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03. Juli 2017 - 14:59Literatur: Entwicklungshilfe

Unbequeme Wahrheiten

von Silvia Besner

Wir haben das Wissen, die Technologie und das Geld, um alle Menschen am Wohlstand teilhaben zu lassen und die Welt mithilfe einer ökosozialen Marktwirtschaft fair und nachhaltig zu entwickeln. Warum man diese Entwicklung nicht der Politik überlassen kann, beschreibt der Politiker Gerd Müller in seinem Buch "Unfair! Für eine gerechte Globalisierung". Das ist ehrlich vom Bundesentwicklungsminister, für den Leser ist es ernüchternd.

"Unfair" oder auch "UN-fair" ist eine dringliche Aufforderung an alle, Verantwortung zu übernehmen.
Gerd Müllers erste Szene: Eine Handvoll Lehmhütten in einem verdorrten Landstrich von Burkina Faso. Kein Laden, kein Wasser, keine Schule – aber ein Handymast. Die Smartphones, auch in Afrika überall präsent, funktionieren tadellos. Die Dorfbewohner leben wie im Mittelalter, können aber jetzt zum ersten Mal in Echtzeit sehen, wie andere leben – und wie ungerecht das alles ist. Wird das eine neue Völkerwanderung auslösen? Jetzt – oder in 30 Jahren, wenn sich die afrikanische Bevölkerung noch einmal verdoppelt hat? Wenn der Klimawandel die Wüste so vergrößert und den Meeresspiegel so erhöht hat, dass manche Küstennationen in echte Bedrängnis geraten? Gerd Müllers erste Szene ist gut gewählt, seine Argumente bleiben bis zur letzten Seite schlüssig. In einer einfachen, aber nie banalen Sprache beschreibt er die Welt, wie sie ist. Müller verklärt nicht, er überspitzt nicht, er theoretisiert nicht. Seine Thesen lassen sich leicht nacherzählen, auch am Küchentisch. Das ist die Stärke seines neuen Sachbuchs.

Bei der Präsentation vor der Presse, die von der Sparkassenstiftung für internationale Kooperation ins Berliner Sparkassenhaus eingeladen worden war, sagte Bundeskanzleramtschef Peter Altmaier, es sei die eigentliche Aufgabe eines Ministers, Dinge ins öffentliche Interesse zu rücken. Und tatsächlich: Gerd Müllers poppig aufgemachtes Taschenbuch könnte eine breitere Leserschaft finden als andere ministeriale Monografien – was zu wünschen wäre. Georg Fahrenschon, als Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung auch Gastgeber, sagte, an Zahlen, Daten und Fakten mangele es nicht. Gerd Müller gelinge es jedoch, der Debatte um Globalisierung und Entwicklung eine persönliche und anschauliche Note zu verleihen. Auch das ist korrekt. Man erkennt im Autor den Diplom-Wirtschaftspädagogen, der gut erklärt, Wichtiges wiederholt und auch einmal ein Ausrufezeichen setzt. Da geht es um den Fruchtwechsel in der Feldwirtschaft, die Migrationsbewegungen der Menschheitsgeschichte, die Hockeyschlägerkurve und den Reboundeffekt.

