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| Südtiroler Sparkasse - Interview

Italiens Bankensystem ist besser als sein Ruf

Gerhard Brandstätter, Präsident der Südtiroler Sparkasse, setzt auf Vermögensverwaltung und Bankassurance. Das Engagement außerhalb der italienischen Musterprovinz hat die Sparkasse deutlich zurückgefahren.

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Herr Dr. Brandstätter, hier in Bozen wird ja gerade kräftig investiert, in ein Kaufhausprojekt von René Benko, in eine Straßenbahn, womöglich in ein neues Museum für den Ötzi außerhalb der Stadt, in die neue Wohnanlage Gries Village und in ein Projekt im Rosengarten. Sind Sie da dabei?
Gerhard Brandstätter: Als große lokale Bank werden wir da natürlich gefragt, und wir sind bereit, an einem territorialen Projekt mitzuwirken. Es wird gerade ein Bankenpool zusammengestellt, denn es geht ja insgesamt um immerhin 2,5 Milliarden Euro. Mit aller Vorsicht und Risikoabwägung werden wir mitmachen.

 
"Wir haben von Grund auf umgebaut", Gerhard Brandstätter, Präsident der Südtiroler Sparkasse. © Sparkasse

Vorsicht ist ja nach den Erfahrungen der Vergangenheit sicher angebracht. Haben Sie denn die Altlasten wirklich komplett abgebaut?
Ja, und das sage ich mit großer Genugtuung. Wir haben die Südtiroler Sparkasse in den letzten vier, fünf Jahren von Grund auf umgebaut. Das betrifft das Management, unsere Dienstleistungspalette, Produkte, die Kreditvergabe und die Abläufe. Der Bestand an faulen Krediten liegt jetzt netto bei vier Prozent, und das kann sich auch international sehen lassen.

Aber ganz ist die Arbeit noch nicht getan. Sie wollen da weiter runter. Gibt es da noch Risiken?
Wir wollen da noch weiter runter. Risiken sehe ich da nicht. Ich rechne eher damit, dass wir da Gewinne erzielen. Schließlich haben wir bei diesen Krediten eine Deckungsquote von 56 Prozent.

Reduzieren Sie Ihr Engagement außerhalb Südtirols?
Wir werden unser Engagement konsolidieren und gezielt stärken, wo sich interessante Möglichkeiten ergeben. Wir sind derzeit im Trentino sowie in den Provinzen Verona und Belluno flächendeckend präsent. In geringerem Maße im restlichen Venetien. Außerdem haben wir eine kleine Filiale in München und eine Geschäftsstelle, vorwiegend für Privatkunden in Mailand.

Wie hat sich denn die Krise bei Ihnen ausgewirkt?
Wir haben in Gebiete Italiens expandiert, die sehr unter der langen Wirtschaftskrise Italiens gelitten haben, und das hat uns natürlich auch Verluste beschert. Ansonsten hat das vergangene Management Fehler gemacht, die viele andere Institute in der Welt auch begangen haben. Wir haben deshalb für 2014 einen Verlust von 231Millionen Euro ausgewiesen. Nun machen wir wieder gute Gewinne.

Es sind keine weiteren Abschreibungen nötig?
Nein. Wir führen, wie gesagt, den Bestand an NPL weiter zurück. Wir haben eine Abteilung gegründet, die versucht, diese Kredite bestmöglich zu verwerten und auch präventiv tätig ist, damit eine solche Entwicklung nicht nochmal eintreten kann.

Haben Sie Kunden verloren?
Nein, was unserer Position als traditionsreiche und verankerte Bezugsbank in der Region zu verdanken ist.

Erhöht denn der hohe Spread zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen nicht Ihre Finanzierungskosten, die Sie dann an Ihre Kunden weitergeben müssen, was deren Kreditnachfrage bremst?
Im Moment können wir das vermeiden, auf längere Sicht ist das aber nicht auszuschließen. Wenn unsere Refinanzierungskosten steigen, müssten wir das natürlich weitergeben. Es kommt aber hinzu, dass wir in einer wirtschaftlich sehr starken Region tätig sind, die sich von den wirtschaftlichen Problemen anderer Teile des Landes positiv abhebt. Die Kreditnachfrage und -vergabe wächst gut.

