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10. August 2017 - 13:10Hochwasser - Interview

Mit 14000 Sandsäcken gegen die Flut

von Sebastian Heise, Öffentliche Versicherung Braunschweig

Thorben Grabenhorst, Mitarbeiter der Öffentlichen Versicherung Braunschweig, war als Gruppenführer der Freiwilligen Feuerwehr 44 Stunden im Hochwassereinsatz.

Keller leerpumpen, Sandsäcke stapeln, guten Rat geben - Öffentliche-Mitarbeiter Thorben Grabenhorst hat bei Feuerwehreinsätzen vielen Hochwasseropfern geholfen. (privat)
Thorben Grabenhorst (33) ist im Fach- und Vertriebssupport für Makler bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig tätig. Während der Flutkatastrophe in der Region war er von Dienst freigestellt und für die Freiwillige Feuerwehr als Gruppenführer im Einsatz. Grabenhorst half in Hildesheim, im stark betroffenen Rhüden bei Seesen und in Wolfenbüttel, wo ein Altenheim evakuiert werden musste.

DSZ: Herr Grabenhorst, wie haben Sie den Beginn des Hochwassers erlebt?
Thorben Grabenhorst: Gegen 17 Uhr wurden wir alarmiert – nach Herstellung der Bereitschaft sind wir mit 120 Mann und 27 Fahrzeugen Richtung Hildesheim aufgebrochen. Zwei Züge sind direkt auf dem Bauhof geblieben und haben Sandsäcke befüllt, wobei viele Hildesheimer dabei freiwillig mitgeholfen haben. In Hildesheim heißt eine Straße ironischerweise „Große Venedig“ – dort drohte die Innerste überzulaufen, das Wasser sickerte bereits in Richtung des Pumpenwerks des Schwimmbads und in Richtung der Grundstücke, deren Einfahrten unter der Innerste liegen. Wir haben mit unserem Zug unter anderem das Pumpenwerk beschützt, in dem auch Chemikalien gelagert sind. Unser Einsatzort war ein Straßenabschnitt von ca. 500 Metern Länge, für den wir beidseitig Sandsäcke aufgeschichtet haben. Am nächsten Morgen wurden wir von 86 Feuerwehrkräften aus Salzgitter abgelöst. Später waren dann auch noch Kameraden aus Celle und Peine im Einsatz. Nur an dieser einen Straße.
DSZ: Waren Sie auch in anderen Orten im Einsatz?
Grabenhorst: Ja, kaum hatte ich nach dem hinter mir liegenden 26-Stunden-Tag eine kleine Verschnaufpause, kam die Nachricht, dass es auch in Goslar Katastrophenalarm geben sollte. Um zehn Uhr machten wir uns also wieder auf den Weg nach Goslar, von wo aus wir für Rhüden bei Seesen eingeteilt wurden.
DSZ: Wolfenbüttel war ebenfalls stark betroffen. Waren Sie dort auch im Einsatz?
Grabenhorst: Ja, um fünf Uhr früh am Freitag ging die Sirene. Wir haben Hilfskräfte aus Gifhorn abgelöst, die um das Wolfenbütteler Rathaus und am Altenheim am Grünen Platz eingesetzt waren. Das Erdgeschoss war bereits evakuiert und es mussten enorme Wassermengen umgepumpt werden. Unser dritter Einsatzort war dann Groß Stöckheim, wo ein Fachwerkhaus gegen das Hochwasser gesichert werden musste. Abgelöst wurden wir am Altenheim dann vom THW aus Detmold und Bad Fallingbostel, die ihre Spezialpumpen mitgebracht haben. Damit kann man bis zu 15.000 Liter Wasser in der Minute befördern, was angesichts des Wasserstandes auch dringend nötig gewesen ist und die Lage am Altenheim erheblich entspannte, so dass die Bewohner wieder zurück in ihre Räumlichkeiten konnten.

DSZ: Gab es Verletzte oder Vermisste?
Grabenhorst: Als wir unseren Einsatz gerade beendet hatten und abfahrbereit waren, rief jemand: „Aufsitzen, Kind in Oker!“. Wir waren rund 200 Meter Luftlinie entfernt von der Oker. Ein Kinderfahrrad mit einer Mütze am Lenkrad wurde dort am Ufer gefunden. Sofort haben wir uns aufgeteilt, um die Ufer abzusuchen und von der Brücke aus nach dem Kind zu schauen. Acht Boote der Feuerwehren aus Wolfenbüttel und Umgebung, eine Tauchergruppe der Salzgitter AG sowie ein Polizeihubschrauber aus Hannover waren am Einsatz beteiligt - insgesamt etwa 185 Einsatzkräfte. Nach fast zwei Stunden Suche kam glücklicherweise der Vater mit dem Kind an die Einsatzstelle, um das Fahrrad abzuholen: Es stand schon einige Zeit da, weil es einen Platten hatte. Ein besorgter Bürger hatte die Feuerwehr gerufen, als er das Rad dort stehen sah. Da ich selbst erst vor acht Wochen Vater geworden bin, ging mir diese Situation ganz besonders nahe. Einsätze mit Kindern gehören zum Schlimmsten, was wir Rettungskräfte erleben können.
DSZ: War das Ihr bisher größter Einsatz?
Grabenhorst: Ich war 2013 beim Elbe-Hochwasser in Magdeburg auch dabei, das eine noch größere Dimension hatte. Allerdings war ich im Hafen eingesetzt und hatte daher wenig mit den betroffenen Bürgern zu tun. Diesmal war ich, zum Beispiel in Rhüden, auch direkt an den Aufräumarbeiten beteiligt. Daher war ich näher an den Menschen dran und habe die Notsituation intensiver wahrgenommen.

