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| Sparkassentag 2019

"Ich verteidige meinen Satz"

"Die Rente ist sicher": Norbert Blüm konnte das so eloquent begründen wie zu seinen besten Zeiten als Bundesarbeitsminister. In der Forumsdiskussion ging es auch um fällige Ergänzungen zur Staatsrente.

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Norbert Blüm ließ sich im Rollstuhl ins Forum 1 fahren. Doch im Sessel auf der Bühne waren ihm seine 83 Jahre nicht anzumerken. "Stehen Sie noch dazu, dass die Renten sicher sind", fragte Moderatorin Sandra Berndt den Bundesarbeitsmnister a.D.. Blüm bejahte und erwiderte fröhlich, er verteidige seinen Satz, der wohl noch auf seinem Grabstein stehen würde, aber bis dahin habe es ja noch Zeit.

Die staatliche Rentenversicherung sei jedenfalls "madig gemacht" worden, obwohl sie immerhin zwei Weltkriege überstanden habe und heute blendend dastehe: "Deutschland 1945, die Städte zerstört, die Fabriken leer, aber die Renten wurden ausbezahlt.− Damals hat General Eisenhower gesagt: Erst jetzt verstehe ich die Deutschen."

 
"Die staatliche Rente ist madig gemacht worden": Norbert Blüm , Bundesarbeitsminister a.D. im Forumsgespräch. © Peter Himsel

Das Hauptproblem der Zukunft sei nicht die Rente, sondern die Arbeit, sagte Blüm. Selbst wenn die Bundesregierung in der Lage wäre, das gravierende Demografieproblem einfach "wegzuregieren", bedeute das nicht, dass alle Deutschen im durchdigitalisierten Erwerbsleben der Zukunft eine "erträgliche Arbeit" finden würden: "Wer heute von einem bedingungslosen Grundeinkommen spricht, hat in Wahrheit schon resigniert und den Menschen das Recht auf eine sinnvolle Arbeit abgesprochen", sagte Blüm und forderte, die Rente nach einem langen Arbeitsleben müsse in jedem Fall höher ausfallen als der Sozialhilfesatz. Faulheit müsse im staatlichen Rentensystem bestraft, Fleiß belohnt werden. Doch eine noch so gute Rentenpolitik könne eine "verfehlte Tarifpolitik" nicht therapieren, sagte Blüm.

 
Forumsdiskussion zum Thema Altersvorsorge (von links): VKB-Vorstandschef Frank Walthes, Caritas-Mitarbeiterin Annette Wagner, Bundesarbeitsminister a.D. Norbert Blüm, Reinhold Thiede, Forschungsleiter bei der Deutschen Rentenversicherung und Moderatorin Sandra Berndt. © Peter Himsel

Reinhold Thiede, Forschungsleiter bei der Deutschen Rentenversicherung, bestätigte, dass die Einnahmensituation seiner Behörde trotz mehrfach gesenkter Beitragssätze noch nie so gut gewesen sei wie heute. Das sei das Ergebnis der Rentenreformen und der unerwartet guten Wirtschaftsentwicklung während der vergangenen Jahrzehnte. "Die Frage ist nur, wie lange noch", und Thiede lieferte die Antwort gleich mit: etwa 20 Jahre. Es sei daher richtig, dass die Renten schon heute nicht mehr so schnell stiegen wie die Löhne und Gehälter.

Doch oft reiche die Rente schon heute nicht, sagte Sozialpädagogin Annette Wagner vom Caritas-Zentrum in Garmisch-Partenkirchen und berichtete aus ihrer Beratungspraxis. Vor allem zahlreiche Frauen, die zwar mit hohem Einsatz Kinder erzogen hätten, aber nicht immer erwerbstätig gewesen seien, bekämen trotz ihrer enormen Leistungen für die Gesellschaft oft nur sehr wenig Rente. Beschäftigte aus den Branchen Soziales, Gastronomie und Pflege, gescheiterte kleine Geschäftsleute und Selbständige sowie vorzeitig Erwerbsgeminderte kämen ohne eine – oftmals fehlende − zusätzliche Absicherung ebenfalls kaum über die Runden. Scham, Rückzug und soziale Isolation seien die Folgen, gerade im ländlichen Raum.

 
Der Rentenminister a.D. neben einer aktiven Mitarbeiterin des Caritas-Verbands: Norbert Blüm und Annette Wagner. © Peter himsel

"Die staatliche Rente braucht oft eine Ergänzung", sagte Blüm und wünschte Vorsorgesparern vor allem "Spielräume, Freiheit und Flexibilität", um für etwaige Versorgungslücken im Alter das richtige Ergänzungsprodukt zu finden. Doch die Riester-Rente sei "Pfusch", kritisierte Blüm mit Nachdruck, weil gerade diejenigen, die sie nötig hätten, für die Inhaber einer Riester-Police mitbezahlen müssten. Das sei eine "Zweckentfremdung" öffentlicher Mittel.

VKB-Chef Frank Walthes wollte das so nicht stehen lassen. Die Nachfrage nach Riester-Produkten sei enorm hoch, 16,5 Millionen verkaufte Policen sprächen für sich, mehr VW-Käfer seien zuzeiten auch nicht verkauft worden. Moderatorin Sandra Berndt hielt dagegen, viele Riester-Verträge würden ja gar nicht mehr bespart. Thiede verteidigte das Produkt. Eine Riester-Police könnte beispielsweise Kinderreiche enorm entlasten. Das Problem sah der Rentenfachmann eher auf der Anbieterseite. Die Riester-Produkte seien "nicht immer intelligent" gemacht, die Vielfalt sei zu groß und die kommerziellen Interessen der Anbieter zu dominant.

Walthes widersprach. Gerade Garantierenten hätten in einer hochregulierten Branche ihren Preis, zumal die Menschen glücklicherweise ein immer höheres Durchschnittsalter erreichten. Der VKB-Chef war sich aber einig mit seinen Mitdiskutanten, dass ein Produkt wie die Riester-Rente eine möglichst weite Verbreitung, also hohe vertriebliche Anstrengungen brauche und eine gewisse Finanzgruppe mit in der Pflicht stehe – ein für den Sparkassentag sehr angemessenes Fazit einer anregenden Diskussion mit gut ausgewählten Gesprächspartnern.