Sind Sie stark in italienischen Staatsanleihen engagiert, und drückt das nicht Ihre Kapitalquote?
Ja, wir haben auch italienische Bonds im Portfolio, sind aber nicht so exponiert, dass das größere Auswirkungen auf unsere Kapitalquote hätte.

 
Fassaden in der Bozener Sparkassenstraße. © dpa

Warum gelingt es Südtirol, sich von der Entwicklung im restlichen Land abzukoppeln?
Wir wachsen deutlich stärker als der Rest des Landes, weil wir eine differenzierte Wirtschaftsstruktur haben; Südtirol hat eine starke Tourismuswirtschaft, was positive Auswirkungen auf Handel und Handwerk hat, verfügt über viele gesunde Mittelständler in der Industrie, die sehr stark im Export tätig sind und auch die Landwirtschaft ist traditionell stark. Wir können das Risiko streuen, weil wir sehr viele kleinere Kunden haben. So können wir in einem volatilen Umfeld stabil bleiben.

Sind Sie auch bei Infrastrukturprojekten wie dem Brennerbasistunnel dabei?
Nur indirekt durch Kunden, die als Subunternehmer und Lieferanten an dem Projekt beteiligt sind.

Wie ist Ihre Position im Markt, und wer sind Ihre Hauptkonkurrenten?
Wir sind Marktführer, aber wenn Sie die 54 Raiffeisenkassen in Südtirol zusammenrechnen, dann ist deren Anteil höher. Auch die großen italienischen Banken sind hier präsent, haben aber nur einen geringen Marktanteil.

Im Gegensatz zum restlichen Italien, wo sich die Genossenschaftsbanken zusammenschließen, haben sich die Südtiroler Raiffeisenbanken gegen diese Lösung ausgesprochen. Ist das eher gut für die SüdtirolerSparkasse oder schlecht?
Die Raiffeisenbanken bei uns haben sich im letzten Moment gegen diese Lösung entschieden. Es wird nur einen Haftungsverbund geben. Sie sind natürlich vielfach sehr nahe an den Kunden dran, was ein Vorteil für sie sein kann; aber Regionalbanken sind ein Reichtum für regionale Wirtschaftskreisläufe, wir bedienen nicht unbedingt nur gleiche Kunden, somit gibt es Platz für beide.

Sie sind als Institut ja relativ groß, weil sie die ganze Provinz Südtirol abdecken. Wie schaffen Sie es, trotzdem nah an den Kunden zu bleiben?
Südtirol hat nur 500.000 Einwohner, aber wir sind eine verzweigte, talreiche Region. Wir versuchen, eine qualitative Dezentralität zu wahren. Wir haben 61 Geschäftsstellen in Südtirol und 44 außerhalb, im Trentino, in den Provinzen Verona und Belluno sowie im restlichen Venetien.

Müssen Sie nicht aus Kostengründen und weil die Digitalisierung voranschreitet, Filialen schließen?
Das haben wir schon getan. 2015/16 haben wir die Zahl der Geschäftsstellen rationalisiert und von über 130 auf 105 zusammengelegt, ohne Marktanteile zu verlieren, sowie 150 Mitarbeiter sozial verträglich, meist durch Vorruhestandsregelungen, abgebaut. Mehr ist nicht geplant.

In Ihrem Strategieplan setzen Sie auf Wachstum auch in der Vermögensverwaltung und im Bancassurance-Geschäft. Wie gehen Sie dabei vor?
Wir diversifizieren und bieten neue Dienstleistungen in der Vermögensverwaltung für Private. Wir setzen auf Mehrwert durch gute Beratung. Mit Partnern aus der Versicherungsbranche, das sind im Bereich Leben Eurovita und im Bereich Schaden Net Insurance, bieten wir Versicherungen an. Und wir sind in die langfristige Autovermietung (Leasing) eingestiegen und haben da ALD als Partner.

Wo stehen Sie in puncto Digitalisierung?
Wir sind gut dabei, haben aber noch einiges zu tun. Wir haben viel investiert in Technologie und EDV und haben als erste Bank in Südtirol die mobilen Zahlungssysteme von Satispay, Apple Pay, Google Pay und Samsung Pay angeboten.

