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Kommunalpolitik
Der Hotspot im Münchner Westen
Wie die Gemeinde Maisach vom Bauerndorf zu einem Dienstleistungszentrum mit internationalen Verbindungen avancierte und welche Rolle die Sparkasse Fürstenfeldbruck dabei spielte. Ein Musterbeispiel für erfolgreiche Kommunalpolitik.

Die Kulisse hätte zu jedem Heimatfilm gepasst. Kuhfuhrwerke ziehen ihre Bahn und vom nahen Kirchturm wird die Mittagsstunde angezeigt. Beim Oberwirt hat sich ein Huhn ins Gastzimmer verirrt und erfreut damit den Stammtisch.

Das alles ist längst vorbei. Kuhgespanne, die gemächlich durch die Frauenstraße Richtung Malching fahren, gibt es nicht mehr, und dort, wo einst das etwas windschiefe Gasthaus „Zum Oberwirt“ für Folklore sorgte, steht jetzt ein respektables Gebäude. In ihm sind die örtliche Volkshochschule und ein Schulkindergarten untergebracht. Allenfalls der Turm von St. Vitus gibt noch Laut.

Auch ohne das weiß man in Maisach schon seit Langem, was die Uhr geschlagen hat. Das neue Zeitalter begann, als sich das  Bauerndorf an der westlichen Peripherie Münchens Anfang der 70er-Jahre dazu aufraffte, seine Potenziale zu nutzen. Und das waren weit mehr als nur Kartoffeln und Zuckerrüben, oder das, was die seit 1556 existierende Dorfbrauerei mit ihrem vorzeigbaren Produkt als einziger wichtiger Arbeitgeber zu bieten hatte.

Erreichbarkeit, Bauland, Gemeindereform

Zum Beispiel eine prosperierende Millionen-Metropole vor der Nase, die man in 35 Minuten via S-Bahn bequem erreichen kann. Sowie jede Menge geeignetes Bauland – für junge Familien ebenso wie für Betriebe aller Art. Dass dann auch noch 23 Ortsteile eingemeindet wurden (1978) rundet das Bild von der aufstrebenden Kommune ab.

 

Der Hotspot im Münchner Westen – die Gemeinde Maisach.

 

Der Plan ging auf, die Firmen kamen. Webasto, Tyrolit, Thyssenkrupp Plastics sowie mehr als zwei Dutzend weitere. Am westlichen Ende der Frauenstraße breitet sich links der Gewerbe- und Logisitikpark München-Maisach aus, ein aus fünf sogenannten Units bestehendes Gelände, auf dem unter anderem Speditionen wie Iran Forwarding, Carpathian Transport Line oder Georgien Transport Logistik zu Hause sind – Speditionen, deren Wagen nach Persien, in die Karpaten und an den Kaukasus fahren.

In Gernlinden, dem im Osten angrenzenden Ortsteil, hat sich mit der TTI, Inc., einem Unternehmen der Berkshire-Hathaway-Gruppe aus Omaha (US-Bundesstaat Nebraska) niedergelassen und damit einer der weltmarktführenden Spezialdistributoren für elektromechanische Teile. TTI kann in dem zu seinem European Headquarter gehörenden, fast 40.000 Quadratmeter großen Maisacher Lager, wo 700 Angestellte beschäftigt sind, auf rund 85.000 verschiedene Artikel zugreifen. 80 Prozent seien sofort lieferbar, heißt es. 

Messebauer produziert jetzt Trennscheiben aus Plexiglas

Das eindrucksvollste Projekt der vergangenen Jahre wird jedoch gerade in diesen Wochen am Ende der Frauenstraße, unmittelbar vor dem Malchinger Kreisel, fertiggestellt: Die Firmenzentrale des 70 Mitarbeiter zählenden Münchner Messebauers Max Rappenglitz. Das Unternehmen ist mit seinem Portfolio Messebau und Mietmöbel vor allem im süddeutschen Raum einer der ganz großen Player.

Dass es trotz Corona – das Messe- und Ausstellungswesen liegt weltweit am Boden – auch in diesem Segment weitergeht, beweist, mit welchem Optimismus und welcher Hartnäckigkeit hier gearbeitet wird. Statt Messeständen produziert Rappenglitz in seinem Werk Gernlinden jetzt Trennscheiben aus Plexiglas. Der „Spuckschutz“ wird an Apotheken und Supermärkte geliefert.

 

Südmetall, mit Hauptsitz München, ist eines von 36 Unternehmen, die sich in Maisach niedergelassen haben. Der Großhändler für Spenglereibedarf beschäftigt dort 40 Mitarbeiter.

