Giroverband von 1933 bis 1945? Ein Buch der Historikerin Janina Salden antwortet auf eine lange offene Frage.

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In der Geschichtsschreibung über die Sparkassen sind die Jahre 1933 bis 1945 zwar kein blinder Fleck mehr. Unser Wissen über diese Zeit weist aber noch Lücken auf. Insbesondere wussten wir bisher wenig darüber, wie sich der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) unter der nationalsozialistischen Herrschaft verhalten hat. Dank einer jetzt veröffentlichten Studie, die an der Universität Bonn entstand, hat sich das grundlegend geändert.

Da der heutige DSGV nur wenige zeitgenössische Unterlagen besitzt, hat die Historikerin Janina Salden dafür umfangreiche Recherchen durchgeführt. Bei regionalen Sparkassenverbänden und Landesbanken und vor allem in öffentlichen Archiven im In- und Ausland fand sie viele aufschlussreiche Dokumente.

 
Ausgabe der "Sparkassen-Zeitung vom 1.Mai 1939. © DSGV/Archiv

Die Gleichschaltung aktiv unterstützt

Das Bild, das die Historikerin vom damaligen DSGV zeichnet, ist ungeschminkt. Nicht offener oder passiver Widerstand, sondern geschickte Anpassung an die neuen politischen Gegebenheiten prägten von Anfang sein Verhalten. Präsident Ernst Kleiner, der selbst kein Nationalsozialist war, stellte seit Februar 1933 gute Beziehungen zu nationalsozialistischen Funktionären her. Die politische „Gleichschaltung“ der Verbandsgremien und der Geschäftsstelle in Berlin unterstützte er aktiv. Warum tat er das? Sicherlich ging es ihm darum, seine eigene Position zu behaupten. Vermutlich glaubte er aber auch, so die Interessen der Sparkassen am besten vertreten zu können.

 
DSGV-Präsident Ernst Kleiner war zwar kein Nationalsozialist, er arrangierte sich seit Februar 1933 aber mit den neuen Machthabern. 1935, nach einem Konflikt mit Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht, wurde Kleiner durch den Beamten Johannes Heintze aus Schachts Ministerium ersetzt. © DSGV/Archiv

Die dem öffentlich-rechtlichen Bankwesen allgemein sehr positiv gesinnten Nationalsozialisten wurden wichtige Verbündete gegen andere Kräfte, darunter die Reichsbank, die nach der Bankenkrise von 1931 die Geschäftsfelder der Sparkassen beschränken wollten. Tatsächlich gelang es, den Status quo der Sparkassen zu erhalten und im Kreditwesengesetz von 1934 abzusichern.

Glied in der Befehlskette

Kleiner geriet jedoch in Konflikt mit Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht. Dieser wollte, dass der DSGV als „Wirtschaftsgruppe Sparkassen“ in eine neue staatlich gelenkte Organisation der Wirtschaft integriert wird. Als der DSGV-Präsident dagegen opponierte, musste er 1935 aus dem Amt scheiden. An seine Stelle trat Johannes Heintze, ein hoher Beamter aus Schachts Ministeriums.

 
Johannes Heintze, DSGV-Präsident von 1935 bis 1945 und ebenfalls kein Nationalsozialist, verteidigte erfolgreich die dezentrale Struktur des Sparkassenverbunds gegen das Führerprinzip. Gleichwohl führte Heintze den Verband im Sinne des NS-Regimes. © DSGV/Archiv

Durch die Einordnung in die NS-Wirtschaftsorganisation wurde der DSGV zu einem Glied in der Befehlskette. Er sorgte dafür, dass die Sparkassenorganisation den ihr zugewiesenen Aufgaben bei der Finanzierung politischer Vorhaben nachkam. Dazu gehörte an erster Stelle die forcierte Aufrüstung des Deutschen Reiches.

Der Rahmen für eine eigenständige Verbandspolitik und Interessenvertretung blieb zwar eng. Dennoch gelang es dem Verband immer wieder, Teilerfolge für die Sparkassen zu erreichen, indem er geschickt das Nebeneinander von konkurrierenden Herrschaftsinstitutionen ausnutzte und je nach Opportunität Unterstützung bei staatlichen oder bei NSDAP-Parteistellen suchte.

