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| 30 Jahre Mauerfall

Den Löwenanteil bewältigten Sparkassen

Überstunden, Wochenend- und Nachtöffnungen: Vor 30 Jahren zahlten Sparkassenmitarbeiter 80 Prozent des Berliner Begrüßungsgelds aus, insgesamt 120 Millionen Mark.

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Seit den dramatischen Novembertagen vor 30 Jahren sind in dieser Zeitung etliche Artikel mit Zeitzeugenberichten erschienen. Doch unmittelbar nach dem Mauerfall dachte unter dem Andrang der Ereignisse begreiflicherweise kaum einer daran, Pressemitteilungen über Begrüßungsgeldauszahlungen zu schreiben. Dabei brachte die unvorhersehbare Situation erhebliche personelle und bargeldlogistische Probleme mit sich, die die Häuser mit Bravour und Improvisationsgeschick lösten.

Die Sparkasse Duderstadt schickte damals einen kurzen Bericht über die außergewöhnliche Lage. Aus der Pressenotiz wurde in der SparkassenZeitung vom 24. November 1989 eine verlängerte Bildunterschrift: Mitarbeiter und Vorstand seien bei der Auszahlung des Begrüßungsgelds ständig im Einsatz gewesen, hieß es in der Ausgabe vom 24. November 1989 auf Seite vier.

Ein kurzfristig eingerichteter Krisenstab der Sparkasse habe sich bei Transport- und Versicherungsfragen über so manche Vorschrift hinwegsetzen müssen, um der Lage Herr zu werden. Auch ein kleines Haus wie die Sparkasse Duderstadt habe spontan Handlungsfähigkeit bewiesen, schrieb das Institut damals mit berechtigtem Stolz.

Mit demselben Stolz blicken heute die Kollegen der Berliner Sparkasse zurück. Bis Ende 1989 hatten Mitarbeiter der damaligen Sparkasse Berlin West 120 Millionen Mark an 1,2 Millionen DDR-Bürger ausgegeben, 80 Prozent des in Berlin gezahlten Begrüßungsgelds. Pressesprecher Alexander Greven sagt: „Das war nur möglich durch unbürokratisches Anpacken. Überstunden, Wochenend- und Nachtöffnungen gehörten dazu.“

Westberlins Sparkassenchef Hubertus Moser über den Mauerfall

Vorstandschef der Sparkasse im Westteil der Stadt war damals Hubertus Moser: „Ich war an dem Tag in Frankfurt am Main bei einem Erfahrungsaustausch mit europäischen Großsparkassen“, sagt der heute 84-Jährige in einem Zeitzeugengespräch mit Historiker Thorsten Wehber vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

 
Westberlins ehemaliger Sparkassenchef Hubertus Moser, hier bei einer Pressekonferenz im Jahr 1996. © dpa

Am Nachmittag war Moser zurückgeflogen, um abends an einer Preisverleihung der Stadt teilzunehmen. Als alle auf der Bühne standen, kam die kaum glaubliche Nachricht, die Mauer sei offen: „Ich habe noch nie einen Saal sich so schnell leeren sehen“, sagt Moser.

Zuhause habe er über das Begrüßungsgeld nachgedacht, sagt Moser. DDR-Bürger durften bei der Ausreise nach Westberlin oder in die Bundesrepublik nur 15 Ostmark mitnehmen. Daher erhielt seit 1970 jeder einreisende DDR-Bürger zunächst 30, dann 60 und zuletzt 100 Mark. Die Bundesrepublik hatte dafür einen Fonds bereitgestellt. Diese Regelungen galten auch weiterhin.

Riesige Bargeldmengen für die Ostberliner Nachbarn

Am 9. November fuhr Moser abends noch einmal in die Sparkasse, aber dort war niemand mehr. Der Sturm begann am nächsten Morgen, in kürzester Zeit mussten riesige Mengen Bargeld bewegt werden. Mit den wenigen verfügbaren Geldtransportern war das nicht zu schaffen. Kurzzeitig kam es zu Chaos und Verkehrskollaps, als in manchen Stadtteilen bis zu 10 000 Ost-Berliner gleichzeitig vor den Auszahlungsstellen Schlange standen und die Lage außer Kontrolle geriet. Später schickte beispielsweise die Kreissparkasse Aachen eine mobile Geschäftsstelle nach Berlin, um die Situation zu entspannen.

