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| Geschichte

Wendepunkt vor 50 Jahren

"Delegation von Denkarbeit auf Apparate" – eine Präsidentenrede beim Sparkassentag 1969 markiert in mehrfacher Hinsicht einen radikalen Traditionsbruch.

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Seit mehr als 200 Jahren sind die Sparkassen erfolgreich auf dem Bankenmarkt aktiv. Möglich war das nur, weil sie sich immer an ein sich wandelndes Umfeld angepasst haben. Ein Markstein in der jüngeren Vergangenheit war der Deutsche Sparkassentag 1969 in Karlsruhe. Zukunftsweisend war vor allem die „Sparkassenpolitik für morgen“ betitelte Grundsatzrede von DSGV-Präsident Ludwig Poullain (1919 bis 2015).

Der Sparkassentag fand vor 50 Jahren mitten in einer politischen und gesellschaftlichen Umbruchzeit statt. Im Vorjahr hatten Jugend- und Studentenproteste die westdeutsche Gesellschaft erschüttert. Im Herbst 1969 wählte der Bundestag mit Willy Brandt zum ersten Mal einen Sozialdemokraten zum Bundeskanzler.

 
Markt, Technik, Fortschritt - der Sparkassentag 1969 markiert den endgültigen Bruch der Institute mit ihrer Vergangenheit als behördenartige Einrichtung der Kommune. © DSGV/ Archiv

Die Veränderungen, die Sparkassen und Landesbanken erlebten, waren anderer Art. 1967 waren die staatliche Zinsregulierung und bestehende Werbebeschränkungen fortgefallen. Eine 1968 abgeschlossene Regierungsenquete über den Wettbewerb in der Kreditwirtschaft hatte den öffentlichen Auftrag der Sparkassen bestätigt. Damit war gesichert, dass sie auch künftig alle wesentlichen Zweige des Bankgeschäfts betreiben durften.

An der Spitze des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands hatte es ebenfalls einen Umbruch gegeben. Im Oktober 1967 war Ludwig Poullain Fritz Butschkau als Präsident nachgefolgt, der den Verband fast zwei Jahrzehnte geführt hatte. Der Karlsruher Sparkassentag bot Poullain eine Bühne, seine Vorstellungen von der modernen Sparkasse zu präsentieren.

 
Wilder Blumenschmuck - Publikum und Podium beim Sparkassentag in Karlsruhe vor 50 Jahren. © DSGV/ Archiv

Das Ergebnis der Enquete interpretierte er als Auftrag an die Sparkassen: Zum Nutzen der Verbraucher sollten sie auf möglichst vielen Feldern den Wettbewerb suchen. Der Kernsatz seiner Rede lautete: „Die praktische Sparkassenpolitik ist marktorientiert.“ Erreicht werden sollte die Marktorientierung durch „systematische Marktuntersuchungen“ und „die Entwicklung einer eigenen Marktstrategie, um die Reaktionen aller Marktteilnehmer vorauszuplanen und die Kundenbedürfnisse durch marktkonformes Verhalten zu befriedigen. Zu dieser Marktstrategie gehört auch, sparkassenkonzeptionsgerechte Kundenwünsche zu wecken.“

 
„Die praktische Sparkassenpolitik ist marktorientiert.“sagte DSGV-Präsident Ludwig Poullain beim Sparkassentag in Karlsruhe vor 50 Jahren. © DSGV/ Archiv

Der letzte Punkt bedeutete einen Bruch mit der Tradition. Die Sparkassen sollten nun selbst Nachfrage erzeugen statt wie bisher eine bestehende Nachfrage decken. Dafür mussten sie sich endgültig von behördenähnlichen Einrichtungen zu Unternehmen wandeln. In seiner Rede machte Poullain deutlich, welche Veränderungen er für erforderlich hielt.