Ethische Verantwortung und ureigenes Interesse

Vor allem aber geht es Gerd Müller um das große Umdenken. Es geht ihm um einen kompletten Paradigmenwechsel, um eine neue gerechte Weltordnung. Es könne nicht sein, dass internationale Konzerne Milliarden an Handys und Kleidern verdienten, den Arbeitern in den Minen und an den Nähmaschinen nur Pfennigbeträge zahlten und sich die Steuern in den Schlupfwinkeln der globalen Fiskalpolitik sparten. Der Bundesminister für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit appelliert dabei nicht nur an unsere ethische Verantwortung, sondern auch an unser ureigenes Interesse. Wenn wir weiter gut leben wollen, dann werden wir neu teilen lernen müssen, schreibt er. Es brauche einen fairen Interessensausgleich und einen massiven technischen Fortschritt, der zum ersten Mal eine Entwicklung ermöglicht, die nicht auf Kosten des Planeten geht.
Das Smartphone ist heute auch in Afrika überall präsent. Und wer sieht, wie gut man woanders leben kann, macht sich vielleicht auch auf den Weg Richtung Norden. (dpa)
Der freie Markt könne bei dieser Entwicklung nicht helfen, so der CSU-Politiker. Im Gegenteil: Er verschärfe die Probleme noch. Unser offenes Handelssystem bevorzuge die Macht-, Wissens- und Geldeliten in der reichen und in der armen Welt. Es erlaube, die erzielten Wirtschaftsgewinne überproportional in die eigene Tasche zu stecken, zulasten der übrigen Bevölkerung, die sich als Verlierer der Globalisierung sieht. Ein Paradigmenwechsel könne dagegen nur mit einer starken, ordnenden Hand gelingen, die Standards und Regulierungen vorgibt und durchsetzt, welche dann weltweit gelten müssen. Nur so könne ein nachhaltiger, grüner Markt entstehen, der sozial ist und alle mitnimmt.
Das Problem: Von der gewünschten Global Governance ist man weit entfernt. "Der eigentliche Grund für den unerträglichen Zustand der weltweiten Ökonomie und des freien Handels ist", schreibt Gerd Müller, "dass die globalen Regelwerke nicht aufeinander abgestimmt sind – und das wohl mit Überlegung und wissentlich". Die drei großen internationalen Regulierungsregime – die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation WTO und das Weltfinanzsystem – widersprächen sich in Teilen sogar. Nach den Regeln der WTO könne Deutschland Bangladesch nicht vorschreiben, wie es seine Fabriken zu bauen und wie es seine Textilproduktion zu gestalten hat. Deutschland könne bei Umweltschutz oder Sozialstandards nicht einmal im eigenen Land substanzielle Veränderungen vornehmen, ohne sich innerhalb der EU abgestimmt zu haben.

Große Lücke zwischen Wissen und Handeln


Und auf internationaler Ebene seien langwierige Verhandlungen nötig, die aufgrund der unterschiedlichen Interessenslagen nur selten zu Ergebnissen führten. Autor Müller hat den Mut auszusprechen, dass eine große Lücke klafft zwischen dem, was alle wissen und fordern, und dem, was tatsächlich auf der Welt geschieht. Das Buch zeichne ein Bild der vielfältigen Herausforderungen, Schwierigkeiten, Brüche und Politikinkohärenzen, mit denen die Welt heute konfrontiert ist, und mache deutlich, was es für die Entwicklungszusammenarbeit bedeutet, diese Situation meistern zu müssen, schreibt der Wissenschaftler Franz Josef Radermacher in seinem Vorwort. Den Leser, der sich eine einfache Antwort oder einen großen Wurf erwartet hat, lässt das frustriert zurück. Was also ist jetzt zu tun?
Gerd Müller. (DSGV)
Bis es eine ökosoziale Marktwirtschaft mit weltweiten Standards und einer internationalen Rechtsordnung gibt, müssen Verbraucherschützer, Unternehmer und Konsumenten selbst Verantwortung übernehmen und mithilfe zertifizierter Produkte Nachhaltigkeit in weltweiten Wertschöpfungsketten einfordern, so Müllers letzter Schluss. Das Textilbündnis, im dem sich die Hälfte aller Textilunternehmen in Deutschland zusammengeschlossen haben, beweise, dass gewisse Mindeststandards garantiert werden können. Gerd Müllers Nahziel ist nun ein "grüner Knopf", ein einfaches Zeichen dafür, dass ein Kleidungsstück fair produziert wurde, vom Baumwollfeld bis zum Bügelbrett.
Gerd Müller: Unfair! Für eine gerechte Globalisierung,
Murmann Publishers, Hamburg, 2017
192 Seiten, 19,90 Euro
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