Während der ersten Tage nach dem Mauerfall fuhren viele Sparkassenmitarbeiter mit ihren eigenen Wagen von Filiale zu Filiale, um Plastiktüten mit Geldscheinen abzuliefern. „Ich bin nach wie vor der ganzen Mannschaft dankbar, dass sie mitgemacht hat“, sagt Moser. Berlins ehemaliger Sparkassenchef hat selbst Begrüßungsgeld ausgezahlt und dabei ähnliche Erfahrungen gemacht wie die Kollegen der Sparkasse Duderstadt.

Moser: „Wenn Sie da alle Vorschriften hätten einhalten wollen... Da hatte ich 1000-DM-Bündel in 100-DM-Scheinen links in der Tasche und 1000-DM-Bündel in 100-DM-Scheinen rechts in der Tasche, Quittungsblock in der einen Hand, Kugelschreiber in der anderen Hand. Dann bin ich rein in die Schlange und habe gesagt: Kommen Sie, ich zahle Ihnen das Begrüßungsgeld aus. So lief das."

Sparkassen in Ost- und Westberlin wieder unter einem Dach

Seine eigentliche und ungleich kompliziertere Aufgabe sah Moser darin, die Sparkassen in Ost- und Westberlin wieder zusammenzuführen. Dagegen standen Pläne aus Nordrhein-Westfalen. Damals favorisierten Ministerpräsident Johannes Rau und WestLB-Chef Friedel Neuber eine Fusion der Sparkassen in Ostberlin und Brandenburg, erläutert Moser. Das habe ihn damals geärgert: „Na, jetzt wird es ganz verrückt, dachte ich. Damit schreiben wir doch die Teilung fort. Das kann es doch wohl nicht sein."

Schon Ende 1990 fanden die Sparkassen in Ost- und Westberlin dann wieder unter einem Dach zusammen, doch der Weg dahin war nicht einfach. Moser berichtet über das erste und einzige Fusionsgespräch mit Siegfried Zausch, dem damaligen Chef der Sparkasse in Ostberlin: „Er sprang wie von der Tarantel gestochen auf, schlug mit beiden Fäusten gegen seine Bürotür und sagte: Ich werde meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht in den Kapitalismus jagen. Ich sagte: Das sollen Sie gar nicht. Wir machen das ganz human.“

Fusion unter menschlichem Vorzeichen

Dass die Fusion dann tatsächlich unter menschlichem und nicht unter ideologischem Vorzeichen stand, war neben Moser auch Zauschs umgänglichem Stellvertreter Theodor Drees zu verdanken: „Es war eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe“, sagt Moser, der umgehend Filialpatenschaften organisierte und in innerbetriebliche Schulungen von Westkollegen für Ostkollegen investierte. Drees machte mit.

Moser kam zugute, dass er bereits von 1961 bis 1974 als Vorstandsmitglied der Westberliner Sparkasse das Personal- und Ausbildungswesen neu aufgebaut hatte und an diese Erfahrungen jetzt anknüpfen konnte: „Wir haben ein gewaltiges Schulungs- und Weiterbildungsprogramm aufgelegt. Ich muss sagen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit Begeisterung angetreten. Das lag wahrscheinlich auch daran, dass wir das immer schon geübt hatten.“

Westgehalt für alle

Emotionale Reaktionen blieben aber nicht aus: „Bei der ersten Betriebsversammlung hier im Gesamthaus, da hat es hinterher Tränen gegeben, auch bei vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Ostsparkasse, weil ich gesagt habe, was geschehen wird. Aber ich habe immer gesagt: Wir werden das ganz human machen. Wir machen Schulungen, wir machen Weiterbildung, eine kleine Prüfung. Aber wenn sie die bestehen, dann bekommen sie Westgehälter.“

Obwohl Moser damit politischen Gegenwind bekam, hielt er sein Wort: Ab 1. Januar 1991 erhielten alle Mitarbeiter der wiedervereinigten Sparkasse Gehalt auf Westniveau. Moser: „Es hat unglaublich gutes Verständnis füreinander gegeben. Man hat sich gegenseitig unterstützt. Ich muss sagen, es hat sehr, sehr gut funktioniert, und ich bin nach wie vor der gesamten Mannschaft, Ost wie West, sehr dankbar, wie sie mitgezogen haben. Es ist ein besonderes geschichtliches Ereignis gewesen, auch für mich.“

Lesen Sie das vollständige Zeitzeugengespräch mit Hubertus Moser in einer neuen Publikation der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe (Hrsg.): Wendezeiten. Sparkassen in historischen Umbrüchen am Beispiel Berlins (Sparkassen in der Geschichte, Abt. 1: Dokumentation, Bd. 33) Deutscher Sparkassenverlag, Stuttgart 2019ISBN: 978-3-09-308150-7