Anzeige
| NS-Historie – Wiedergelesen

Gedächtnislücke

Wie alle Geldinstitute waren Sparkassen gleichgeschaltet und Teil der Nazidiktatur. Aber inwieweit? Antworten stehen in Akten deutscher und russischer Archive.

Anzeige

Der nachfolgende Beitrag ist erstmals im August 2009 im Managermagazin SPARKASSE erschienen.

Die Jahre 1933 bis 1945 sind in der Geschichtsschreibung der Sparkassen bislang wenig untersucht worden. Es liegt jedoch im Interesse aller Verbundeinrichtungen, wenn die Rolle der Sparkassengruppe während der Nazidiktatur genauer bekannt würde.

 
Oktober 1937: Aus dem Weltspartag wurde der Nationale Spartag. In pseudohistorischer Entwicklung kulminiert das Sparkassenwesen im jugendlichen Reichsmarksparer in Uniform. © DSGV/Archiv

Zur Erinnerung: Adolf Hitler und die Nationalsozialisten sorgten mit der sogenannten Gleichschaltung der leitenden Organe von Sparkassen, Girozentralen und Verbänden von 1933 bis 1945 dafür, dass die Institute ihre Geschäftspolitik an den Zielen des neuen Regimes ausrichteten. Auch die Mitarbeiter mussten, etwa wenn es um Einstellungen und Beförderungen ging, ihre politische Zuverlässigkeit unter Beweis stellen.

Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik verfolgte das Ziel, Deutschland aufzurüsten und auf die Kriegsführung vorzubereiten. Damit möglichst viel Kapital für die Rüstung zur Verfügung stand, setzte das Regime darauf, die Spartätigkeit der Bevölkerung auszuweiten. Das Sparen wurde daher politisiert und als „Kraftquell der Nation“ ideologisch überhöht.

Weil die Sparkassen die zahlreichsten Kunden hatten, kam ihnen im Rahmen dieser Politik eine Schlüsselrolle zu. Mithilfe martialischer Propaganda und Geschichtsklitterung erklärte das Regime das Sparen zur nationalen Pflichtübung.

Der Weltspartag wurde in einen „Nationalen Spartag“ umgewandelt; die Sparkassen verstärkten ihre Werbeaktivitäten und führten zahlreiche Sondersparformen wie das „KdF-Reisesparen“, das „Hitlerjugend-Sparen“ oder das „Gefolgschaftssparen“ ein, um auch den letzten Sparpfennig zu mobilisieren. Die Akteure des Regimes nutzten die Mittel für die Finanzierung von Diktatur und Krieg und die persönliche Bereicherung.

Martialische Propaganda

Die stetig anschwellenden Einlagen bei den Instituten der Sparkassenorganisation legten diese – auf massiven politischen Druck oder wegen fehlender Alternativen – zum großen Teil in den Anleihen und Schatzanweisungen an, mit denen das Deutsche Reich seine Rüstungsausgaben finanzierte.

 
Besucherin einer Ausstellung der Sparkasse Aurich-Norden, die vor vier Jahren die NS-Vergangenheit des Instituts thematisierte. Die öffentliche Resonanz sei positiv gewesen, hieß es 2015 es in einem Bericht der SparkassenZeitung. © dpa
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte sich die politische Instrumentalisierung der Sparkassen als Kapitalsammelstellen für die Kriegsfinanzierung fort. Angesichts zunehmender inflationärer Tendenzen wurden ihnen nun zusätzlich die geldpolitische Funktion zugewiesen, die überschüssige Kaufkraft der Bevölkerung abzuschöpfen und dem Regime für seine Zwecke zur Verfügung zu stellen.

Die Nazis spannten die Institute rigoros für Enteignungen und andere Zwangsmaßnahmen gegen Juden und Andersdenkende ein. Wie gelang das im Einzelnen? Historische Quellen sind in vielen Archiven oft noch vorhanden, jedoch meist unter Verschluss.

Ebenso wie die anderen deutschen Kreditinstitute waren die Sparkassen in die nationalsozialistische „Rassenpolitik“ einbezogen, die in der Vernichtung von Millionen Menschen endete. Dies reichte von der Weigerung, an jüdische Kunden Kredite zu vergeben, bis zur Hilfeleistung bei der staatlicherseits verfügten Erfassung und Einziehung jüdischen Vermögens.