Mit an erster Stelle stand die Nutzung neuer Methoden der Unternehmensführung auf der Basis moderner Computertechnik. Die „Delegation von Denkarbeit auf Apparate“ sah Poullain als große Chance, und er war überzeugt: „Der Computer wird in Zukunft Kreditfälle ebenso wie die Planung der Liquidität, Anlageberatung ebenso wie die Steuerung der Rentabilität, Rationalisierung und Kostenrechnung ebenso wie letzthin die Projektierung der Geschäftspolitik zu bearbeiten haben.“

Angestellte Manager pflegen neuen Führungsstil

Mindestens ebenso notwendig war ein moderner Führungsstil, der auf offenem Meinungsaustausch basieren und Leistung und Verantwortung stärken sollte. Für das größte Hindernis auf dem Weg dorthin hielt Poullain, dass die Sparkassen immer noch von Beamten auf Lebenszeit geleitet wurden. Er forderte daher eine Besetzung der Vorstände mit angestellten Managern, die zeitlich befristete Verträge und eine gewinnabhängige Vergütung erhalten sollten.

Darüber hinaus plädierte der DSGV-Präsident für eine Optimierung und Vereinheitlichung von Ausbildung und Schulung auf allen Ebenen. Gipfeln sollte das Bildungswesen der Sparkassenorganisation künftig in einer „Akademie für Führungskräfte… etwa nach dem Muster von Harvard mit den besten in diesem Land und anderen Gefilden greifbaren Lehrern bestückt“.

Der wissenschaftlichen Analyse der Sparkassen und des Geld- und Kreditwesens insgesamt maß Poullain wachsende Bedeutung zu. Deshalb erklärte er eine Intensivierung der Arbeit der heutigen Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V. für erforderlich und schlug die Bildung einer Evidenzstelle für alle regional und zentral durchgeführten Forschungsaufgaben vor.

Zentralisierungsideen finden kein Gehör

Schließlich warb Poullain für eine Verbesserung der Verbundzusammenarbeit und für strukturelle Veränderungen der Sparkassenorganisation. Seine Kernforderung war eine Stärkung der Stellung des DSGV als „Leitstelle einer zentralen Sparkassenpolitik“. Dabei sollte zwar „die Souveränität der regionalen Verbände im Grundsatz“ unberührt bleiben. Der von ihm gewünschte direktere Draht zwischen dem DSGV und den Sparkassen rührte allerdings an den Grundfesten der Dezentralität. Dasselbe galt für sein Postulat, große Verbundunternehmen wie den Deutschen Sparkassenverlag und die Deutsche Girozentrale auch gesellschaftsrechtlich enger mit dem Spitzenverband zu verbinden.

Dass Poullain sich mit seinen Zentralisierungsideen nicht durchsetzen konnte, war einer der Gründe, weshalb er 1972 als DSGV-Präsident zurücktrat und sich auf sein Hauptamt als Vorstandsvorsitzender der WestLB konzentrierte. Vieles von dem, das er in Karlsruhe gefordert hatte, sollte allerdings Realität werden:

  • „Marktorientierung“ wurde tatsächlich zum Schlüsselbegriff für die Geschäftspolitik und die innerbetriebliche Organisation der Sparkassen in den 1970er-Jahren.
  • Die Computerisierung ging auf fast allen von Poullain genannten Feldern in schnellem Tempo voran.
  • Das Ende des Beamtentums in den Sparkassenleitungen kam sehr rasch. Dadurch zog tatsächlich ein stärker unternehmerisch geprägtes Denken in die Institute ein.
  • Das Bildungswesen der Sparkassenorganisation machte insgesamt große Fortschritte. Bereits 1970 nahm die „Deutsche Sparkassenakademie“ in Bonn den Betrieb auf. Sie bot die von Poullain propagierten modernen Seminarprogramme für Führungs- und Fachkräfte an.
In der Rückschau war der Sparkassentag 1969 der symbolische Startpunkt für die unternehmerisch geführte, markt- und wettbewerbsorientierte Sparkasse, die wir heute kennen.

Lesen Sie hier die Artikel über den Sparkassentag 2019 in Hamburg.