 

Auf insgesamt 29 Hektar erstreckt sich allein in Maisach das Gewerbegebiet; in Gernlinden sind es noch einmal 16 Hektar. Damit ist Maisach, Landkreis Fürstenfeldbruck, einer der interessantesten Wirtschaftsstandorte Bayerns: 14.300 Einwohner, 34 Unternehmen mit 4254 Beschäftigten (2018) und einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent.

Das Gewerbesteueraufkommen beträgt 18,2 Millionen Euro und der Anteil an der Einkommensteuer 11,8 Millionen Euro. Die „Süddeutsche Zeitung“ notiert: „Die Einkommensteuerkraft je Einwohner liegt mit 688 Euro weit über den 562 Euro des Landesdurchschnitts.“ Die Steuereinnahmen von 25,3 Millionen Euro machten 73 Prozent der Gesamteinnahmen aus. Das hat Folgen: Mit einer Pro-Kopf-Verschuldung von 44 Euro steht die Gemeinde im Verhältnis zu Bayern (1372 Euro) geradezu exzellent gut da. 

32 Prozent der Arbeitsplätze werden von Pendlern aus dem Landkreis besetzt und 15 Prozent von Münchnern. Von denen dürften sich die meisten auf die tägliche Fahrt zum Arbeitsplatz freuen. Denn nach Maisach und zurück geht es immer antizyklisch; die rappelvolle Münchner S-Bahn, wie sie zu normalen Zeiten üblich ist, kennt man nur vom Hörensagen.

Sparkasse Fürstenfeldbruck ermöglicht den Aufschwung

Auch so etwas strahlt aus: „Der Landkreis Fürstenfeldbruck hat mit der Traumnote 1,9 abgeschlossen“, sagt Michael Steinhauer, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses FFB. Zuvor hatte die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern ihre Betriebe zu mehr als 40 Standortfaktoren wie Infrastruktur, Arbeitsmarkt, Netzwerke und Kosten befragt. Was im Fall Fürstenfeldbruck stört, waren die schlechte Anbindung des Schienen- und Güterverkehrs sowie die hohen Büro- und Gewerbemieten. Besonderen Handlungsbedarf sehen die Betriebe auch in den staatlichen Verwaltungen. Dort gehe es nach wie vor noch viel zu bürokratisch zu.

„Ohne die Banken, sprich: Sparkasse, wäre das alles nicht gegangen“, sagt Gerhard Landgraf. Der gebürtige Bamberger, der sich nach seiner Bundeswehrzeit in Bogen/Donau als Kommunalbeamter in Maisach beworben hatte, weiß, wovon er spricht. Von 1972 bis 2008 war der Diplom-Verwaltungswirt Bürgermeister von Maisach – eine Zeitspanne, die selbst in  bayerischen Rathäusern nicht an der Tagesordnung ist und die die „Süddeutsche Zeitung“ dazu animierte, vom „ewigen Bürgermeister“ zu sprechen.

Der Sozialdemokrat, der nach einem Zerwürfnis mit seiner Partei zu den Freien Wählern wechselte, saß auch im Verwaltungsrat der Sparkasse Fürstenfeldbruck und erlebte hier, wie seine Gewerbeansiedlungspolitik Konturen annahm. „Es ging in erster Linie darum, die neuen Unternehmen mit Kapital auszustatten“, sagt Gerhard Landgraf. Die Erschließung des Baulands habe man in eigener Regie organisiert und finanziert (siehe Interview).

Günstiges Bauland für Einheimische

Zuvor hatte die Gemeinde ihre Hausaufgaben gemacht. Bereits 1975, drei Jahre vor der Gebietsreform, fasste man in Maisach auf Initiative Landgrafs den Grundsatzbeschluss, günstiges Bauland für Einheimische zur Verfügung zu stellen.

Die Flächen kamen von den Bauern – im Gegenzug zu Baurecht: 40 Prozent der benötigten und mit Baurecht ausgestatteten Fläche gingen an die Gemeinde, und zwar zu einem Viertel des jeweiligen Verkehrswerts, und 60 Prozent der Fläche gingen an die Landwirte zur freien Verfügung. Doch schien dieser Plan die Landmänner nicht zu überzeugen.

Auf einer Bürgerversammlung kündigten die Bauern Widerstand an. Doch dieser hielt nicht lange an. Gerhard Landgraf erinnert sich: „Nach der Bürgerversammlung, abends um 23 Uhr, rief der erste von ihnen an und fragte, wann man sich mal unterhalten könnte.“

Das Thema ist längst abgehakt. Und dort, wo einst Kuhfuhrwerke durch mehr oder weniger schlechte Feldwege zogen, haben sich jetzt passable und konkurrenzfähige Unternehmen niedergelassen. Aber auch viele Privatpersonen – und vor allem junge Familien schafften den Weg auf die andere Seite der Amper.

Reinold Rehberger
– 7. Oktober 2020