Größte staatlich organisierte Plünderungsaktion der Moderne

Zwar sind während der vergangenen zehn Jahre bereits etliche Forschungen über die NS-Finanzwirtschaft erschienen. Auftraggeber waren aber bisher private Geschäftsbanken.

Die Einrichtungen der Sparkassen-Finanzgruppe werden früher oder später ebenfalls verstärkt zum Gegenstand historiografischer Neugier werden. Je höher das Diskursniveau, auf dem die Institutionen des Verbunds dann mit diesem unerfreulichsten Teil ihrer Historie umgehen, desto besser.
 
Schatz der Reichsbank im thüringischen Salzbergwerk Merkers nach seiner Entdeckung durch US-Truppen im April 1945. Bei der Reichsbank landete während der letzten Kriegsphase ein großer Teil der Einlagen von Sparkassen, die in die Rüstung flossen und hier zwischengelagert wurden. © dpa

Das heikelste Thema ist die damals „Arisierung“ genannte systematische Enteignung von Juden und anderen Nazi-Opfern. Alle Deutschen, sofern sie nicht auf den Todes- und Vertreibungslisten der Nazis standen, haben von der Arisierung als größter staatlich legalisierten und organisierten Plünderungsaktion der Moderne in hohem Maße profitiert – direkt oder indirekt, wissentlich oder unwissentlich.

Spareinlagen und Wertpapiere aus jüdischem Besitz im Wert von insgesamt etwa acht Milliarden Reichsmark – das sind fast 30 Milliarden Euro – landeten nach einem planmäßigen bürokratischen System auf Umwegen bei der Reichszentralbank und flossen danach nicht nur in die Kriegsmaschinerie. Der NS-Staat bezahlte davon auch Renten, Kindergeld und Nahrungsmittel. Viele Wirtschaftsunternehmen haben bekanntlich ebenfalls von den Enteignungen jüdischer Betriebe profitiert – in welcher Form auch immer.

Verstrickung der Kreditwirtschaft

Ohne das Mittun der gesamten deutschen Kreditwirtschaft und ohne die technisch-administrativen Ratschläge von Finanzfachleuten wäre diese gigantische staatliche Verwertung von Eigentum Verfolgter nicht möglich gewesen. In diesem Zusammenhang sind zuerst die ehemalige Dresdner Bank – sie fungierte als Hauptfinanzierer der SS – und die Deutsche Bank in die Kritik geraten. Es lag daher im Interesse dieser Institute, dass Historiker den Verstrickungsgrad in die NS-Verbrechen rekonstruierten. Doch waren nicht nur die Geschäftsbanken, sondern auch die Sparkassen an Enteignungsaktionen und anderen Zwangsmaßnahmen beteiligt.

Um das kursorisch zu belegen, genügt ein Blick in ältere Jahrgänge dieser Zeitschrift. In der Juliausgabe von SPARKASSE aus dem Jahr 1940 berichtet etwa ein Hans S. aus Wien, Bevollmächtigter für das Sparkassenwesen im besetzten Krakau, die Zins- und Darlehensforderungen der liquidierten und wieder errichteten polnischen Sparkassen seien „energisch“ eingetrieben worden, das habe „bedeutende Beträge“ erbracht. Gleichzeitig seien „die Feststellung der Judenkonten in Angriff genommen und die Konten dieser Art gesperrt“ worden, „um Vermögensverschleppungen zu verhindern“.

 
Sparkassenwerbung aus den 1930er-Jahren. © dpa

„Feststellung“ hieß das Einfrieren der Sparguthaben. Das war der erste Schritt in einem damals zur behördlichen Routine gehörenden Zwangssystem, an dessen Ende meistens Enteignung und Tod der Entrechteten standen.

Bereits das kurze Zitat lässt umrissartig erkennen: Der NS-Staat erteilte der Sparkassenadministration während des Kriegs genau definierte Aufgaben, die diese gut erfüllen konnten, weil es in besetzten Gebieten oft schon sparkassenähnliche Einrichtungen gab. Vergleichbares lässt sich anhand von Beiträgen in Publikationen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands auch für Österreich, das Wartheland und das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren zeigen.

