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Krankenversicherung - Gastbeitrag
Pandemie erfordert neue Wege im Gesundheitssystem
Ein Jahr Covid-19-Pandemie – die Gesundheitswirtschaft im Dauerstress. Grund genug zu fragen, wie sich das deutsche Gesundheitssystem dabei bewährt hat und was wir daraus für die Zukunft lernen können. Ein Gastbeitrag von Andreas Kolb, Vorstandsvorsitzender der Union Krankenversicherung.

Erst einmal steht Deutschland in der Pandemie gut da: Es gab weniger Todesfälle als in vielen anderen Ländern. Ärztinnen und Pfleger auf den Intensivstationen kamen zeitweise zwar ans Limit, hielten den Belastungen aber stand; verstörende Bilder von in Militär-Lkw gestapelten Särgen blieben uns daher erspart.

Nach holprigem Start kommen nun auch die Impfungen in der Breite voran, sodass schon bald auch die Menschen geschützt werden können, die auf Mobilität angewiesen sind und mit ihrer Arbeit das Gesundheitssystem finanzieren.

Mit vergleichsweise vielen Intensivbetten sowie dem starken ambulanten Sektor, den die PKV übrigens mit 55.000 Euro Mehrumsatz pro Arztpraxis und Jahr maßgeblich mitfinanziert, hat unser duales Gesundheitssystem die Herausforderungen also insgesamt gut gemeistert.

Pandemie zeigt auch Systemschwächen auf

Auf den zweiten Blick zeigen sich aber auch Schwächen: Gerade zu Beginn der Pandemie wurde unsere Abhängigkeit von Pharmalieferungen, Masken und Tests aus dem Ausland deutlich; entsprechende Bedarfsdeckung aus dem Inland sollte der Staat daher jederzeit sicherstellen können.

Zudem erwies sich die mangelnde Digitalisierung als Hemmnis – von der Faxkommunikation in vielen Gesundheitsämtern bis zur fehlenden digitalen Vernetzung zwischen Patient, Arzt und Klinik.

Auch der längst bekannte Engpass in der Pflege spitzte sich zu, wurde gar zum entscheidenden Flaschenhals gerade in der Intensivmedizin; Anwerbung und Qualifikation von Pflegekräften müssen daher ebenso verbessert werden wie die Bedingungen in der Pflege.

Reform Vergütung, ortsnahe Versorgung und spezialisierte Zentren

In der Pandemie unterblieben zahlreiche medizinische Eingriffe, darunter beispielsweise zahlreiche Hüft- und Knie-OPs. Wie eine DAK-Studie kürzlich herausfand, gab es dennoch keine signifikante Verschlechterung der Gesundheitssituation (schwere Krankheiten ausgenommen). Offenbar setzen die bestehenden Vergütungssysteme also auch Anreize für unnötige Behandlungen.

Unsere eigenen Kundinnen und Kunden unterstützen wir daher mit unserem Service „better doc“, der eine kostenfreie medizinische Zweitmeinung zur Entscheidung für oder gegen eine OP bietet; dennoch sollten die Kliniken insgesamt künftig verstärkt für Versorgungsqualität honoriert werden anstatt nach behandelten Diagnosen (DRG), was vor allem möglichst komplexe Eingriffe fördert.

Auch die medizinische Versorgung durch spezialisierte Zentren einerseits und ortsnahe Versorgung in der Fläche anderseits kann über Anreizsysteme gesteuert werden: Dabei sollten sowohl die örtlichen medizinischen Versorgungszentren und die Fach- und Hausärzte gestärkt als auch spezialisierte und sehr gut ausgestattete Kliniken für schwere Erkrankungen in den Zentren einer Region vorgehalten werden.

Bei den Vergütungen von Kassen- und Privatärzten im ambulanten Sektor (EBM/GOÄ) wiederum sollte die Präventions- und Steuerungsleistung dieser Ärzte gestärkt werden, um Krankheiten möglichst gleich vermeiden zu können und zugleich durch gezielte Überleitung die Versorgungsqualität zu verbessern. 

Die ambulante und stationäre Versorgung muss zudem stärker miteinander verzahnt werden – auch digital. So könnte auch der Anteil ambulanter ortsnaher Behandlungen weiter ausgebaut werden.

Drei starke Säulen für generationengerechte Gesundheit und Pflege

Der zukunftsfeste Umbau unseres Gesundheitssystems ist dringend, denn schon in den kommenden Jahren werden die demografischen Herausforderungen zunehmen und die sozialen Sicherungssysteme noch stärker unter Druck geraten.

Insofern sollten GKV und PKV zwar in bewährter Weise auch künftig gemeinsam die medizinische Versorgung sicherstellen – bei staatlicher Koordination und Finanzierung des Infektionsschutzes.

Für ein dauerhaft leistungsfähiges Gesundheitswesen, das auch bezahlbar und generationengerecht ist, bedarf es aber weiterer Motoren. Die Lösung dafür ist der Ausbau der betrieblichen und privaten Vorsorge vor allem für die heute 45- bis 65-jährigen „Boomer“: Damit werden die sozialen Sicherungssysteme für die kommende Generation entlastet und die Absicherung gleichzeitig demografiefest gestaltet.

Analog der Altersvorsorge mit ihren drei Säulen aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorge könnten künftig auch Gesundheit und Pflege funktionieren. Der Staat müsste dafür lediglich steuerliche Anreize für die Bürgerinnen und Bürger und Betriebe schaffen beziehungsweise nur tatsächlich Bedürftigen öffentliche Zuschüsse für Gesundheit und Pflege gewähren.

Dass private Vorsorge funktioniert, zeigen nicht nur die über 20 Millionen Krankenzusatzpolicen gesetzlich Krankenversicherter, sondern auch zahlreiche Unternehmen, die ihren Beschäftigten schon jetzt eine bKV anbieten. Die chemische Industrie hat ihren Beschäftigten kürzlich sogar eine betriebliche Pflegeabsicherung gewährt und die PKV für eine Pflegereform ein schlüssiges Gesamtkonzept vorgelegt.

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Der Autor ist Mitglied des Vorstands des Konzerns Versicherungskammer und Vorstandsvorsitzender der Union Krankenversicherung – UKV und Bayerischen Beamtenkrankenkasse. Der Kranken- und Pflegepartner der Sparkassen-Finanzgruppe ist nach versicherten Personen die drittgrößte Krankenversicherungsgruppe in Deutschland.

Andreas Kolb
– 27. Mai 2021