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| Anlageberatung

"Ein schönes Beispiel für ein Genderparadox"

Beim Anlageverhalten von Männern und Frauen gibt es bemerkenswerte Unterschiede. Das zeigt ein Forschungsprojekt an der Universität Gießen. Es ergeben sich Implikationen für eine nachhaltige Anlageberatung.

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Vor dem Hintergrund der Finanzkrise und der Zinssituation stellen Finanzanlagen und Vermögensaufbau eine besondere Herausforderung dar. Damit erhöhen sich die Anforderungen an eine nachhaltige Finanzanlageberatung. Damit korrespondiert aus der Kundenperspektive die Finanzkompetenz, welche ein Spannungsverhältnis von subjektivem und objektivem Finanzwissen beschreibt. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Rolle des Finanzwissens und der Risikoneigung der Kunden in Bezug auf die Nachfrage nach und den Erfolg von Anlageberatung zu analysieren.

Das Forschungsprojekt fokussiert auf den Ablauf der finanziellen Entscheidungen von Privatpersonen und privaten Haushalten. Es geht also um den Zeitraum von der potenziellen Beratung über die individuellen Anlageentscheidungen bis zum langfristigen Vermögensaufbau. Drei Themen werden näher betrachtet: die Nachfrage nach Finanzberatung, die Spar- und Anlageentscheidungen und die Entwicklung der Höhe des Finanzvermögens.

Thema Nachfrage

 
Bei Männern spielt das subjektive Finanzwissen laut Studienergebnis eine positive Rolle beim Anlageerfolg, bei Frauen nicht. © dpa

Die Analysen zum ersten Themenkomplex zeigen, dass eine professionelle Finanzberatung vor allem von Personen mit nur geringem subjektivem Finanzwissen genutzt wird. Zudem zeichnen sich diese Personen - in Bezug auf ihre Persönlichkeitsmerkmale - durch eine hohe Geselligkeit und Rücksichtnahme aus. Darüber hinaus wählen risikotolerante und aufgeschlossene Menschen eher eine professionelle Finanzberatung, wenden sich dagegen seltener an Freunde oder Familie.

Offensichtlich unterscheiden sich Personen, die eine professionelle Finanzberatung nutzen, somit deutlich von solchen Menschen, die sich eher familiär oder durch Freunde beraten lassen. Personen, die sich auf Internetportalen technologiebasiert beraten lassen, sind durch ein hohes Maß faktischen wie selbstempfundenen Wissens gekennzeichnet. Aus dieser spezifischen Differenz lassen sich wertvolle Informationen hinsichtlich einer passgenauen Kundenansprache herleiten.

Thema Finanzwissen und Risikoneigung

Der zweite Themenkomplex beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle objektives und subjektives Finanzwissen sowie Risikoneigung für die Finanzentscheidungen einer Person spielen. Es wird dabei unterschieden zwischen Entscheidungen, die unmittelbar zu einer Anlage am Kapitalmarkt - und somit zu einer riskanten Investition - führen und der Entscheidung, sich mit der langfristigen Altersvorsorgeplanung auseinanderzusetzen. Es wird auch der Frage nachgegangen, inwieweit Geschlecht und Bildungsgrad Einfluss auf Anlegeentscheidungen nehmen.

Die Analysen zu diesem Themenkomplex zeigen, dass die Effekte des Finanzwissens tatsächlich teils sehr deutlich von Geschlecht und Bildungsgrad abhängen. Im Hinblick auf kurzfristige Anlageentscheidungen ergibt sich ein positiver Effekt von objektivem Finanzwissen. Personen mit gutem Finanzwissen sind häufiger mit Investitionen am Kapitalmarkt engagiert als Personen mit einem geringen faktischen Finanzwissen.

Im Hinblick auf die langfristige Finanzplanung zeigen sich teils ähnliche Effekte. Auch hier ergibt sich eine positive Rolle von objektivem und subjektivem Finanzwissen, da heißt, Personen mit höherer Finanzbildung beschäftigen sich häufiger mit ihrer Altersvorsorgeplanung. Für beide Dimensionen des Finanzwissens ergibt sich eine Verstärkung der Effekte mit zunehmendem Bildungsgrad.

Interessant ist außerdem, welche Rolle das subjektive Finanzwissen im Beratungsprozess selbst spielt. Die vermutlich nicht direkt beobachtbaren Effekte subjektiven Finanzwissens hängen dagegen nicht nur vom Geschlecht des Beratenen sondern auch von dessen Bildungsgrad ab. Eine Einschätzung auch dieses letztgenannten Faktors durch den Berater erscheint somit sinnvoll, um die Beratungssituation auf die Person zuschneiden zu können.

Thema Vermögensaufbau

Im dritten Themenkomplex geht es abschließend um die Frage, inwiefern sich der Aufbau von Finanzvermögen auf das Finanzwissen und die Risikoneigung einer Person zurückführen lässt. Ähnlich wie für die Anlageentscheidungen im zweiten Themenkomplex zeigt sich, dass das subjektive Finanzwissen auf die Höhe des Finanzvermögens einen positiven Effekt ausübt, der für Frauen mit zunehmendem Bildungsgrad steigt, für Männer jedoch sinkt.

Überraschenderweise spielt die Risikotoleranz dagegen für den Vermögensaufbau keine Rolle, weder für Frauen noch für Männer. Unterscheidet man zwischen kurz- und langfristigem Sparvermögen, so zeigt sich insbesondere für die langfristigen Sparentscheidungen von Frauen ein positiver Effekt aus dem Gleichklang von faktischem und subjektivem Finanzwissen. Für Männer hat das subjektive Finanzwissen dagegen vor allem auf die Höhe einer kurzfristigen Notfallersparnis einen positiven Effekt.

Eine Finanzberatung, die auch auf die Vermittlung von faktischem Finanzwissen ausgerichtet ist, sollte somit insbesondere für Frauen mit hohem Bildungsgrad einen starken positiven Effekt für deren Vermögensaufbau nach sich ziehen. Inwiefern die in einem Beratungsgespräch erarbeitete Handlungsempfehlung des Beraters selbst die Vermögenssituation ebenfalls positiv beeinflusst, kann jedoch auf Basis der bisherigen Analyse nicht geschlussfolgert werden.

Dies liegt vordergründig an der Tatsache, dass der Beratungsprozess selbst, also das Beratungsgespräch und die möglicherweise darauf folgende Anlageentscheidung, nicht in die analysierbare Datenbasis des Forschungsprojektes eingegangen ist. Die Zurverfügungstellung von Beratungsprotokollen könnte daher weitergehende, detailliertere Analysen ermöglichen.

Schlussfolgerungen

Einige Schlussfolgerungen: Aufschlussreich für die Beratungspraxis ist der Hinweis auf eine stärkere Selektion der Kundengruppen, damit eine den jeweiligen Bedürfnissen entsprechende Beratung angeboten werden kann.

Ein anderer Zusammenhang: Zunehmendes faktisches Finanzwissen steigert die Wahrscheinlichkeit, am Kapitalmarkt investiert zu sein. Für Frauen steigt der positive Effekt des faktischen Finanzwissens mit zunehmendem Bildungsgrad. Für Männer sinkt der positive Effekt des faktischen Finanzwissens jedoch mit zunehmendem Bildungsgrad. Für Männer spielt auch das subjektive Finanzwissen eine positive Rolle, für Frauen dagegen nicht. Ein schönes Beispiel für ein Genderparadox.