Im Kriegsjahr 1942 stellte das NS-Regime das Erscheinen von SPARKASSE allerdings ein, so wie das aller Fachpublikationen. Erst seit 1950 konnte der DSGV die Zeitschrift wieder regelmäßig herausgeben.

Neben Geld- und Aktienbesitz beschlagnahmten die NS-Behörden Immobilien und Inventar. Möbel, Schmuck, Kunstgegenstände und Hausrat wurden in öffentlichen und meist gut besuchten Zwangsversteigerungen wieder unter die Leute gebracht.

Ob einzelne Sparkassen damals direkt profitiert haben, etwa durch die Zuerkennung und Weitervermittlung enteigneter Vermögen, Immobilien und Betriebe, sollte jedes Institut für sich selbst herausfinden. Auch wenn es in den meisten Städten und Regionen noch keine angemessenen historischen Darstellungen gibt, ist die Quellenlage oft besser als gemeinhin angenommen.

Amt versteckte unbequeme Akten

Laut Historiker Christoph Kaleschke, Kommunikationsexperte bei der Sparkasse Bielefeld, gibt es wegen der engen Trägerbindung der Sparkassen in Rathäusern, Finanzämtern oder anderen Behörden oft Archive, die vieles ersetzen können, was die Sparkassen selbst verloren oder nicht aufbewahrt haben. Denn die NS-Behörden dokumentierten die Arisierungen in all ihren Phasen mit höchster Akribie. Sicher gab es Kriegsverluste, doch vieles ist erhalten, wenn auch unter Verschluss.

Der bekannte Historiker Götz Aly hat bei seinen Recherchen festgestellt, dass Ämter der Stadt München Archivmaterial zu den Enteignungen über Jahrzehnte versteckt haben. Erst ein anonymer Hinweis bestätigte Aly, dass es diese Akten tatsächlich gibt. Der Regisseur Michael Verhoeven hat dazu im vergangenen Jahr einen vielbeachteten Fernsehfilm gemacht. Unter dem Titel „Menschliches Versagen“ ist er auch auf DVD erschienen.

Akten der Sparkassen im KGB-Archiv in Moskau

Andere bedeutende Quellen zur Geschichte der Kreditwirtschaft im NS-Staat liegen in einem Geheimarchiv des ehemaligen KGB in Moskau, das erst seit wenigen Jahren für die Forschung zugänglich ist. Die Rote Armee raubte nach dem Krieg in großem Stil Archivgut, um dem besiegten Nazireich das Gedächtnis zu nehmen und belastendes Material gegen missliebige Einzelpersonen in der Hand zu haben.
 
Das ehemalige, von deutschen Kriegsgefangenen errichtete KGB-Archiv in Moskau. Hier liegt auch verschlepptes Archivmaterial der Sparkassen. Seine Nutzung ist für deutsche Historiker möglich. © dpa

1945 rollten drei Zugladungen voller Leitz-Ordner aus den russischen Besatzungszonen in Richtung Moskau. Darin befanden sich NS-Akten des Innenministeriums, des Wirtschaftsministeriums und des Reichskommissariats für das Kreditwesen in Berlin.

Das für die Historiografie der Kreditwirtschaft unentbehrliche Material füllt heute in einem von deutschen Kriegsgefangenen errichteten Archivgebäude viele Regalkilometer. Erst seit der sogenannten Männerfreundschaft zwischen Altkanzler Helmut Kohl und Russlands erstem Präsidenten Boris Jelzin dürfen Historiker und Journalisten dort forschen. Ein Fernsehteam des WDR machte im Archiv vor einigen Jahren Aufnahmen für einen Dokumentarfilm über die Arisierung des Otto-Wolff-Konzerns.

DSGV forscht nach Quellen

Die wissenschaftliche Auswertung dieser Akten könnte auch Licht in die Geschichte des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands während jener Jahre bringen. Schon um das Jahr 1900 gehörten dem Verband mehr als 2500 Sparkassen an. In den 30er-Jahren war der DSGV in Berlin eine einflussreiche und weit vernetzte Wirtschaftsorganisation, die wie jede Einrichtung in jener Zeit gleichgeschaltet, also dem Führerprinzip unterworfen wurde. Im vergangenen Jahr hat sich der DSGV entschlossen, die Quellenlage zur Verbandsgeschichte während der NS-Zeit zu erforschen.

