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Rückblick
Als die Mark den Taler ablöste
Mit der Reichsgründung heute vor 150 Jahren begann im Land ein bis dahin ungekannter wirtschaftlicher Aufschwung. Auch die Sparkassen florierten, Konkurrenzpläne der Reichspost beschleunigten die Entwicklung von Sparkassenverbänden.

Heute vor 150 Jahren wurde der preußische König Wilhelm I. im Schloss von Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert. Der 18. Januar 1871 gilt als Gründungstag des Deutschen Reichs, obwohl es faktisch bereits am 1. Januar 1871 entstanden war. Auf die Sparkassen hatte die Reichsgründung zwar zunächst keine Auswirkungen. Das sollte sich aber in den kommenden Jahren ändern.

Anders als in der Bundesrepublik Deutschland hatten die Bundesstaaten des Kaiserreichs nur Teile ihrer Souveränität an das neue politische Gebilde abgetreten. Selbst das Militär blieb in einigen größeren Bundesstaaten unter der Hoheit der dortigen Regierungen.

Mark und Pfennig lösen die zahlreichen Landeswährungen ab

Auch die Organisation des Sparkassenwesens war weiterhin Sache der Einzelstaaten. Diese hatten in der Regel schon lange vor der Reichsgründung gesetzliche Regelungen für ihre Sparkassen erlassen, die danach unverändert in Kraft blieben.

Eine der ersten, auch für die Sparkassen spürbaren Folgen der neuen politischen Verhältnisse war die Einführung einer einheitlichen Reichswährung. Zum 1. Januar 1876 lösten Mark und Pfennig die bisherigen Landeswährungen mit Münztypen wie Taler, Gulden oder Kreuzer ab.

Sparbuch der Sparkasse zu Vieselbach in Thüringen. Der Kassierer dokumentierte die Umrechnung von Taler in Mark.

Wie bei jeder Währungsreform hieß das, dass alle Konten umgestellt werden mussten. Dafür entfiel fortan die Umrechnung, wenn beispielsweise Kunden in Preußen, wo die Talerwährung galt, süddeutsche Gulden einzahlen wollten.

Konkurrenzpläne der Reichspost beflügeln das Verbandswesen

Sehr viel einschneidender für die Sparkassen drohte eine andere Reform zu werden. Ende der 1870er-Jahre plante die Reichspost, eine Postsparkasse einzurichten, wie sie in Großbritannien schon seit 1861 bestand. Sie sollte Spareinlagen der Bevölkerung in allen Postämtern annehmen. Ihre Überschüsse sollten dem Haushalt des Reichs zugutekommen, das damals nur über wenige eigene Einnahmequellen verfügte.

Die Sparkassen waren aufs Höchste alarmiert über die heraufziehende Konkurrenz, aber gleichzeitig noch nicht so organisiert, dass sie sich politisch gegen die Errichtung einer Postsparkasse hätten wehren können. Denn ihr Verbandswesen befand sich noch in den Anfängen.

Die Pläne der Reichspost gaben daher den entscheidenden Impuls zur Gründung eines reichsweiten Dachverbands. Er entstand am 6. Dezember 1884, indem der schon bestehende „Verband der Sparkassen in Westdeutschland“ seinen Mitgliederkreis erweiterte und sich in „Deutscher Sparkassenverband“ umbenannte.

Die Zeitschrift „Die Sparkasse“ lädt zur Generalversammlung des Verbandes der Sparkassen in Westdeutschland, der DSGV-Vorläuferinstitution, am 6. Dezember 1884. Die durchgehende Publikationsgeschichte der ältesten finanzwirtschaftlichen Zeitschrift in deutscher Sprache war nur nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Jahre unterbrochen. Die gedruckte Ausgabe von „Sparkasse – Managermagazin für die Sparkassen-Finanzgruppe“ hat der DSGV vor einigen Jahren eingestellt. Der Magazintitel „Sparkasse“ ist heute Teil des Online-Portals der 1924 gegründeten Sparkassenzeitung.

Sparkassen entwickeln sich zu universalen Kreditinstituten

Tatsächlich musste Reichskanzler Bismarck eine Niederlage einstecken, als er 1885 dem Reichstag vorschlug, eine Postsparkasse zu gründen. Sparkassen, Kommunen und der neue Spitzenverband hatten viele Abgeordnete davon überzeugt, dass die bestehende Struktur von kommunalen und privaten Sparkassen nicht gefährdet werden dürfe. Andere Abgeordnete stimmten gegen das Postsparkassengesetz, weil sie eine Stärkung der Zentralgewalt zulasten der Einzelstaaten verhindern wollten.

Wirtschaftlich war das knappe halbe Jahrhundert von 1871 bis 1918, in dem das Kaiserreich bestand, für die Sparkassen eine Erfolgsgeschichte. 1910, wenige Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs, gab es reichsweit mehr als 3000 eigenständige Institute, die über 21 Millionen Sparbücher ausgegeben hatten und Spareinlagen in Höhe von fast 17 Milliarden Mark verwalteten.

Vorsprung durch Technik. Eine „nachahmenswerte Einführung“ wie der um 1900 erfundene Sparautomat war bis in die 1930er-Jahre vor allem an Schulen weit verbreitet und trug dazu bei, das Sparen zu einem faszinierenden Vorgang zu machen.

Durch die Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs und anderer neuer Dienstleistungen hatten die Sparkassen begonnen, sich zu Universalkreditinstituten zu entwickeln. Auch der technische Fortschritt hielt Einzug in Form von Telefonen, Sparautomaten, Schreib- und Additionsmaschinen.

Nach außen sich sichtbar wurde das Wachstum vor allem durch die zahlreichen, oft sehr repräsentativen Gebäude, welche die Sparkassen errichteten, weil die bisherigen Räume in den Rat- und Kreishäusern oder gar in den Privatwohnungen der Leiter nicht mehr ausreichten.

Repräsentativer Neubau der Sparkasse in Bremen auf einer Postkarte von 1909.

 

Der 1886 errichtete Neubau des Sparkassen-Aktien-Vereins in Danzig im neugotisch-historistischen Stil.
Geschäftsraum der Sparkasse des Kreises Teltow in Berlin, 1908.
Maschinen revolutionieren die Verwaltung: Additionsstelle der Sparkasse des „Aachener Vereins zur Beförderung der Arbeitsamkeit“ im Jahr 1909.
Lichthof und Kundenhalle der Sparkasse des Kreises Teltow in Berlin, 1908.
Sparautomat der Firma Hänel und Schwarz in Berlin von 1911 mit geöffneter Mechanik.

 

Thorsten Wehber, DSGV
– 18. Januar 2021