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| Bankenmarkt Italien - Interview

Italiens Mittelstand braucht lokale Banken

Giovanni Sabatini, Generaldirektor von Italiens Bankenverband ABI, plädiert für starke regionale Banken und für Nachbesserungen auf europäischer Ebene. Italiens Geldinstitute seien aber auf einem guten Weg.

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SPARKASSE: Herr Sabatini, wie steht es grundsätzlich um Italiens Banken?
Giovanni Sabatini: Die Banken haben ihre Vermögenssituation stabilisiert, das Volumen fauler Kredite deutlich reduziert und derzeit eine harte Kernkapitalquote von 13,2 Prozent, mit bedeutenden Fortschritten. Das erkennt auch die EU-Kommission an. Und sie vergeben Kredite an Unternehmen und Familien. Das ist sehr wichtig, denn Italiens Banken leben mehr als die Banken anderer Länder von der Kreditvergabe.

Die Reform der italienischen Genossenschaftsbanken ist allerdings ins Stocken geraten.
Sabatini: Das ist eine Entscheidung der Regierung. Die derzeitigen Pläne zu einer Zusammenlegung der Institute unter drei Holdings stammen von einer früheren Regierung.

Sehen Sie eine Konsolidierung in Italiens Bankenlandschaft?
Sabatini: Ja, obwohl ich nicht der Auffassung bin, dass eine Konsolidierung ein Ziel in sich sein kann. Die Konsolidierung ist aufgrund der Reform der Genossenschaftsbanken bereits im Gange. Ich rechne damit, dass bis Ende 2019 von den derzeit mehr als 500 Instituten nur noch 110 Bankengruppen oder unabhängige Banken übrig bleiben.

Wenn die Kosten steigen, müssen die Banken reagieren. Sind die Kosten zu hoch?
Sabatini: Italiens Banken haben die Zahl ihrer Geschäftsstellen seit 2008 um jährlich durchschnittlich 2,4 Prozent reduziert. Mit 45 Geschäftsstellen pro 100 000 Einwohnern liegen wir über dem Durchschnitt in der EU von 32 Filialen, aber Frankreich weist 56 Filialen auf und Spanien sogar 59. Wir stehen also gar nicht so schlecht da.

Heißt das, es gibt nichts mehr zu tun?
Sabatini: Nein. Es kommt darauf an, wie das Geschäftsmodell aussieht. Abgesehen von wenigen Großbanken können Banken heute nicht mehr alle Leistungen anbieten. Sie müssen sich auf bestimmte Dienstleistungen und Produkte fokussieren und auf neue Technologien setzen, etwa die IT-Prozesse auf eine Cloud transferieren, um Einsparungen zu erzielen.

Das kostet viel Geld.
Sabatini: Sicher, doch es gibt keine Alternative. Es muss investiert werden, um die Digitalisierung umzusetzen. Aber das schafft Freiräume für engere Beziehungen zu den Kunden auf anderen Gebieten. Die Rolle der Filiale ändert sich: Sie muss auf Dienstleistungen mit Mehrwert setzen, im Bereich Beratung. Auch das Asset-Management bietet vor allem für größere Banken gute Wachstumschancen. Gleiches gilt für den Bereich Konsumentenkredite. Es gibt Bereiche mit großen Wachstumspotenzialen. Um sie zu nutzen, braucht es neue Strategien, Investitionen in die Digitalisierung und in die Ausbildung des Personals.

Haben sich die Maßnahmen auf europäischer Ebene auf Italiens Banken positiv ausgewirkt?
Sabatini: Wir haben erhebliche Fortschritte gemacht im Hinblick auf die Risikoreduzierung und auf europäischer Ebene Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensystems erreicht, die allen Banken Investitionen etwa in die Digitalisierung erleichtern. Aber es gibt auch Maßnahmen, die die Kreditvergabe einschränken oder die Kosten dafür erhöhen. Das richtige Gleichgewicht zwischen den Stabilitäts- und Wachstumszielen muss gefunden werden – eine nicht ausgeglichene Regulierung kann Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere, benachteiligen. Das beeinträchtigt nach unserer Einschätzung die Rentabilität der Banken und verschlechtert die Wachstumsaussichten. Unternehmen könnten damit in Schwierigkeiten kommen und der Anteil der Problemkredite könnte wieder wachsen.

 
„Die Banken haben ihre Vermögenssituation stabilisiert“: Giovanni Sabatini, Generaldirektor von Italiens Bankenverband ABI © dpa

Italien muss in diesem Jahr Bonds in Höhe von 400 Milliarden Euro erneuern. Wird das reibungslos gelingen und inwieweit müssen die Banken sich da engagieren?
Sabatini: Das hängt von der Höhe der Zinsen und dem Verhalten der Privathaushalte ab, die traditionell viele Staatsanleihen halten. Es ist wichtig, das Klima der Unsicherheit zu beseitigen, das das Interesse an Investitionen, auch in Staatsanleihen, verringert.

Die Banken halten 384 Milliarden Euro an Staatsanleihen. Wie gefährlich ist das?
Sabatini: Durchschnittlich liegt der Anteil der Staatsanleihen an den gesamten Aktiva bei etwa neun bis zehn Prozent. Bei den großen Banken ist der Anteil tendenziell niedriger, bei den kleineren höher. Wegen der unterschiedlichen Laufzeiten und der unterschiedlichen Fälligkeiten der Bonds dürften die Banken aber keine Probleme bekommen.