Thorsten Wehber, Historiker beim DSGV, beschreibt die Ziele: „Wir fragen uns, ob es damals Korrespondenzen mit staatlichen Behörden und Dienststellen der Partei gegeben hat, und wie sich der DSGV in diesem Geflecht miteinander konkurrierender Machtzentren positioniert hat. Hat die Partei auf den Verband Einfluss nehmen können? Konnte der DSGV vielleicht selbst die Politik mitgestalten? Auch unter den Bedingungen der Gleichschaltung hatten solche Organisationen ja eine ganze Menge Möglichkeiten.“

Wehber kooperiert mit Professor Günther Schulz, Wirtschafts- und Sozialhistoriker an der Universität Bonn. „Wir untersuchen, ob es möglich ist, auf der Basis neuer Quellenfunde Vergleiche zwischen der Lage im DSGV, der lokalen Situation der Sparkassen und ihrer Wettbewerber herzustellen“, sagt Schulz. All das sei aus Forschungssicht noch „tabula rasa“.

Schwierige Quellensuche

Bevor Wehber und Schulz Antworten präsentieren können, müssen neue Quellen gefunden werden. Nur auf der Basis von Verbandspublikationen wie SPARKASSE oder „SparkassenZeitung“ – Historiker sprechen von „grauer Literatur“ – ist noch keine Historiografie möglich. Bei einer dezentralen Organisation ist die Quellensuche ungleich schwieriger als in einer zentral geführten Geschäftsbank mit nachgelagertem Filialnetz.

Das Verbandsarchiv in Bonn bietet nicht für alle Fragen genügend Material. „Wir wollen in einem Projekt mit Professor Schulz herausfinden, welche Quellen es noch bei regionalen Sparkassenverbänden und Landesbanken, aber auch in öffentlichen Archiven wie dem Bundesarchiv und ausländischen Archiven wie etwa dem Moskauer Sonderarchiv, gibt“, sagt Wehber. Am Ende hänge es von den Ergebnissen einer Vorstudie ab, ob sich eine aussagekräftige Verbandsgeschichte für diese Zeit überhaupt schreiben lässt.

Rote Armee verschleppte Akten

Einer, der schon mehrfach in dem ehemaligen KGB-Archiv geforscht hat, ist der Bielefelder Historiker Harald Wixforth, Lehrbeauftragter an der Universität Bochum und Experte für die Geschichte der Kreditwirtschaft in der NS-Zeit. „Auf jeden Fall“ seien in Moskau auch Entdeckungen zur Sparkassenhistorie zu machen, sagt Wixforth, es sei nur sehr mühsam, etwas zu finden.

Wixforth war Mitglied in Historikerkommissionen, die die Geschichte deutscher Großbanken während der NS-Zeit erforschten. Er ist schon etwa zehn Mal in dem Archiv gewesen. Auch die Allianz, Deutsche Bank, Commerzbank, die österreichische Historikerkommission und eine Kommission der Kreditanstalt Bank Austria haben laut Wixforth dort forschen lassen. Außerdem seien Studien über die Arisierungen privater Bankhäuser entstanden.

„Riesige Wände aus Karteikästen“

Wixforth bestätigt: „Drei Züge mit Akten aus den Berliner Ministerien gingen 1945 nach Moskau. Ein Zug ist in der Ukraine verschollen, zwei kamen in Moskau an, heute liegen dort fünf Millionen Akten.“ Es gebe zwar riesige Wände aus hölzernen Karteikästen, aber die Archivorganisation habe einen Rückstand von etwa 40 Jahren. Die Bestände seien unzureichend erschlossen, es gebe nur unvollständige russische Findebücher mit einigen deutschen Übersetzungen.

Niemand kenne die Bestände genauer, vom Archivdirektorium vielleicht abgesehen. Dass das Archiv heute überhaupt noch besteht, könnte auch daran liegen, dass der russische Staat das Forschungsinteresse der Historiker als Einnahmequelle erkannt hat. „Eine kopierte Seite hat im Jahr 2003 einen Dollar gekostet“, sagt Wixforth.