 
NS-Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht (Mitte) im Mai 1946 als einer der Hauptangeklagten bei den Nürnberger Prozessen. Schacht wurde freigesprochen. © dpa

Auffällig ist, dass Präsident Heintze – ebenfalls kein aktiver Nationalsozialist – darauf verzichtete, das so genannte „Führerprinzip“ im Verband durchzusetzen. Als „Führer der Wirtschaftsgruppe Sparkassen“ war er zwar gegenüber den Instituten und Verbänden der Sparkassenorganisation weisungsbefugt. Dennoch beriet er wichtige Fragen weiterhin mit den Leitern der regionalen Sparkassenverbände und der Girozentralen. Die dezentrale Willensbildung als ein wesentliches Strukturprinzip der Sparkassenorganisation blieb dadurch im Kern erhalten.

 
Dieses „Bekenntnis“ erschien in der "Sparkassen-Zeitung" anlässlich der Reichstagswahl und der Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund am 12. November 1933. © DSGV/Archiv

Vorauseilender Gehorsam

Das änderte das freilich nichts an dem Umstand, dass der DSGV de facto ein Erfüllungsorgan von Staat und Partei war, das oft in vorauseilendem Gehorsam handelte. Dies galt auch hinsichtlich der nationalsozialistischen Politik gegenüber den jüdischen Bürgern, die ausgegrenzt und ihrer Existenzgrundlagen beraubt wurden. Der Verband gab in diesem Kontext erlassene gesetzliche Bestimmungen und behördliche Verfügungen an die Sparkassen weiter. Janina Salden hat keinen Hinweis gefunden, dass die Handelnden im DSGV dies nur mit großem Widerwillen taten. Vielmehr schildert sie Fälle, in denen der Verband versuchte, die Beteiligung der Sparkassenorganisation an der so genannten „Arisierung“ jüdischen Eigentums zu fördern.

 
Blick in ein DSGV-Büro im Jahr 1940. An der Wand ein Adolf-Hitler-Foto. © DSGV/Archiv

Während des Zweiten Weltkriegs trug der DSGV weiterhin dazu bei, dass die Sparkassen die ihnen zugedachten Aufgaben erfüllten: Spareinlagen für die Kriegsfinanzierung einsammeln und überschüssige Kaufkraft abschöpfen. Involviert war der Verband auch in die Expansion des Deutsches Reiches nach Ost- und Westeuropa. In den vom Reich annektierten Gebieten unterstützte er organisatorisch, per­sonell und finanziell den Aufbau von deutschen Sparkassen, Giro­zentralen und Regionalverbänden. Dass die dort schon bestehenden nichtdeutschen Sparkassen abgewickelt wurden, spielte dabei für den DSGV keine Rolle.

 
Ausgabe der "Deutschen Sparkassen-Zeitung" vom 28. Oktober 1938. Zuvor hatte das NS-Regime den Weltspartag zum "Nationalen Spartag" erklärt. © DSGV/Archiv

Alles in allem entsprechen die Erkenntnisse über den DSGV dem aktuellen Forschungsstand über Unternehmen und ihre Verbände im Nationalsozialismus: Etwaige Sym­pathien für das Regime und dessen Ziele waren weniger entscheidend für die handelnden Personen als eigene ökono­mi­sche Motive. Sie wollten in der Regel die sich eröffnenden wirtschaftlichen Chancen nut­zen, auch wenn dies hieß, gängige moralische Standards – zum Beispiel im Verhalten gegenüber jüdischen Kunden und Mitarbeitern – aufzugeben.

 
Nationalsozialistische Sparkassenwerbung © DSGV/Archiv

Am Ende des Buches geht Janina Salden auch auf die Wiedererrichtung des DSGV nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Sie zeigt, dass dabei auch Personen wie der spätere Verbandspräsident Fritz Butschkau aktiv waren, die schon vor 1945 Positionen in der Sparkassenorganisation bekleidet hatten. Solche personellen Kontinuitäten waren typisch für den Wiederaufbau in Deutschland. Sie haben jedoch in der Vergangenheit eine offene Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte verzögert.

Janina Salden: Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband zur Zeit des Nationalsozialismus (Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte - Beihefte, Band 246). Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2019. 64 Euro