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| Sparkassentag 2019

„Wir haben eine Vertrauenskrise“

Wie steht es mit der Gemeinschaftlichkeit im 21. Jahrhundert? Nicht gut, stellten die beiden Keynote-Speaker des Sparkassentags fest, und daran seien Ökonomie und Finanzwirtschaft nicht ganz unbeteiligt. Wie Sparkassen gegenhalten können.

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Zur Positionsbestimmung der Sparkassen gehört der Begriff der Gemeinschaft. Wie steht es heute damit? Die Bewohner westlicher Industrieländer erleben auf mehrfache Weise Entgrenzungen und Auflösungserscheinungen herkömmlicher Gemeinschaftsformen. Die Nation als umgrenzte staatliche Gemeinschaft scheint ebenso infrage zu stehen, wie die Bindungskräfte von Familien-, Wirtschafts- und Bürgergemeinschaft nachlassen. Was bedeutet das für die Sparkassen, die doch „gemeinsam allem gewachsen“ sein wollen?

„Wir haben eine Vertrauenskrise“, stellte Professorin Jutta Allmendinger fest und berief sich in ihrer Keynote auf eine noch nicht veröffentlichte Panel-Studie, deren Ergebnisse in der kommenden Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ vorgestellt werden sollen. Die Vertrauenskrise der Gesellschaft beziehe sich aber nicht auf den Familien- und Freundeskreis, sagte die Präsidentin am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, sondern auf den generellen sozialen Zusammenhalt und gemeinsam geteilte Werte: „Wie können wir wieder mehr Vertrauen herstellen im Umgang mit Menschen und Institutionen, die wir nicht kennen?“, fragte Allmendinger und appellierte an Schulen, Politik und auch an die Sparkassen, dem Trend zur sozialen Abgrenzung etwas entgegenzusetzen: Eine Sparkasse könne „viel dafür tun, dass das Vertrauen nicht in dem Maße und in der Geschwindigkeit verlorengeht, wie wir das zurzeit erleben“.

Kay: Ursprüngliche Rolle der Finanzwirtschaft gerät aus dem Blick

John Anderson Kay, Gastprofessor an der London School of Economics und Autor populärwissenschaftlicher Bücher über Ökonomie, lenkte den Blick in seiner Keynote auf die Rolle der Finanzindustrie. Diese habe sich zu weiten Teilen von der Realwirtschaft und dem Alltag der Erwerbstätigen gelöst, sei also oft kein verbindendes Element mehr zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Geldinstitute wie die Sparkassen nahm Kay davon aus, das Versagen sah der Brite eher bei den Investmentbanken: „Wenn niemand mehr versteht, wie Finanzprodukte funktionieren, dann funktionieren sie wahrscheinlich gar nicht“, sagte Kay mit Blick auf die Finanzkrise von 2008.

 
Podiumsdikussion mit (von links): Moderatorin Katty Salié, Prof. John Anderson Kay, Prof. Jutta Allmendinger, DSGV-Präsident Helmut Schleweis und Moderator Mitri Sirin. © Peter Himsel

Kay beschrieb die „dramatische Veränderung“ der Finanzmärkte und ihrer Funktion. Ursprünglich entstanden, um Verkehrs-, Rohstoff- und Industrieprojekte mit Kapital auszustatten, ziehe der Finanzmarkt heute eher Kapital aus den weniger kapitalintensiven Techkonzernen heraus. Die ursprüngliche Rolle der Finanzwirtschaft – Zahlungsverkehr, Ressourcenmanagement und Risikoteilung – gerate zunehmend aus dem Blick.

„Sparkassen haben Einfluss auf die Gemeinschaft“

Wie steht es also mit der Gemeinschaft im 21. Jahrhundert? Aus ihrer persönlichen Sicht sei es schlecht darum bestellt, sagte Allmendinger in der Podiumsdiskussion: „Die Zusammengehörigkeit mit einer Region, mit einem Land, mit Europa nimmt ab und zerbröckelt.“ Optimistisch stimme sie aber, dass die Leute aufgeschlossen seien für sozialen Wandel. Ein Einzelner könne aber wenig ausrichten, er brauche eine „helfende Hand“. Hier versage oft das herkömmliche institutionelle Gefüge.

DSGV-Präsident Helmut Schleweis sagte, die Sparkassen könnten in einer unübersichtlich gewordenen Welt das Wieder-zueinander-Finden erleichtern. Allmendinger bestätigte: „Sparkassen haben Einfluss auf die Gemeinschaft.“ Sicherheit sei der stärkste soziale Wert, der die Deutschen umtreibe, und die Sparkasse und ihre Produkte könnten Sicherheit vermitteln.

Finanz- und Realwirtschaft seien aufeinander bezogen, sagte Kay. Märkte könnten nur funktionieren, wenn sie keine rein profitorientierte Angelegenheit, sondern ein Teil einer Gesellschaft seien, in der der eine dem anderen vertraue. Niemand könne etwas allein tun, das habe die Geschichte der Industrialisierung und der Finanzwirtschaft gezeigt. Insofern seien funktionierende Märkte eher eine Frage von Ethos und verbindlichen Werten als von Regulierungsanstrengungen der Politik: „We need self-regulating capitalism“, sagte Kay. Shareholder Value könne nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

Aber welche Rolle spielt die Politik? Allmendinger bezweifelte, dass die soziale Marktwirtschaft noch für den erforderlichen sozialen Ausgleich durch Umverteilung sorgen könne. Die Politik gebe zwar viel Geld aus, „aber davon profitieren partikulare Gruppen, nicht die gesamte Gesellschaft“. Kleine Sozialreformen könnten nicht weiterhelfen: „Wir brauchen eine politische Vision, die über die Einzelressorts hinausreicht und die alle Menschen mitnehmen kann.“ Einig waren sich Allmendinger und DSGV-Präsident Schleweis bei der zentralen Bedeutung von Bildung. Allein Bildung könne Menschen in die Lage versetzen, mit den raschen sozialen und technischen Veränderungen leben zu können. Die herkömmlichen Bildungsinstitutionen seien aber nur bedingt auf diese Aufgabe vorbereitet.

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