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| Volkswirtschaft

Alte Gewissheiten geraten ins Wanken

Uwe Dürkop, Chefvolkswirt der Berliner Sparkasse, über politische Unsicherheiten – und darüber, was die Unsicherheit mit uns macht.

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Herr Dürkop, allenthalben hört und liest man den Satz, wir lebten in unsicheren Zeiten. Tun wir das?
Uwe Dürkop: Ja, der politische Wertekanon früherer Jahre ist in der Tat an einigen Stellen brüchig geworden: Es ist längst keine Gewissheit mehr, dass alle Gesellschaften wirtschaftlich wie politisch nach möglichst großer Offenheit streben. Auch die Bereitschaft, einen ver­lässlichen multilateralen Interessenaus­gleich zu suchen, hat nachgelassen. Früher allgemein akzeptierte internationale Institutionen und Abkommen werden stärker hinterfragt. Nicht zuletzt erfährt der Einigungsgedanke in Europa weniger Rückhalt.

Der Kalte Krieg, das Chaos nach seinem Ende, Kriege und Konflikte auf dem Balkan und im Nahen Osten – Anlass zur Verunsicherung gab und gibt es doch immer. Haben wir je in „sicheren“ Zeiten gelebt?
Dürkop: In der Rückschau verlieren frühere Unwägbarkeiten natürlich ihren Schrecken, weil wir den Fortgang der Ereignisse nun kennen und der befürchtete „Worst Case“ in der Regel nicht eingetreten ist. Die Unsicherheit früherer und heutiger Zeiten wird man also kaum angemessen vergleichen können. Man könnte auch argumentieren, der Zerfall der gewohnten politischen Ordnung währe nun schon lang, und schwerwiegende Folgen seien bislang ausgeblieben. Auf der anderen Seite werden gegenwärtig womöglich Prozesse und Umwälzungen angestoßen, die sich künftig als kaum umkehrbar erweisen und deren schädliche Konsequenzen sich erst im Nachhinein offenbaren. Dieser Mangel an Voraussicht, der uns Menschen anhaftet, ist uns doch beispielsweise aus der Klimawandel-Debatte­ vertraut.

Was bewirkt dieses Gefühl der Unsicherheit? Ist es eher lähmend oder vielleicht im Gegenteil beflügelnd?
Dürkop: Unsicherheit und Wandel gehören zusammen wie beispielsweise Schulden und Vermögen. Besser ist es, den unumgänglichen Wandel zu gestalten statt ihn bloß abwehren zu wollen. Diese Herangehensweise schließt regulierende Eingriffe keineswegs aus. Aber Unsicherheit wird lähmen, wenn in Gemeinwesen die Ansicht um sich greift, ihnen ausschließlich mit Abschottung, Dirigismus und Autorität begegnen zu können.

Welches Risiko halten Sie derzeit für das jeweils bedrohlichste – global, in Europa und in Deutschland?
Dürkop: Global scheint mir der Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen die drängendste Aufgabe zu sein. Für Europa sehe ich ein Abgleiten in nationale Egoismen als fundamentale Gefahr an, der es zu begegnen gilt. Deutschland sehe ich als Technologiestandort vor allem vor die Herausforderung gestellt, seine Stellung im digital geprägten Wirtschaftsleben zu behaupten.

Wie geht man als Sparkasse mit den Unsicherheiten um – als Kundenberater, aber auch bei den Eigenanlagen?
Dürkop: Das Marktumfeld wird im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit unruhiger und damit für den Anleger herausfordernd werden. Das Sicherheitsbedürfnis unserer Kundschaft müssen wir ernst nehmen und respektieren. Wir sollten sie aber auch ermutigen und unterstützen, sich mit ihren eigenen Prämissen bei der Geldanlage auseinanderzusetzen. Eine bewusste Entscheidung für das Verhältnis von Chance und Risiko ist letztlich der Grundstein für mehr Kundenzufriedenheit.