„Geräuschlose Kriegsfinanzierung“

Der NS-Historiker war auch Co-Autor eines Sammelbands über die Geschichte der Dekabank seit 1918. Auf Initiative einer Deka-Führungskraft hat das Unternehmen vor einigen Jahren ein Firmenarchiv aufgebaut und planmäßig Quellenmaterial für die Publikation gesammelt.

Nach Wixforths Untersuchung war die Deka-Vorläuferinstitution DGZ-Bank in den 1930er-Jahren zunächst nur für Kommunalkredite zuständig und fungierte „als eine reine Clearing-Stelle“, die – anders als viele Sparkassen – nicht direkt an Arisierungen und anderen Zwangsmaßnahmen beteiligt war.

 
Besucher der Berliner Ausstellung "Sparen- Geschichte einer deutschen Tugend" im Frühjahr 2018. Rechts Sparkassenwerbung mit einem Motiv aus der NS-Zeit. © dpa

Die Aufgaben der DGZ änderten sich aber nach einer Intervention Hermann Görings, der während der letzten Kriegsphase Ansprüche auf Einlagen erhob. Seit etwa 1943 flossen die bei der DGZ geparkten und wegen des Konsumrückgangs offenbar erheblich angewachsenen Mittel der Sparkassen in gigantische Rüstungsprogramme.

„Die bisher sogenannte geräuschlose Kriegsfinanzierung der Sparkassen gewinnt damit deutlich an Kontur“, sagt Wixforth. Das sei für ihn „das eigentlich Überraschende“ bei der Arbeit am Deka-Projekt gewesen.

Sparkassen gehen voran

Wie im Fall der Deka, sind neue Erkenntnisse zur NS-Zeit dem Engagement einzelner Führungspersönlichkeiten in der Sparkassen-Finanzgruppe zu verdanken. Hans Meermann, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bielefeld, setzte sich ebenfalls für eine „lückenlose und objektive“ Geschichtsschreibung seines Instituts ein und initiierte den Aufbau eines Institutsarchivs (siehe Interview unten).

Meermann gewann Historiker Wixforth als Autor für eine Publikation zum 175-jährigen Bestehen der Sparkasse Bielefeld. Die Institutsgeschichte wird darin in den allgemeinen Forschungsstand zur NS-Zeit integriert, und Wixforth verschweigt nicht das Traurige und Unbequeme: Auf politischen Druck und laut Anordnung des Westfälischen Sparkassen- und Giroverbands zog die Kreissparkasse Bielefeld seit 1943 die Vermögen verstorbener und verschollener Juden ein und transferierte sie an Finanzämter und reichseigene Kreditinstitute. Das Archiv der Kreissparkasse verwahrt Listen mit den Namen von etwa hundert verfolgten Sparkassenkunden, deren Vermögen enteignet wurde.

Das Gleiche belegt der Historiker Karl Heinrich Kaufhold, Emeritus der Universität Göttingen, für die Sparkasse Göttingen. Auf Weisung des örtlichen Finanzamts meldete das Institut Namen und Spareinlagen seiner jüdischen Kunden – mit den bekannten Folgen. Seine neue Hauptgeschäftsstelle ließ das Institut auf einem Grundstück errichten, das es im Rahmen der Arisierungen von einem jüdischen Kaufhausbesitzer unter Wert erwerben konnte. Das war kein Einzelfall. Beispielsweise gelangte damals auch die Sparkasse in Mülheim an der Ruhr günstig an das Grundstück der benachbarten Synagoge.

 
Synagogen- und Sparkassengebäude in Mülheim a.d. Ruhr befanden sich seit 1908 in unmittelbarer Nachbarschaft. 1938 musste die stark bedrängte jüdische Gemeinde der Stadt das Synagogengrundstück zu einem geringen Preis überlassen. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 zündete die Feuerwehr die Synagoge an, und die Sparkasse kassierte eine Schadensumme für das versicherte Gebäude. Sparkasse und jüdische Gemeinde konnten sich nach 1945 in einem außergerichtlichen Vergleich auf Restitutionszahlungen einigen. © Sparkassenarchiv

Sparkassenvorstand Konrad Soergel machte nicht mit

Ein ebenfalls dunkles und bisher vernachlässigtes Kapitel ist das Schicksal der vom NS-Regime verfolgten Mitarbeiter und Führungskräfte. Eine Ausnahme macht die Sparkasse Coburg.