Warum haben die Banken denn ihre Engagements in Bonds erhöht?
Sabatini: Angesichts der Spannungen der jüngsten Zeit haben sich ausländische Investoren und teilweise auch Private beim Erwerb neuer Staatsanleihen zurückgehalten. Die Banken mussten einspringen, um die Krise nicht noch zu verstärken. Hätten sie das nicht getan, wären die Folgen womöglich katastrophal gewesen, weil sich dann auch die Situation der Haushalte und Unternehmen verschlechtert hätte. Das hätte wiederum negative Auswirkungen auf die Banken gehabt, etwa in Form eines Anstiegs fauler Kredite. Die Banken mussten deshalb handeln und ihr Engagement verstärken.

 
Giovanni Sabatini rechnet damit, dass bis Ende 2019 von den derzeit mehr als 500 italienischen Geldinstituten 110 Bankengruppen oder unabhängige Banken übrig bleiben. © dpa

Einige Banken halten auch noch hohe Anteile an ausfallgefährdeten Krediten.
Sabatini: Der Bruttoanteil am gesamten Kreditvolumen ist von Dezember 2015 bis Juni letzten Jahres von 18,1 auf 10,2 Prozent gefallen und dürfte inzwischen unter zehn Prozent liegen. Bis Ende 2021 soll der Brutto-Anteil auf 6,1 Prozent sinken. Es ist aber richtig, dass einige Institute höhere Anteile haben. Wichtig ist auch die positive Entwicklung der Deckungsquote, die im Juni für die Non Performing Loans (NPL) bei 54,3 Prozent und bei den faulen Krediten bei 67,7 Prozent lag.

Die EZB hat die Banken bis dato mit ihrer sehr expansiven Geldpolitik massiv unterstützt. Welche Folgen wird das Ende des Quantitative Easing haben?
Sabatini: Die Politik der EZB war sehr wichtig für die europäische Wirtschaft und folglich für die Banken, weil sie geholfen hat, die schwere Krise zu überwinden. Aber sie hat andererseits auch die Margen der italienischen Banken reduziert. Was die EZB jetzt plant, ist zunächst ein vorsichtiger Ausstieg aus dieser Politik, der sehr allmählich erfolgt. Aber eine Normalisierung ist auch für Italiens Banken wünschenswert. Voraussetzung ist natürlich, dass die Rahmenbedingungen das zulassen.

Heißt das, dass die EZB mit dem Neujustierung ihrer Geldpolitik besser warten sollte angesichts der schwächeren Konjunktur und der Rezessionsängste in Italien?
Sabatini: Wir erwarten in Italien nach wie vor ein Wachstum von ein bis 1,2 Prozent, auch wenn es Anzeichen für eine Abschwächung gibt. Es gibt derzeit große Unsicherheit, ob es um den Brexit, wachsenden Protektionismus oder mögliche Handelskonflikte geht. Auch die Wahlen zum Europaparlament gehören dazu. All das schafft Unsicherheit.

Anleger flüchten angeblich bereits aus Italien. Welchen Umfang hat diese Fluchtbewegung?
Sabatini: Wir sehen keinen größeren Abfluss von Mitteln italienischen Vermögens ins Ausland. Was wir aber beobachten, ist ein Anstieg der Sichteinlagen, weil die Italiener vorsichtiger werden und abwarten.

Funktionieren die Krisenmechanismen auf europäischer Ebene?
Sabatini: Nein, die Mechanismen sind nicht ausreichend und die nächste EU-Kommission muss da auch mit Blick auf die positiven Erfahrungen in den USA dringend nachbessern. Denn was für große Banken gut sein mag, ist es nicht unbedingt für kleine und mittlere. Die nationalen Gesetze über die Liquidation von Banken, die nicht dem Abwicklungsverfahren unterliegen können, sind von Land zu Land sehr unterschiedlich. Das steht einer Harmonisierung in Europa stark im Weg und erschwert eine Einigung auf eine gemeinsame Einlagensicherung. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass auch kleinere Banken systemrelevant sein können, etwa für eine bestimmte Region. Deshalb muss auch die Krise einer kleinen Bank mit geeigneten Mitteln bewältigt werden, die heute fehlen.

 
Sparer der Banca Popolare di Bari protestieren 2016 gegen den drohenden Verlust ihrer Guthaben. Heute liegt die Reform der genossenschaftlichen Volksbanken in Italien wieder auf Eis. © dpa
Was heißt das?
Sabatini: Wir haben in Italien sehr viele Mittelständler, die gerade kleine und lokale Banken brauchen. Wir sind auch nicht overbanked, wie es oft heißt. In den USA gibt es 5900 Banken und 5800 weitere Kreditinstitute, die sogenannten Community Banks. Nur acht oder neun davon gelten als systemrelevant. Wir brauchen die großen Champions, vielleicht auch durch Fusionen, in Europa. Wir brauchen aber auch gut geführte regionale Banken, die ebenfalls ihre Rolle haben. Für eine Wirtschaft wie die italienische, in der mehr als 90 Prozent der Unternehmen kleine und mittelständische Gesellschaften sind, spielen lokale Banken eine wichtige Rolle.