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| Branchenjargon - Glosse

Resilienz gegen Disruption

Die Digitalisierung ist nicht disruptiv genug? Macht nichts. Es kommt nur darauf an, den neuesten Beratersprech zu kennen.

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Eine Haupteigenschaft der sogenannten Digitalisierung ist angeblich, dass sie disruptiv daherkommt. Neue Technik unterbricht plötzlich alte Prozesse und verdrängt sie vom Markt, so zumindest der Anspruch. Aber welches neue Wort kommt nach der Disruption? Das fragen wahrscheinlich nicht nur Führungskräfte, die nach sprachlicher Abwechslung lechzen. Doch es gibt Rat: Resilienz hat offenbar das Zeug zum neuen Management-Modewort.

Resilienz heißt Widerstandsfähigkeit. Das Fachwort war bisher vor allem Psychologen bekannt – wer Störungen gut ausblenden kann, ist resilient. Doch bald könnte das Wort in aller Munde sein. Resilienz (resilience!) ist genau das, was der Chef von Mitarbeitern erwartet, die die Folgen disruptiver Digitalisierung tragen: konzentriert und leistungsfähig bleiben, obwohl eigentlich alles dagegenspricht. Mitarbeiter sollen die mental belastenden Folgen der Digitalisierung (Multi-Tasking) dank ihrer persönlich-emotionalen Ressourcen in Geschäftserfolg verwandeln. Genau das bedeutet Resilienz.

 
Gegen Panik hilft Resilienz - das neue Management-Buzzword ist schon gefunden. © dpa

Wer wählt diese Worte eigentlich aus? Die Unternehmensberater, sagt Manny Maceda, Chef der US-Unternehmensberatung Bain, der es wissen muss. Aber das sind doch Buzzwords aus dem Branchenjargon! Klar, bestätigt Maceda gelassen in einem Interview mit der „FAZ“: „Jargon ist nichts Schlechtes. Er macht die Kommunikation innerhalb einer Gruppe einfacher und bequemer.“

Was sagt das den Beschäftigten aus der Linienorganisation? Es geht ums Dabeisein und Dazugehören. Wenn Berater von Disruption reden, ist das ein Zeichen unter Eingeweihten: „Hey, ich bin einer von Euch, denn ich weiß auch, wie man dieses bescheuerte Wort verwendet.“ Und wenn irgendwann alle von Disruption reden, können sich die Berater zufrieden zuzwinkern und sagen: Mission completed.

Aber warum dauert die digitale Disruption eigentlich so lange? Warum wollen nicht alle mit fest aufs Smartphone gerichtetem Blick gegen Laternenpfähle laufen? Wo bleibt das schnelle Internet? Wo landen all unsere Daten, und wer wird reich damit? Alles ganz falsche Fragen. Worte dienen der sozialen Distinktion, und die Sprechhandlung eröffnet Karrierewege. Wenn der Chef demnächst erklärt, bei der Resilienz sei noch Luft nach oben, zeigen Sie, dass Sie das Spiel verstanden haben: „Klar Chef, denn meine persönlich-emotionalen Ressourcen sind praktisch unerschöpflich, das macht ja all diese disruptiven Prozesse für mich erst zu einer kreativen Herausforderung. Sprechen wir jetzt über meine Beförderung zum Teamleiter?“

Wer das nicht über die Lippen bringt, braucht mehr Resilienz – gegen Phrasen und Branchensprech. Und wer dann trotz bester Buzzwortkenntnisse auf der Karriereleiter immer noch unten klettert, kann sich trösten. Der Wert eines Mitarbeiters wird heute angeblich nicht mehr nur an seiner Hierarchiestufe gemessen. Was die Berater nicht sagen: Das Gehalt meistens schon.