Die Geschichte des Geldinstituts ist einerseits eine Art Präzedenzfall für die Gleichschaltungspraxis in den Sparkassen. Andererseits hat es hier einen der vermutlich raren Fälle gegeben, bei denen ein Sparkassenchef den Mut besaß, sich gegen die braunen Machthaber aufzulehnen.

In einer aufwendigen Publikation zum 175-jährigen Bestehen der Sparkasse Coburg zeichnen die Historiker Frank Finzel und Michael Reinhart das Schicksal des Konrad Soergel nach.
 
Konrad Soergel (1877 bis 1940) war bis 1934 Vorstandschef der Sparkasse Coburg. Seit 1931 setzte er sich gegen die politische Vereinnahmung seines Instituts zur Wehr und nahm dafür Entlassung und Armut in Kauf. © dpa

Der Coburger Sparkassendirektor hatte sich gegen die Politisierung seines Instituts und gegen Versuche der in Coburg sehr starken NS-Behörden zur Wehr gesetzt, Parteieinrichtungen Sparkassenkredite in unverantwortlicher Höhe zuzuschanzen. Soergel wurde daraufhin ein Untreueverfahren angehängt, indem nationalsozialistisch gesinnte Sparkassenmitarbeiter Geld unterschlugen.

Obwohl Soergel 1934 seinen Prozess sogar gewann, verfolgte ihn der Coburger Stadtrat mit unversöhnlichem Hass. Soergel erkrankte nach seiner Entlassung und der Festsetzung seines Vermögens im Jahr 1931 schwer und starb 1940 in schwierigsten ökonomischen Verhältnissen.

Sparkassenmitarbeiter Roller entging den Euthanasiemördern

Dem Vergessen entrissen wurde auch der Name eines weiteren Sparkassenmitarbeiters, der schwer unter den Nazis gelitten hat: Autor Hans-Joachim Lang hat für sein Buch „Als Christ nenne ich Sie einen Lügner“ mit Theodor Roller Gespräche geführt und umfangreiches Archivmaterial ausgewertet.

Theodor Roller war Buchhalter bei der Kreissparkasse Tübingen. 1939 wurde der 22-Jährige an seinem Arbeitsplatz verhaftet, weil er mehrere Briefe an Adolf Hitler geschrieben und diesen einen Lügner genannt hatte.

Als aufmerksamer Leser von "Mein Kampf" hatte Roller klar gesehen, dass Hitler entgegen seiner offiziellen Politik ein erklärter Todfeind des Christentums war. Als Roller aus Gewissensgründen keinen Eid auf Hitler leisten wollte, geriet er in die Mühlen der NS-Justiz.

Alfred Bohn, Vorsitzender des Stuttgarter Sondergerichts, sperrte den medizinisch völlig gesunden Roller 1940 in die Psychiatrie. Dort entging der mutige Christ Deportation und Tötung bei den sogenannten T4-Morden wahrscheinlich nur durch durch Zufall, auch weil er immer arbeitsfähig blieb und dank der Zuwendung seiner Mutter den Mut nicht verlor.

Nach dem Krieg wurde Roller zunächst Bohnerwachsvertreter und musste jahrelang um seine Rehabilitation kämpfen. Richter Bohn kam dagegen als "unbelastet" davon und verzehrte bald als Landgerichtsdirektor eine sehr auskömmliche Pension, was Lang, Historiker und Redakteur bei der Tageszeitung "Schwäbisches Tagblatt", als das Werk "einer großen Weißwäscherfabrik" beschreibt.

Für Vergleichsstudien und Monografien reicht das Material noch nicht

So verdienstvoll diese und andere Einzelpublikationen auch sind – Sparkassenhistorie ist bisher fast immer anlassbezogen und eine Sache von historiografisch mehr oder weniger zureichenden Fest- und Jubiläumsschriften geblieben.

