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| Jubiläum

Reformer und Standortpolitiker

„Unsere Aufgabe ist Dienen und nicht Verdienen.“ Eine Jubiläumsfeier in Nossen erinnert an den Sparkassen- und Mittelstandspionier Johann Christian Eberle (1869–1937).

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Vor 150 Jahren wurde Johann Christian Eberle geboren. Aus diesem Anlass findet heute eine Jubiläumsfeier im sächsischen Nossen statt, wo Eberle 20 Jahre als Bürgermeister wirkte. Zu den Festteilnehmern gehören Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Meißens Landrat Arndt Steinbach, DSGV-Präsident Helmut Schleweis, OSV-Präsident Michael Ermrich und Rainer Schikatzki, Vorstandschef der Sparkasse Meißen.

„Erinnern klingt immer so, als wäre etwas vorbei und von gestern“, sagte DSGV-Präsident Schleweis in seiner Ansprache auf dem Nossener Marktplatz. Doch die Geschichte und Lebensleistung Eberles sei sehr aktuell, denn „in Nossen wurde der Grundstein für das moderne Sparkassenwesen gelegt“.

Eberle stammt aus dem pfälzischen Laumersheim, wo er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Auch als promovierter Jurist und Staatswissenschaftler habe sich Eberle mit noch nicht 30 Jahren bewusst für das Bürgermeisteramt in einer kleinen Gemeinde beworben: „Er hat also nicht auf die wirtschaftsstarken Zentren seiner Zeit gesetzt, sondern die unterschätzte Kleinstadt gewählt“, sagte Schleweis. Eberle habe dank seiner engagierten Kommunal-, Sparkassen- und Mittelstandspolitik für „gegenseitiges Zutrauen“ gesorgt. Dieses Zutrauen werde auch heute wieder gebraucht „gerade in jenen Teilen unseres Landes, die unterschätzt werden, weil sie nicht Berlin, München und Hamburg heißen“, so der DSGV-Präsident.

 
Ansichtskarte von Nossen um 1900 – Eberle etablierte als langjähriger Bürgermeister in der sächsischen Kleinstadt den Sparkassen-Firmenkredit für das lokale Gewerbe. © dpa

Zudem gehe es bei Eberle „um die Geschichte einer stillen Revolution“. Bargeldlosen Zahlungsverkehr habe es zwar auch damals schon gegeben, aber erst Eberle habe die wahren Möglichkeiten des Girowesens erkannt und den Giroverkehr im deutschen Sparkassen- und Finanzwesen zum neuen Standard gemacht. Dem Bürgermeister und Sparkassenaufseher Eberle seien „die Interessen des kommunalen Haushalts nicht wichtiger als die Interessen der privaten Haushalte und gewerblichen Unternehmen“ gewesen, sagte Schleweis. Eberle habe damit die lokale wirtschaftliche Entwicklung gefördert und Maßstäbe für die wirtschaftliche Zukunft des Landes gesetzt.

 
Feier zum 100. Geburtstag von Johann Christian Eberle in seinem Geburtsort Laumersheim in der Pfalz. Die Festrede hielt vor 50 Jahren der damalige DSGV-Präsident Ludwig Poullain. © DSGV/ Archiv

OSV-Präsident Michael Ermrich nannte Eberle einen „frühen Standortpolitiker“ und „den wohl bedeutendsten Sparkassenstrategen des 20. Jahrhunderts“. Eberle habe drei Jahrzehnte daran gearbeitet, dass die Sparkassen eigenverantwortliche Körperschaften im Rahmen der kommunalen Selbstverwaltung werden: „Das ist noch heute Wesensmerkmal von Sparkassen“, sagte Ermrich. Anders als viele seiner Zeitgenossen habe Eberle die Perspektive nicht in Großindustrie und Riesenunternehmen gesehen, sondern er habe „standhaft die kleinteilige, mittelständische Wirtschaft verteidigt“ und ihr über Kredite vergebende Sparkassen die Finanzierung und somit das Überleben ermöglicht.

Zu Eberles Motivation sagte Ermrich, Eberle sei ein gläubiger evangelischer Christ gewesen: „Dem Gemeinnutzen dienende Tätigkeiten waren für ihn ein Stück praktizierte Nächstenliebe und notwendig, um wirtschaftlich schwächeren Gruppen der Gesellschaft zu helfen, die in der Konkurrenzwirtschaft an den Rand gedrängt zu werden drohten.“ Den Sparkassen habe Eberle ins Stammbuch geschrieben: „Unsere Aufgabe ist Dienen und nicht Verdienen.“

Der Ostdeutsche Sparkassenverband erinnert in diesem Jahr auf vielfältige Weise an den Sparkassenpionier. Das Historische Archiv des Verbands informiert in seinem Geschichtsblog über Eberle und das sächsische Sparkassenwesen. OSV-Mitarbeiter haben sich mit einem Messestand an Veranstaltungen der Sparkassen beteiligt und Teilnehmer eingeladen, bei einem Quiz das Wissen über die Geschichte des Sparkassen-Girowesens zu vervollständigen.

Eberles Familiengrab befindet sich auf dem Dresdener Johannisfriedhof. Thorsten Wehber, Historiker beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband, schreibt in seiner Würdigung von Eberles Lebensleistung (siehe Anhang), die nach dem Jubilar benannte Medaille sei heute die „höchste Auszeichnung an Persönlichkeiten, die sich um das Sparkassenwesen besonders verdient gemacht haben“. An seinen Namen und sein Wirken erinnere außerdem die Eberle-Butschkau-Stiftung, eine zentrale Einrichtung der Sparkassen-Finanzgruppe zur Förderung ihres Fach- und Führungsnachwuchses.

 
Johann Christian Eberle in seinen späten Lebensjahren. © DSGV/ Archiv

Über Eberles politische Einstellung und Sozialisation schreibt Wehber, diese sei „konservativ-monarchistisch“ gewesen, auch während der Jahre der Weimarer Republik. Als Abgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei habe er zehn Jahre dem sächsischen Landtag angehört. Dem Nationalsozialismus gegenüber habe sich Eberle „zwiespältig“ verhalten. Einerseits habe er gehofft, dass sich das NS-Regime für das Sparkassenwesen einsetzen würde, andererseits habe er „erstaunlich offen“ Kritik an Zentralisierungstendenzen und am Vorgehen des NS-Staats gegen politische Gegner geübt. Eberle habe es stets abgelehnt, Mitglied der NS-Partei zu werden. Wehber wertet das als Indiz, dass sich Eberle mit der NS-Ideologie nicht identifiziert habe.

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia heißt es zu den späten Lebensjahren Eberles, er habe aus seiner politischen Einstellung heraus die Sparkassen dem NS-System nutzbar machen wollen, den wahren Charakter des totalitären Regimes zu spät erkannt und zuletzt unter seinem enger werdenden Handlungsspielraum gelitten.