Kooperieren die wenigen verbliebenen Sparkassen in Italien eigentlich, um Kosten zu sparen, etwa in der Informatik?
Wir haben formal noch 16 Sparkassen, eigentlich aber nur noch acht bis neun; auch bei der Genueser Carige muss man erst abwarten, ob es ein „Stand Alone“ noch geben wird. Wir haben ein Bankenkomitee innerhalb des italienischen Sparkassenverbands, das ich leite, und stimmen uns ab. Auch international kooperieren wir, in begrenztem Rahmen, etwa mit den deutschen und österreichischen Sparkassen. Im Bereich Software arbeiten Italiens Sparkassen mit zwei Softwarehäusern zusammen.

Wie beurteilen Sie die Stabilität des italienischen Bankensystems? Die Genueser Sparkasse Carige hat ja enorme Probleme; und auch bei der Volksbank von Bari ist das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen.
Italiens Bankensystem ist viel besser, als es von außen wahrgenommen wird und hat, von zwei, drei Ausnahmen abgesehen, die auch mit der lang anhaltenden Krise zusammenhängen und erst in den letzten Jahren deutlich wurden, keine Staatshilfen in Anspruch genommen. Carige wird wieder stabilisiert. Die Operabilität des Instituts ist nicht schlecht. Die Probleme der Volksbank von Bari müssen noch geklärt und gelöst werden.

Warum kommen viele Probleme der italienischen Banken erst jetzt ans Licht?
Weil die Wirtschaftskrise in Italien viel länger gedauert hat als in anderen Ländern und die politische Instabilität eine zusätzliche Belastung darstellt. Vor allem Ausländer zögern deshalb mit Investitionen in Italien, aber auch in Italien selbst warten viele Investoren ab. Trotz Fehlleistungen in einzelnen Instituten haben die Banken des Landes aber viel getan, um ihre Altlasten zu bereinigen.

Erwarten Sie eine weitere Konsolidierung in Italiens Bankenlandschaft?
Ja. Die Zahl der Institute ist ja schon von einst 1900 auf unter 500 zurückgegangen. Die meisten Sparkassen sind in Folge des Ciampi/Amato-Gesetzes einverleibt worden, die Konsolidierung im Raiffeisenlager ist in vollem Gang, und auch bei den Volksbanken dürfte sich noch viel tun.

Welche Auswirkungen wird das haben? Die vielen Mittelständler in Italien brauchen doch lokale Ansprechpartner?
Das stimmt. Es gibt bereits Klagen über die fehlende Subsidiarität bei den Banken und die fehlende bürgernahe Kreditversorgung. Andererseits gehen die Leute immer weniger in die Geschäftsstellen und die Digitalisierung verlangt eine gewisse Rationalisierung. Entscheidungsprozesse bei Großbanken dauern oft länger, weil gerade territoriale Kenntnisse und Informationen nicht so kundennah verfügbar sind.

Wie sehen Sie Fintechs? Sind Sie eher Konkurrenten oder Partner?
Es gibt auch Kooperationen, aber insgesamt ist der Ruf nach einer stärkeren Reglementierung gerechtfertigt und eine solche notwendig.

Apropos Reglementierung. Die trifft Sie doch auch immer stärker?
Ja, das ist eine große Belastung für uns und verursacht auch hohe Kosten. Einiges ist sicher berechtigt, um die Risiken zu minimieren, aber es sollte die Proportionalität gewahrt bleiben, gerade für kleinere Banken. Da wäre die small and simple banking box mit Erleichterungen für kleinere Institute eine großer Hilfe.

Sie haben erwähnt, dass Südtirol im Vergleich zum restlichen Italien sehr stabil ist und wirtschaftlich gut dasteht. Die neue Landesregierung aus Südtiroler Volkspartei (SVP) und Lega birgt aber viel Konfliktpotenzial, und auch die SVP scheint gespalten zu sein.
Südtirol ist bisher sehr gut verwaltet worden – auch dank der SVP als Sammelpartei deutsch- und ladinischsprachiger Südtiroler. Mit steigendem Wohlstand riskieren aber Themen wie Minderheitenschutz an Boden zu verlieren, und eine politische Diversifizierung nimmt zu. Eine Minderheit wie die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler tut aber gut daran, in Rom und Brüssel geschlossen aufzutreten. Damit sind wir bisher gut gefahren, und das dürfte allen, vor allem auch in der SVP, bewusst sein.