DSZ: Ist man als Helfer vor Ort in so einer Situation auch eine Art Seelsorger?
Grabenhorst: Ich habe in solchen Momenten den Eindruck, dass die Menschen stark unter Schock stehen und einfach damit beginnen, ihre Baustelle abzuarbeiten. Das große Erwachen, das Realisieren, was alles zerstört worden ist und auch wie hoch die Schäden sein werden, tritt erst später ein. Die meisten arbeiten erstmal in einer Art Rauschzustand. Auf jeden Fall sind die Menschen sehr nett zu den Einsatzkräften – wir wurden von den Betroffenen überall mit Essen und Getränken verpflegt. In Gesprächen haben wir aber schon mitbekommen, wie schnell das Wasser angestiegen sein muss: Die Menschen hatten keine Chance, überhaupt irgendetwas in Sicherheit zu bringen. Als wir angekommen sind, standen die Orte allerdings bereits nicht mehr unter Wasser, sondern „nur noch“ die Gebäude. Erst bei den Aufräumarbeiten konnte man das gesamte Ausmaß an Schäden erahnen – wenn Fliesen hochgesprengt wurden, das Wasser bis zu einem Meter hoch in den Wohnzimmern steht und sämtliche Möbel zerstört sind. Auch ausgelaufene Heizöltanks waren ein großes Problem: Das ölverschmierte Wasser legt sich – gemeinsam mit einer Schlammschicht – auf den Estrich.

DSZ: Was passiert bei einem Einsatz?
Grabenhorst: In Rhüden waren wir mit drei Zügen vor Ort: Wir fuhren zugweise durch die betroffenen Ortschaften und haben überall gefragt, ob jemand Hilfe benötigt – vom Auspumpen der Keller und Wohnzimmer bis hin zur Rücknahme der Sandsäcke. Denn die insgesamt 14.000 verbauten Sandsäcke allein in Rhüden müssen hinterher auch wieder eingesammelt werden. Die Säcke wiegen rund 20 Kilo und man gelangt schnell ans Ende seiner Kräfte, wenn man sie stundenlang stapelt. Für Hildesheim haben die Kameraden übrigens rund 40.000 Sandsäcke angefertigt.

DSZ: Wann werden die Folgen dieses Hochwassers komplett beseitigt sein?
Grabenhorst: Das ist schwer zu sagen, weil nicht immer alle gleich betroffen sind. Das wird also sicherlich von Ort zu Ort unterschiedlich sein. Die Schäden werden möglichst schnell durch uns und die anderen Versicherer reguliert, für einen Teil der Betroffenen wird sich aber alles noch sehr lange hinziehen.
Thorben Grabenhorst an seinem Arbeitsplatz bei der Öffentlichen Versicherung Braunschweig. (privat)
DSZ: Was denkt der Versicherungsfachmann, wenn er solche Schäden sieht?
Grabenhorst: Da ich bei der Öffentlichen unter anderem für die Angebotsberechnung zuständig bin, gibt es auf jeden Fall deutliche Zusammenhänge, da ich nach solchen Ereignissen vermehrt Anfragen nach dem Einschluss einer Elementarversicherung bekomme. Und wer einmal gesehen hat, wie es aussieht, wenn das Wasser wieder abgeflossen ist, wenn sich Schlamm und Dreck überall in der Wohnung befinden und die Menschen versuchen, ihre Habseligkeiten mit dem Hochdruckreiniger abzuspritzen, wobei vieles trotzdem komplett unbrauchbar geworden ist, der bewertet das Risiko anders. Die Feuerwehr hilft in der akuten Notlage, aber das Aufräumen und Reinigen müssen die Menschen in ihrer Situation selbst bewältigen. Von einer Elementarschadenversicherung bekommt man dagegen schnelle und unbürokratische Hilfe – und die ist wirklich nötig, denn selbst das Fotografieren als Dokumentation wird kompliziert, wenn das Handy im Erdgeschoss gelegen hat und nach dem Hochwasser unbrauchbar ist.

