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Daten nutzen – Interview
Ein europäischer Weg in der Datenökonomie
Big-Data-Experte Viktor Mayer-Schönberger erläutert, wie Europa seine Chancen in der digitalen Transformation nutzen sollte.

Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance & Regulation am Oxford Internet Institute und Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Als Gastredner des Parlamentarischen Abends des DSGV sprach er Ende Januar über die Chancen Europas in der digitalen Transformation.

DSZ: Herr Prof. Mayer-Schönberger, unter dem Stichwort „digitale Transformation“ denkt man zuerst vor allem daran, dass alles schneller wird – vielleicht auch effizienter.
Viktor Mayer-Schönberger: Das stimmt, aber damit ist der Wandel, in dem wir uns befinden, noch nicht ausreichend beschrieben. Digitale Transformation ist vor allem die Chance, bessere Entscheidungen zu treffen. Für den Alltag mag die Entscheidung nach Bauchgefühl reichen – für langfristige und wirtschaftlich relevante Entscheidungen aber sind Fakten und Tatsachen die bessere Grundlage. Das macht Daten so wichtig.

Mayer-Schönberger
Können europäische Unternehmen noch den Vorsprung der Internetgiganten aus den USA oder Asien aufholen? Professor Viktor Mayer-Schönberger zeigt sich im Interview bedingt optimistisch.

Europa war eigentlich immer gut in rationalen, faktenbasierten Vorgehensweisen.
Mayer-Schönberger: So ist es. Deshalb werden heute auch bei uns Abermilliarden von Datensätzen gesammelt. Doch 85 Prozent der gesammelten Daten in Europa werden nicht ein einziges Mal genutzt. Das ist viel verschenktes Wissen – und viele nicht getroffene Entscheidungen, die man zum Wohle aller hätte treffen können.

Wie würden Sie das bewerten?
Mayer-Schönberger: Es ist nicht effizient, nicht innovativ, nicht nachhaltig – und letztlich so dumm wie wenn man ein Auto kauft, den Motor wegwirft, und die Reifen behält. Daten sind überhaupt erst dann wertvoll, wenn ich sie nutze, wenn ich also neue Einsichten daraus gewinne. Darin unterscheiden sie sich von anderen Rohstoffen.

Können Sie ein Beispiel geben, wie Daten gesamtwirtschaftlichen Nutzen erzeugen können?
Mayer-Schönberger: Man kann aus Daten etwa die Entwicklung der Verbraucherpreise in Echtzeit ablesen und darauf politisch reagieren. Man kann Verkehrssysteme nach Verkehrsaufkommen steuern. Man kann den Wartungsaufwand im Transportwesen gezielt erheben, ohne Strecken lange lahmlegen zu müssen.

Braucht man dazu personenbezogene Daten? Das ist ja die Angst vieler Menschen.
Mayer-Schönberger: Die Mehrzahl der Daten ist nicht personengebunden oder sehr leicht anonymisierbar, sodass man damit auch keinem persönlichen Schutzbedürfnis zu nahe tritt. Aber selbst wenn wir in Europa einen hohen persönlichen Datenschutz ansetzen – es bleibt noch genug Material übrig für Innovationen. Wir brauchen uns also keine Datenarmut zu verordnen.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein zielführender Umgang mit Daten?
Mayer-Schönberger: Daten können uns neue Antworten geben, aber vor allem sollten wir sie nutzen, um die richtigen Fragen zu stellen. Wir glauben ja, wir hätten die Probleme der Gegenwart und das Verhalten von Menschen schon verstanden.

Das Ergebnis sind Lösungen, die angeblich für alle passen – in der Medizin etwa, oder in der Bildung. Tatsächlich könnten wir viel passgenauer therapieren, ausbilden, wirtschaften, wenn wir in wirklich großen Datenmengen nach überraschenden Mustern suchen. Das sind echte Erkenntnisfortschritte.

Manche Unternehmen sind mit Datenwissen sehr groß geworden. Machen die also etwas richtig?
Mayer-Schönberger: Ja, und sie sind gleichzeitig ein Problem.