Das aktuelle Projekt des DSGV ist ein Versuch, systematisch und im gesamten Verbund nach relevanten Quellen zu suchen, um die Forschung weiterzuentwickeln. Doch Vergleichsstudien und Monografien können erst entstehen, wenn sich mehr Sparkassen, Versicherungen und andere Gruppeneinrichtungen als bisher für ihre Unternehmensgeschichte während jener Jahre interessieren.

„Intensiver mit der eigenen Historie beschäftigen“


Interview mit Hans-Georg Vogt, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bielefeld.

Herr Vogt, vor neun Jahren ist eine Jubiläumsschrift zum 175-jährigen Jubiläum Ihres Instituts erschienen. Was waren die Ziele?
Hans-Georg Vogt: Mein Vorgänger und damaliger Kollege Hans Meermann hat immer gesagt, wir wollen nichts schönreden, sondern wir wollen eine lückenlose und objektive Darstellung der Geschichte unserer Sparkasse. Wir haben daher Kontakt zur Fakultät für Geschichte der Universität Bielefeld aufgenommen und mit Harald Wixforth einen ausgewiesenen Experten als Autor gewinnen können.

 
Hans-Georg Vogt, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Bielefeld, sprach im August 2009 mit dem Magazin SPARKASSE über die NS-Vergangenheit seines Hauses. © Susanne Freitag

Was meinen Sie mit „schönreden“?
Vogt: Sparkassen waren im Dritten Reich nicht wirklich selbstständig, sondern in das nationalsozialistische Wirtschaftssystem eingebunden. Sie waren damit beispielsweise auch an Enteignungen von jüdischem Besitz beteiligt. Hier hat es sicher teilweise böse Auswüchse gegeben. Wir wollten hier Genaueres über die Geschichte unseres Instituts wissen.

Haben Sie etwas herausgefunden?
Vogt: Das, was sich herausfinden ließ, steht in unserer Festschrift. Die Schwierigkeit bestand darin, geeignete Quellen zu finden, die belegen, wie mit der politischen Situation damals in der Geschäftspraxis umgegangen wurde. Einiges ist mir auch nur vom Hörensagen bekannt: In Westfalen-Lippe gab es bis etwa Anfang der 1930er-Jahre sogenannte Sparkassenrendanten, die Sparkassenleiter. Die sollen nach der Machtübernahme auf Bezirksebene unabhängige Arbeitsgemeinschaften gegründet haben, weil der Verbandsgeschäftsführer dem NS-System sehr eng verbunden war.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband sucht zurzeit systematisch nach Quellen zur Verbandsgeschichte. Wie beurteilen Sie das?
Vogt: Ich kann das nur uneingeschränkt begrüßen. Ich glaube, dass die Sparkassen-Finanzgruppe an diesem Thema arbeiten muss. Auch die Institute sollten sich intensiver mit der eigenen Historie während dieser Zeit beschäftigen. Zwar hat es in den Sparkassen, anders als in anderen Unternehmen, sicher keine Zwangsarbeit gegeben. Aber es kann sein, dass noch Menschen leben, die unter wie auch immer gearteten Zwangsmaßnahmen der Sparkassen gelitten haben. Es darf nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden, was damals passiert ist.

Sie bauen in Ihrem Haus ein Archiv zur Institutsgeschichte auf. Welche Schwerpunkte setzen Sie?
Vogt: Wir können mit begrenzten Mitteln keine lückenlose Überlieferung sicherstellen wie ein Staats- oder Kommunalarchiv. Aber wir wollen dennoch mit unserem Historischen Archiv die vielfältige Geschichte unserer Sparkasse in all ihren Facetten dokumentieren. Neben der klassischen Archivierung zentraler Dokumente wie Vorstands- oder Verwaltungsratsprotokolle bewahren wir daher auch Werbe- und Zahlungsmittel, Fotos, Plakate, Bauzeichnungen oder technisches Gerät auf. Unser Archiv dient natürlich zunächst vor allem als Langzeitgedächtnis unseres Unternehmens, steht aber auch der lokal- oder wirtschaftshistorischen Forschung zur Verfügung.