DSZ: Kann Ihr Versicherungshintergrund auch vor Ort helfen?
Grabenhorst: Bei diesem Einsatz sagte ein Feuerwehrkamerad aus Rhüden, dass die Versicherer nach dem Hochwasser 2007 für diejenigen, die noch keine Elementarschadenversicherung abgeschlossen hatten, teilweise extrem hohe Prämien verlangt haben oder die Absicherung gar nicht erst anbieten. Dabei kann jeder auf kompass-naturgefahren.de selbst nachschauen, in welcher der vier Gefährdungszonen er sich mit seinem Grundstück befindet. Und in dem besagten Gebiet in Rhüden waren viele Gebäude in Zone zwei oder drei. Hier wäre eine Versicherung bei den Öffentlichen Versicherungen mit einer regulären Selbstbeteiligung gar kein Problem gewesen. Selbst wenn sich ein Gebäude in der höchsten Gefahrenstufe vier befindet, ist es bei den Öffentlichen möglich, eine individuelle Selbstbeteiligung zu vereinbaren. Mit diesem Versicherungshintergrund kann man den Menschen also Tipps in ihrer Notlage geben.
DSZ: Was für ein Gefühl ist es, wenn man nach einem solchen mehrtägigen Einsatz wirklich helfen konnte?
Grabenhorst: Es wirklich beeindruckend, wenn man die Dankbarkeit der Menschen direkt spüren kann. Zudem ist es für mich genauso schön zu sehen, dass Menschen in einer solchen Notsituation auf einmal bedingungslos füreinander da sind. Im Alltag macht jeder sein eigenes Ding, aber ein solcher Großschaden schweißt die Menschen zusammen. Das konnte man auch 2013 bei dem Hochwasser in Magdeburg sehen – zahlreiche Passanten haben mitgeholfen Sandsäcke zu füllen und sind rumgefahren, um die Einsatzkräfte mit Verpflegung zu unterstützen.
DSZ: Wie geht es für die Betroffenen jetzt weiter?
Grabenhorst: Das große Aufräumen wird sich noch etwas hinziehen. Für die Menschen fängt jetzt die Bürokratie an: Wer eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen hatte, fängt ab sofort an, sich mit der Versicherung auseinanderzusetzen. Wer aber keine Versicherung hat, hat sein gesamtes Hab und Gut verloren, und muss leider zusehen, wie er an eine neue Einrichtung kommt. Jeder kann selbst schätzen, was seine eigene Einrichtung zu Hause eigentlich wert ist. Und wenn das dann auf einmal alles weg ist … und da sind die Schäden an den Gebäuden noch nicht mal mit eingerechnet. Mit den extrem teuren Trocknungskosten fängt es ja erst an. Allein in der Ortschaft Rhüden sind rund 400 Häuser betroffen.

DSZ: Hätten Sie damit gerechnet, dass die Region so stark betroffen sein könnte?
Grabenhorst: Überschwemmungen kommen auch bei uns leider nicht mehr wirklich überraschend, diese war allerdings besonders heftig. Es gibt hier immer wieder Starkregenereignisse und ungünstige Wetterlagen, die ein Hochwasser fördern. Auch in Braunschweig gibt es bestimmte Bereiche an der Oker und der Schunter, wo es immer mal wieder zu Straßensperren kommt oder ein Keller ausgepumpt werden muss. Wenn das Wasser allmählich steigt, hat man noch Zeit, entsprechend zu reagieren, und dann sind auch genügend Einsatzkräfte vor Ort – kommt das Wasser überraschend und mit voller Gewalt, ist man völlig machtlos. Aber durch solche Katastrophen merken wir meiner Meinung nach erst, wie der Klimawandel so langsam auch bei uns ankommt: Ereignisse solchen Ausmaßes kamen früher vielleicht alle 40 Jahre vor. Mittlerweile wiederholen sie sich im Rhythmus von nicht mal zehn Jahren. 2002, 2007, 2013 und 2017, jedes Mal war unsere Region stark betroffen. 2007 traten die Innerste in Hildesheim und die Nette in Rhüden auch schon über die Ufer und es kam zu einem Jahrhunderthochwasser. Nur dass es diesmal 50 Zentimeter mehr gewesen sind als der bisherige Höchststand. Wenn solche Ereignisse heute eintreten, dann sind die Ausmaße deutlich extremer. 
DSZ: Sie haben einen Fulltime-Job und Familie und engagieren sich ehrenamtlich stark. Wie geht das zusammen?
Grabenhorst: Vorangestellt ist der Spaß am Feuerwehrdienst, an der Kameradschaft und natürlich auch die Erfahrungen aus dem Einsatzgeschehen, das macht das gesamte Löschwesen für mich so ungemein interessant. Dazu komme ich aus einer richtigen Feuerwehrfamilie: Meine Opa war in meinem Heimatort 24 Jahre Ortsbrandmeister, mein Onkel zwölf Jahre. Mein Vater ist auch Brandmeister und über viele Jahre Gruppenführer gewesen. Außerdem hat er die Jugendfeuerwehr neu aufleben lassen, die mein Patenonkel bereits in den 70er-Jahren gegründet hatte. Direkt zur Neugründung bin ich also mit zwölf Jahren selbst in die Jugendfeuerwehr eingetreten, mit 16 Jahren war ich bereits im aktiven Feuerwehrdienst tätig. Man benötigt aber auch auf jeden Fall das Verständnis des Arbeitgebers und den Rückhalt der Familie – denn Einsätze kündigen sich in der Regel nicht vorher an: Wenn ich alarmiert werde, lasse ich alles stehen und liegen und rücke mit meinen Kameraden zu jeder Zeit aus.
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