Warum?
Mayer-Schönberger: Auf Märkten gab es schon immer die Tendenz, dass sich einige Anbieter durch Größenvorteile abgesetzt haben. Das Gegengewicht dazu war die Innovation in kleinsten Betrieben, wo Menschen neue Ideen hatten. Heute stammen neue Ideen immer stärker aus datengetriebenem, maschinellem Lernen – und damit aus Unternehmen mit vielen Daten. Innovation, Datenwissen und Unternehmensgröße konzentrieren sich daher in wenigen Händen. Die digitalen Superstars haben die Datenmacht bei sich konzentriert, und das erlaubt ihnen, innovativ zu sein.

Die deutsche Wirtschaft ist doch aber ein Paradebeispiel dafür, wie erfolgreich gerade kleine Unternehmen durch Innovation sein können.
Mayer-Schönberger: Genau deshalb müssen wir uns fragen: Was passiert, wenn das Rohmaterial für Ideen, also große Datenmengen, nicht mehr für alle zugänglich ist? Dann hat der deutsche Mittelstand ein Problem, der Wettbewerb und die Marktwirtschaft an sich. Das passiert gerade weltweit. Die großen Datenkonzerne stellen uns damit vor die größte wirtschaftspolitische Herausforderung der letzten hundert Jahre.

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Daten bieten Chancen: „Wir könnten viel passgenauer therapieren, ausbilden, wirtschaften, wenn wir in wirklich großen Datenmengen nach überraschenden Mustern suchen würden“, sagt Professor Viktor Mayer-Schönberger.

Was kann man da tun? Die Datenkonzerne besteuern?
Mayer-Schönberger: Eine gute Idee. Doch sie ändert nichts daran, dass der deutsche Mittelstand Zugang zu den Daten braucht. Auch „Aufbrechen“ ändert nichts an der zugrunde liegenden Dynamik – wenn man einen Superstar aufbricht, wird die Lücke durch einen anderen gefüllt.

Das heißt, die aktuell diskutierten politischen Konzepte brauchen eine Ergänzung?
Mayer-Schönberger: Ich denke schon. Der US-Gesetzgeber hat ja einzelne Datenkonzerne schon verpflichtet, Daten auf nutzbringende Weise zu teilen. In Europa gibt es diese Pflicht etwa für klassische Finanzdienstleister, durch die PSD 2.

Können Sie verstehen, dass Menschen sich in der Datenökonomie unwohl fühlen, trotz des wirtschaftlichen Potenzials?
Mayer-Schönberger: Natürlich! Wir dürfen die Menschen und ihre Sorgen nicht aus dem Blick verlieren. Die Menschen würden sich sonst abwenden, auf Wissen, auf Chancen, auf Fortschritt verzichten. Das wäre aus meiner Sicht katastrophal. Denn zwischen den USA und China kann Europa seinen eigenen Weg in der Datenökonomie finden: offen, aufgeklärt und selbstbestimmt.

Also mehr Datenschutz?
Mayer-Schönberger: Die Datenschutzgrundverordnung hat ja schon versucht, für digitale Selbstbestimmung zu sorgen. Aber so ganz hat das nicht funktioniert – die Menschen klicken einfach nur öfter auf „ok“. Erreicht wurde vor allem mehr formalistische Zustimmung zur Verarbeitung von Daten.

Was wäre der bessere Weg?
Mayer-Schönberger: Diejenigen, die aus Daten Gewinne ziehen, müssen auch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn etwas schiefgeht – bei der Produkthaftung machen wir das ja längst. Sonst gibt es kein Vertrauen in die Chancen, die mit der digitalen Transformation einhergehen.

Das heißt, der Vorsprung der Internetgiganten ist aus Ihrer Sicht noch aufzuholen?
Mayer-Schönberger: Absolut, aber wir müssen heute anfangen. Die Stärken Europas sind agile Unternehmen, Offenheit und Forschergeist. Es geht um den Willen, bessere Entscheidungen zu treffen. Um es mit Marie Curie zu sagen, einer großen europäischen Wissenschaftlerin der industriellen Moderne: „Jetzt ist die Zeit, mehr zu verstehen, damit wir uns weniger fürchten.“

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– 16. Februar 2020